Da du dir selbst zu folgen wagst, wirst du zum Fremden in dieser Welt, doch stehst du nun vor der Türe zum Geheimnis.
Der Radwechsel
Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?
Bertold Brecht
1
… Es ist schon eigenartig, aber scheinbar muss es so sein. Da ist viel Fremdheit in dieser Welt, viel Unglücklichsein in dieser Welt. Unglücklichsein – nicht weil Krieg ist oder enge Freunde sterben, oder weil Hungersnot, Mangel an allen einfachen Dingen ist, die man so braucht zum Überleben. Nein, ein Schmerz, der in der Brust nagt, manchmal brennend wie Feuer, als wäre da ein Loch, dort wo das Herz ist. Und man kennt die Ursache nicht. Die klugen Menschen, die so viel verstehen, die für alles eine Antwort haben, schicken den Unglücklichen gern zum Psychologen oder Psychiater oder – das ist dann die nächste Stufe – man füttert ihn mit Pillen, die Glücklichsein versprechen. Du nimmst dann die Tabletten, wir kennen sie als Mothers’ Little Helper, von denen schon die Rolling Stones vor Jahrzehnten sangen. Man fühlt dann weniger diesen Schmerz im Herzen, in der Brust, dieses Brennen; aber es ist nicht fort, es ist eher so wie in einem Nebel, durch den du die Stimmen der Menschen, der glücklichen, die Musik, die fröhliche, das Geschrei der Vögel usw. hörst, oder, vielleicht genauer, ist es einem feinen Rauch gleich, der nicht beißend ist, doch dir die Luft zum Atmen nimmt … Das Leben ist dann, nach der täglichen Dosis, nicht mehr so gut zu fassen: Was auf einen zukommt, hat keine Kraft mehr, und du wirst dir plötzlich selber fremd, spürst deinen Körper, deine Arme und Beine nicht mehr richtig, wirst träge. Dein Gehirn ist wie in Watte gepackt. Was du isst, wird schal; und doch, du willst mehr von dem schalen Zeug – – – und dann plötzlich, eines Nachts, du erwachst, sehnst du dich wieder zurück zum Brennen im Herzen, zu diesem Nichts in der Brust. Man kommt sich dann vor wie betrogen um den Schmerz, betrogen um ein Geheimnis, von dem dieser Schmerz, der nicht zu fassen ist, erzählen will. – – – Jeder kennt Liebeskummer. So ist dieser Schmerz, aber nicht Kummer, sondern Drama – und doch, da steigt etwas auf in dir, diese alte Sehnsucht, und jetzt ist’s ein Sehnen nach diesem brennenden Weh, nach dem Feuer … Und dann spülst du diese chemischen Pillen, diese Kobolde, die sich dir aufdrängen wollen, die dein ganzes Sehen und Hören verwirren, in den nächsten Kanal der nächtlichen Straßen. Du streckst deinen Arm, deine Faust gegen den Himmel, lachst befreit und rufst mit lauter Stimme: „Schmerz, komm zurück in meine Brust, lass dich spüren, ich habe keine Furcht mehr vor dir“, … und die Kobolde rufen mit quietschenden Stimmen: Du wirst es nicht aushalten, bist viel zu schwach, die Angst holt deinen Kopf … Diese alten Quälgeister tun alles, um dich zurückzuzerren – du siehst die Pillenschachtel vor dir, zündest sie an, schickst die Asche in den Kanal nach … und dann geschieht etwas Unerwartetes – wie ein Blitz, du fühlst es – – – du wirst wieder echt, roh, wie ein Stück rohes Holz … natürlich, der Schmerz lässt nicht lange warten auf sich, meldet sich gleichsam an, du hast ihn schließlich erwartet. Und er kommt wie ein Glück und hat eine neue unbekannte Eigenschaft, er schmeckt süß, es ist da eine gewisse Freude in ihm, nein, nichts Oberflächliches, es ist anders, tiefer liegend und freundlich, ein Lächeln geht über dein Gesicht. Und ein Gedanke bricht durch: Dumpfe Gewohnheit unter der Glocke stickiger Angst, das ist das Leben der Masse. Früh schon erfuhr ich, dass dies nicht mein Leben sein kann.
Einen langen Weg habe ich zurückgelegt durch die Fremde, durch Wüsten, Schnee, unwirtliche Städte, Gewalt, Rebellion und Trotz – Soll das alles sinnlos gewesen sein? –
2
Nahezu immer alleine, wunschlos, doch nicht unglücklich, stromere ich nachts durch die Straßen unserer Stadt, durch die Parks, sehe die Werbeplakate, die versuchen, Neid und den Wunsch dazuzugehören, wachzurufen und Sorgen wecken, nach dem Motto: wenn du nicht, dann … Oder sie erzählen vom Paradies: wenn du nur …, und mit einem Male siehst du die Gier, die Angst wie Wolken, wie tonlose Wahrheiten, die von diesen Bildern klingen. Und du lachst still in dich hinein. Angst zu Angst; nein, das ist nicht mehr mein Spiel – vielleicht bist du mal unglücklich, aber frei.
Eines nachts, es war gegen Mitternacht, ein warmer, lauer Sommerwind, der eine ferne Musik von irgendwo an dein Ohr trägt, du bleibst stehen, lauschst der Musik, deutlich hörst du eine Klarinette heraus, oder ist es ein Saxophon? …
Der alte Schmerz klingt in deinen Adern, doch nun vermischt mit einer tiefen, glücklichen Freude. Dein weißes Hemd bauscht sich im Wind, ja weiß ist sie, die Kunde dieser Nacht. Als du weitergehen willst, fällt dir ein Ding auf, das am Rande dieses Parkweges steht, ein Dreiecksständer, die Ankündigung einer Ausstellung, der Titel: Die Kunde vom Paradies ist kein Fake.
3
Die Kunde vom Paradies ist kein Fake. – Und der nächtliche Wanderer, der du bist, erstarrt, es ist gleichsam ein Blitz, der durch das ganze Wesen fährt, durch die Brust, die Sinne drohen zu schwinden, kurz stockt der Atem. Dieser Blitz, was sonst sollte es sein, erleuchtet einen Raum in dir, da ist nur Licht und Licht und nichts als Licht, bis an den Rand des Blickfeldes, aber da ist kein Rand, da ist nur ein Weltraum … und die Nacht ist dunkel. Der Klang der Instrumente aus der Ferne, es ist doch ein Saxophon, ein helles, entscheidest du, ein Klang aus der Ferne – Kunde vom Paradies …
4
Exil und Rückkehr – Und ich konnte das Licht nicht halten, auch nicht den Klang – – – diese Nacht jedoch hat mich aus der Fremde zurückgerufen – zu mir selbst.
Ja, es ist wahr, die Kunde vom Paradies ist kein Fake. Natürlich sah ich mir die Bilder dieser Ausstellung an. Der Kurator setzte ein Wort dazu in einem ansprechend gestalteten Flyer:
Kreativität ist der Spiegel der Intuition,
die Harmonie der Form der Beweis.
Interessante, ansprechende Werke, viel Gold, viel Licht, das aus verschiednen kräftigen Dunkelheiten bricht. Und einige Texte, die manche Künstler zu ihren Bildern fügten. Einiges habe ich notiert, du kannst sie, wenn du Lust hast, lesen:
Exil – Ex coelis – aus dem Himmel
(Ein Gedanke des großen „Kelten“, Antoine Gadal)
* * * * *
Der Weg war lang und dunkel,
doch dann kam mir Licht entgegen,
das sprach: Folge mir.
Und ich folgte und sah,
das Licht war mein Innerstes.
* * * * *
Freund, Betrachter, es ist kein blinder Zufall, der dich vor dieses Bild gestellt. Verweile.
Lass dein altes Ich, das komplizierte, zerfließen
in der Freude, im Wohlbehagen deiner Seele.
* * * * *
Das Paradies auf Erden gibt es, doch nur in deiner Seele.
(Sartre)
* * * * *
Da du dir selbst zu folgen wagst,
wirst du zum Fremden in dieser Welt,
doch stehst du nun vor der Türe zum Geheimnis.
Bleibe in dir, im Hause deiner Seele,
und die Fremde wird sich wandeln,
da du sie, diese Fremde, im Licht des Lebens
mehr und mehr verstehen lernst.
* * * * *
Der Himmel hat keinen Ort, nirgends, außer in dir.
* * * * *
Die entscheidende Frage für den Menschen ist:
Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht?
Das ist das Kriterium des Lebens.
(C.G. Jung)
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In der Fremde deines Wesens:
zum Streiten gehören immer zwei;
zum Frieden, dem Vorboten des Paradieses,
genügt einer – eins in dem einem.
* * * * *
In principio era il fulmine – Am Anfang war der Blitz.
(Hans Hartung)
