Heiterkeit – eine Frucht der Schönheit unserer Seele

Heiterkeit – eine Frucht der Schönheit unserer Seele

Die Schönheit der Seele offenbart die Springquelle und Dynamik ihres schöpferischen Spieltriebes.

Mit seiner Hilfe kann sie die Gegensätze von Gut und Böse, Licht und Dunkelheit in uns wieder vereinen und uns zur glückseligen Heiterkeit führen.

In der Bhagavad Gita (Kap 15) wird das Universum im Bilde eines kosmischen Weltenbaumes dargestellt. Seine Gestalt kann von uns nicht wahrgenommen werden. Sie wurzelt in den Höhen geistig-göttlicher Welten von Sein (Sat), Bewusstsein (Cit) und Glückseligkeit (Ananda). Seine Äste und Früchte reichen herab zur Erde und erwecken das Begehren des Menschen. Aber indem dieser nach ihnen greift und an ihnen haftet, schlägt er Wurzeln in der Erde. Er erlebt das ewige Werden der göttlichen Gaben von nun an in den irdischen Gegensätzen von Geburt und Tod, Gut und Böse, Licht und Finsternis. Ihm ist die Umkehr aufgegeben und sich dem göttlichen Weltenbaum anzugleichen, also, von der Erde aus gesehen, ein umgekehrter Baum (arbor inversa) zu werden, der seine wesentlichen Nährstoffe aus dem Himmel bezieht.

Wenn seine Seele die Gaben der ewigen Natur in sich zu befreien vermag, wird sich ihre große Schönheit in ihm kreativ entfalten können. Eine ihrer wertvollsten Früchte wird die wiedergefundene glückselige Heiterkeit sein.

Die Heiterkeit ist heutzutage ein Schönwetterbegriff und bezeichnet eine strahlende Sonne über einem blauklaren und wolkenlosen Himmel. Sie bezieht sich jedoch auch auf die reine Stimmung eines seelischen Gemütszustandes, in dem Innen- und Außenwelt nicht geschieden sind.

Oft erleben wir diesen Zustand, ohne uns seiner ganzen Bedeutung bewusst zu werden.

Ich erinnere mich an Momente, in denen ich den inneren Zustand dieser Heiterkeit erleben durfte:

Ich war es gewohnt, im Sommer im Atlantik zu schwimmen. Er kann sehr gefährlich werden, das wusste ich nur zu gut. Er war auch immer kalt und es brauchte einige Überwindung, um in ihn einzutauchen. An jenen Sommertagen war er von klarem Ozeanblau, auf dem sich der strahlende, wolkenlose blaue Himmel und das Licht der Sonne spiegelten. Ich schwamm in diese blaue Unendlichkeit hinein und fühlte mich in ihr geborgen. Je mehr ich mich vom Festland entfernte, desto leichter konnte ich alle meine inneren Nöte und Anhaftungen loslassen, und inmitten dieser Schönheit und Freiheit regten sich alle meine Glieder, und neue innere Kräfte durchfluteten mich.

Zur Heiterkeit des Himmels gehört, wenn sie sich im Menschen spiegelt, der Zustand eines ganz besonderen Wohlbehagens, das, indem es alle seine Kräfte anregt, eine Vereinigung von innerem Licht, erfrischender Klarheit und freier Beweglichkeit bewirkt.

Das Wort Heiterkeit – mittelhochdeutsch hitari – bedeutete ursprünglich Klarheit.

Kein Wunder also, dass wir das 18.Jahrhundert die Zeit der Aufklärung nennen und die Franzosen vom siècle des lumières, dem „Jahrhundert der Lichter“ sprechen.  Diese Bezeichnungen beziehen sich auf die regsame, lichte und gedanklich klare (d.h. emotionslose) innere Aufklärung der großen Geister jener Zeit.

Die Heiterkeit unterscheidet sich von anderen Formen eines guten Lebensgefühls. Die Fröhlichkeit zum Beispiel kann lebhaft und geschäftig sein und in lautes Lachen ausbrechen, während der Witz die Entladung einer inneren Anspannung auszudrücken vermag.

In den romanischen Ländern wird der Begriff „Heiterkeit“ von lateinisch serenus (heiter, gelassen) [1] abgeleitet und verweist auf die stille und betrachtende Haltung eines Menschen, der mit einer gewissen Gelassenheit heiter und ruhig über den Dingen steht.

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst

Mit diesem Satz endet Schillers Prolog zu seinem Geschichtsdrama Wallenstein. Wallenstein, der erfolgreiche Feldherr des Kaisers während des Dreißigjährigen Krieges und Held des Dramas, ist zerrissen zwischen Pflichterfüllung und freier Rebellion. Er wird schließlich Opfer seiner einfallsreichen  Pläne zur frühzeitigen Beendigung des Dreißigjährigen Krieges und wird ernüchtert feststellen:

Doch hier ist keine Wahl, ich muss Gewalt ausüben oder leiden […] Der Krieg ernährt den Krieg.

Die Heiterkeit ist keine selbstverständliche Gabe, sondern sie ist eine Tugend, die im Kampf mit den dunklen Kräften des Lebens erworben wird.

Schiller stellt ein utopisches künstlerisches Modell vor, das eine „ästhetische Erziehung des Menschen“ vorsieht. Dies bedeutet, dass das ursprüngliche, kreativ- künstlerische Vermögen der menschlichen Seele erweckt wird. Die Seele soll wieder frei werden von der Herrschaft der gegensätzlichen Triebe, die sie belasten: dem Zwang seiner physisch-sinnlichen Natur (dem „Stofftrieb“) einerseits und dem seiner mit Vernunft begabten Natur (dem „Formtrieb“) andererseits. So stehen sich der innere Stoffwille und der Formwille im Menschen gegenüber. Es gibt jedoch noch ein drittes Vermögen in der Seele, das Schiller ihren „Spieltrieb“ nennt..

Ich möchte hier wiederum ein Beispiel aus meiner Kindheit erzählen, das zeigt, wie die Schönheit der menschlichen Seele ihren inneren Spieltrieb beleben und sie zur größten Künstlerin unseres Lebens machen kann.

Da ich gegen Ende des letzten Weltkrieges in die chaotisch-dunklen Nachkriegsjahre hinein geboren wurde, sehnte ich mich schon früh nach lichter Klarheit. Ich lebte umhüllt von Musik und ihren Klängen, da meine Mutter (eine wunderbare Pianistin) tagelang übte – vor allem romantische Musik. Diese Musik bedrückte mich aber und ich bat sie stets, sie möge bitte Mozart für mich spielen, und zwar seine A-Dur Sonate. Sobald ich diese Musik hörte, hellte sich mein Seelengemüt wieder auf. Was geschah in mir? Mozart, der selbst in seinem Leben durch tiefe seelische Abgründe gehen musste, vermochte es, seine innere Sehnsucht nach Licht schöpferisch zu verarbeiten, und seine Musik wird deshalb meist als heiter beschrieben. „In meinen tiefsten Nöten finde ich immer noch eine schöne Resonanz, die mir Hoffnung gibt“, sagte er. Mozart erweckte diese Resonanz auch in mir. Jedoch, so erklärte meine Mutter mir später, wer ihn nur heiter spielt, habe ihn nicht verstanden.

Ich erfuhr später, dass seine Heiterkeit die Frucht seines schweren und tragischen inneren künstlerischen Ringens um die ungebrochene Schönheit seiner Seele war.

So ist es die Schönheit der Seele, welche die Springquelle und Dynamik ihres schöpferischen Spieltriebes offenbart.

Sie kann mit seiner Hilfe die Gegensätze von Gut und Böse, Licht und Dunkelheit in uns wieder vereinen und uns zur glückseligen Heiterkeit (Ananda)  führen, welche der wiedergefundenen, überlegenen inneren Ruhe der Seele entspringt. So wurde der Spieltrieb meiner noch offenen kindlichen Seele unbewusst angeregt und ein Prozess in mir stimuliert, in dem ich erlebte, wie sich die gegensätzlichen Kräfte und Eindrücke auf höherer Ebene vereinen können.

So ist die Schönheit der Seele eine Kraft, auf deren Flügeln sie sich wieder nach oben in den Himmel erhebt, und Mozart wird schließlich einmal sagen:

Wie war das Leben schön! Heiteren Sinnes muss man sein, dazu hat uns die Vorsehung bestimmt.


Literatur:

Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen – in einer Reihe von Briefen, Reclam, Ditzingen 2000.

Harald Weinrich, Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit, München 2001

Francois Cheng, Über die Schönheit der Seele, München 2018

Die Zitate von Mozart sind als „Mozart Zitate“ zu finden bei: https/Worldday.de

[1] aus serenus (lat.) entwickelten sich im Französischen sérénité, im Spanischen serenidad und im Portugiesischen sereno.

Share

LOGON Magazine

Bestellmöglichkeiten

über unseren Online-Shop oder per Email: shop@logon.media

  • Einzelheft 10 €, inkl. Versand (Ausland 14 €, inkl. Versand)
  • Einzelheft digital 4 €
  • Print-Abo 36 €, 4 Ausgaben/Jahr, inkl. Versand (Ausland 52 €), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.
  • Digitales Abo 15 €, 4 Ausgaben/Jahr zum Download (pdf), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.

Unsere neuesten Artikel

Post info

Datum: Juni 24, 2026
Autor: Sibylle Bath (Germany)
Foto: freedom-kostenlose-Nutzung-auf-Pixabay-CCO

Bild: