Der Mut, der Schöpfung zu begegnen, entwickelte sich lange bevor wir geboren wurden.
Man könnte diese besondere Zeit die Zeit des Paradieses nennen. Es war sicherlich eine glückliche Zeit, in der aber der Mensch gleichzeitig in einem Zustand kindlicher Undifferenziertheit lebte. Er lebte in einem Milieu, das aus Licht und Liebe bestand, in dem er, als Gottes Ebenbild geschaffen, vollkommen aus einer kindlichen Unwissenheit lebte.
Dieser Zustand konnte nicht ewig währen, wenn der Mensch wirklich zu diesem Ebenbild Gottes werden sollte. Der Anspruch Gottes an den Menschen ließ den „Baum der Erkenntnis“ im Paradies wachsen.
Es erfordert sehr viel Mut, von diesem Baum zu essen. Kati Wüthrich, eine Schweizer Puppenspieltherapeutin, prägte in ihrem langen Arbeitsleben den Satz:
Der Mut zum Erlebnis kommt vor dem Ergebnis.
Diesen Weg des Erlebens gehen die Menschen immer, irgendwann. In dem Moment, in dem sie den Mut besitzen, von den Früchten zu essen, um den undifferenzierten Zustand des Paradieses zu überwinden, werden sie im Wechselspiel von Licht und Dunkelheit, von Tag und Nacht, von Teilung und Ganzheit geboren.
In der Nacht öffneten sich die Tore nach innen und so, wie ein vergessenes Bewusstsein hervortrat, erkannte der Mensch die Tiefe und Vielgestaltigkeit seines Universums. Am Tage dagegen wurde er nach außen gezogen in die lichte Welt der festen Formen.
Die Nacht, sich immer wieder neue Räume erschließend, war für die Furchtlosen, die mutig Wand um Wand durchstießen und Raum um Raum durchschritten. Das taten sie und sie tun es bis heute.
Am Tag sind es die Mutigen, die sich in der Welt der scheinbar festen Formen verlieren, um ihre Polaritäten und Strukturen zu erforschen. Was am Tage ein sicheres Zugreifen und Vermessen ist, wird in der Nacht zu einem vorsichtigen Vorwärtstasten im Dämmerlicht schemenhafter Konturen, voll neugieriger Angst und sehnsuchtsvoller Unruhe – mutig nach dem nicht Vorhersehbaren greifend.
Das Tageslicht macht die Dinge fest und flach, gibt ihnen eine konkrete Kontur mit einem wissenschaftlichen Sinn. In der Nacht verwandeln sie sich in Schemen, lösen sich auf, und alles bekommt einen anderen Sinn.
Der Himmel zeigt sich am Tage als eine feste blaue Kuppel, während in der Nacht mit nachlassendem Licht sein sehnsuchtserfülltes Wesen von grenzenloser Tiefe sichtbar wird, mit den zahllosen Formen und Farben des Lichtes in der Dunkelheit spielend.
Die Nacht gibt so dem tastenden Sinn beständig eine neue Erfahrung, die in dem Erahnbaren über die Sinnenwelt hinauswächst.
Der Tag gehört der exakten Wissenschaft, die Nacht der Religion. Die Wissenschaft trägt in sich einen dunklen Keim einer schemenhaften Bedeutungstiefe mit einer hellen Aura der festen Formen, um deren Bedeutung ständig gerungen wird.
Die Religion hat einen festen lichtvollen Kern göttlicher Offenbarungsmacht, deren Aura dunkel und schemenhaft bleibt, dem sehnsuchtsvollen Tasten zugetan, um der wahrnehmbaren Sehnsucht Tiefe zu verleihen.
Beide Reiche sind von hohen Mauern umschlossen, mit einem Tor versehen, das immer offen steht. Über beiden Toren steht in goldenen Buchstaben:
Tretet ein, die ihr mutig seid!
Die Kunst des Menschen, aus Schmerz und Mut zur Weisheit geboren, besteht darin, diese beiden Welten, diese beiden Wesensteile des Menschen wieder zu einem Ganzen zu verschmelzen, damit jede Undifferenziertheit und Unwissenheit aufhört.
Dafür braucht es den Mut, in das Herz hinabzusteigen, um in den Spiegel zu schauen. Der Spiegel im Herzen ist eines der geheimnisvollsten Organe des Menschen. Wer ihn schaut, erfährt eine Verwandlung, die alles bisher für möglich Gehaltene übersteigt.
Der Blick in diesen Spiegel ist wie eine Reinigung. Alles, was Geschichte ist, zieht in schemenhaften und festen Formen vorüber. Alles zeigt sich im Licht seiner wahren Zusammenhänge. Wer in den Spiegel schaut, löst sich langsam aus der Bindung an die Geschichte und lässt den Spiegel zu einem stillen Beobachter werden. Eine Stille durchzieht das Wesen, die den Spiegel langsam leert.
Das Wesen, das zu einem leeren Spiegel führt, beschreibt der chinesische Dichter und Philosoph Zhuang Zi wie folgt:
Er geht den Dingen nicht nach, und er geht ihnen nicht entgegen.
Er spiegelt sie wider, aber hält sie nicht fest.
Er kann die Welt überwinden, aber wird nicht verwundet.
Er ist nicht der Sklave seines Ruhms.
Er hegt keine Pläne.
Er gibt sich nicht ab mit den Geschäften.
Er ist nicht der Herr des Erkennens.
Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich.
Er weilt jenseits des Ichs.
Bist aufs Letzte nimmt er entgegen, was der Himmel ihm spendet,
und hat doch, als hätte er nichts.
Seine Haltung bleibt demütig.
Diese innere Einstellung führt über den Mut zur Demut. Wir leben in einer Zeit, in der Mut und Demut nicht besonders populär sind. Aber es kündigt sich bereits jetzt eine Zeit an, in der die Menschen wieder mehr Mut brauchen werden. Mut zum Erlebnis, der im Ergebnis zu einer Transformation der Seele führt, wie sie Zhuang Zi beschreibt.
Der Mut zum Erlebnis kommt vor dem Ergebnis.
