Durch den alchymischen Prozess des Auflösens, Verdünnens und Entleerens, treten Seine Strahlen und Sein Antlitz als Urbild und Prototyp der schöpferischen Urkraft hervor.
Seine Schönheit breitet sich ins Unermessliche aus, sie kennt keine Grenzen; sie ist so überwältigend, dass wir vor ihr in Stille verharren.
Unsere Erfahrungen in der Natur und mit der natürlichen Liebe geschehen in einer unvollkommenen Welt. Doch wir erkennen in ihnen Analogien und Ähnlichkeiten mit Prinzipien und Gesetzen der göttlichen Welt.
Wenden wir uns in Liebe einem Menschen zu, so ist es ähnlich, wie wenn wir Gott und Christus lieben. Aber es ist nicht dasselbe: Die Liebe zwischen Menschen ist ein Symbol, eine Analogie zu dieser „anderen“ Liebe. Das Hohelied Salomos beschreibt die Liebe der Seele zum göttlichen Geist und benutzt dazu Bilder aus unserer Welt. Johann Valentin Andrea stellt in der Alchymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz anhand von Gleichnissen und Symbolen die Hochzeit von Seele und Geist dar.
In der Liebesbeziehung zum Göttlichen „sterben“ wir, jedenfalls wenn sie tief geht und sich erfüllt: unser Selbst wird transformiert. Wir verschenken uns, verlieren uns im göttlich-geistigen „Anderen“. Die „Gesichtszüge“ der beiden, die sich einander hingeben, gehen ineinander auf. Wir kehren zum Logos zurück, lösen uns im Ursprünglichen auf, das uns in Freude empfängt. Unsere Liebe wird zur Teilhabe am Göttlichen. Er, der Andere, wächst in uns heran, der Mensch als Ebenbild Gottes.
Liebe und Schönheit sind einander ähnlich. Wir können sie nicht denken, können sie aber mit den „Augen des Herzens“ wahrnehmen. Sie existieren auf zweierlei Art. Zum einen sind sie Ideen im Absoluten: An ihnen teilzuhaben bedeutet, der natürlichen Seele nach zu sterben und dem Ego zu entwachsen. Zum anderen sind sie Erscheinungen im Relativen: Hier verwandeln sie sich immer wieder in ihr Gegenteil, um schließlich zu vergehen. Unsere Wirklichkeit ist instabil, unser Leben voller Unsicherheit und Veränderung. Wie alles in der Welt, so bewegen sich auch unsere Beziehungen zwischen Gegensätzen.
Platoniker der Renaissance fühlten sich von der göttlich-geistigen Liebe ergriffen. Allen voran Marsilio Ficino (1433–1499) von der Akademie zu Florenz, aber auch Antoine Héroët (ca. 1492-1568) aus Paris, der in seinem späteren Leben Bischof wurde. Ihre Worte können, wenn wir für sie empfänglich sind, auch heute noch eine Inspiration sein:
Liebend stirbt jeder Liebende, weil sein Denken, seiner selbst vergessend, sich der Person zuwendet. Wenn er nicht an sich denkt, denkt er auch nicht in sich. […] Die Seele des Liebenden ist nicht in ihm, da sie nicht in ihm tätig ist. Wenn sie nun nicht in ihm ist, so lebt er auch nicht in sich selbst. Wer nicht lebt, ist tot. Daher ist in sich tot, wer liebt. […]
Wo dagegen der Geliebte die Liebe erwidert, da lebt der Liebhaber wenigstens in jenem. Ohne Zweifel geht da etwas Wunderbares vor, wo zwei sich in gegenseitiger Zuneigung unarmen: dieser lebt in jenem, jener in diesem. Sie tauschen einander gegenseitig aus: Ein jeder gibt sich dem anderen hin, um diesen in sich aufzunehmen. […] Indem ich dich liebe, der du mich liebst, finde ich mich in dir, der du an mich denkst, wieder und gewinne mich, nachdem ich mich selbst aufgab, in dir, der du mich erhältst, zurück. Das gleiche tust du in mir. Auch das erscheint mir wunderbar. Denn wenn ich, nachdem ich mich selbst verlor, durch dich mich zurückgewinne, dann besitze ich mich durch dich. […] O wunderbarer Pakt, in dem man sich selbst für den anderen aufgibt, den anderen besitzt und von sich nicht lässt! O, welch unschätzbarer Gewinn, wenn zwei derart eins werden, dass jeder von beiden statt eines allein zwei wird und, gleichsam verdoppelt, wer nur ein Leben besaß, durch Eintreten eines Todes nunmehr zweifaches Leben hat![1] (Marsilio Ficino)
Die Seele, die sich nach dem Geist sehnt, wird, es kann nicht anders sein, von geistiger Liebe erfüllt. Auch in der höfischen Lyrik der Gralsritter kommt das zum Ausdruck.
Es war diese Liebe, die zur Grundlage der katharischen Spiritualität wurde. In ihr erfuhren die Katharer das Endura, die Verwandlung ihrer Seele und das Eingehen in die Unsterblichkeit.
Antoine Héroët schrieb:
Ich dachte also mehr an ihn, als an mich selbst, und ich war mehr tot als lebendig. Und ich dachte so an ihn, dass er an mich dachte. So gingen unsere Herzen auf den Tod zu, und kreuzten sich doch zum Leben. Sowohl mein liebendes Herz als auch sein liebendes Herz nahmen eine neue Form an, ohne dass sich ihre Kraft änderte. Was für eine wohltuende und kostbare Verwandlung, wenn ein gütiges Herz voll guten Willens sich verschenkt und mit Erstaunen erlebt, wie es sich von dem, dem es sich hingibt, zurückerhält. Welch eine Verwandlung, bei der niemand enttäuscht wird und bei der das Geschenk sich im Wert nicht verringert, nachdem es gegeben und empfangen wurde. Welch glückliche Herzen und welche Glückseligkeit, wenn wir um des Einen willen uns beide erlangen. Wie wunderschön ist das Sterben, in dem wir wieder lebendig werden durch einen Tod, der sich als ein verdoppeltes Leben erweist …[2]
In der Alchymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz wird die Enthauptung u.a. einer jungen Königin und eines jungen Königs beschrieben. Ihre Seelen können sich nun übers Meer zu einer Insel begeben, auf der sich im „Turm Olymp“ die große Verwandlung vollzieht. Auf dem Weg dorthin vernehmen die Kandidaten den Gesang der Nymphen, in dem es heißt, dass die Liebe das königliche Paar „geteilt [hat] mit großer Kraft“, dass sie aber „durch Liebesflamm und Glück“ wieder zusammenkommen werden.[3]
Um sich mit dem göttlichen Geist vereinen zu können, löst die Seele ihre Bindung an den stofflichen Körper und durchlebt eine Phase der Läuterung und des Absterbens von Altem. Darin liegt kein Grund zur Furcht, denn das große Ziel der Transformation steht ihr vor Augen.
Die Tabula Smaragdina, die Urschrift der Alchemie, spricht ebenfalls davon, dass im Irdischen zunächst eine Trennung stattfinden muss, ehe es zur Vereinigung mit dem Göttlichen kommen kann:
Trenne liebevoll und mit großer Einsicht und Weisheit die Erde vom Feuer, das Feingewebte von dem, was hart, dicht und starr ist. Von der Erde steigt es zum Himmel auf und sinkt von dort wieder hernieder zur Erde; und nimmt dabei die Kraft desjenigen zu sich, was oben ist und desjenigen, was unten ist. So werdet ihr die Glorie der ganzen Welt besitzen, und darum wird alle Finsternis von euch fliehen.[4]
Die Seele wagt den Prozess des Einswerdens, weil sie sich von der Liebe und der Gnade, die vom Logos ausgehen, angezogen fühlt. Dieser ist wie ein Punkt in ihrem Innersten, der Punkt ihres Ursprungs. Im Verlauf der Transformation verschwinden die Grenzen der Trennung, die unser bisheriges Selbst in seinem Daseinsgefühl erzeugt hat. Je mehr die Vereinigung fortschreitet, umso mehr lösen sich die Subjekt-Objekt-Beziehungen und die ihnen entsprechende Wirklichkeit auf.
Im Einswerden zeigt sich das Absolute. Das Urbild unseres Menschseins teilt sich mit, indem wir uns in das Nicht-Selbst versenken, das in uns ist und auch in allen anderen Wesen. Wir tauchen ein in den „inneren Herrn“, den „Christus in uns“. Die Strahlen der Sonne des Geistes können uns erneut durchdringen, weil wir ihnen Raum dazu gegeben haben. Wir haben die Schönheiten der Welt verlassen, die Geschichten der Analogien des Göttlichen, die im „Buch der Natur“ erzählt werden.
Durch den alchymischen Prozess des Auflösens, Verdünnens und Entleerens, wonach wir nicht mehr der sind, der wir waren, treten Seine Strahlen und Sein Antlitz als Urbild und Prototyp der schöpferischen Urkraft hervor. Seine Schönheit breitet sich ins Unermessliche aus, sie kennt keine Grenzen; sie ist so überwältigend, dass wir vor ihr in Stille verharren.
Und dann schauen wir uns um – und erblicken das herrliche Antlitz Christi, des Sohnes Gottes, in jedem Menschen! Jeder trägt es in seinem Innern, als Potenzial, als seine innere Würde.
Was ist geschehen?
Die geistige Kraft Christi hat uns verwandelt. Sie hat die Grenzen und die Matrix des Dualen durchbrochen. An ihre Stelle ist die Triade als Grundlage einer neuen Wahrnehmung getreten.
Das Auge des Geistes sieht alles in der Einheit des Logos: Alles ist schön, würdig, gleich und geliebt. Die zentrale Sonne – Vater-Mutter-Sohn – sendet kraftvolle Strahlen aus, Strahlen des Opfers. Sie opfert ihre Kraft und ihre Schönheit hinein in die Dunkelheit der Geschöpfe, um deren Schönheit und innere Vollkommenheit zu offenbaren. Die göttlichen Kräfte warten darauf, verstanden zu werden, sie wollen angewandt werden in Prozessen der Verwandlung. Alle Erdenmenschen sollen ihre Pracht und Schönheit entdecken und verwirklichen.
Ein Lichtstrahl kann nicht an einem Ort verharren. Er fliegt wie ein abgeschossener Pfeil, schwebt in den Sphären, bis er irgendwo auf dem Boden aufschlägt. Er ist eine Schwingung, die sich auflöst, Ewiges, das im Zeitlichen verblasst und vergeht.
So leuchtet auch die Idee der Schönheit des Ewigen im menschlichen Herzen auf, ist kurzfristige Empfindung, die schnell vergeht. Es sei denn, sie findet einen Nährboden. Dann entfaltet sie sich und verwandelt das Herz. Ein solcher Mensch erwacht und erkennt seine Aufgabe. Er erkennt, dass ihm eine Fackel übergeben wurde, die er weiter tragen soll.
Wer greift sie auf, diese Fackel des Lichts?
Wer es tut, den wird sie leiten, den wird sie verwandeln, bis er nicht mehr der ist, der er war. In ihm bildet sich der Schöne, der Erhabene, der Glorreiche, der geistige Mensch, der erstgeborene Adam heran. Das ist das Mysterium Magnum. Im Zweiten Buch des Corpus Hermeticum erklärt Pymander, die in Hermes erwachte Geistseele: Das Gute, das Schöne, die Seligkeit und die Weisheit bilden gleichsam das Wesen Gottes.[5]
[1] Ficino Marsilio, Über die Liebe oder Platons Gastmahl, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2014, S. 35 ff.
[2] Héroët, Antoin, Dokonalá přítelkyně, v. 123-131, 37-47 a passim In Culianu, Ioan Petru, Erós a magie v období renesance. Prag: Malvern, 2023, S. 348-349.
[3] In: Jan van Rijckenborgh, Die Alchymische Hochzeit von Christian Rosenkreuz, Band 2, Der Fünfte Tag, Haarlem 1976.
[4] In: Jan van Rijckenborgh, Die Ägyptische Ur-Gnosis, Band 1, Haarlem
[5] In: Jan van Rijckenborgh, Die Ägyptische Ur-Gnosis, Band 1
