Mut zum Unmöglichen

Mut zum Unmöglichen

Das Unmögliche liegt in uns. Es möchte verwirklicht werden – wenn seine Zeit gekommen ist.

Das Streben nach dem Unmöglichen ist oft der Motor, der die Menschheit zu Höherem antreibt. Es ist der Funke, der Innovationen hervorbringt und die Grenzen der Erfahrung erweitert. Obwohl viele von uns das Unmögliche als unerreichbar ansehen, liegt genau in diesem Streben eine unermessliche Kraft und Inspiration.

Das Unmögliche zu wollen, erfordert Mut und Entschlossenheit. Es bedeutet, sich gegen Widerstände zu behaupten und an eine Vision zu glauben, selbst wenn andere daran zweifeln. Doch gerade in diesem unerschütterlichen Glauben an das Unmögliche liegt der Schlüssel zu bedeutenden Durchbrüchen. Und vielleicht ist es genau dieser Glaube, der die Welt immer wieder aufs Neue verändert – und mit der Welt den Menschen selbst.

Natürlich birgt das Streben nach dem Unmöglichen Risiken und Rückschläge. Doch jeder Fehlversuch ist eine wertvolle Lektion, die uns näher an unser Ziel bringt – einem Ziel der Entwicklung, das weitgehend im Dunkeln liegt. Der Einzelne mag sich entmutigen lassen, doch der Mut wächst nach und nach, bei ihm oder anderen, aus den Misserfolgen zu lernen und gestärkt daraus hervorzugehen.

In der Sphäre des Geistes ist nichts unmöglich. Dort existieren ewige Wahrheiten, die auf die Seelenwelten und auf unsere Welt einwirken. Die Bewohner der seelischen Welten vermögen es, den Impulsen des Geistes auf immer neue Weise Gestalt zu verleihen – in Entwicklungen „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“. Unser irdisches Leben ist demgegenüber ein Spiel unzähliger Möglichkeiten, die verwirklicht werden wollen. Zahlloses wartet darauf, einen Schritt zu gehen, doch nichts erreicht seine Vollendung. Die Potenziale erscheinen grenzenlos, sie entspringen den Wahrheiten des Geistes, die allem Leben zugrunde liegen.  Ihre Verwirklichung ist in unserer Welt aber nur begrenzt möglich und die Bemühungen darum rufen stets auch ihr Gegenteil hervor.

Wenn die Impulse, die wir empfangen, Unmögliches beinhalten, welchen Sinn haben sie dann? Könnte in ihnen ein Ruf und eine Aufforderung zu seelischer Verwandlung liegen, zu einem Aufsteigen in geistig-seelische Welten, dorthin, wo die Verwirklichung möglich ist? Und könnte in ihnen zugleich das Angebot einer Hilfe „von oben“ liegen?

In der jüdischen und christlichen Tradition gibt es eine Reihe von Episoden und Metaphern, die sich in diesem Sinne interpretieren lassen. Mancherlei Erzählungen in der Bibel lassen sich als Gleichnisse deuten.

Mose und das geteilte Meer

„Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken; und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken“ (Ex 14, 21-22; Lutherbibel 1987).

Mose wollte das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten zu befreien und in das von Gott verheißene Land Kanaan führen.

Kanaan, das „Gelobte Land“, können wir gleichnishaft als ein Bild für die Geist-Seelen-Welt verstehen, die allen Menschen in Aussicht gestellt ist. Der Weg dorthin ist ein innerer Weg. Mose lässt sich als Symbol für unser Bewusstsein begreifen, das vom göttlichen Impuls ergriffen und durchdrungen ist. Tiefe Resonanzen stellen sich ein, Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem göttlichen Ursprung flammt auf. Der Ursprung ruht in der Tiefe unseres Innern. Aber wie sollen wir dorthin gelangen, wie können wir die Verbindung zu ihm herstellen? Dies bedarf tiefgreifender seelischer Verwandlung.

Einer solchen Verwandlung stellt sich alles in den Weg. Wir selbst, die wir uns nach neuen seelischen Dimensionen sehnen, sind dabei das größte Hindernis. Bis in unser Blut, bis in alle Zellen des Körpers werden wir von unserem aktuellen Zustand beherrscht, unserem Dasein in einer Welt, in der die Schicksalsmächte wirken und wir den atmosphärischen Kräften ausgeliefert sind, die die Menschheit täglich erzeugt und verstärkt. Und nicht zuletzt sind es unsere eigenen Lebensstrategien, die uns an das binden, was wir aktuell sind. Wir sind der „Hüter der Schwelle“, der Gefängniswärter unseres Daseins, der uns ein Entkommen von uns selbst nicht erlaubt. Das „Gelobte Land“ leuchtet zwar in unserer Sehnsucht auf, wir wissen innerlich, da ist noch etwas in uns, etwas Großes, aber das „Rote Meer“ hält uns ab davon, die Macht unserer Blutsbeschaffenheit. In der Kabbala, der jüdischen Geheimlehre, symbolisiert das Rote Meer die Klipot, die Schalen oder Hindernisse, die das göttliche Licht verbergen und die spirituelle Erleuchtung des Menschen blockieren.

Das Volk Israel – verstehen wir es als Symbol für die Menschheit – ist in „Ägypten“ versklavt, in unserer materiellen Welt. Und das kann noch lange fortdauern. Doch „Mose“, unser Bewusstsein, hat einen Ruf empfangen, einen beunruhigenden Impuls. Eigentlich will er ihm nicht folgen, doch er kann ihm nicht entkommen; der Impuls ist zu machtvoll, ergreift ihn immer wieder und entflammt schließlich in Mose die Glaubenskraft, dass der Weg doch (irgendwie) gangbar ist. Obwohl er als unmöglich erscheint …

Der entflammte Glaube entbindet die göttliche Hilfe. Mose und die Israeliten gelangen vor das Rote Meer. Ihr Weg scheint nach kurzem Anlauf schon zu Ende zu sein. Die „ägyptischen Soldaten“ kommen näher– es sind unsere Prägungen und Verstrickungen, die uns an unsere bisherige Welt binden. Wir erleben sie so deutlich wie nie zuvor. Sie sind viel zahlreicher, stärker und bedrohlicher für unseren Weg, als wir es für möglich gehalten haben. Doch nun geschieht das Wunder: Die Wasser teilen sich und wir ziehen trockenen Fußes hindurch. Der befreiende Weg eröffnet sich dem Bewusstsein. Er ist ja in uns angelegt, nur haben wir ihn noch nie vor uns gesehen. Jetzt zeigt er sich – unser Glaube hat innere Berge versetzt. Wir erreichen das andere Ufer. Gott lässt das Meer, so heißt es in der biblischen Geschichte, zurückfluten. Die ägyptische Armee wird vernichtet (Ex 14, 28).

Die Wüste

Ist es tatsächlich so einfach? Es war ein erleuchtender Moment, der im Bewusstsein einen ersten Durchbruch herbeiführte, ein untrügliches Zeichen, dass es den Weg gibt und wir zu ihm gerufen sind. Das „Gelobte Land“ ist da, der neue seelische Zustand wartet auf uns. Die erste große Begrenztheit, die Verdunkelung des Bewusstseins haben wir überwunden. Das war ein entscheidender Schritt. Mit neuen Augen sehen wir nun aber, was vor uns liegt: der gesamte Prozess der Verwandlung, der bis in die Körperzellen hinein stattfinden muss. Es muss eine innere Struktur entstehen, die der Seele den Eingang in die Geist-Seelen-Welt ermöglicht.

Und so beginnt nun eine 40-jährige Wanderung durch die Wüste, das heißt eine lebenslange Wanderung. Ohne Hilfe „von oben“, ohne innere Führung wäre sie nicht zu bewältigen. Auch die gegenseitige Unterstützung in einer Gruppe Gleichgesinnter erscheint unabdingbar. Die Israeliten empfangen Manna und Wasser vom Himmel. Die sich neu regenden Seelenkräfte müssen im alten System Fuß fassen, ja müssen die bisherigen Motivationen und Überlebenskünste überwinden. Ist das zu schaffen? Welch ein Mut ist dafür erforderlich! Zweifel treten auf. Wir leben ja weiter in unserer bisherigen Umgebung, in den Beziehungen zum Partner, den Kindern, den Freunden, in all den Herausforderungen im Beruf, in finanziellen und gesundheitlichen Sorgen. In all dem sollen wir uns nun vollkommen neu erleben. Inmitten des Alten sollen wir das Leben neu erfinden. Alles, was schön ist und zugleich beängstigend, was Höhepunkte beschert und zugleich Tiefschläge – all das tritt nach und nach in eine neue Wahrnehmung, eine Art parallele Wahrnehmung. In ihr erscheint als „Wüste“, was nicht aus den göttlichen Werten und Idealen lebt. Das Dasein wird auf neue Weise zum Abenteuer, zum Ort und Zustand immer neuer Prüfung. Schaffen wir es, aus den Idealen zu leben, die aus unserem Innern emporsteigen, auch wenn sie sich hier nicht verwirklichen lassen, den Idealen, die uns Wegweiser zum „Gelobten Land“ sind?

Wir gehen weiter. Wir haben den festen Entschluss gefasst und wollen ihm folgen. Wir haben die erleuchtende Erfahrung gemacht, die Vorschau auf den Weg. Mose – unser Bewusstsein – wandelt allmählich, es erhebt sich mehr und mehr zu dem, was kommen will. Die größte Erhebung, die alles Bisherige in den Schatten stellt, findet „auf dem Berg Sinai“ statt. In leuchtender Klarheit, losgelöst von allen Bindungen, empfängt Mose die Gesetzestafeln, die fundamentale Richtschnur für den Weg. Er wird dazu in die geistig-seelische Welt entrückt.

Schließlich aber zeigt sich, dass Mose selbst das Gelobte Land gar nicht betreten kann. Er vermag es nur aus der Ferne zu sehen. Das menschliche Bewusstsein, die irdische Identität, kann uns nur bis an die Grenze der Seelenwelt führen. Dort wartet eine neue Identität auf uns: unser göttliches Selbst. In der biblischen Geschichte ist es Joschua, der die Seele in der Seelenwelt verankert. Er entspricht Jesus, dem „Sohn“, dem ursprünglichen Menschsein.

Jeder Mensch ist zu einem „Exodus“ aus der jetzigen Welt gerufen. In jedem wogt das „Rote Meer“ und trennt ihn von den Seelenwelten und seiner wahren Identität. In jedem kann sich die innere Führung entwickeln, kann der „Prophet“ erwachen und ihn aus einem Dasein herausführen, das sich für den göttlichen Seelenkeim als „Sklaverei“ darstellt. Die ursprüngliche Heimat der Seelen sendet einen Ruf aus. Wer ihn in sich verspürt und von ihm beunruhigt wird, steht vor der Frage: Habe ich den Mut, diesem Ruf zu folgen?

Tut er es, unbeirrt, wird das Unmögliche nach und nach in ihm zur Wirklichkeit. Denn unsere ursprüngliche Natur liegt ja wie ein Keim in uns. Und der bricht auf, wenn seine Zeit gekommen ist.

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Datum: September 25, 2026
Autor: René Lukas (Germany)
Foto: ocean-Bild von 춘성 강 auf Pixabay CC0

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