Musik und Seelenraum, Seelenbezirk, Seelenlandschaft, Seelenkosmos – Teil 2

"Musik fängt dort an, wo das Wort aufhört", erklärte Jean Sibelius. In gewisser Weise entstand aus seiner Hand die Grundlage für die finnische Musik. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz schrieb zu Johann Sebastian Bachs Zeit: „Musik ist eine verborgene Rechenkunst des seines Zählens unbewussten Geistes.“ Bach war kein Komponist, der seine Musikstücke konstruierte. Nein, sein Geist ragte in hohe Seelenräume hinein.

Musik und Seelenraum, Seelenbezirk, Seelenlandschaft, Seelenkosmos – Teil 2

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  1. Eine Urlaubsreise durch Aland, Helsinki, Süd- und Mittelfinnland

Jedes Werk von Jean (Janne) Sibelius (1865-1957) ist originell. Nichts erinnert an einen Komponisten vor ihm. Noch nie gab es diesen Stil und die Freiheit, etwas so Eigenständiges zu schaffen. Seine Kompositionstechniken sind nicht zu kritisieren. Oft kann nur von Genialität die Sprache sein. Nach seinen eigenen Aussagen fängt Musik dort an, wo das Wort aufhört. In gewisser Weise entsteht aus seiner Hand die Grundlage für die finnische Musik.

Aus Sibelius´ Melodien und geheimnisvollen Werken sprüht das Finnische. Die Landschaft ist hörbar: Wälder rauschen, Heidelbeeren prangen zwischen Birken und Nadelhölzern; Wildwiesen, Heide, Moore, Sümpfe – die Weite der Landschaft entsteht im Herzen. Gänsescharen erheben sich mit kräftigen Flügelschlägen aus dunklen Seen. Unergründliche Tiefen sind dem Blick des Meditierenden entzogen. Kalt, schwarz, geheimnisvoll reihen sich Seen, Hügel, Wälder aneinander. Wolken so hoch wechseln mit Nebel so dicht und Regen so sanft und das strahlende Blau des Himmels verwandelt Seen in blaue Oasen.

Langsam kommt man voran, aber ständige Verwandlung, Vorbeigleiten der Naturschönheiten bis hin zu unüberschaubaren Inselwelten, Schären, Felsen, Überresten der Eiszeiten. In der Ostsee eine Schärenlandschaft, die sich Jahr für Jahr messbar hebt. Inseln werden größer und höher. In wenigen Jahrtausenden wird es einen Fußweg mitten durch die heutige Ostsee nach Schweden geben. Meteoritenkrater aus vergangenen Jahrmillionen, Labyrinth-Setzungen in Stein, Mythologien und Mysterien aus der Vergangenheit werden hörbar und sichtbar. Das sinfonische Werk Sibelius´ lässt diese Imaginationen zu. Das Herz wird erfüllt von der Einzigartigkeit des Landes, des Komponisten, von unerhörten Tönen. Ein Klangrausch nach Heimat, Verbundenheit, Überwindung der Fremdbestimmtheit, ein Seelenschrei nach Freiheit. Sibelius’ Finlandia erglänzt hymnisch, spirituell, auch politisch. Die „innere Melodie“ von Finlandia hat schon viele Texte untermalt:

  • Finnlandhymne: Oi maamme, Suomi, synnyinmaa (O Heimat, sieh des Morgens helle Schwingen)
  • So einen Sommer wird es nie geben
  • Englisches Kirchenlied: Be still, my soul
  • Filmmusik zu Stirb langsam 2 mir Bruce Willis
  • Lobgesang des Hermes Trismegistos: „Heilig ist Gott, Vater des Universums. Heilig ist Gott, sein Wille führt das All. Heilig ist Gott, erkannt durch all die Seinen. Heilig ist Gott, sein Antlitz strahlt im All. Heilig bist Du, der´s All ins Leben rief, keine Natur Dich einst einmal erschuf […] Mögen wir heilig werden, Dir geweiht, so wie Du, Vater, ewig heilig bist.“

Wer nach oder durch Finnland reist, sollte sich Sibelius´ Musik mitnehmen. So kann sich die Reise zu einer inneren und äußeren Seelenreise entwickeln. Wer noch eine dritte Dimension benötigt, suche nach den Bildern des finnischen Malers Akseli Gallen-Kallela, der die Mythologie Finnlands unvergleichlich einfing. Und die Musik von Jean Sibelius erklingt deutlich und einzigartig mit.

  1. Physik der Seele

Starb Johann Sebastian Bach (1685-1750) über der unvollendeten Kunst der Fuge oder liegt eine andere Legende näher an der Wahrheit? Erblindet war der Meister durch falsche ärztliche Behandlung und eine fehlgeschlagene Augenoperation. Das Leid war für den unermüdlichen Schöpfer wunderbarster musikalischer Werke fast unerträglich. Er konnte die Noten nicht mehr aufschreiben. Blind lauschte er seiner Umgebung im Lehnstuhl: Kinder jubelten und schrien in der nahen Schule, seine Frau und seine Tochter nähten, ab und zu klapperte die Schere, Handwerkergeräusche durchzogen die Straße: Hämmern, Sägen, Axthiebe … Bach lehnte sich zurück und horchte in die Morgenwelt hinein. Nur noch durch sein Gehör fand das Leben den Weg zu seiner Seele.

Sein Klavierschüler schlug einen falschen Ton an. „Pfui, eine Quinte!“ Der Schüler erschrak und erwartete Bachs Kritik. Langsam öffnete der die Augen und erschrak ebenfalls: „Licht! Licht! Ich sehe wieder!“ Ungläubig wurde er angestarrt, aber, er sah wieder. In seiner Seele hatten sich Tausende Melodien aufgestaut. Zum Bersten war sie voller Musik. Mit seiner Tochter ging er hinaus ins Freie. Dort erlitt er einen schweren Schlaganfall, und er musste zurück ins Haus getragen werden. Die Ärzte gaben ihn auf. Er redete wirre Worte. Seine Finger bewegten sich, als spiele er das Cembalo. Sein Schwiegersohn Altnikol schlug eher mechanisch einen Akkord am Flügel an, als Bach nochmal die alte Schaffenskraft durchströmte. Ihm war, als ob er überirdische Musik höre, einen Orgelchoral aus vergangenen Zeiten: Wenn wir in höchsten Nöten sind. Das Leben lag hinter Bach. Aber noch einen Schritt! „Streich die Überschrift und schreibe: Vor deinen Thron tret´ ich hiermit“ (BWV 668). Er diktierte Altnikol einen neuen Choral, der mit seiner alten Melodie zu Tränen rührt:

Vor deinen Thron tret’ ich hiermit,
O Gott, und dich demütig bitt:
Wend dein genädig Angesicht
Von mir betrübtem Sünder nicht.

Die Orgel schrie in jähem Schreck auf. Der „Tempelvorhang“ riss entzwei. Engel sangen Gloria in excelsis Deo. Der Himmel war von Jubel und Klang erfüllt. Weinend stand die Familie am Totenbett und wusste nichts von seinem letzten Glück. Tiefer Friede senkte sich herab.

Bach kennt die Physik des Schalls, ihre Mathematik, ihre Zahlenstruktur und Zahlenmystik. Imaginativ formuliert er ihre innerste Sprache. Gottfried Wilhelm Leibniz schreibt zu Bachs Zeit: „Musik ist eine verborgene Rechenkunst des seines Zählens unbewussten Geistes.“ Bach ist kein Komponist, der seine Musikstücke konstruiert. Nein, sein Geist ragt in hohe Seelenräume hinein. Er ist in der Lage, in nonverbale Regionen zu greifen, aus diesen höchste Güter zu empfangen, um sie mit seinen Mitmenschen und seiner Nachwelt zu teilen. Er sieht die Welt als Einheit innerhalb der gottgeschaffenen Ewigkeit. Die seelischen Regionen dieser Ewigkeit sucht er auf und ist fähig, Unbekanntes erlebbar zu machen. Er ergreift „Steine der Weisen“, macht sie hörbar und schenkt uns einen Abglanz der Ewigkeit. Es sind nicht einfach Musiken, die man runterspielt „und fertig …“ .Nein, es handelt sich um eine einzigartige polyphone Kunst des Lebens.

Aber Johann Sebastian Bach ist kein Workaholic, der ununterbrochen in tiefstem Ernst produziert und produziert. Nein, er ist ein ausgesprochen liebenswerter und humorvoller Familienmensch. Sieben Kinder stammen aus der Ehe mit Maria Barbara. Nach deren frühem Tod heiratet er Anna Magdalena. Mit ihr hat er weitere 13 Kinder. Bachs Haus war ein Ort der Liebe und ausgelassener Lebensfreude sowie eines nicht enden wollenden Musikrausches. Sein Arbeitspensum ist bei alledem ungeheuer groß. Weit über 1.000 überwiegend große Werke sind der Nachwelt erhalten. Allein 200 Kantaten sind bekannt. Hunderte sind verlorengegangen.

Sollte doch die Kunst der Fuge, BWV 1080 sein letztes Werk gewesen sein, gibt es auch dafür gute Argumente: Nach einer enormen Bandbreite seines Kompositionslebens, vom einfachen Lied (Willst du dein Herz mir schenken, BWV 518 …) bis zu riesigen Oratorien und Messen, stehen wir vor einem Berg an Komplexität, an klingenden Weltenfragen:

  • Urknall und schwarzes Loch gleichzeitig, eine unbegreifliche Schöpfungsaktivität.
  • Hinter musikalischer Materie steht die Antimaterie.
  • Wurde Werner Heisenbergs Verschränkungstheorie bereits im 18. Jh. vorweggenommen?
  • Form und Emotion
  • Die Schönheit des Schöpfungsgeräusches
  • Paradies und Vertreibung gleichzeitig
  • Auf höchsten Seelenhöhen bricht das Werk unvollendet mit dem Thema B-A-C-H ab.

Vielleicht verlangt die Seele noch nach einem sie beruhigenden Stück, zum Beispiel

  • Aria aus den Goldbergvariationen, BWV 988
  • Präludium des Wohltemperierten Klaviers, BWV 846
  • Jesus bleibet meine Freude, BWV 147
  • Wie soll ich dich empfangen (Weihnachtsoratorium), BWV 248
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Datum: November 7, 2021
Autor: Hermann Achenbach (Germany)
Foto: aurora-Noel Bauza auf Pixabay CCO

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