„Ein Ring, sie zu knechten – sie alle zu finden.“ Frodos Reise zum Schicksalsberg als ein Weg zur inneren Freiheit Teil 2

Wir haben an unserem eigenen Ring geschmiedet und dabei unter Umständen andere unterdrückt. Erst nach einem langen, entbehrungsreichen Weg durch die karmischen Verstrickungen reift ein höherer Freiheitsbegriff heran.

„Ein Ring, sie zu knechten – sie alle zu finden.“ Frodos Reise zum Schicksalsberg als ein Weg zur inneren Freiheit Teil 2

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Tolkien hat eine differenzierte, eher unorthodoxe Sicht auf das Böse. Es existiert in seinen Büchern nicht per se, sondern ist aus etwas ursprünglich Gutem durch Verzerrung oder Degeneration hervorgegangen. So waren die Ringgeister einst mächtige Menschen, Saruman (ein Diener Saurons) war einer der obersten Zauberer und Gollum war früher ein Hobbit. Das Böse in den Werken Tolkiens ist wie ein unsichtbarer Parasit, der sich einen Wirt sucht, um in der Welt wirken zu können. Erst durch die Entscheidung, das Abgründige einzulassen, kann es mächtig werden.

Es geht dem Schriftsteller auch nicht darum, das Böse zu verurteilen. Ohne die Mitwirkung der irdischen Gier nach Macht, versinnbildlicht durch Gollum, hätte der Ring nicht zerstört werden können. Solange der Ring existiert, besteht auch das Begehren der Eigenwilligkeit. Erst nachdem Gollum mitsamt dem Ring in den Abgrund stürzt, findet es ein Ende. Das Abgründige zerstört sich letztlich selbst und wird dadurch erlöst.

Die Aufgabe, die Frodo übernimmt, lässt ihn Klarheit und innere Stärke erlangen. Das Böse wird zur Quelle von etwas Gutem. Am Ziel der Reise angekommen, gelingt es den Gefährten, den Ring zu zerstören, und die Armee Saurons zerfällt zu Staub. Der Ring wird dem Feuer des Schicksalsberges zurückgegeben, aus dem er von Sauron geschmiedet worden war. In diesem Moment entsteht ein neuer Bewusstseins-Raum – ein Raum, in dem der Mensch erst wirklich frei ist.

Die innere Transformation

Frodo besitzt die nötigen Tugenden nicht von Anfang an. Er muss sie im Verlauf der Handlung zur Entwicklung und zur Reife kommen lassen. Seine Reise kann als Prototyp eines inneren Transformations- und Erkenntnisprozesses verstanden werden.

Können auch wir diesen Weg gehen?

Wir können uns auf eine Abenteuerreise in unser Inneres begeben, können unsere Komfortzone verlassen und unsere eigene Unterwelt (unser „Mordor“) erforschen. Aus einem Urgrund tauchen Ahnungen von Freiheit an die Oberfläche des Bewusstseins. Diese Impulse haben wir bislang meist in Eigenwilligkeit umgesetzt. Wir haben an unserem eigenen Ring geschmiedet und dabei unter Umständen andere unterdrückt. Erst nach einem langen, entbehrungsreichen Weg durch die karmischen Verstrickungen reift ein höherer Freiheitsbegriff heran.

Die Situation im Schicksalsberg ist ein besonderer Moment der Entscheidung und der befreienden Tat. Wir erhalten die Möglichkeit, unseren Willen zur Macht, unseren Eigenwillen, preiszugeben zugunsten der höheren Notwendigkeit und in ihr für alle Zeit Freiheit zu erringen. Es geht hier um die Unterscheidung zwischen zwei Freiheitsbegriffen: entweder die Freiheit für mich bzw. die „Meinen“ oder die Freiheit für alle mit Aufgabe des eigenen Willens zur Macht. Wahre Freiheit duldet keine Unterdrückung. Sie führt uns aus der Isolation in die Ganzheit und bedeutet eine permanente Hingabe an das höhere Freiheitsideal.

Wir erkennen außerdem, dass wirkliche Veränderung nur in uns beginnen kann. Dann entdecken wir die befreienden Möglichkeiten und lassen uns durch Hindernisse nicht mehr aufhalten. Zuversicht und Optimismus zu entwickeln erfordert, dass wir die Hand, die uns das Licht reicht, nicht loslassen dürfen, egal wie beschwerlich und düster der Weg zum inneren Schicksalsberg auch manchmal sein mag. Das uns begleitende Licht („Galadriels Phiole“) stärkt und erhebt alles, was damit in Resonanz ist. Die im Verborgenen – im Unbewussten – wirkenden Kräfte können dadurch erkannt und erlöst werden.

Der Transformationsweg führt aus dem Anpassungs-Modus in den Hingabe-Modus bis zur Überwindung. Wenn Frodo den Schicksalsberg verlässt, hat er sich innerlich verändert. Wir können sagen, dass dadurch die Freiheit errungen wurde. In dem Wort er-ringen steckt das Wort Ring. Das verdeutlicht, dass wir eine Sache wahrhaft „rund“ machen, wenn wir uns der Ganzheit auf einer höheren Ebene zuwenden. Beim Übergang von einer Entwicklungsetappe zu nächsten stellen sich zwangsläufig behindernde Kräfte in den Weg. 2) Auch das Vogelküken muss die schützende Eischale durchbrechen. Die starren und beharrenden Mächte können lange Zeit ein notwendiger Schutz sein; zum „Bösen“ werden sie dann, wenn sie das rechte Maß überschreiten. Der Kreis (der Ring) ist ein göttliches Symbol der Einheit und Vollkommenheit. Der Ring der irdischen Macht wurde von Sauron im Feuer des Ursprungs geschmiedet. Er benutzte die göttlichen Kräfte, um sie auf einer niederen Spirale der Entwicklung anzuwenden. Indem wir individuell und kollektiv die Widerstandskräfte auf dem Evolutionsweg überwinden, machen wir das Ringsymbol wieder zu einem erhabenen und göttlichen Sinnbild der Ganzheit.

Die Erfüllung

Am Ende der Erzählung darf Frodo als Anerkennung für seine Taten nach Valinor reisen, der Heimat der Valar, der Elbengötter; es ist die Welt, in der die Elben für immer leben. Valar ist wortverwandt mit Valhalla, der Halle der Götter in der nordischen Mythologie. Das Land Valinor versinnbildlicht die reine geistige Welt, in der keine Dunkelheit existiert. Dieser Ort ist das Ziel seiner Lebensreise.

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Datum: Mai 4, 2022
Autor: René Lukas (Germany)
Foto: Ken Lecoq auf Pixabay CCO

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