Beim Aufwachen fühle ich die Einheit allen Lebens mit einer großen, völlig neuen Aufmerksamkeit, mit Erstaunen, Verbundenheit und Liebe.
Die Beschränkungen meines Denkens und Fühlens sind zurückgetreten, alles scheint eine Einheit zu sein, obwohl die Vielheit gleichzeitig da ist. Friede, Freude und Liebe bestimmen meinen Zustand.
Warteschlangen am Tempel
Es ist Vollmond, und ich verweile auf meiner Wanderung vor einem Tempel, an dem sich lange Schlangen von Gläubigen gebildet haben. Die Pilger haben Opferteller mit Blumen, Früchten, Kerzen und Gewürzen dabei, die sie der Gottheit des Tempels darbringen wollen, mit Wünschen der verschiedensten Arten: Erfolg im Beruf, in der Familie, mit Freunden, Gesundheit, etc.: „Die Gottheit im Himmel wird uns erhören.“
Dabei kommen mir Gedanken: Alle diese Wünsche und Erwartungen sind Kräfte, feinstoffliche Materie, Energien, die beantwortet werden, sei es durch Erfüllung oder Ablehnung. Kommen aber diese Antworten aus einem „Himmel“? Was und wo ist das, „der Himmel“? Ich sehe die Gläubigen und kann fast körperlich spüren und sehen, welche unterschiedlichen Erwartungen in den Gebeten, den Opferungen und den Segnungen sich zeigen, welche Hoffnungen, erflehten Lösungen für Probleme u.v.a.m.
Nach dem Opfer wenden sich die Gläubigen von der Statue ihres Gottes, ihrer Gottheit ab und spenden dem „diensttuenden“ Brahmanen eine kleinere oder größere Summe Geldes. Alle? Ja, so sieht es aus. Sie gehen weiter, an der Reihe der Bettler vorbei, die zum Teil mit ausgestreckten Händen um Almosen bitten.
Ich erinnere mich eines Kirchenversprechens, das vor einigen hundert Jahren in Europa gegeben wurde: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Man wollte sich freikaufen von den Sünden. Was erwarten die Gläubigen von ihren Tempel-, Kirchen- oder Moscheebesuchen? Glück, Erfolg, Reichtum, spirituelle Erkenntnis, Aufgehen im Himmel? Öffnet sich ihnen der Himmel??
Gedanken beim Wandern
Ich gehe weiter, hinaus in die Natur, in den Wald. Stille umringt mich, unterbrochen nur vom Zwitschern der Vögel und Geraschel im Laub. Wo stehe ich? Bete/bitte ich auch um Dinge dieser Welt?
Bibelworte kommen mir in den Sinn:
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Himmel ist[1].
Ich setze mich auf eine Bank, meine Gedanken kommen zur Ruhe, vor meinem inneren Auge sehe ich noch einmal die Schlangen am Tempel. Sind die Opferungen und Gebete im Tempel vergleichbar mit der Aussage der Bibel? Wie und mit welcher Absicht beten wir „in unserem Kämmerlein“?
In der Bhaghavad Gita bittet Arjuna Krishna, sich ihm in seiner wahren Gestalt zu zeigen, so dass er ihn wirklich erkennt. Krishna erfüllt ihm diesen Wunsch, nachdem er ihm bereits viel von der göttlichen Weisheit übertragen hat. Er öffnet Arjuna das Auge der Intuition, und dieser sieht Krishna in seiner kosmischen Gestalt, einer Gestalt voller Gnade und voller Schrecken. Krishna erklärt ihm:
Weder durch die Veden, (noch durch) Opfer, noch durch Studium, noch durch Gaben, noch durch Riten, noch durch strenge Askese vermag ich in dieser Gestalt von irgendeinem anderen als dir in der Menschenwelt gesehen zu werden.[2]
Die Aussagen „bete zu deinem Vater, der im Himmel ist“ will uns einen Weg zeigen, einen Weg, den wir beschreiten können oder sollen, einen Weg hinaus aus den Verflechtungen unseres Seins in dieser Welt, einen Weg zu einer nicht gekannten Einheit, Verbundenheit mit dem Vater, mit Gott. Krishna warnt uns, dass keine Opfer oder Rituale zur Erkenntnis seiner wahren Natur führen. Es berührt mich das Wort: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Mir scheint, dass dies mit den Hinweisen Krishnas übereinstimmt.
In Ruhe und ohne zu urteilen, versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Ein Frieden, eine Liebe, die allen Verstand überschreitet, überkommt mich. Mir kommt der Vers aus einem Rosenkreuzer-Ritual in den Sinn: In der ursprünglichen Gottesordnung ist Liebe keine Eigenschaft […], sondern eine Totalität.
Ich verbleibe in dieser Ruhe, wie lange? Fünf Minuten, eine Stunde, ich weiß es nicht. Irgendwann gehe ich weiter. Ich nehme meine Umwelt, den Wald, die Bäume, das Moos, das Rascheln in den dürren Blättern und das Zwitschern der Vögel anders, intensiver und schöner wahr. Ich fühle eine Einheit und Verbundenheit mit der ganzen Natur. Ich fühle die Gedanken und Ideen in mir, aber mit einer Distanz: das Erfahren der Einheit mit der Natur ist weiter, viel weiter. Ist es das Erahnen einer anderen Dimension, eines Himmels, der nicht von dieser Welt ist?
Teehaus
Der Weg führt aus dem Wald auf freies Feld, und ich stehe vor den majestätisch aufragenden Himalaya-Gipfeln, deren schneebedeckte Spitzen in der Nachmittagssonne glänzen. Ich fühle die titanischen Kräfte, die dieses Gebirge einst zusammenschoben und tausende von Metern hoch aufrichteten. Für die Einheimischen sind diese Gipfel die Sitze der Götter, denen geopfert wird, von denen sie Hilfe und Kraft erwarten … Was sagen mir diese Berggipfel?
Der weitere Weg führt steil hinab in ein Tal und in das Dorf, das das Ziel meines heutigen Weges ist. Ich gehe darauf zu. Den freundlichen Empfang, die Blumengirlanden an der Tür, der Willkommenstee, ich nehme alles wie in einem Traum entgegen, nehme an den freundlichen Gesprächen teil, doch in meinem Innern bin ich weit weg …
Nach dem Abendessen ziehe ich mich früh zurück in ein einfaches Zimmer, lege mich auf die Pritsche, die für heute mein Bett sein wird und sehe vor mir die Bilder des Tages und erinnere mich an ein Bild, das ich in einem der Bücher des Rosenkreuzes sah: ein Wanderer blickt halb liegend aus seiner Welt in eine neue unbekannte Welt. Erstaunt und erfreut sieht er ein unbegrenztes Universum. Das Bild zeigt im unteren Teil unsere bekannte Welt, sie wird überkuppelt und ist von dem unbegrenzten Universum getrennt durch ein Band von Planeten, Sternen und Monden. Dieses Band schließt unsere Welt, die uns bekannte Welt von dem im oberen Teil des Bildes ab, in dem sich eine andere Dimension eröffnet, eine andere Welt. Der Wanderer auf dem Bild kauert auf dem Boden dieser Welt, doch sein Kopf durchdringt das Band der Himmelskörper, ragt darüber hinaus in die höhere Dimension hinein. Sieht und erfährt er eine neue Erde und einen neuen Himmel, wie es in Offenbarung, 21, 1-2 heißt? Einen Himmel, eine Welt, die über die bekannte hinausreicht und diese umringt und abgrenzt oder auch einschließt? Jakob Boehmes Aussage von der göttlichen Ursubstanz kommt mir in den Sinn. Die göttlichen Qualitäten, die in ihr wirken, trennen sich aus ihrem ursprünglichen einheitlichen Zustand. Ein abgetrennter Raum, unsere Welt, entsteht, in dem die Lebewesen ihre besondere Eigenart in Freiheit entfalten können.[3]
Mit diesem Bild vor Augen schlafe ich ein. [4]
Frühstück
Beim Aufwachen erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber ich sehe die Welt wie mit anderen Augen. Der helle Morgen, das Glitzern der Schneeberge, die einfache und ruhige Umgebung, alles ist wie immer, doch in meinem Innern scheint sich etwas verändert zu haben. Was ist es? Ich fühle die Einheit allen Lebens mit einer großen, völlig neuen Aufmerksamkeit, mit Erstaunen, Verbundenheit und Liebe. Die Beschränkungen meines Denkens und Fühlens sind zurückgetreten, alles scheint eine Einheit zu sein, obwohl die Vielheit gleichzeitig da ist. Friede, Freude und Liebe bestimmen meinen Zustand. Ist dies der Blick in die offene andere Welt, wie sie der Künstler auf dem zitierten Bild darzustellen versuchte? Die vielen angelesenen Erklärungen schwirren durch meinen Kopf, ich nehme sie wahr, aber sie berühren mich nicht.
Meine freundlichen Gastgeber sprechen mich an und bitten mich zum einfachen Frühstück. Wir unterhalten uns über alltägliche Dinge. Das Gespräch nimmt aber eine Wendung, als der Hausherr über seine Erfahrungen aus Europa spricht: Suchen wir nicht alle auf unsere Weise die Natur und das Leben zu verstehen und daraus einen Weg zur Überwindung des Leidens und des Todes zu finden? Er erklärt mir in einfachen Worten die vier heiligen Wahrheiten des Buddha und betont, dass das Nirvana der Buddhisten oder der Himmel der Christen für alle offen ist! Wir müssen dies nur erkennen und die Relativität und Beschränktheit der Welt erfassen. Leider hängen wir noch zu viel an dieser Welt, ihren Freuden und ihren Problemen und sind nicht offen, um die andere Welt – wir sagen dazu Nirvana oder Himmel – zu erkennen. Er zitiert Passagen aus der Bibel und einer buddhistischen Schrift:
Johannes sagt in der Offenbarung:
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen.[5]
Und in buddhistischen Schriften können wir lesen: Buddhas Nirvana ist der höchste Zustand der Befreiung, des Friedens und der Freiheit von Leiden (Dukkha) und dem Kreislauf der Wiedergeburt (Samsara), der durch das Löschen der Feuer der Gier, des Hasses und der Unwissenheit erreicht wird. Es handelt sich dabei nicht um einen physischen Ort, sondern um einen tiefgründigen Zustand des Seins und der Weisheit[6].
Nach diesen Aussagen bleiben wir still und in unsere Gedanken versunken. Nach einiger Zeit erhebt sich der Gastgeber, verabschiedet sich. Er wünscht mir tiefe Erkenntnis.
[1] Matthäus 6, 5
[2] BhagavadGitainGermanLanguage.pdf Bhagavad Gita 11:48
[3] Das Mysterium Magnum (Interpretation der Genesis)- Jacob Böhme – Gesamtausgabe – Deutsche Überarbeitung
[4] Wikipedia: Flammarions Holzstich, auch Wanderer am Weltenrand oder im Französischen au pélerin („auf Pilgerschaft“) genannt, ist das Werk eines unbekannten Künstlers. Der Holzstich erschien erstmals 1888 als Illustration in dem Unterkapitel La forme du ciel („Die Form des Himmels“) des populärwissenschaftlichen Bandes L’atmosphère. Météorologie populaire („Die Atmosphäre. Populäre Meteorologie“) des französischen Autors, Astronomen und Präsidenten der 1887 von ihm gegründeten Société astronomique de France Camille Flammarion.
[5] Offenbarung Johannes 21, 1-2)
