In der spirituellen Tradition wird oft von der Geburt von oben gesprochen. Doch jede Geburt setzt eine Empfängnis und eine lange Zeit der Reifung voraus.
Alle Menschen sind sowohl körperlich als auch geistig schwanger,
und wenn sie ein bestimmtes Alter erreichen,
verlangt unsere Natur, von dieser Last befreit zu werden.
… Empfängnis und Geburt sind Manifestationen
des unsterblichen Prinzips im sterblichen Wesen.
Platon, „Das Gastmahl“ (Rede der Diotima)
In der spirituellen Tradition wird oft von der Geburt von oben gesprochen. Doch jede Geburt setzt eine Empfängnis und eine lange Zeit der Reifung voraus.
Gnosis wird gewöhnlich als ein besonderes Wissen verstanden – tiefer als die Philosophie und innerlich stärker erlebt als eine religiöse Lehre. Doch selbst dieses Verständnis bleibt äußerlich, fast rein intellektuell.
Gnosis ist keine Summe von Ideen und kein Ergebnis des Nachdenkens. Es ist die göttliche Fülle des Lichts, die, wenn sie auf ein offenes Herz trifft, im Menschen als Ereignis und Prozess zu wirken beginnt. Man kann sie nicht durch Willenskraft oder das Sammeln von Informationen herbeiführen.
Um der Natur der Gnosis näherzukommen, kann man eine einfache Analogie heranziehen – die Schwangerschaft. In verschiedenen Traditionen wird dieser Zustand als gesegnet bezeichnet: die Zeit, in der eine Frau zur Brücke zwischen den Welten wird.
Selbst diejenigen, die kein Leben in sich trugen, sondern daneben standen und dessen Entwicklung beobachteten, während sie die stillen inneren Veränderungen der werdenden Mutter spürten – sind in der Lage, dieses Wunder, dieses verborgene Wachsen neuen Lebens, tiefer und feiner zu empfinden. Wenn in einer Frau neues Leben entsteht, bleibt die äußere Welt unverändert. Doch in ihrem Innersten hat bereits ein Prozess begonnen, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Ein Samen ist in sie eingedrungen, und nun reift in ihr neues Leben heran. Etwas Ähnliches geschieht auch mit dem Menschen auf dem Weg der Gnosis. Bis zu diesem Moment kann er nach der Wahrheit suchen: Bücher lesen, Ideen diskutieren, sich der Religion oder Philosophie zuwenden. Doch all dies bleibt eine Suche im Außen.
In der Tiefe des Menschen ist von Anbeginn etwas vorhanden, das nicht von dieser Welt ist. In den alten Lehren wird dies unterschiedlich bezeichnet: Senfkorn, Funke des Geistes, Geistfunken-Atom, Atman.
Johann Tauler drückt dies so aus:
Wer dieses innere Reich finden will – und das ist Gott mit all seinen Gaben und seinem eigenen verborgenen Wesen –, der muss es dort suchen, wo es ist, nämlich in der tiefsten Tiefe seines Wesens, wo Gott der Seele viel näher und vertrauter ist als sie sich selbst.
Dieses „Etwas“ ist anfangs kaum zu spüren. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bleibt es verborgen, wie ein Samenkorn in der Erde – unentwickelt, schlafend, auf seine Stunde wartend. Das Samenkorn beginnt erst dann zu erwachen, wenn der Mensch bereit ist, die lebensspendende Wärme des Lichts aufzunehmen.
In einem bestimmten Moment geschieht das, was man als geistige Empfängnis bezeichnen kann – wenn das innere Potenzial bereit ist, das lebensspendende Licht aufzunehmen, so wie eine reife Eizelle den Samen aufnimmt. Von diesem Augenblick an verschmelzen Inneres und Äußeres, und im Menschen eröffnet sich ein neues Leben – es beginnt sich still zu entfalten.
Bis zu diesem Moment suchte der Mensch nach der Wahrheit. Nun offenbart sich die Wahrheit in ihm, als hätte sie schon immer in ihm gelebt, wie ein Korn, das zum Wachstum reif ist.
Doch wie bei einer Schwangerschaft reicht eine Empfängnis allein nicht aus. Das Leben, das im Mutterleib entstanden ist, braucht Zeit. Es entwickelt sich in der Stille, in einem verborgenen Raum, den der Lärm der Außenwelt nicht erreicht. Eine Frau, die ein Kind trägt, beginnt allmählich, auf sich selbst zu achten – nicht aus Gewohnheit, sondern fast instinktiv.
Sie meidet alles, was dem neuen Leben schaden könnte, und hört aufmerksamer auf ihren Körper. Dieses Hinhören wird allmählich zu einem besonderen Wissen: Sie beginnt, die Veränderungen in ihrem Inneren zu spüren und sie ohne Worte zu verstehen.
Ähnliches geschieht auch auf dem Weg der Gnosis. Der Mensch beginnt, genauer in sich selbst hineinzuschauen. In der gnostischen Tradition nannte man dies Selbsterkenntnis – nicht als Analyse, sondern als stille Hinwendung des Bewusstseins nach innen, denn genau dort, in der Tiefe der Seele, beginnt sich neues Leben zu entfalten.
Wer die Wahrheit nur in der Außenwelt sucht, gleicht in gewisser Weise einem Menschen, der ein Kind außerhalb des Mutterleibs sucht.
Die ersten, kaum wahrnehmbaren Regungen bringen ein besonderes Gefühl mit sich. Eine stille Gewissheit: Im Inneren ist Leben. So ist es auch auf dem Weg der Gnosis: In einem bestimmten Moment kommt unerwartete Klarheit – ohne Grund. Stille Freude und Frieden, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Es gleicht der ersten Bewegung eines neuen Lebens in den Tiefen des Bewusstseins. Das lässt sich nicht beweisen – aber man kann es erkennen, so wie man die Bewegung eines Kindes erkennt, das man noch nicht sieht.
Doch der Weg des Austragens ist nicht frei von Gefahren. Eine Frühgeburt birgt ein Risiko für das Leben des Kindes. So verhält es sich auch mit der Wahrheit. Zu früh ausgesprochen, wird sie zur Theorie. Oder zum Dogma. Eine unausgereifte Wahrheit wird leicht zur Ideologie.
Es gibt noch eine andere Gefahr – eine noch subtilere. Manchmal kann eine Frau einen Zustand erleben, den man Scheinschwangerschaft nennt: Körper und Vorstellungskraft erzeugen das Gefühl eines neuen Lebens, obwohl es in Wirklichkeit keines gibt. Etwas Ähnliches ist, so seltsam es auch klingen mag, auch auf dem spirituellen Weg möglich. Ein Mensch kann über höhere Dinge sprechen, mystische Bücher lesen, die Geheimnisse des Universums erörtern – und dabei findet in seinem Inneren keine wirkliche Entwicklung statt.
Dann verwandelt sich das spirituelle Leben in eine Rolle und die Gnosis in eine schöne Sprache, hinter der sich Leere verbirgt. Deshalb lernt der echte Suchende nach und nach Vorsicht. Er hat es weniger eilig zu sprechen und schaut stattdessen genauer hin, was in seinem Inneren geschieht. In dieser Achtsamkeit entsteht jene Stille, in der neues Leben wachsen kann.
Diese Stille ist weniger ein besonderer Zustand als vielmehr eine Art, mit dem Geschehen zu sein, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen.
Und eines Tages kommt der Moment der Geburt. Doch jede Geburt ist in der Regel mit einer Krise verbunden. Eine Geburt ist immer Schmerz und ein Bruch mit dem bisherigen Zustand. Das Kind verlässt beim Erscheinen auf die Welt den Mutterleib, der seine erste Welt war.
Etwas Ähnliches geschieht auch auf dem Weg der Gnosis. Wenn der Neue Mensch geboren wird, löst sich das frühere Selbstbild auf und verschwindet, um Platz zu machen für das, was lange in der Tiefe gereift ist. Das ist keine spirituelle „Verbesserung“, sondern eine Veränderung des Zentrums des Lebens selbst.
Das, was sich lange in der Stille gebildet hat, tritt ans Licht. Die Gnosis hört auf, ein Funke oder eine Möglichkeit zu sein – sie wird zur lebendigen Realität des Bewusstseins. Der Mensch denkt nicht mehr nur über die Wahrheit nach. Er beginnt, aus ihr heraus zu leben.
Tauler schreibt:
Wer dies in seiner Tiefe noch zu Lebzeiten erlebt hat, der ist – bereits im ewigen Leben, im Reich Gottes – Gott am nächsten.
Die Begegnung mit der Wahrheit ist nicht der Moment, in dem der Mensch sie findet. Es ist der Moment, in dem die Wahrheit den Menschen findet, der reif ist, sie in sich aufzunehmen.
Und dann offenbart sich das, was lange wie ein Funke verborgen war, plötzlich als Licht.
