Schönheit zeigt sich auf die unterschiedlichste Weise im Menschen selber und in seiner Umgebung. Das Erkennen der Schönheit beschreibt einen Weg, der im Äußeren beginnt.
Und er setzt sich bis in die Tiefen des menschlichen Wesens fort.
Schönheit kann erschüttern, überwältigen, staunend und sprachlos machen, sie macht betroffen, demütig, still und andächtig, sie lässt die wenigsten kalt.
Frühe Erweckungserlebnisse
In mein Leben brach die Schönheit ganz plötzlich herein. Ich war auf dem Schulweg, war gegen 10 Jahre alt, als sie mich in Form zweier junger Mädchen überfiel. Beide erschienen mir so wunderschön, dass ich ihnen staunend noch eine Weile nachsah. Ein zweites, ähnliches Erlebnis erfolgte beim Durchblättern einer Zeitschrift und dem Betrachten einer Frau, die für eine Gesichtscreme warb. Das Ebenmaß ihrer Gesichtszüge raubte mir fast den Atem. Aus heutiger Sicht vermute ich, dass das Antlitz nahezu dem Goldenen Schnitt, von dem ich damals jedoch noch nicht gehört hatte, entsprach. Wie immer, dies waren meine „Erweckungserlebnisse“ in Bezug auf Schönheit.
Kaum ein Mensch kommt an der Schönheit vorbei. Warum macht sie so sehr auf sich aufmerksam? In fast allem auf der Welt kann sie sich zeigen. Warum berührt die Schönheit so viele Menschen? Will sie uns etwas mitteilen, das wir dringend wissen müssen, etwas, das für unsere Welt und uns selbst von größter Bedeutung ist?
Im Verlaufe meines Lebens blieb es nicht bei dem Blick auf Schönheit in Gesichtszügen. Die Natur, die Gegend eines Landes, ein Blumenstrauß, ein schön gewirkter Stoff, die Musik, Poesie und Dichtkunst, die Architektur und manches andere kamen hinzu.
Die Beziehung zum Erhabenen
Ich begann, über das Schöne nachzudenken und über die Macht, die es auf mich ausübt. Viel wurde im Laufe der Jahrhunderte über Schönheit geschrieben. Eine ganze Wissenschaft ist entstanden, die Ästhetik, die Lehre vom Schönen – und eine Philosophie, die nach den Urgründen des Schönen forscht. Gleichmaß, Ordnung, Harmonie, Folgerichtigkeit und Anderes gehören zum Schönen. Aber liegt darin bereits seine Macht über uns begründet? Liegt darin bereits ihr Ruf, der uns so sehr berühren kann?
Das Schöne hat eine Beziehung zum Erhabenen. In manchen Momenten müssen wir den Blick abwenden, so schmerzhaft wirkt es in uns hinein. Erscheinungen in der Natur, im Großen wie im Kleinen, können uns erschüttern, überwältigen. Wir sind ihnen nicht gewachsen. Wir sind noch nicht herangewachsen zu ihnen. Aber geht von ihnen nicht ein Ruf aus, eine Aufforderung zur inneren Neugeburt, zum Heranwachsen in die Ebenbürtigkeit? Will Schönheit etwas in uns erwecken, das zu uns gehört, das wir aber vergessen haben und vor dem wir uns angstvoll verschließen?
Platon setzte das Schöne auf dieselbe Ebene mit dem Wahren und dem Guten. Er verband sie zu einer Dreieinheit, die unserem Dasein zugrunde liegt. Gibt es eine Reihenfolge in dieser Trias des Wahren, Schönen und Guten? Für Platon/Sokrates stand das Gute an oberster Stelle, doch zugleich bezeichnet er das Gute – und dazu gehört auch die Gerechtigkeit – als das Schönste (in: Der Staat). Vielleicht sollte hier das Gute als das „Allein-Gute“ verstanden werden, (die ursprüngliche Schöpfung, von der es in der Bibel heißt: „Und Gott sah, dass es gut war“) und nicht als das, was wir auf unserer subjektiven Ebene als gut bezeichnen, denn: „Keiner ist gut, auch nicht einer“, wie Jesus an einer Stelle sagt. Das GUTE ist schön und wahr, es hat keinen Gegenpol. Ursprünglich bringen sich diese drei Werte gegenseitig hervor und bestätigen sich augenblicklich, denn im Göttlich-Geistigen herrscht Einheit, herrscht Gleichzeitigkeit im Sinne von ewig-jetzt. Mit unserem gewöhnlichen, „unerleuchteten“ Bewusstsein ist dies nicht zu fassen. In unserer Welt treten sie zwangsläufig voneinander getrennt auf, ja stehen mitunter gegeneinander. Doch der Ursprung wirkt weiter, er treibt uns zu weiterer Entwicklung.
Derzeit spielt die Ästhetik für uns eine Hauptrolle, wenn wir über Schönheit nachdenken. W. Welsch beschreibt in seinem Buch Ästhetisches Denken die Ästhetik als einen Prozess des Wahrnehmens gegenwärtiger Wirklichkeit und des Auslotens eines Sinns darin. Ästhetik heißt wörtlich „Lehre von der Wahrnehmung“ oder „Lehre vom sinnlichen Anschauen“. Dazu gehört auch, was wir als Geschmack bezeichnen. Wir kennen Redewendungen wie: ich „finde Geschmack daran“ oder: „das schmeckt mir nicht“. Was einem nicht schmeckt, wird wieder ausgespuckt, ist nicht anschlussfähig an das Eigene.
Ich frage mich: Gibt es auch ein „reines Wahrnehmen“, ein Schmecken des Wahren und Guten, das sich einem einverleiben kann? Dazu müsste man sich bewusst von eigenem, voreingenommenem und vorverurteilendem Wissen frei machen und den „gemeinsamen Nenner“ aller Schönheit in sich aufleuchten lassen. Das Schöne zeigt sich auf die unterschiedlichste Weise in den Menschen und seinen Werken und in der Natur. Seinen Wurzeln nachzuspüren führt auf einen Weg, der im Äußeren beginnt und sich bis in die Tiefen des menschlichen Wesens fortsetzt. Anstöße dazu empfangen wir täglich. Aber achten wir auf sie?
Die Schönheit in der Kunst
In einer Ausstellung in Zürich sah ich auf einem Sockel einen gewöhnlichen Stein, der unter einer Glaskuppel geschützt lag, als wäre er eine besondere Kostbarkeit. Dem Stein war ein Foto beigelegt. Auf diesem sah man einige junge Leute, die Pflastersteine warfen – Studenten in Paris. Man konnte ihre Erregung fühlen. Diese Art, die 68iger Bewegung in ihrer ganzen Bedeutung durch einen einzigen Stein zu repräsentieren, beeindruckte mich. Ich fand die Installation gelungen, stimmig – und darum schön. Sie erweiterte mein Spektrum der Wahrnehmung. Mit minimalen Mitteln wurde ein maximaler Ausdruck eines Zeitgeistes veranschaulicht. Es war der Versuch, eine Essenz darzustellen.
Ähnliche Versuche finden wir bei mathematischen Formeln. Große Forscher haben nach einer mathematischen Urformel für unsere Welt gesucht. Wir gelangen dabei über das Sichtbare hinaus ins Reich der Ideen und Ideale. Liegt dort das „Urschöne“?
Ob in der Schönheit einer mathematischen Formel, einer Idee oder eines Ideals, einer Geste, sei sie anmutig oder ein Ausdruck von spontanem Mitgefühl oder aber eines schönen, ausgeformten Gedankens, in allem ist Schönheit. Man muss sie nur sehen lernen. Der Künstler Josef Beuys zum Beispiel erweiterte mit dem Begriff der „Sozialen Plastik“ das, was man gemeinhin unter Kunst versteht. Hier wird der Mensch selber zum potentiellen Kunstwerk. Die Schönheit des Gedankens der «Sozialen Plastik» liegt für mich darin, dass hier einer ist, der den Menschen Entwicklung zutraut!! Wir können unser gemeinsames Dasein trotz vieler Rückschläge immer wieder als Chance ergreifen, uns so zu wandeln, dass wir im unendlichen Ozean des Lebens konstruktiv mitarbeiten können! Und so fähig werden, der ursprünglichen Schöpfung zu dienen. Die Motivation hierzu kann man als schön, lauter und rein bezeichnen. Es muss jedoch aktiv der Wunsch nach Wandlung vorhanden sein. Dieser Wunsch, diese Sehnsucht hilft, entsprechende Seelenqualitäten und Tugenden zu entwickeln, die sich dann als Schönheit, als Glanz der Seele zeigen. Im Buch von Roland Zürrer Schönheit des Inneren werden diese zu erwerbenden Seelenqualitäten und Tugenden ausführlich behandelt. Dies geht immer mit einer Transformation des Bewusstseins einher. Es ist ein langwieriger, auch leidvoller Prozess, wie die Geschichte der Menschheit zeigt. Doch es ist auch ein freudiger Prozess. Schon der Entschluss, ihn auf sich nehmen zu wollen, kann als schön bezeichnet werden. In diesem Transmutationsprozess wirken Seelisches und Stoffliches gestaltend ineinander.
Für die Schönheit, die Wahrheit, für die Erhebung des Geistes
Kürzlich las ich in einer Biographie über N. K. Roerich den Auszug eines Briefes von ihm an R. Tagore, der, obwohl im Jahr 1939 geschrieben, nichts an Aktualität verloren hat:
In den Tagen der Auflösung der Welt, [einem Geschehen,] das, wie wir wissen, in Ihrem Herzen genauso tief empfunden wird wie in unserem, bin ich bewegt, Ihnen diese Botschaft zu senden. Ich erinnere mich oft der bedeutsamen Worte in Ihrem Brief an mich: „…und ich verliere fast mein Vertrauen in die Zivilisation. Und dennoch können wir unsere Anstrengungen nicht einstellen. Wahrlich für die Schönheit, die Wahrheit, für die Erhebung des Geistes, für alles, was in den Bereich der Kultur fällt, müssen wir auch weiterhin bestrebt sein. Wenn wir einerseits die Vergiftung des Weltenraumes durch böse Gedanken und Fragmente sehen, so setzt andererseits jedes Wort des Dichters eine reinigende Tat. „Schönheit wird die Welt erretten‘“ – und dieses Motto steht als endgültiges Ziel.
Schönheit per se existiert nicht, sie muss erkannt werden
Alles ist Gleichnis, ist Vollkommenheit, sofern man sich dafür öffnet. Der Künstler Marcel Duchamp und andere vertraten den Standpunkt, dass „die Schönheit im Auge des Betrachters“ liegt – ein Gedanke, der uns seit der Antike begleitet. Was bedeutet er? Er besagt, dass Schönheit nicht per se existiert, sondern von einem Gegenüber als solche erkannt, ja freigelegt und wahr-genommen, emporgehoben werden muss. Schönheit entsteht als Folge eines Erkenntnisprozesses. Er kann plötzlich, in einer Sekunde, aber auch nach langer Vertiefung und wiederholter Betrachtung, zur Erkennnis von Zusammenhängen führen, die hinter den Dingen liegen. Es ist, als öffne sich ein neues Tor der Wahrnehmung. Ein solches Erkennen, das ich als Gnade empfinde, löst unwillkürlich das Empfinden von Schönheit aus, einer Schönheit, die mit der entdeckten Wahrheit des Erkannten einhergeht. Und spontan entsteht Freude. Freude, weil sich mit der Erkenntnis das Bewusstsein erweitert und ein umfassenderes Verständnis entsteht. Es ist ein Wachstumsprozess damit verbunden. Mit fortschreitender Erkenntnis werde ich quasi Zeuge von Wahrheit. Könnte ein Geheimnis der Schönheit womöglich darin bestehen, dass sie mich öffnen will für ein höheres, ein letztendlich vollkommenes Bewusstsein, dass sie mir einen Weg weisen will, der zum Göttlichen führt? Könnte es sein, dass Gott in besonderen Momenten mit Hilfe des Menschen auf seine Schöpfung schauen will? Das Bild des Weinbergs taucht in mir auf, des Weinbergs Gottes, in dem wir mitarbeiten sollen. Wie sollte dies anders möglich sein als in den Kräften des Wahren, Schönen und Guten?
Quellennachweise:
Welsch, W., Ästhetisches Denken, Reclam Verlag 1995
Zürrer, R., Schönheit des Inneren, Gowinda-Verlag
Augustat, W., Das Geheimnis des Nicholas Roerich, Heyne Bücher, 1993
