Der Klang von Mutter Ganga – Ein Reisebericht aus dem Himalaya

Der Klang von Mutter Ganga – Ein Reisebericht aus dem Himalaya

Mutter GANGA ruft alle Menschen mit ihrer hohen Schwingung. Das Schöpferische soll auch in ihnen erwachen. Mutter GANGA zeigt uns symbolhaft-liebevoll, dass wir in unserem Körper, in unserem ganzen Wesen ebenfalls den heiligen Fluss der Kräfte zur Wirksamkeit bringen können, das Zusammenspiel von Ida und Pingala, von Männlich und Weiblich in seiner Ur-Form, damit in uns der zwei-einige Neue Mensch entsteht.

Welch ein mächtiges Strömen! Brausend, tosend, reißend, sprudelnd, gurgelnd, in übereinander schwappenden Wogen, immer neue Formen bildend! Mit gewaltiger Urkraft und vielstimmigem Sound bricht sich „Mutter GANGA“, der heilige Strom Indiens, aus dem sog. „Kuhmaul“(Gaumukh), der Quelle in 4000 m Höhe, hervor. Das „Kuhmaul“ befindet sich am Fuß eines 26 km langen Gletschers unterhalb des heiligen Berges SHIVLING (6543 m) inmitten des mächtigen Himalaya-Gebirges. Das GANGA-Wasser ist hier eiskalt, kleine Eisschollen schwimmen auf der Oberfläche. Eine Quelle stellt man sich eher sprudelnd oder plätschernd vor, hier aber bricht eine unermessliche Wassermenge aus dem Gletschertor heraus. Eine wirkliche Ur-Kraft ergießt sich an diesem heiligen Platz der Hindus vom Unsichtbaren ins Sichtbare.

Shivling, der heilige Berg Nordindiens in der Region Uttarakhand, dem „Land der Götter“, wie es hier heißt, thront mit seiner pyramidalen weißen Spitze majestätisch über diesem imposanten Geschehen. Ich habe den Eindruck, dass dieser heilige Berg und die darunter sprudelnde Quelle der GANGA lebendige Symbole des Ursprungs aller Schöpfung sind. Die Jahrtausende alten indischen Schöpfungsmythen von SHIVA und SHAKTI finden hier einen symbolischen wie auch konkret physisch-geographischen Ort. Hier kann man sich bildhaft vorstellen, wie Shiva meditierend und unbewegt auf dem hohen Berg Shivling sitzt, in geistiger Höhe, in der Ur-Vibration des Göttlichen. Es braucht jedoch eine formschaffende, gestaltende „weiblich“-göttliche Kraft, um alles ins Leben zu rufen. Es ist die Shakti-Kraft, meist in Gestalt der Göttin PARVATI, hier in Gestalt der Fluss-Göttin GANGA.[1]

Die Hochebene von TAPOVAN auf 4480 m, am Fuße des Shivling, etwas oberhalb der GANGA-Quelle: Hier berühren sich in realer wie in symbolischer Form GEIST und MATERIE, FEUER und WASSER, das transzendent-formlose Göttliche und das immanent-geoffenbarte Göttliche. „Shiva“ auf dem Berg Shivling stellt eine unvorstellbar hohe Hintergrundschwingung aus dem Ungeoffenbarten zur Verfügung. Es ist eine Vibration, die mich und viele Besucher der Tapovan-Hochebene zutiefst berührt, die mir die Tränen ins Gesicht schießen lässt. Solch eine hohe (ständig anwesende) Schwingung habe ich zuletzt in der Königskammer der Pyramide von Gizeh in Kairo erlebt.

Die ganze Tapovan-Ebene und die Quelle der GANGA, sie bilden insgesamt ein immens kraftvolles Vibrationsfeld. Pilger aus aller Welt fühlen sich von diesem heiligen Begegnungsfeld angezogen und kehren regelmäßig, Jahr für Jahr, zu diesem heiligen Platz zurück, um hier für einige Tage in der hohen Schwingung zu atmen und sich verwandeln zu lassen.

Aus dieser mächtigen Hintergrundstrahlung bringt Mutter GANGA in symbolischer wie auch konkret-physischer Form alles ins Leben, erschafft die unendliche Formenvielfalt in der Materie. Ur-Männliche Kraft und Ur-Weibliche Kraft wirken hier im Zusammenspiel: Sie kreieren die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft sowie den Ätherraum, das Protoplasma, die Mineralien und Steine, die Pflanzenwelt, die Tiere, die menschlichen Geschöpfe.

Hier oben auf 4500 m Höhe gibt es nichts Festes, nichts Bleibendes, keine „Statika“, nichts ist unbewegt. Alles befindet sich in fortwährender Verwandlung und Umgestaltung. Dort wo gestern noch Eisberge waren, ist heute eine übrig gebliebene Sanddüne, dort wo gestern Hügel und Berge aus Gesteinsbrocken waren, entstehen durch starke Winde ganz plötzlich rutschende Geröllfelder und herab brechende Steinlawinen, die für den Wanderer eine äußerst gefährliche Fahrt aufnehmen können. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier Shiva und Shakti, die beiden Ur-Kräfte, im Zusammenspiel von Aufbau, Zerstörung und Auflösung arbeiten, um sofort wieder Raum zu schaffen für eine beginnende Neuschöpfung.

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Seit einigen Tagen bin ich von GANGOTRI aus, der heiligen Pilgerstadt mit ihrem uralten weißen Tempel, unterwegs auf beschwerlichen Pfaden, der Quelle der GANGA entgegen. Schon Gangotri (auf 3000 m Höhe) ist ein heiliger Ort, einer der vier heiligen Plätze der CHARDHAM, der Pilger-Rundreise der Hindus zu den vier wichtigsten Tempeln im Himalaya (Jamunotri, Gangotri, Kedarnath, Badrinath).

Vollgepackte Pilgerbusse winden sich die Serpentinenstrecke durchs GANGA-Tal hinauf bis zum Pilgerort Gangotri; hier endet abrupt die Straße. Im Zentrum von Gangotri befindet sich der weiße GANGA-Tempel inmitten einer grandiosen Berglandschaft. Hier nehmen Tausende ein rituelles Bad in der heiligen GANGA. Frühmorgens und abends wird im und vor dem Tempel die AARTI-Zeremonie gemeinschaftlich zelebriert, die Verehrung von Feuer und Wasser, den schöpferischen Urkräften. Dabei werden unter heiligen Gesängen Lichter wie Öl- oder Gheelampen geschwenkt, in Anbetung des Feuers und des heiligen GANGA-Flusses. In den Dörfern des Himalaya treffen sich die Frauen zum gemeinschaftlichen KIRTAN-Singen am Feuer und verehren in heiligen Gesängen Mutter GANGA.

Auch wenn in Gangotri die Autostraße endet, geht der Pilgerpfad noch weiter ins Gebirge. Immer höher windet sich der schmale und steinige Wanderweg durch das Flusstal, vorbei an gefährlichen Geröllfeldern, halsbrecherischen Abgründen, mitten durch reißende, eiskalte Nebenarme der GANGA. Immer begleitet mich das vitalisierende, tosende Geräusch des Flusswassers. Hunderte von Pilgern sind mit mir auf dem Pfad. Rishis, Sadhus, Babas, die – teilweise sogar barfuß – schon vom 600 km entfernten Delhi aus sich wandernd aufgemacht haben zur heiligen Quelle der GANGA, orange-gekleidete Mönche, alle wie magisch angezogen von der heiligen Ur-Kraft. Keine Entbehrung ist ihnen zu groß, keine Schwierigkeit des Weges stellt für sie ein Hindernis dar. Sie laufen in der Kraft von „Mutter GANGA“, in der Kraft von „Mutter DURGA“ [2]. Sie grüßen jeden Mitwanderer, jeden Pilger, sehr freundlich und verehren mit ihrem „HARE HARE GANGE – JAY MAA GANGE“ die mütterliche Urkraft. Sie empfinden die umhüllende, schützende, Vertrauen spendende Kraft der Ur-Mutter. Sie schöpfen Wasser aus der GANGA-Quelle, um diese heilige Essenz in ihre Familie, in ihren Haustempel, ihren Dorftempel und den darin wachenden Göttern mitzubringen. Diese Essenz nennen sie „GANGA-JOEL“, was so viel heißt wie geheiligtes Wasser.

Auf 3800 m Höhe erreiche ich mit meinem Guide Bhojbasa eine kleine Zelt-Siedlung, eine Zwischenstation auf dem Weg zur Quelle der GANGA. Eine abenteuerliche Seilbahn führt hier über den Fluss. Immer 6-8 Personen finden in einem offenen Eisenkäfig mitsamt ihrem Gepäck Platz, um, an einem Drahtseil hängend, die GANGA zu überqueren. Eine lange Warteschlange hat sich gebildet, ca. 200 Pilger/innen harren geduldig in der Sonne aus, um irgendwann in die offene Kabine der Seilbahn klettern zu dürfen. Niemand ist genervt, niemand zeigt Ungeduld. Das Warten ist von Hingabe und heiterer Gelassenheit geprägt, am Ufer der tosenden, immerzu brausenden GANGA.

Als sich fatalerweise ein Seilende der Bahn verknotet hat und die vollbesetzte Kabine der Seilbahn mitten über dem reißenden Fluss zum Stehen kommt, klettert ein mutiger Inder mit bloßen Händen am Drahtseil entlang, über den tosenden Fluss, bis zur festsitzenden Kabine. Dort entknotet er – unter tosendem Beifall der Wartenden – das Seil und macht die Kabine wieder gängig. Eine halsbrecherische Aktion unter Lebensgefahr. „Mutter GANGA“, so sagen die Hindus, „ist immer anwesend mit ihrer schützenden, umhüllenden Kraft“.

In der Warteschlange der Seilbahn treffe ich den ca. 45jährigen Inder Bhupendra und seine etwas jüngere Schwester Madhu. Beide sind mit ihren Familien einschließlich Oma und Kindern auf dem Pilgerweg zur heiligen Quelle der GANGA. Im Gespräch stellt sich schnell heraus, dass sie das Zusammenspiel von männlicher und weiblicher Urkraft tief verstanden haben. Sie erläutern mir detailliert, wie MOKSHA, die vollständige Befreiung vom Rad von Geburt und Tod, nur durch das harmonische Zusammenspiel von männlicher und weiblicher Kraft in uns, im Zusammenwirken von IDA und PINGALA, erreicht werden kann.[3] Sie beschreiben die drei Wege zu dieser fundamentalen Befreiung und schreiben sie in mein Notizbuch:

  1. True Worship – Wahrer Gottesdienst in Liebe und Hingabe: BHAKTI-YOGA
  2. True Work – Wahres Dienen, die wahre Tat: KARMA-YOGA
  3. True Knowledge and Wisdom – Wahre Kenntnis und Weisheit durch Meditation: GYAN-YOGA.

Offensichtlich hat die resonante Schwingung am Ufer von Mutter GANGA zu einer Begegnung zwischen indischer und europäischer Geistesschulung geführt, denn die Hauptcharakteristika des befreienden Pfades werden von den jungen Indern in den Worten KENNTNIS – LIEBE – TAT zusammengefasst. Das sind exakt die Worte, die Jan van Rijckenborgh und Catharose de Petri auf dem Kubus im Rosengarten von NOVEROSA, dem Ursprungsort der Geistesschule des Rosenkreuzes, eingravieren ließen.

Mutter GANGA steht somit auch für den universellen Weisheitsstrom, der die unterschiedlichsten Kulturen und spirituellen Wege befruchtet hat. Kenntnis, Liebe und Tat sind als Hauptprinzipien des Weges bereits im Tao, dann in der vedischen Kultur, in den Upanishaden, der Bhagavadgita, im Buddhismus, im Christentum und im Sufi-Islam zu finden. Sie sind universell.

Der Fluss und der Sound von Mutter GANGA werden von Millionen Hindus verehrt; ihre heilkräftige, heilende, heiligende Wirkung wird geschätzt. Pilger entnehmen Wasser aus Gaumukh, dem „Kuhmaul“, der GANGA- Quelle und stellen es als GANGA-Joel in ihren Haustempel oder auf ihren Hausaltar und begießen die Standbilder ihrer Gottheiten mit diesem heiligen Wasser. Millionen von Hindus reinigen sich im Heiligen Fluss und nehmen dessen hohe Vibration auf. Sie verstärken diese Schwingung, indem sie ihre Gebete, ihre heiligen Gesänge und Mantren dem Fluss darbieten, Blumen opfern und Räucherwerk entzünden.

Mutter GANGA ruft alle Menschen mit ihrer hohen Schwingung. Das Schöpferische soll auch in ihnen erwachen. Mutter GANGA zeigt uns symbolhaft-liebevoll, dass wir in unserem Körper, in unserem ganzen Wesen ebenfalls den heiligen Fluss der Kräfte zur Wirksamkeit bringen können, das Zusammenspiel von Ida und Pingala, von Männlich und Weiblich in seiner Ur-Form, damit in uns der zwei-einige Neue Mensch entsteht, der GEIST-SEELEN-MENSCH, der schöpferische Feuer-Wasser-Mensch, der SHIVSHAKTI.

Der GANGA-Strom erweist sich als lebendiges Symbol, als Quelle von Erkenntnis, Hingabe und Verwandlung. Das heilige Strömen kann auch in uns stattfinden, der heilige KUNDALINI-Feuerstrom kann durch unseren Körper ziehen. Aus seinem kreativen Fließen ist schöpferisches Wirken möglich, absichtslos, hingebungsvoll, einfach und ohne jede Beurteilung des Ergebnisses. Es ist wunderbar, wie sich im hinduistischen Bewusstsein das Verständnis für die Bedeutung der weiblichen Ur-Kraft erhalten hat. Schöpfung geschieht immer im heiligen Zusammenspiel von männlichem und weiblichem Pol. Diese Kräfte, die in Einheit zusammenwirken, werden in vielfältigen Götter-Paaren versinnbildlicht:

BRAHMA – SARASWATI VISHNU – LAKSHMI SHIVA – SHAKTI (PARVATI) KRISHNA – RADA RAMA – SITA. Das ist der TANZ der Götterpaare. Das ist der göttliche Klang des Zusammenwirkens.

Dieses schöpferische Geschehen kann in uns lebendig werden, wenn Ida und Pingala vereint sind. Dann können wir selbst einen kraftvollen Klangimpuls in das Universum senden.

OM NAMAH SHIVAYA – Verehrung sei dem formlosen Aspekt Gottes!

HARE HARE GANGE – Verehrung sei unser göttlichen Mutter, die alles gebiert, alles in Formen bringt, alles umhüllt, alles beschützt und umsorgt!


[1] Über die Mythologie von Shiva und Shakti haben wir in LOGON Nr. 7 in dem Artikel ‚Macht´ in Beziehungen ausführlich berichtet.

[2] Durga verkörpert die allmächtige Schöpferkraft und das dazugehörige Bewusstsein. Sie ist eine Erscheinungsform der „Allmutter“.

[3] IDA/PINGALA/SUSHUMNA: Ida verläuft als ein Kraftstrom auf der linken Körperseite, steht für das Weibliche und für das Mondprinzip. Pingala entspringt auf der rechten Körperseite, steht für das Männliche und symbolisiert das Sonnenprinzip. Sushumna ist der Zentralkanal. Er verläuft mitten durch unser Rückenmark – vom Wurzelchakra zum Kronenchakra – und stellt unser Bewusstsein dar.

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Datum: 16. Oktober 2026
Autor: Burkhard Lewe (Germany)
Foto: dancer-Kostenlose-Nutzung-unter-der-Pixabay_CC0

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