Kunst ist, zu tun, was man nicht kann

Kunst ist, zu tun, was man nicht kann

So sagt es der Schriftsteller Peter Handke in einem Interview mit der ZEIT (Nr. 49 / 2022, S. 60). Kunst bedeutet, zu tun, was man nicht kann. Kommt Kunst also nicht von Können, entgegen der allbekannten Binsenweisheit?

Einige weitere Fährten auf dem Weg von Kunst und (Nicht-) Können: Der Maler Cy Twombly bindet seinen Pinsel an einen langen Stock, um den Einfluss des Ego auf den Malprozess zu reduzieren. Was das Ego gelernt hat und kann, gilt ihm als Störfaktor seiner Kunst. Er malt während des zweiten Weltkrieges, in seiner Zeit als Dechiffrierer der US Army, sogar im Dunkeln. Sind die Augen trügerisch, oder ist es ihr Zugriff auf die Dinge? Wohin zielt die Kunst, wenn Kunstfertigkeit zum Hindernis wird?

Der Schriftsteller Uwe Johnson nähert sich der Realität, die er zum Vorschein bringen will, durch wiederholtes Zielen mit Worten, und auch durch zahlreiche Umschreibungen, die ihren Gegenstand trotz oder wegen der Distanz, die sie zu ihm einhalten, genauer zeigen als bekannte oder vermeintlich exakte Begriffe es könnten. Johnsons Kunst macht eine Wirklichkeit erkennbar, die von der Alltagsrealität – und unserem alltäglichen Bewusstsein – in der Regel verschleiert wird. In dem Wissen, dass er die Realität nicht „einfach zeigen“ kann, schafft Johnson eine Literatur, die der Wirklichkeit an Komplexität gleichkommt. Wenn der Leser sich in die Tiefe vortastet, vollzieht er die Suche des Autors nach.

[…] ich sah ihn [Jakob] zum ersten Mal, augenblicklich fasste es mich an und hob mich auf und setzte mich wieder hin. Ich fand mich vollständig von Aufmerksamkeit ergriffen wie nur einmal noch früher in meinem Leben. Wenn ich mich recht erinnere, begann ich sogleich nach Worten zu suchen. Das Nächste war dass ich ein Wort nach dem anderen wegwarf, sie meinten sämtlich Eigenschaften, dieser schien keine zu haben. Es war so dass sein Aussehen sofort in mir unverwischbar sich abspiegelte, und wenn ich heute sage denke „er war gross und breit und kräftig, damals sah er ein bisschen schwermütig (nicht betrübt) aus für den Betrachter“, so ist er verwechselbar mit jedem, der ihm nur ähnlich wäre.[1]

Die genannten Künstler suchen nach einer Wirklichkeit, die sich hinter der Alltagsrealität verbirgt und derer man durch bloßes Abbilden nicht habhaft werden kann. Gelingen wäre, die Dimension der Realität, in der das Geheimnis, das Wirkliche wohnt, zu berühren und für den Leser / Betrachter zu eröffnen. Kunst: Das ist dann mehr als ein Handwerk, das Bilder oder Texte schafft. Ihr eignet der Mut, nach dem Wirklichen zu suchen; es geht auch um den Schmerz der Alltagsrealität, die, wie Rainer Maria Rilke schreibt, etwas Verschwindendes hat, weil unser Umgang mit ihr – erstaunlicherweise – einer Weltflucht gleicht.

Ist es möglich, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?
Ja, es ist möglich. Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?[2]

Dieser Text stammt aus dem Jahr 1910 und könnte nicht aktueller sein. Auf der Oberfläche der Dinge liegen nicht nur unsere Meinungen, Konzepte und Gefühle, sondern auch der Gebrauch, den wir von ihnen machen; heute werden sie zudem von Abbildungen ohne Zahl überlagert und ins Virtuelle gezogen.

So kann die Kunst ein Weg zur Tuchfühlung mit der sich entziehenden Realität sein. Im besten Sinn ist sie ein Spiegelbild, und manchmal ist sie gleichzeitig der Ausdruck einer spirituellen Lebenshaltung. Nicht zu wissen, was die Wirklichkeit ist, das eigene Handwerkzeug immer weiter zu verfeinern, und immer wieder über das eigene Wissen und Können hinausgehen, ja es preisgeben, um einer tieferen Wirklichkeit zu erlauben, sich zu zeigen: das wäre dann Kunst. Der Maler sucht Wege, einem Bild zur Entstehung zu verhelfen und diesen Prozess zu begleiten. Der Komponist lauscht auf die Bewegungen seiner Seele, ja auf die Gesetze des Kosmos. Der Musiker lässt die Komposition eines anderen ihren eigenen Ausdruck finden. Der Romancier verwirft die bekannten Wirklichkeitsschablonen, er sucht die unmittelbare Wahrnehmung und schreibt sie auf, so gut es geht. Alle üben und verfeinern ihr Handwerkszeug täglich. Zugleich wissen sie, dass der nächste Schritt immer im Nichtwissen und Nichtkönnen zu gehen ist. Denn es geht nicht um sie selbst und das, was sie schon zu wissen meinen.

Wenn Menschen Baumeister des neuen Menschen werden wollen, tun sie etwas Ähnliches. Sie versuchen, den neuen Menschen hinter der Erscheinung des – heute zunehmend unkenntlicher werdenden – Alltags-Ichs zu sehen, in dessen Ringen und auch im Scheitern. Der Weg bringt eine sich täglich vertiefende Selbsterkenntnis. Sie sieht den Abgrund zwischen Wissen und Handeln, und letztlich auch, dass das alte Bewusstsein ein untaugliches Gefäß für das Sein und Leben des neuen Menschen ist. Was dann? Man kann das alte Sein auf die Schwelle des neuen legen – und sich im nächsten Augenblick verwandelt erheben, viele tausend Mal.

[1]In dieser Szene begegnet der Stasi-Offizier Rohlfs Jakob, dem Protagonisten von Uwe Johnsons „Mutmassungen über Jakob“, zum ersten Mal. Frankfurt 2000, Seite 72. Die entfallenen Kommas entsprechen der literarischen Vorlage.

[2]Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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Datum: Januar 4, 2023
Autor: Angela Paap (Germany)
Foto: Rostende Liebe -Ausschnitt - Ruth Alice Kosnick CCO

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