Gottes Augen – Augen des Menschen

Wie durch ein Nadelöhr kann die ganze Welt durch die Augen des Menschen hindurch scheinen.

Gottes Augen – Augen des Menschen

Im Blick des Menschen liegt eine besondere Kraft. Manchmal scheint es, als würde der uns Anblickende aus seinen Augen hervortreten.

Wenn wir einem Menschen, den wir lieben, in die Augen schauen, scheint die Welt um uns herum zu lachen. Wir verlieren uns in dem anderen. Wir spüren eine Kraft, die uns anzieht. Ist sie eins mit der Basiskraft des Universums? Ist es dieselbe Kraft, die die Schwerkraft erzeugt und alle Dinge miteinander verbindet, die Kraft der kosmischen Liebe?

.Johann Wolfgang Goethe schrieb:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,

die Sonne könnt es nie erblicken;

läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,

wie könnt uns Göttliches entzücken?

Goethe übernahm diesen Gedanken von Plotin. Im menschlichen Blick kann Transzendentes, Göttliches erfahrbar werden.

Das Auge ist das Fenster zur Seele. Die ganze Welt und alles, was hinter ihr steht, kann wie durch ein Nadelöhr durch das Auge hindurchscheinen. Ein Blick kann uns ahnen lassen, dass es eine „verborgene Hälfte der Welt“ gibt. Im antiken Griechenland sagte man, dass durch das Auge Licht in die Welt strahlt, ja dass Erleuchtung und Kenntnis durch den Blick eines Menschen vermittelt werden können. Das Wort für „sehen“ bedeutet im Griechischen auch „wissen“.

Mikrokosmische Begegnungen

Ein Pilger auf dem spirituellen Weg hat einen anderen Blick auf die Welt. Er beginnt zu erkennen, dass die Menschen, denen er begegnet, neben allem Äußeren auch unsterbliche Seelen sind, Welten im Kleinen, „Mikrokosmen“. Begegnungen können zu Begegnungen unsterblicher Seelen werden. Jeder Mensch ist ein kleines Universum, in jedem steckt eine Essenz von allem, auch Göttlichem. Ein Mensch ist nicht nur „er selbst“ im herkömmlichen Sinn, sondern auch ein Antlitz Gottes, die Manifestation einer göttlichen Potenz, einer verborgenen göttlichen Energie. Wenn wir von Menschenwürde sprechen, dann hat sie hierin ihre eigentliche Grundlage.

Wir können den verborgenen göttlichen Keim in uns erwecken. Dann treten bei unseren Begegnungen im täglichen Leben Sympathie und Antipathie in den Hintergrund. Neben alles, was wir am anderen erkennen, tritt die Empfindung, dass uns in der Begegnung mit ihm auch Unsterbliches gegenübertritt. Und wir können von der Ahnung ergriffen werden, dass schöpferische Kräfte, göttliche Liebe und göttliche Weisheit es möglich gemacht haben, dass es zu dieser Begegnung kommt.

Das erwachende Auge

Es gibt viele Religionen und Philosophien. In der Gestalt des Christian Rosenkreuz, so sagt die Legende, haben sie sich zu einer Synthese vereinigt. Das kann auch in uns geschehen. Wenn wir in die eigene Tiefe schauen, verlieren wir den Anreiz, gegen andere zu kämpfen. Der Blickwinkel ändert sich, wenn wir auf eine Berührung durch das Ursprüngliche, den schöpferischen Urgrund in uns gerichtet sind. Aus ihm heraus kann das Bewusstsein neu „geboren werden“. Wir können daran gehen, mehr und mehr von dem loszulassen, was wir charakterlich geworden sind. Das Bisherige wandelt sich zu einem Humus, einem Boden, in dem Neues heranwachsen kann. Das Neue ist das Uralte, das Universelle und Unsterbliche, die Wahrheit, die von Zeit und Raum unabhängig ist.

Das Wissen um die göttlichen Dinge steht uns als verborgener Schatz zur Verfügung. Es zeigt sich in der Vielfalt der Religionen und Lehren. Alle Kulturen zeugen von dem Streben der Menschheit, das innere Potenzial zu entfalten, zu sich selbst zu gelangen, zum Dauerhaften, zum wahrhaft Lebendigen, das nicht mehr vom Tod ergriffen werden kann.

Die unsterbliche Seele erwacht eines Tages aus ihrem langen Schlaf. Dann betrachten wir die Welt und uns selbst mit den Augen eines spirituellen Bewusstseins. In ihm liegt das einzige Heilmittel für unsere Probleme. Wir erleben den Ruf der Weltseele und spüren etwas vom Fluss der göttlichen Weisheit und der göttlichen Liebe. Wir erfahren die geistige Einheit von allem. Das Göttliche tritt sich in uns und in unseren Begegnungen mit anderen selbst gegenüber. Es erringt sich selbst – durch den Menschen, der sich „auf den Weg“ begibt..

Das Ziel des menschlichen Zusammenlebens wird in einem Text der Katharer, der im 12. Jahrhundert entstand, folgendermaßen dargestellt:

Die Kirche der Liebe

Diese Kirche lebt nicht als feste Form, nur im Einvernehmen der Menschen untereinander.
Sie hat keine Mitglieder, außer jenen, die sich zugehörig fühlen.
Sie hat keine Konkurrenz, denn sie wetteifert nicht.
Sie hat keinen Ehrgeiz, denn sie wünscht nur zu dienen.
Sie zieht keine Landesgrenzen, denn das Staaten-Denken entbehrt der Liebe.
Sie kapselt sich nicht ab, denn sie sucht alle Gruppen und Religionen zu bereichern.
Sie achtet alle großen Lehrer aller Zeiten, welche die Wahrheit der Liebe offenbarten.
Wer ihr angehört, übt die Wahrheit der Liebe mit seinem ganzen Sein.
Weder gesellschaftliche Schicht noch Volkszugehörigkeit bedeuten für sie eine Schranke.
Wer dazugehört, weiß es.
Sie trachtet nicht, andere zu belehren; sie trachtet nur, zu sein und durch ihr Sein zu geben.
Sie lebt in der Erkenntnis, dass die Art, wie wir sind, auch die Art sein mag von denen, die um uns sind, weil sie um die Einheit weiß.
Sie macht sich nicht mit lauter Stimme bekannt, sondern wirkt in den feinen Bereichen des liebenden Seins.
Sie verneigt sich vor allen, die den Weg der Liebe aufleuchten ließen und dafür ihr Leben gaben.
Sie lässt in ihren Reihen keine Rangfolge zu und keine feste Struktur, denn der eine ist nicht größer als der andere.
Ihre Mitglieder erkennen einander an der Art zu handeln, an der Art zu sein und an den Augen,
und an keiner anderen äußeren Geste als der geschwisterlichen Umarmung.
Jeder einzelne weiht sein Leben dem stillen und liebevollen Umgang mit dem Nächsten und seiner Umwelt während er seine täglichen Pflichten erfüllt, wie anspruchsvoll oder wie bescheiden sie auch sein mögen.
Sie weiß um die absolute Gültigkeit der Großen Wahrheit, die nur dann verwirklicht wird, wenn die Menschheit aus dem obersten Gebot der Liebe handelt.
Sie verspricht keinen Lohn, weder in diesem noch in jenem Leben, nur unsagbare Freude des Seins und des Liebens.
Jeder trachtet danach, der Verbreitung des Wissens zu dienen, in aller Stille Gutes zu wirken und nur durch eigenes Beispiel zu lehren.
Die zur Kirche der Liebe gehören, kennen weder Furcht noch Scham, und ihr Zeugnis wird immer, in guten wie in schlechten Zeiten, gültig sein.
Die Kirche der Liebe hat kein Geheimnis, kein Mysterium und keine Einweihung, außer dem tiefen Wissen um die Macht der Liebe und um die Tatsache, dass die Welt sich ändern wird, wenn wir Menschen dies wollen; aber nur, indem wir uns zuerst ändern.
Alle, die sich dazugehörig fühlen, gehören dazu.

 

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Datum: August 11, 2021
Autor: Olga Rosenkranzová (Czech Republic)

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