Religiöse Kunst im Vishnu Tempel Changu Narayan, Nepal – Teil 2

Zwei Skulpturen bilden die göttliche Hilfe ab, die ein Mensch empfangen kann

Religiöse Kunst im Vishnu Tempel Changu Narayan, Nepal – Teil 2

Die Darstellung Vishnus in seiner kosmischen Form (Vishnu Vishvarupa) geht auf die Bhagavadgita[1] zurück. Die Bhagavadgita ist ein Teil des großen indischen Epos Mahbarata, und eines der heiligsten und am weitesten verbreiteten Bücher des Hinduismus. Es beschreibt den Kampf Arjunas mit seinen Verwandten um den Thron des Königreichs Hastinapura. Vordergründig ist das Mahabarata, und auch der Bhagavadgita, eine historische Erzählung, wie die zwei verwandten Stämme um die Herrschaft dieses Königreichs kämpfen.

Dieser Kampf kann jedoch auch mystisch auf die Evolution des einzelnen Menschen, wie auch der Menschheit insgesamt übertragen werden. Die zwei kämpfenden Stämme können mit den beiden im Menschen verankerten Möglichkeiten einer irdisch-materiellen und einer auf spirituelle Entwicklung ausgerichteten Möglichkeiten gesehen werden. Vishnu in der Inkarnation Krischnas belehrt Arjuna – den auf spirituelle Entwicklung ausgerichteten Teil des Menschen -, wie er die auf die materielle Entwicklung ausgerichteten Wünsche und Bedürfnisse überwinden kann. Die Schlacht, die in der Bhagavadgita beschrieben wird, „… bezieht sich nicht nur auf den großen Ringkampf, welchen die Menschheit als ein Ganzes durchführt, sondern auch auf den Kampf, welcher unvermeidlich wird, sobald irgend ein einzelnes Mitglied der Menschenfamilie den Entschluss fasst, seiner höheren Natur die Führung seines Lebens zu übertragen.“ [2]

Der innere Kampf

Das Gespräch zwischen Krishna und Arjuna findet auf dem Schlachtfeld im Raum zwischen den beiden Armeen statt. In der Form des Lenkers von Arjunas Streitwagen belehrt Krishna Arjuna in 18 Kapiteln über die unterschiedlichen Aspekte des Weges zur Ergebenheit und zur Überwindung des Rades von Geburt und Tod.  Arjuna will nicht gegen seine Verwandten kämpfen und bittet Krishna um Rat. Dieser betont die Umabwendbarkeit des Kampfes und der Pflichterfüllung und verlangt von Arjuna, um sein ihm rechtmäßig zustehendes Königreich zu kämpfen und zu siegen. Nach verschiedenen Fragen und Zweifeln kommt Arjuna nach den Belehrungen Krishnas zu dem Punkt, dass er sagt: „Du allein erkennst Dich durch Dein Selbst … Du allein kannst Deine göttlichen Kräfte völlig erklären … Wie soll ich, o geheimnisvoller Herr, fähig werden Dich zu erkennen?… Du Zuflucht der Sterblichen, verkünde mir alle Deine Kräfte und Formen der Manifestation …[3]  Als Antwort auf diese Frage sagt Krishna: „Ich bin das Ego, welches in den Herzen aller Wesen sitzt. Ich bin Anfang, Mitte und Ende aller Kreaturen“[4]. Nach dieser Erklärung bittet Arjuna darum, Krishna in seiner göttlichen Manifestation sehen zu dürfen, und Krishna antwortet:

Erschaue …  meine Formen nach Hunderten und nach Tausenden, in vielerlei göttlicher Art, in vielen Formen und Abarten … Da du aber mit deinem natürlichen Auge mich nicht sehen kannst, will ich dir das göttliche Auge geben. Erkenne meine höchste Macht als Gott!“. [5]

In einer mächtigen Vision wird Arjuna von Krishna in ein Universum geführt, das über das menschliche Wahrnehmungsvermögen weit hinausgeht. Diese Vision der göttlichen Erscheinung ist das Thema der Skulptur Vishnu Vishvarupas. Es ist die Interpretation der Vision Arjunas durch den namenlosen Künstler, der diese Skulptur vor vielen Jahrhunderten erstellte. Sie zeigt im unteren Teil die Schlange der Ewigkeit, auf der Vishnu in tiefer Konzentration im kosmischen Ozean ruht. Im oberen Teil wird Vishnu als Herrscher über alle Welten mit 10 Köpfen dargestellt. Er wird getragen von Elefanten und seinem Reittier, dem Garuda. Götter, Göttinnen und Halb-götter huldigen ihm. In seinen 10 Armen hält er die Symbole der Macht, der Magie und des ewigen Wissens. Die Darstellung Vishnus ist die eines erhabenen Sonnengottes, der die Welt immer wieder beschützt und erhält, und der den Tod überwunden hat. In der Bhagavadgita spricht Krishna zu Arjuna nach dieser Vision:

„Du hast meine Form gesehen, welche schwer zu sehen ist und nach welcher selbst die Götter beständiges Verlangen haben. Aber so wie ich mich dir enthüllt habe, bin ich durch kein Studium der Veden … zu erschauen. Nur durch jene Ergebenheit, welche mich allein zum Ziel hat, kann man sich mir nähern, mich sehen und in Wahrheit erkennen.“[6] 

Damit deutet Krishna den Weg der spirituellen Entwicklung an. Ist der Tempel Changu Narayan mit seinen Statuen und Skulpturen das Kunstwerk, das zur Verwirklichung eines neuen aus einer anderen Welt stammenden Bewusstseinszustands führen will? 

Die beiden besprochenen Skulpturen zeigen den Weg zur Überwindung von Leid, Krankheit und Tod (Vishnu Trivikranta) und das Ziel, die Auferstehung (Vishnu Vishvarupa). Es sind zwei Skulpturen, die Hoffnung, Zuversicht und Freude ausstrahlen. Es sind Kunstwerke, ganz im Sinne der Worte in der Einleitung zu diesem Artikel. Sie erinnern auch an Worte des Paulus: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod wo ist Dein Stachel?[7]

 

Vishnu

Image: Horst Matthäus.

Swami Avinashananda fasst Vishnus Erscheinungen wie folgt zusammen: „Vishnu, Beschützer von Allem, er den keiner täuschen kann, er machte drei Schritte und gründete damit die Lehre. Wie Augen den alles umspannenden Himmel erfahren, so erfährt der Weise den übernatürlichen Status Vishnus. Der Weise, der immer voll von Gebeten und Erwachen ist, kann die Göttliche Erscheinung Vishnus erfahren[8]“. 


[1] Bhagavadgita, The book of devotion; translated by William G. Judge; The Theosophy Company, Los Angeles, 1934 (https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.52397/page/n3/mode/2up)

[2].Ibid., Introduction, p. XV

[3] Ibid., Chap. X, p. 72

[4] Ibid., Chap.X, p. 73

[5] Ibid., Chap. XI, p. 78-79

[6] Ibid., Chap. XI, p. 88

[7] Paul, Corinthians 15, 55-56

[8] Avinashananda, Swami: Cultural Heritage of India, V.II Rig-Veda

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Datum: Juni 16, 2020
Autor: Horst Matthäus (Germany)
Foto:  Horst Matthäus

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