Die Suche

Wir haben etwas Wesentliches verloren. Die Suche danach hört nicht auf. Oder doch?

Die Suche

Es ist eine Eigenschaft des Menschen, unablässig nach etwas zu suchen. Fortwährend wartet er auf irgendetwas. Findet er das Gesuchte oder scheint das von ihm Erwartete sich zu erfüllen, so stellt sich in der Regel bald heraus, dass das, was er gefunden hat, nicht annähernd dem entspricht, wonach er suchte. Wenn sich das im Laufe des Lebens mehrfach wiederholt, so kann sich die Überzeugung bilden, dass sich das Leben um das „Suchen“ und nicht um das „Finden“ dreht. Allerdings steht das im Widerspruch zu dem bekannten Vers aus dem Evangelium nach Matthäus: „Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Mit der Liebe zu einer Person verhält es sich ähnlich. Wir suchen einen Menschen, verlieben uns in ihn, und mit der Zeit zeigt die geliebte Person uns eine Seite, die wir vorher nicht kannten. Oftmals wird dann die Liebe getrübt oder erlischt gänzlich. Und die Suche geht „von vorne los“. Aber: Muss es immer so sein?

Innerer Schmerz ist Ausdruck für die Sehnsucht nach etwas Wesentlichem, das fehlt. Dieses schmerzliche Gefühl entspringt letztlich aus der „Erinnerung“ an eine verloren gegangene Vollkommenheit, die aus der Tiefe des Herzens zu uns spricht. Ein unsterblicher Wesenskern macht sich bemerkbar. In jedem sterblichen Menschen wirkt ein göttliches Element, das sich nach der Welt der Ewigkeit sehnt. Deswegen können in unserer Welt kein Ruhm, kein Erfolg, keine Errungenschaften uns gänzlich zufrieden stellen. Es gibt nur ein einzig Notwendiges zu tun: den verlorenen Zustand der Vollkommenheit wieder herzustellen.

Das Gleiche gilt für die Liebe. Keine sterbliche Person kann unser Ideal erfüllen, weil das Herz nach etwas Höherem sucht. Tief in seinem Inneren weiß das Herz, dass die ewige Liebe existiert und irgendwo zu finden ist. Aber sie kann sich nicht in der äußeren Welt, der Welt der Erscheinungen manifestieren, in der früher oder später alles dem Gesetz der Vergänglichkeit unterliegt. Es muss also eine vollkommene, eine göttliche Welt geben. Unbewusst richtet sich die Suche auf sie; sie ist Quelle und Ziel der tiefsten Sehnsucht.

Jan Amos Comenius (1592-1670), der der Gemeinschaft der Böhmischen Brüder angehörte, schrieb in dem Werk Das einzig Notwendige: „Wenn uns Sterblichen das Verlangen nach etwas Besserem und das fortwährende Streben, es zu erreichen, angeboten ist, warum zweifeln wir dann daran, einmal doch am Ziel zu stehen? Wenn Gott und die Natur nichts vergeblich tun – und das ist ein auf Erfahrung beruhender Lehrsatz –, warum sollte Gott Gefallen daran haben, in das Menschenherz eine so tief wurzelnde Sehnsucht zu pflanzen, wenn er sie nie stillen will? Das wäre widersinnig! Dann müsste man annehmen, dass Gott entweder unsere Sehnsucht und ihr Ziel nicht kennt oder weder Macht und Einsicht noch den Willen hat, uns an dieses Ziel zu bringen. Das ist jedoch undenkbar, es sei denn, man müsste Gott die Allmacht, Allwissenheit und Allgüte absprechen. Oder trauen wir dem ewigen Gott nicht zu, was wir einem vergänglichen Menschen zutrauen?“[1]

Es ist eine Zusicherung an das sehnende Herz, die Comenius ausspricht, um es zu beruhigen, zu trösten und zur Suche zu ermutigen, in der richtigen Richtung.

 

 


[1]     J.A. Comenius: Unum Necessarium – Das einzig Notwendige, 2., überarb. Druck, modernisiert nach der 1. Ausgabe 1904, Rosekruiz Pers, Haarlem; Kapitel 1, Vers 21, Zeile 1-14, Seite 45,

 

 

 


[1] Jan Amos Comenius, „Unum necessarium”, translated by Vernon H. Nelson, Moravian Archives, http://moravianarchives.org/images/pdfs/Unum%20Necessarium.pdf

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Datum: Oktober 22, 2017
Autor: Joanna Sachse (Poland)

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