Joerg S., der dem Goldenen Rosenkreuz angehört, im Gespräch mit Klaus Bielau (LOGON) über ein Erlebnis, das sein Leben von Grund auf änderte.
Von Beruf Handwerker, gelernter Schlosser, der es liebte, mit den Händen zu arbeiten, zu schweißen, zu schrauben, hatte Joerg als 22-jähriger einen schweren Motorradunfall. Er lag drei Wochen im künstlichen Koma mit schwersten inneren Verletzungen, überlebte und erwachte mit einem komplett gelähmten linken Arm …
KB: Joerg, wie kamst du eigentlich zum Motorradfahren?
JS: Die Leidenschaft für „Moppeds“ begann schon in der Kindheit. Mein Vater hat mir, als ich zwölf war, eine alte NSU-Quickly vom Schrott mitgebracht. Die habe ich mit meinen kindlichen Fähigkeiten und großer Freude restauriert und fahrbereit bekommen und bin dann abends damit um den Block gefahren. Das war gar nicht erlaubt mit zwölf, aber in Gelsenkirchen, da im Ruhrgebiet, war’s möglich, und dann fuhr ich eine Reihe „Moppeds“, Motorräder, und mit zwanzig kaufte ich mir die Kawa.
KB: Und mit der kam es zu dem Unfall?
JS: Wir waren im Clubhaus der Freeway Rider‘s Billard spielen und haben uns mit einer Gruppe von sieben oder acht Freunden um ca. 22.00 Uhr auf den Heimweg gemacht. Durch geschlossene Ortschaften ging es mit etwa 100 Sachen durch teilweise enge Straßen, über Kopfsteinpflaster und Bahngleise. Wir sind immer wieder sehr eng aneinander gefahren, haben die Reihenfolge gewechselt und uns auch freundschaftlich-leichte Kämpfe geliefert. Dann bin ich – wahrscheinlich wollte ich jemandem ausweichen, so wurde es mir nachher erzählt, hab keinerlei Erinnerung daran – dann bin ich in ein parkendes Auto gekracht.
KB: Und im Krankenhaus haben dich die Ärzte in ein Koma gesetzt, für drei Wochen.
JS: Aus dieser Zeit sind Erinnerungen geblieben. Einiges von dem kann ich noch schildern. Ich lag auf der Intensivstation, im Koma, das fast drei Wochen dauern sollte: Da ist kein Licht, kein Tunnel, aus dem mir Wärme und Liebe entgegen strömt. In mir ist es dunkel, kalt, es regnet, ich habe Todesangst. Ich spüre und weiß, dass ich in großer Gefahr bin, und immer wieder tauchen Gestalten auf, jagen mich. Mit allen Mitteln wollen sie dafür sorgen, dass ich diesen Ort nie mehr verlasse. Unter anderem sind da vermeintliche „Ärzte“ und „Therapeuten“, die mir gut zureden, deren durchschaubare Absicht es aber ist, mich durch Drogen dauerhaft an diesen Ort zu binden. Und da sind alte Freunde aus dem Rocker-Club, die jetzt in mir einen Verräter sehen und auf mich schießen.
Der Schlüsselmoment dieser Koma-Zeit ereignete sich in einem Wald: Auf einer Lichtung sitze ich in einem Bauwagen und blicke durch das Fenster auf einen aufsteigenden Hang mit Bäumen, hinter denen sich jeweils eine dunkle Gestalt verbirgt. Einige der Gestalten heulen wie Wölfe, schießen mit Pistolen in die Luft und auf den Bauwagen, andere schauen einfach nur mit kaltem Gesichtsausdruck in meine Richtung. Insgesamt sind sie sehr aggressiv, aber auch überheblich und selbstsicher.
Mich im Bauwagen umschauend, sehe ich hinter mir ein Regal mit modernen Automatikgewehren. Im klaren Gewahrsein, dass ich mit diesen Waffen jede der Gestalten erschießen könnte, schaue ich den Hang hinauf und erwäge ganz klar und unbewegt meine Möglichkeiten. In diesem Moment öffnet sich die Bauwagentür und eine mich im tiefsten Herzen berührende Stimme sagt: „Joerg, verlass doch einfach die Situation!“
Ich bin der Stimme gefolgt, und als ich durch die Bauwagentür ging, erwachte ich aus dem Koma.
KB: In einem Biker-Magazin, in dem es einen Beitrag über dich gibt (als einen der ganz wenigen einarmigen Motorradfahrer), steht, dass du dir das damals schnellste serienmäßige Motorrad gekauft hast und dir dafür noch Geld von deiner Oma leihen musstest. Wie war das, mit diesem „heißen Eisen“ zu fahren?
JS: Das war damals, 1984, eine Kawasaki, es war ein Gefühl von Freiheit, von Stärke, von Macht-haben, vielleicht paradoxer Weise auch ein starkes Gefühl von Kontrolle. Mit diesem Motorrad war ich zwei Jahre unterwegs. – Dann kam’s zu diesem Unfall.
Und es folgte ein sehr hartes Jahr. Mein altes Leben war komplett auseinandergeflogen, ein Zurück war unmöglich, und aus den einzelnen Bruchstücken ließ sich kein neues bauen. In dieser Zeit wurde aber auch eine wesentliche Voraussetzung für den späteren Neustart gebildet. Mein Kopf, mein Denken wurde komplett neu organisiert, im Alltag sind ja nahezu alle Handlungen, meist unbewusst, von zweiarmigen Bewegungsmustern geleitet. Ich stand immer wieder vor einer Wand und musste nahezu vor jeder Handlung die gegenwärtige Situation wahrnehmen, bedenken und das, was zu tun war, in neuer Form ausführen. Dadurch wurde ich permanent auf das Jetzt, auf den gegenwärtigen Moment gerichtet, und gleichzeitig zog ich mich immer mehr zurück und brach alle alten Kontakte ab, anfangs auch zu meinen Eltern. Die Freunde, die alten Bekannten, ja auch die Eltern und meine Freundin, die wollten alle, dass ich wieder so werde, wie ich vorher war, die wollten ihre Ruhe, ihre Sicherheit wieder haben, und mir schien, dass ich der Einzige war, der wusste, dass das nicht mehr möglich ist. Damals hatte ich noch nicht den Mut, etwas ganz Neues zu beginnen, war auch körperlich noch nicht dazu in der Lage. Ich wusste nur, ich muss weg. Anfangs fuhr ich in eine andere Stadt, um in einer neuen Umgebung zu „üben“, tägliche Einkäufe zu erledigen, Zahnpasta, Rasierzeug und so … ich wollte einfach ein neues Leben beginnen.
Am Ende dieses Jahres war ich komplett bei Null und so einsam, dass es körperlich weh tat. In dieser Zeit begann ich, die Bibel zu lesen, aus der ich die Geschichten von Nebukadnezars Wahnsinn, die Offenbarung des Johannes, die Paulus-Briefe und das Johannes-Evangelium wie ein Schwamm aufgesogen habe. Auch Goethe habe ich gelesen, Wilhelm Meisters Lehrjahre, das war für mich ein Schlüsselroman. Bildlich und leiblich konnte ich so sehr eins mit den Protagonisten der Handlung werden, wie ich es weder davor noch danach je wieder erlebt habe. Das hat mir gezeigt, wie viele Aspekte in so einem Menschen sind und dass ich mich auf überhaupt nichts reduzieren muss. Körperlich bin ich sozusagen halbiert, aber da ist ganz viel Potenzial für ein anderes, ein neues Leben.
Durch die Berichte in der Bibel entwickelte sich eine stetig wachsende Freude, aber auch eine kaum auszuhaltende Sehnsucht. – – – Diese vorher nie dagewesene Sehnsucht erzeugte reine Offenheit, und sie bewirkte auch, dass ich absolut nicht glauben wollte und konnte, dass sich diese Ereignisse, die in den Schriften standen, irgendwann einmal und dann nie wieder zugetragen haben sollten … Und in mir stieg die brennende Frage auf: „Wo sind solche Menschen heute?“
Kurze Zeit später stand ich in Essen vor der Tür eines Zentrums der Rosenkreuzer. Es war der Tag, an dem ein neuer Einführungskurs begann – und für mich ein völlig neues Leben. Das war etwa 1988/89, jetzt schon zwei Jahre nach dem Unfall. In Essen war das Rosenkreuzer-Zentrum zu klein geworden, und die Gruppe hatte neue Räume gefunden, 700 Quadratmeter groß. Aber sie mussten grundlegend saniert werden. Da war ich bestimmt zweieinhalb Jahre fast jeden Tag von morgens bis abends und konnte ohne Not und ohne Druck arbeiten; konnte mich richtig ausprobieren, mit einem Arm, sie ließen mich schweißen, Fliesen legen, mauern, bohren; keiner sagte, mach schneller oder mach’s anders oder: das ist falsch … Da bekam ich Vertrauen zu mir, zu mir mit einem Arm. Es waren da die Bauleiter und ein alter Architekt, der hat das Podium gebaut, hat viel gemauert; die haben gesagt: Joerg, du musst noch was machen, du musst noch etwas lernen. Die brachten mir Bücher mit, Maschinenbau, Mathematik und so – und da begann ich zu lernen. Ich hatte ja damals keinen Hauptschul-Abschluss. Schließlich konnte ich dann das Studium zum Maschinenbau-Techniker machen und abschließen.
Ich las die Literatur der Rosenkreuzer rauf und runter und jetzt auch die von Jiddu Krishnamurti, Rudolf Steiner und anderer Autoren, die ins Geistige strebten.
Ich verstand, dass meine Erlebnisse während des Komas den Schilderungen von Rudolf Steiner über das Kamaloka[1] und denen in der Bibel über das Fegefeuer glichen. Ich begriff: Es war im Wesen meine eigene Innenwelt, die mir im Koma gleichsam von außen entgegentrat.
Auch der schmerzhafte Gang zum Nullpunkt machte jetzt Sinn, er glich einer Katharsis.
All das Geschehene schmolz zu Sinn und Basis für ein neues Leben, mein neues Leben zusammen. Und ich erkannte etwas faszinierend Neues für mich: Die Natur will alles ausgleichen. Fällt etwas aus, bildet sich etwas anderes, damit sich alles so gut wie möglich entwickeln kann …
KB: Wir haben am Anfang von Übermut gesprochen …
JS: Als Kind, vor allem aber dann in der Pubertät, da lebte etwas in mir, das wollte immer über die vom Umfeld gesetzten Grenzen hinaus, hoch hinaus, noch höher, noch großartiger, es drängte etwas in mir. Natürlich konnte ich damals überhaupt nicht sagen, was das war … ich wollte einfach immer noch eins drauf geben, noch eins drauf … Und dieser Übermut, der mich ständig irgendwie trieb, der lebte in mir, weil ich gar kein Vertrauen zu mir hatte, weil ich keinen greifbaren Pol in mir erkannte, den ich hätte entwickeln können.
KB: Und der Mut?
JS: Ja, der Mut, dieser Mut kam dann, nachdem ich meinen Nullpunkt durchlebt hatte. Aber mein Mut richtete sich nicht mehr nach außen, nicht mehr darauf, irgendetwas im Außen zu bauen oder so, er bekam die Richtung nach innen. Mich mit anderen zu vergleichen, mich anderen gegenüber beweisen zu müssen war nicht mehr notwendig. Und da erwachte auch ein viel tiefer gehender Respekt den Menschen gegenüber, vielleicht könnte man es Demut nennen – da steckt ja auch das Wort Mut drinnen …
KB: Also kann man sagen, alles wurde neu durch den Unfall, das war eigentlich wie eine neue Geburt?
JS: Im Nachhinein kommt es mir so vor, als wäre ich vor dem Unfall unter einem schweren Teppich gelegen … und durch dieses Ereignis und in den Jahren danach rückte dieser Teppich immer weiter weg … Natürlich habe ich dann auch wieder Kontakt mit meinen Eltern gehabt, der war getragen von deren Liebe und Verantwortung mir gegenüber, auch mit dem einen oder anderen meiner früheren Freunde, aber verstanden haben sie nicht, was ich nun mache, was mich interessiert, was die neuen Aspekte meines Lebens nun eigentlich sind.
KB: Was war oder ist deine Grundhaltung? Hast du eine Message für die Leser von LOGON?
JS: Ein klares JA zu den Dingen in deinem Leben, zu dem, was in deinem Herzen drängt, auch zu den dunklen Seiten, nichts als ein JA; vielleicht hat das auch etwas mit Mut zu tun: zu versuchen, die Ereignisse im Innern wie im Äußeren so gut wie möglich zu verstehen und dann Schritt für Schritt weiter zu gehen – auf deinem Weg, auf dem Weg deines Potenzials. Und übrigens: Ich fahre seit acht Jahren eine umgebaute Triumph-Boneville 900. Kein Hadern, kein Wenn und Aber …
[1] Kamaloka (skrt. ???kama Begierde und ???loka Ort; wörtlich also Ort der Begierde) wird in der christlichen Terminologie als Fegefeuer (lat. purgatorium) bezeichnet und in engen Zusammenhang mit dem Partikulargericht gesehen, dem sich der Mensch unmittelbar nach dem Tod zu unterwerfen habe.
