Früher oder später spürt jeder Mensch den Riss im eigenen Wesen. Durch ihn vermag er den Ruf zu vernehmen, der von seiner vollständigen, wahren Individualität ausgeht.
There is a crack in everything, that’s how the light get`s in.
(Leonard Cohen)
Wer sich mit dem Thema „Mut“ beschäftigt, kann auf den amerikanischen Psychologen und Autor Dr. David R. Hawkins stoßen. Er veröffentlichte 1995 das Konzept einer Bewusstseinsskala, die in einer Stufenfolge von 0 bis 1000 verschiedene Bewusstseinszustände und Emotionen einander zuordnet. Dabei gibt er dem Mut eine ganz besondere Stellung, und zwar die eines Wendepunkts in der Bewusstseinsentwicklung. Hawkins sieht seine „Kalibrierung“ als allgemeingültig an. Die Abstufungen seien in unzähligen kinesiologischen Muskeltests bestätigt worden und könnten zu jeder Zeit überprüft werden. Man kann von seelischen Schwingungszuständen sprechen, die sich an der Skala menschlicher Verhaltensweisen und Zustände ablesen lassen.
Die folgenden Betrachtungen knüpfen zunächst an die Sicht von Hawkins an. 0 steht bei ihm für den Tod und 1000 für die höchste Stufe, die Erleuchtung. Die niedrigste Emotion ist für ihn Scham/ Selbstablehnung (20), danach kommen Schuld (30), Apathie/ Hoffnungslosigkeit (50), Trauer (75), Angst (100), Verlangen/ Gier (125), Ärger (150) und Stolz (175). Alle Zustände unter dem Wert 200 sind, so Hawkins, energieraubend, einschränkend und ungesund. Diese würden uns wie Sandsäcke an einem Heißluftballon nach unten ziehen. Menschen mit diesen Emotionen seien in einem defizitären Zustand und können die Tendenz haben, Energie von anderen Menschen abzuziehen.
Erst ab einem Wert von 200 höre der Mangel auf, und der Mensch komme in eine positive energetische Bilanz. Dies ist der Wert von Mut. Er ist für Hawkins der Umkehrpunkt, der Wendepunkt, an dem der „Ballon“ anfängt zu steigen. Emotionale Reaktionen werden von nun an mehr und mehr abgebaut. Es folgen in der Skala die Neutralität (250), Bereitwilligkeit (310), Akzeptanz (350), Vernunft (400), Liebe (500), bedingungslose Liebe/ Daseinsfreude (540), Frieden/ innere Stille (600) und Erleuchtung/ göttl. Bewusstsein (700-1000). Man wird sagen können, dass ab einer bestimmten Bewusstseinsebene der seelische Schwingungszustand nur noch aus einem höheren Energiefeld zu erklären ist, dem Anteilbekommen an einer „Welt der bedingungslosen Liebe und des Friedens“.
Interessant ist auch, dass laut Hawkins jede Bewusstseinsebene reflexhaft ein bestimmtes Selbstbild und Gottesbild bzw. eine göttliche Idee mit sich bringt.
Mut (200) = Ich kann über mich hinauswachsen = Gott steht hinter mir.
Stolz (175) = Ich bin besser als die anderen = Ich brauche Gott nicht.
Ärger (150) = Ich muss kämpfen gegen etwas oder jemanden = Gott ist ungerecht.
Verlangen (125) = Ich habe nicht genug = Gott enthält mir das Gute vor, gönnt es mir nicht.
Angst (100) = Ich bin in Gefahr = Gott bestraft mich.
Trauer (75) = Ich verliere was mir wichtig ist = Gott lässt mich im Stich.
Apathie (50) = Es gibt keinen Ausweg für mich. Es ist hoffnungslos = Gott verdammt mich.
Schuld (30) = ich habe Strafe verdient = Gott ist nachtragend.
Scham (20) = ich bin es nicht wert, geliebt zu werden = Gott verachtet mich.
So weit das von Dr. Hawkins entwickelte Bewusstseinskonzept.
Was kann dies nun für einen Menschen bedeuten, der nach innerer Verwirklichung, nach tiefer Transformation sucht?
Der Motor, der Dreh- und Angelpunkt für eine innere Entwicklung ist der Mut. Mut ist im eigentlichen Sinne keine Emotion. Es ist vielmehr eine Eigenschaft, die verwandt ist mit dem klassischen Tugendbegriff der alten Griechen: Tapferkeit.
Wenn wir Mut genauer betrachten, können wir feststellen, dass er ja oft gar nicht da ist, wenn er am meisten gebraucht wird. Daher heißt es im apokryphen Evangelium nach Maria: „Habt Mut! Und wenn ihr jetzt mutlos seid, habt dennoch Mut!“
Mut ist etwas, das oft latent ist und bewusst „belebt“ werden kann. Ja, es geht dabei immer über ein Überwinden von etwas, vor dem wir mit einem großen Teil unseres Wesens zurückweichen.
Doch wovor weichen wir zurück, und wo wollen wir hin? Wozu denn Mut haben?
Wenn wir an dieser Stelle ganz groß denken und unsere alltäglichen Überwindungen im Alltag außer Acht lassen, die natürlich auch ihre angemessene Bedeutung haben – was ist das, wovor wir die größte Angst haben und wofür ein Maximum an Mut nötig ist?
Die größte Angst, die wir haben (auch wenn wir uns dies nur selten bewusst machen), ist wohl die Angst vor dem Tod. Sie begleitet uns die meiste Zeit unseres Lebens. Fürchten wir uns vor einem Nicht-Sein, einem Nicht-mehr-Vorhandensein? Oder haben wir, wenn wir von einer Verwandlung ausgehen, Angst vor dem, was uns erwartet?
Die größte und tiefste Sehnsucht, die in uns lebt (auch wenn sie meist im Unbewussten bleibt), ist die Sehnsucht nach der Wiederverbindung mit dem Göttlichen, mit der göttlichen Einheit. Aber ähnlich wie beim Tod können wir nicht begreifen, was da wirklich auf uns zukommt. wenn sich die Sehnsucht erfüllen sollte. Wäre es hier ebenfalls ein Nicht-mehr-Sein? Oder erwartet uns eine weitreichende Verwandlung, in der sich unser bisheriges Sein auflöst? Das Göttliche kann nicht gekannt werden. Wir können es nicht integrieren in unser altes Wahrnehmungs- und Verarbeitungssystem. Genauso wenig wie ein Fluss das Meer aufnehmen kann.
Es kann nur umgekehrt sein: Unser Ich-Bewusstsein muss integriert werden, muss gekannt und verarbeitet werden vom göttlichen Geist. Das Meer kann den Fluss mit Leichtigkeit aufnehmen.
Krishnamurti sagte: „Man hat nie Angst vor dem Unbekannten; man hat Angst davor, dass das Bekannte zu Ende geht.“
So regt sich also in unserer Tiefe auch eine Angst vor dem, was wir uns als Erfüllung ersehnen. Denn wird es „uns“ dann überhaupt noch geben?
Nur der Mut kann uns weiterführen.
Der Mut zum Loslassen des uns Bekannten, um das Unbekannte in unser Leben zu lassen. Wir müssen uns selbst loslassen, um eine neue Stufe des Werdens zu ermöglichen.
Jesus sagte: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden“ (Matth. 16,25).
Wie viel Prozent unserer Lebenszeit sind wir mit Emotionen beschäftigt, die uns einschränken und niederdrücken? Und den ihnen entsprechenden Denkmustern, Körperempfindungen und den damit einhergehenden, meist unbewussten negativen Selbstbildern und Gottesbildern.
Gleichzeitig gibt es in jedem Moment die Möglichkeit, sich den inneren Ruck zu geben, sich vom Geschlossenen, in dem wir verhaftet sind, hin zum Offenen zu wenden, das Freiheit und Verwandlung bedeutet. Wir haben also die Wahl zwischen zwei völlig verschiedenen Zuständen unseres Herzens.
In der Regel leben wir in einem geschlossenen Wahrnehmungsraum – einem geschlossenen System, das sich selbst bestätigt. Unsere Überzeugungen, Erfahrungen und Gedanken kreisen in bekannten Bahnen, verstärken sich gegenseitig und schaffen eine scheinbare Gewissheit: So ist die Welt. So bin ich.
So können die energieraubenden, uns knechtenden Bewusstseinsstufen von Hawkins als kleinere Einheiten, als wechselbare Wahrnehmungskabinen innerhalb eines Wahrnehmungsraums gesehen werden, die jeweils ihre in sich plausiblen Narrative haben. Doch sie können, gerade wegen ihres leidvollen und begrenzenden Charakters, auch hilfreich sein. Sie können die Sehnsucht nach dem Offenen stimulieren, so dass wir nach einem Ausweg suchen – nicht nur aus einer negativen Gemütsverfassung, sondern aus unserem grundlegenden existenziellen Dilemma.
All diese Räume sind wie ein Gefängnis für unsere Seele. Sie filtern das Neue, das Fremde, das Unbekannte weitgehend heraus. Sie schützen, aber engen auch ein und halten fest. Das Geschlossene bewahrt Stabilität, doch es verhindert Wandel.
Dem gegenüber steht das Offene – das Wagnis, sich von Gewohnheiten zu lösen, neue Perspektiven zuzulassen, Unsicherheit zu ertragen, Anhaftungen als Fesseln wahrzunehmen. Es ist der Schritt ins Unbekannte, der die alten Mauern durchdringt und sich für das unbegrenzte, ganze Leben, die Ewigkeit öffnet.
Leonard Cohen brachte in seiner Hymne Anthem eine tiefe Wahrheit über das menschliche Dasein zum Ausdruck:
There is a crack in everything, that’s how the light get`s in.
(Es ist ein Riss in allen Dingen, so kommt das Licht herein.)
Früher oder später spürt jeder Mensch diesen Riss in sich – eine Brüchigkeit, die beunruhigt. Es kann ein Verlust sein, eine innere Erschütterung, das plötzliche Gefühl, dass das gewohnte Leben nicht mehr trägt. Der Riss reißt Sicherheiten auf, lässt die Plausibilität des geschlossenen Systems zerbrechen.
Doch Cohen zeigt: Gerade darin liegt eine Chance. Erst wenn das Alte bricht, kann etwas Neues hindurch scheinen. Der Riss ist nicht das Ende – er kann der Anfang einer großartigen Entwicklung sein. Hin zu dem, wonach wir uns in der Tiefe unseres Herzens sehnen. Zu dem, was uns wirkliche Erfüllung, Frieden und Lebendigkeit unmittelbar in Aussicht stellt.
Viele Bemühungen der Menschen, individuell wie im Kollektiv, zielen allerdings darauf ab, die entstehenden Risse mit allen Tricks und Raffinessen wieder zu kitten, unsichtbar zu machen oder darüber hinwegzutäuschen. Ständiges Beschäftigtsein, mediale Ablenkungen, Suchtmittel aller Art, Medikamente, der Glaube an die Rettung von außen durch technischen Fortschritt, Politiker oder große Helden auf der Weltenbühne, vielleicht auch manche Therapien oder esoterische Praktiken erfüllen mehr oder weniger unbewusst diesen Zweck. Global gesehen spielt hier die Zunahme von Kontrolle und Überwachung eine bedeutende Rolle.
Gerade in Anbetracht des aktuellen Weltgeschehens ist es überaus erstaunlich, wie groß solche Risse werden können, ohne dass sich im Kollektiv der Menschheit tiefere Erkenntnisse und ein Infragestellen vorgegebener Narrative und Weltbilder einstellt.
Und nun nochmals die Frage: Wozu braucht es Mut in diesem Zusammenhang?
Sicherlich muss sich im Menschen zuallererst ein aufgewachtes, sich sehnendes Herz entwickelt haben. Und dann ist da ein Riss in der eigenen vertrauten Lebenswelt sichtbar geworden, und er ist unübersehbar. Nun kann sich daraus eine Einsicht entwickeln, dass nicht nur eine kleine Änderung oder Anpassung im Lebensverhalten, sondern eine tiefe Lebensumkehr notwendig ist. Das Bisherige wird unter einem völlig neuen Licht betrachtet und prinzipiell hinterfragt. Das alte Lebenskonzept trägt nicht mehr. Die Erkenntnis entsteht, dass eine neue Kraft wirksam werden muss, die über unsere eigenen Vermögen hinaus geht und unsere Möglichkeiten übersteigt. Hier braucht es den Mut, sich das eigene strukturelle Unvermögen einzugestehen und die Bereitschaft zu entwickeln, sich an eine höhere Kraft zu wenden. Letztendlich geht es auch darum, prinzipiell dazu bereit zu sein, sich einer höheren Seins-Ordnung zu fügen und seinen Platz darin einzunehmen.
Es ist Demut.
Es ist die Einsicht: „… denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15,5).
Die Einsicht öffnet uns für den Glauben. Glaube hat hier nichts mit Fürwahrhalten von Glaubenssätzen zu tun. Der Glaube ist das Vermögen des Menschen, durch die Ausrichtung seines Herzens eine Verbindung herzustellen hin zu höheren Entwicklungsfeldern, die er weder greifen noch begreifen kann. Es braucht einen Glaubensakt, das Voraussetzen von ETWAS außerhalb unseres Verstandesbewusstseins, das viel mehr wir selbst sind, als wir es mit unserem alten Wesen je sein könnten. Ein ETWAS, das uns jederzeit empfängt und annimmt, wie und wo wir gerade sind. Ein ETWAS, von dem Hilfe und Führung ausgeht. Dieses ETWAS ist für uns NICHTS. Und es braucht Mut, sich diesem NICHTS völlig anzuvertrauen und das, was wir besitzen, loszulassen. Der Glaube entzündet die Potenzialität Gottes in uns. Sonst ist da nichts, wo wir unser Herz hinwenden könnten. Es entsteht die Ahnung und immer mehr die Gewissheit, dass der Riss in der eigenen Welt ein Weg in die Freiheit ist, dass sich dahinter das „wahre Leben“ und unser „wirkliches Selbst“ verbergen. Die Verbindung mit dem offenen Raum verleiht uns neue Kräfte und neuen Mut, um wiederum den nächsten Schritt gehen zu können. Es entsteht eine immer stärkere Sehnsucht nach dem, was hinter dem Riss zum Vorschein kommen will.
Es ist der Mut zum Glauben.
Die Verheißung erklingt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan“ (Matth. 7,7).
Nach der Einsicht und dem Glauben folgt die Tat. Die Tat ist ein NICHT-TUN den alten Ego-Strategien und -Mustern nach. Es ist ein Kapitulieren des Ich-Bewusstseins vor der gebrochenen Realität, wie sie sich jetzt gerade zeigt und ein Hingeben an den Strom des Lebens, ein Sich-Wegschenken an das Numinose, an den namenlos Unbekannten.
Es ist die radikale Akzeptanz von dem, was gerade in diesem Moment ist. Es ist gleichzeitig ein Vertrauen und das konkrete Erleben, dass dieses NICHTS tragfähig ist, dass es uns einen unerschütterlichen Halt gibt. Der Welt nach ist das keine nennenswerte Tat. Im geistigen Sinne ist dies das Größte, das ein Mensch tun kann. Es ist das völlige und bewusste Einverstanden-Sein mit dem Lebensriss. Und noch viel mehr: Daraus wird ein Verbinden, ein Einswerden mit ihm – und der Lichtkraft, die durch ihn leuchtet. Der Riss kann uns dann tiefgreifend und strukturell verändern. Durch ihn kommt eine Wirksamkeit in Gang, die uns nach und nach wieder mit unserem göttlichen Ursprung, mit unserer geistig-seelischen Heimat verbindet. Der Riss darf sich nun prozessmäßig ausdehnen und ein neues Licht in die alte Welt bringen. Wie Johannes von Patmos sehen wir einen neuen Himmel und eine neue Erde sich auftun. Wir werden dabei ein anderer. Ja, wir werden zu dem Menschen, der in unserem Herzensgrund angelegt ist und der wir von Anbeginn sein sollen.
Es ist der Mut zur Tat.
Es ist die Selbstübergabe: „Er muss wachsen, ich aber muss weniger werden“ (Joh. 3,30).
Dieser Prozess mündet letztendlich in der aus dem Herzen aufsteigenden Bitte:
Dein Wille geschehe!
Mut ist der Wendepunkt unseres Bewusstseins. Wir haben diese Betrachtung nicht mit dem Ziel verbunden, eine Reihe von Punkten auf der Bewusstseinsskala aufzusteigen. Wir haben ein größeres Panorama eröffnet. Es geht hier um den Wendepunkt von einer horizontalen hin zu einer vertikalen Ausrichtung, vom Geschlossenen hin zum Offenen. Es geht um eine tiefgreifende Lebensrevolte, die wir in jedem Moment, wo auch immer wir bewusstseinsmäßig gerade stehen, immer wieder neu durchführen können.
Selbstverständlich wirkt sich diese Umwendung vom Geschlossenen zum Offenen auch auf unsere Gemütsverfassung aus. Durch den sicheren Halt, den wir immer stärker in der neuen Lebenswirklichkeit erfahren, der „nicht von dieser Welt“ ist, können wir innerlich auch gegenüber Emotionen wie Schuld, Trauer, Angst und Ärger kapitulieren. Wir bringen ihnen keinen Widerstand mehr entgegen. Unbewusste Schattenanteile können sich so zeigen und mit Hilfe der neuen Lichtkräfte in unser Bewusstsein integriert werden. Dadurch können sie ihren Schrecken verlieren und sich allmählich „ausschwingen“. C.G. Jungs Entwurf von der Individuation des Menschen kann so seine spirituelle Verwirklichung in uns finden.
Jeder Riss, der in unserer Lebensrealität sichtbar wird, ist ein Rufen unserer vollständigen wahren Individualität nach uns. Wie ein Vogel, der sich, wenn er in seiner Entwicklung so weit ist, sich der schützenden Schale seines Eis entledigt, indem er die Schale von innen heraus aufpickt, wird auch jeder Mensch zu seiner Zeit den Mut entwickeln, seiner eigentlichen Bestimmung zu folgen.
