Sich fremd fühlen kann nur, wer eine Ahnung von Heimat hat. Erst der Verlust der Heimat weckt die Sehnsucht, lehrt uns, das Verlorene zu schätzen und wieder zu suchen.
Als es aus dem Strudel, der es eingesogen hatte, zu sich kam, blickte es um sich und – erkannte gar nichts. Wo war es? Wo bin ich?, fragte es sich und schaute umher. Entsetzen überkam es. Es war eingesperrt! Nur raus hier, schrie eine Stimme in ihm, doch so sehr es zappelte und schrie, es blieb gefangen in dieser Schwere aus Fleisch. Müde von seinen vergeblichen Anstrengungen schlief es ein. Da wurde es leicht und licht. Klang, Raum, Ruhe und Friede waren anwesend. Als es die Augen wieder aufschlug, fühlte es, dass es gehalten wurde. Die Nahrung schmeckte fremd, doch auch ein wenig süß. Vorsichtig schaute es sich um…
- Fremd sein heißt, heimatlos zu sein…
und kann den Ort oder ein Gefühl meinen. - Fremd sein bedeutet, nicht dazuzugehören…
zur Familie, Gruppe, Sippe, Klasse, Nation, Kultur, Religion. - Fremd sein, kann gefährlich werden…
für den Fremden. Er wird beschimpft, bedroht, geschmäht, verleumdet, eingesperrt, ausgesperrt, verurteilt, gekreuzigt… - Fremd sein fordert offen werden…
für das Unbekannte. Dies setzt Unvoreingenommenheit und eine potentiell vorhandene und zu trainierende Offenheit als eine neue Haltung voraus. Man könnte es auch mit einem dauernden „Stirb und Werde“ (eigener Konzepte, Gewohnheiten, Vorstellungen, Überzeugungen etc.) bezeichnen.
Heißt fremd sein getrennt sein vom GANZEN?
Die Trennung aus dem Unkennbaren, von Tao, der Leere oder dem Nichts zu ETWAS ist Schöpfung. Aus diesem Unkennbaren wird ein Gedankenstrahl aus GEIST-Feuer in die Ursubstanz, die Mater-Materia gesendet. Es werde Licht (Bewusstsein entwickelt sich). So offenbart sich der GEIST durch seine und in seiner Schöpfung. Eine Schöpfung, welche ein Gegenüber wird, das spiegelt und widerspiegelt. Ohne diese erste, nur scheinbare Trennung des GANZEN in ETWAS kann nichts werden. Scheinbar ist diese Trennung, denn: Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht (das WORT), und ohne dasselbe ist nichts gemacht“, wie es im Evangelium nach Johannes 1,3 heißt. Von der Einheit in die Vielheit, in eine Ausdehnung der Schöpfung. Denn diese Schöpfung ist nicht einfach geworden und fertig. In ihr verborgen liegt ein Plan, der eine fortwährende Entwicklung enthält.
Fremd sein bedeutet anders sein…
und je nachdem, von welcher Seite aus betrachtet, ist, wer oder was fremd ist, anders oder unbekannt. Es ist besonders, doch auch abgesondert. Das Drama des Menschen besteht darin, dass er sich vom ursprünglichen Plan durch seinen Eigenwillen abgesondert hat. Denn dem Plan wohnt auch die Freiheit, Nein zu sagen, inne. Es ist diese Freiheit, die anderes möglich macht. Wo wäre die von uns stets eingeforderte Freiheit ohne die Möglichkeit der Verneinung?
Fremd sein, kann Neugierde wecken…
und eröffnet die Suche nach dem Unbekannten. Der Forscherdrang wird geweckt. Man setzt sich dem Unbekannten aus. Eva aß von dem Apfel, weil ihr ein Mehrwert versprochen wurde: „So ihr vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott“. 1. Mo,3.5. Eine Verheißung, die sie (und Adam) aus der ersten Heimat, dem Paradies, dem Unbewusstsein, dem Schlaf hinaustrieb. Nein sagen kann den Horizont erweitern, doch kostet es den Preis des Schmerzes. Denn ohne das geboren werden und sterben können wir den zentralen Baum im Paradies, den des LEBENS nicht wirklich erkennen, schätzen und lieben.
Fremd werden kann Entfremdung bedeuten…
von sich selbst, der Welt, von Gott. Das Gefühl der Weltfremdheit wird in Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 82 „Ich habe genug“ ausgedrückt. Nach endlosen Runden auf dem Karussell des Geborenwerdens und Sterbens, nachdem sich die Seele des Menschen an meist unbekömmlicher Kost sattgegessen hat, alles schal und geschmacklos schmeckt, hat sie es gründlich satt. Auch der Dichter Friedrich Rückert kannte offenbar solche Stimmungen. Sein Gedicht: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ zeugt davon:
Ich bin der Welt abhanden gekommen
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben
Sie hat so lange nichts von mir vernommen
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!Es ist mir auch gar nichts daran gelegen
Ob sie mich für gestorben hält
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt!Ich bin gestorben dem Weltgetümmel
Und ruh‘ in einem stillen Gebiet!
Ich leb‘ allein in meinem Himmel
In meinem Lieben, in meinem Lied!
Fremd sein, kann Gefahr bedeuten für das Alte, das Überlieferte, die Hiesigen,
die sich von dem Neuen, Unbekannten bedroht fühlen.
Fremd sein, kann Angst machen…
vor dem Unbekannten. Sich der Angst vor dem Unbekannten zu stellen kann Vertrauen fördern in sich, in den oder das Andere. Bei Rainer Maria Rilke heißt es im Gedicht
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Es erfordert Mut, sich Fremdem auszusetzen, sich auf neues Terrain zu begeben, den Sprung zu wagen und sich mit den Wechselfällen des Lebens auseinanderzusetzen. Sich seinen Ängsten, seinen Charakterfehlern zu stellen mit der Bereitschaft, trotzdem weiterzuwachsen. Sich zum Beispiel von alten Gewohnheiten zu (er-)lösen bedeutet, sich seiner Gewohnheiten bewusst werden und diese als solche zu erkennen, die Muster darin erkennen und eine andere, vielleicht sogar neutrale, beobachtende Sichtweise anzunehmen, so dass dadurch die Chance auf ein neues, spontanes Verstehen mit einem dynamisch sich anpassenden Handeln entstehen kann.
Sinngemäß sagt Sloterdijk: Der Mensch, der sich als Übender immer wieder neu erzeugt, wird zum über sich hinausgehenden Wesen. In dieser Bejahung zu sich und seinen Möglichkeiten liegt auch Glaube und Vertrauen an seine ihm innewohnende Lernkraft. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ hieß es früher. Rilke drückte dies etwas poetischer aus: „Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“
Fremd sein bedeutet, nicht erkannt zu werden.
Doch wollen wir nicht uns selbst in unserem Wirken erkennen und im Tiefsten auch von anderen erkannt (und anerkannt) werden? Will sich nicht vielleicht auch das Geistige, der Gott in seiner Schöpfung, seinem Werk erkennen und von ihr erkannt werden? Sich spiegeln können in einem immer klareren Bewusstseins- oder Seelenspiegel einer aus Unbewusstheit erwachenden Schöpfung, einer erwachsen werdenden Menschheit, die, frei von ichzentralen Schatten, durch ein werdendes neues Seelen-Bewusstsein auf den Ruf Gottes: Adam, wo bist du? 1.Mo, 3,9 antwortet. Im Nein-Sagen liegt die wirkliche Freiheit, sich mit fortschreitendem Bewusstsein nicht mehr alles zu erlauben. Man zeigt sich und antwortet auf den Ruf durch sein ver-antwort-endes Handeln.
Fremd sein erst ermöglicht, Ahnung von Heimat zu haben.
Sich fremd fühlen kann nur, wer eine Ahnung von Heimat hat. Erst der Verlust der Heimat weckt die Sehnsucht, lehrt uns, das Verlorene zu schätzen und wieder zu suchen. In dem Gedichtband: „Unterwegs in Viadi“ drückt die Schweizerin Luisa Famos es auf diese Weise aus:
Ich bin die Tochter des Winds
Zusammen kehren wir zurück
In die Länder
Wo ich war vor Tausenden von Jahren
Alle dort
Kennen michIch lege meine Stirn
Auf ihre Erde
Und warte
Bis sie gefällt haben
Das Urteil über mich.
Der Wind als Metapher für GEIST, das Land, in das wir nach Tausenden von Jahren freiwillig zurückkehren können, wo alle einander er-kennen. Auf diese (neue) Erde und in diesen Bewusstseins-Himmel wird die Stirn gelegt. Und was ist das Urteil? Das „Jüngste Gericht“, wie es in Matthäus 12:36,37 heißt? Ist nicht jeder Tag „der jüngste Tag“? Im Ewigen Jetzt können wir uns jede Sekunde frei entscheiden, ob wir Teil des großen Plans sein wollen oder wieder aus dem höheren Seelenbewusstsein, dem All-Einen herausfallen. So fällen wir selbst unser Ur-Teil. Auferstehung und Fall geschieht täglich, je nachdem, wohin wir uns richten. Wir sind es, die teilen und trennen. Doch sind wir nicht alle auf dem Weg? Im Erkennen und Bejahen des Ist-Zustandes liegt die Kraft für ein Weiter.
Fremd sein kann Sehnsucht wecken
nach dem ursprünglichen Zuhause, das wir verlassen, verloren, vergessen haben. Es (wieder-) zu erkennen hat zur Folge, dass es nicht länger fremd ist. Die Liebe ist der Schlüssel, das Bewusstsein ist das Schlüsselloch, durch das sich neue geistig-seelische Räume erschließen.
Fremd sein heißt, mehr zu kennen
Wer ins Unbekannte vorgedrungen ist, hat etwas gewagt, hat seinen Horizont erweitert, hat sich gewandelt, verwandelt, wurde neu geboren, hat sich neue Bewusstseinsebenen erschlossen, spricht neue Sprachen (Pfingsten), trägt neue, reine Kleider. Dieses individuell wiedergeboren werden aus Wasser und Geist bedeutet das magnetische Anziehen von höheren Schwingungen, Äthern aus einem heiligen, geistigen Bewusstseinsfeld, in dem wir hier und jetzt atmen können.
Die Ausbreitung dieses heiligen Geistfeldes bildet den Mehrwert, den jeder Mensch zu seiner Zeit als bejahende Antwort auf den Ruf von Zuhause, dem Geistkern im Innersten geben wird. Gott ist das All-Eine, das sich durch den Menschen nun individuell ausdrücken kann. Von einem transzendenten, unerkannten Gott zu einem erfahrbaren immanenten GEISTIGEN, in und aus dem man lebt und SO für die Welt fruchtbar wird. Alles in der Welt will sich ja dehnen und vermehren. Das Bibelzitat 1.Mo.9,1 „Seid fruchtbar und mehret euch“ kann so auch unter dem GEISTIGEN Aspekt erkannt werden. Nicht ausschliesslich eine sich ungehemmt vermehrende biologische Schöpfung, sondern die erste, eine in Anbindung an die ursprünglich (von Gott) gemeinte Entwicklung ist es, die es zu mehren gilt.
Dies ist der Gewinn, den das vollbewusste neue Wesen, der Geist-Seelen-Mensch in Freiwilligkeit und als Ausdruck von Liebe der Schöpfung und so dem Ganzen innerhalb des ewigen Werdens hinzufügen kann. Von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.
Friedrich Rückert, Ich bin der Welt abhanden gekommen, aus dem Zyklus Liebesfrühling
Luisa Famos, Unterwegs in Viadi, Gedichte Rätoromanisch und Deutsch
Rainer Maria Rilke, Die Gedichte
