Einsamkeit – etwas persönlich

Einsamkeit – etwas persönlich

Eine Reise im Außen kann eine Reise im Innern sein.

Sich einsam fühlen oder allein sein ist für viele Menschen unangenehm. Für mich nicht, ich fühle mich einsam wohl. Da stimmt doch etwas mit mir nicht.Ich bin – wie meine Frau sagt – beziehungsunfähig, oder ich habe Angst vor Nähe, oder ich habe Angst, mich zu öffnen. Es ist ja vollkommen natürlich, zusammen mit Menschen zu sein. Aber nicht ich, ich fühlte mich in der Corona-Zeit richtig wohl. Ist das nicht „fremd“?


 

Psychisch ist die Sache klar. Ich wurde in der Jugend und später häufig ver­letzt, ich gehörte zu diesen Typen, die immer am Rand stehen, den Losern, zu denen, die nichts wert sind, jedenfalls nach der Meinung der Anderen. Also habe ich mich zurückgezogen und dort, im Alleinsein, mein Glück versucht. Kein Kontakt heißt: keine Gefahr der Verletzung. Das verletzte Reh flüchtet sich zum Sterben in den dichten Wald. Ja, das ist die Erklärung.

Ich bin fast 20 Jahre lang jedes Jahr im Sommer und teilweise im Winter in Lappland allein gewandert, wild, ohne Wege, ohne Hütte, durch Sümpfe und dichte Wälder. Dort funktionieren die Handys nicht. Zur Beruhigung meiner Frau hatte ich nur einen Notrufsender dabei, es ist nur ein Knopf, der per Satellit um Hilfe rufen kann.

Zu keinem Zeitpunkt war ich dort einsam. Ich hatte bei der Ankunft das Gefühl des Wohlseins, der Heimat. Ich war nicht „fremd“. 10 km um mich herum kein Mensch. Wenn ich in einem Bach stürze und mit dem Kopf auf einen Stein falle, bin ich tot. Auch traf ich eine Bärin mit ihrem Kleinen ca. 15 m entfernt. Und doch fühlte ich mich dort wohl. Bis auf wenige Ausnahmen hatte ich nie Angst.

Die Esoteriker würden sagen: Ja, klar, eine frühere Inkarnation von dir hat dort gelebt und war glücklich. Daran erinnerst du dich jetzt. Ehrlich, das interessiert mich nicht. Ich bin nur hier und lebe jetzt. Alles in mir zählt und ist wichtig, vielleicht auch wesentlich, aber warum das so ist, ist unwichtig. Das Jetzt zählt, und das ist nun mal so, wie es ist und das ist mir wichtig. Ich weiß, dass alles, was aufgelöst werden muss, mir immer gezeigt wird, so lange, wie es notwendig ist.

Dort in Lappland passierten merkwürdige Dinge. Die Gegend dort oben ist recht reizarm: Im Sommer Seen, Sümpfe, Bäume, Geröll, Hügel, Berge und Schneefelder (und natürlich auch Mücken). Am ersten Tag bin ich dort noch nicht angekommen, am zweiten Tag wird klar: ich bin in Lappland, am dritten Tag wird es eintönig. Und am vierten Tag steigen Gedanken und Gefühle hoch, die vorher keinen Platz hatten. Mein Schmerz, das Leid wird mir bewusst. Ich bin dann heulend durch die Wälder gelaufen. Am fünften Tag geht es damit weiter und am sechsten ist alles raus, was raus musste. Ich bin dann ruhig, locker und gelöst. Das ist eine echte Katharsis (Reinigung).

In den Winterwanderungen wurde es schlimmer. Alles ist weiß, Schnee überall, Wind, White Out (Nebel mit einer Sichtweite von 1 m) und Kälte. Tag und Nacht absolute Stille. Nur das Krachen des Eises auf den Seen (diese sind Teil von Flüssen und bewegen das Eis). Die Luft ist kalt und rein. Alles ist noch reizärmer. Die Reise nach Innen ist wegen der langen Nächte länger und tiefer.

Meine kälteste Nacht war bei -35°C im Zelt. Am Abend vor dieser Nacht war der Himmel voll mit Nordlichtern. Absolut überwältigend. Der Himmel wird in der Dunkelheit hell. So wie das verdunkelte Bewusstsein hell wird. Das Licht scheint immer, auch in der tiefsten Dunkelheit. Da wurde mir klar, ich war nie einsam. Ich war allein, aber nie einsam.

Später in meinem Leben klärte sich einiges. Vielleicht war es am Anfang tatsächlich Beziehungsunfähigkeit, aber am Ende war es die Sehnsucht nach Ruhe, Frieden und Eintauchen in die Stille, die sehr, sehr leise spricht. In der Einsamkeit kann diese Stille viel leichter gehört werden als im Getöse einer Stadt. Die Lektion bestand darin zu erkennen, dass alles in uns vorhanden ist und dass alles Wichtige in jedem Moment des Lebens wirkt und daher erkannt werden kann. Nur unsere Gedankenbilder, der Wust der Gefühle und das Chaos der Begierden legen sich wie ein großes, schweres, nasses Handtuch auf die Seele und ersticken sie. Wenn wir aber die Stille „hören“ wollen, dann geht es am besten in der äußeren Stille, in der scheinbaren Einsamkeit.

Wenn wir nun im Äußeren symbolisch etwas für unser Inneres tun, dann wirkt es auch nach innen. Indem wir es bewusst tun, hat es die Kraft, im Inneren wirksam zu sein. Wenn wir zum Beispiel putzen, dann kann dies auf zwei Ebenen stattfinden: Wir putzen, damit etwas sauber wird, und wir putzen gleichzei­tig unsere eigene Seele. Die Reinigung im Außen ist dann auch gleich eine Reinigung im Inneren, zumindest ein wenig. Wir finden dann den betreffenden Gegenstand nicht nur schöner, weil er sauber ist, sondern weil unsere Seele ein kleines Stück reiner gewor­den ist. Wandern bedeutet, durch eine Landschaft zu gehen, aber es kann auch ein Gehen durch die Seele sein. So wie neue Stellen im Äußeren entdeckt werden, so können wir die blinden Flecken unserer Seele entdecken. So wie wir uns an der Schönheit im Äußeren erfreuen, so erfreuen wir uns über jedes aufgelöste Problem, denn an dieser Stelle wird die Seele schön. Wir merken, dass wir auf diese Weise zu uns selbst wandern.

Jeder Mensch hat hier seinen eigenen Weg, und niemand muss in Einsamkeit wan­dern, um zu sich selbst zu kommen. Wichtig ist nur, dass der eigene Weg gegangen wird, denn es ist der Sinn dieses Weges, dass er gegangen wird.

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Datum: September 9, 2026
Autor: Burkhard Messer (Germany)
Foto: polar-aurora-Bild-von-JACQUES-BARBARY-auf-Pixabay CCO

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