Epiphanie – ein Erlebnis im Hier und Jetzt?

Die Epiphanie kann zart an die Tür unseres Herzens klopfen oder uns überfallen wie ein brausender Sturmwind.

Epiphanie – ein Erlebnis im Hier und Jetzt?

Dies soll keine religionsgeschichtliche Abhandlung über durch weltliche Machthaber oder kirchliche Würdenträger mehr oder weniger willkürlich festgelegte Kalenderdaten und Feiertage (> Epiphanias) werden. Oder über Thomas von Aquin, der den Begriff Epiphanie (altgriech. für „Erscheinung“) weithin bekannt gemacht hat.

Ohnehin findet man nicht allzu Erhellendes, wenn man den Begriff googelt. Das Wiktionary erwähnt folgende Bedeutungen:

  1. Religion: unvermutete Erscheinung oder Selbstoffenbarung einer Gottheit unter den Menschen
  2. allgemein: plötzliche, unerwartet auftretende Erkenntnis oder Offenbarung.

Immerhin. Soviel vorab.

Zweifelsohne wäre es faszinierend, über die Feier der Geburt des Sonnengottes Aion im hellenistischen Ägypten nachzuforschen, oder über Formen des vorchristlichen Epiphaniaskultes oder des Kultes der gnostischen Sekte der Basilidianer. Das mag an anderer Stelle durchaus Interessantes zu Tage fördern.

Hier soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit Epiphanie etwas ist, das wir im eigenen täglichen Leben erfahren können. Epiphanie als ein Erlebnis aus erster Hand – ohne gelehrten oder ideologischen Überbau, ohne Drittinstanzen als Vermittler oder Interpreten. Etwas, das JEDERZEIT erlebbar ist, nicht nur zu bestimmten, besonderen Sternenkonstellationen wie den Jupiter/Neptun-Konjunktionen, die sich im Jahr 2022 ereignen sollen, oder unter dem geheimnisvollen Einfluss von Cygnus und Serpentarius, auf den die klassischen Rosenkreuzer (in ihrem Manifest Confessio Fraternitatis) verwiesen.

Würden wir es überhaupt bemerken, wenn sich das Geheimnisvolle, das Überirdische, in unserem Leben offenbaren wollte?

Das Erlebnis des Christian Rosenkreuz

Wie beeindruckend ist es, in einer altehrwürdigen Schrift wie Die alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz über das Erweckungserlebnis des Christian Rosenkreuz am Abend vor Ostern zu lesen:

„… erhob sich plötzlich ein solch entsetzlicher Wind, dass ich nicht anders dachte, als dass der Berg, in dem mein Häuschen eingegraben lag, durch die große Gewalt auseinanderbersten würde.“

Als Christian Rosenkreuz, der sich von einer fremden Präsenz berührt fühlt, sich einigermaßen von seinem Schrecken erholt hat, wird er einer herrlichen, weiblichen Gestalt in einem mit goldenen Sternen übersäten blauen Kleid und mit Flügeln ausgestattet gewahr, die ihm eine Briefbotschaft überbringt und verschwindet, „ohne ein einziges Wort zu sagen. Doch während sie aufstieg, brachte sie auf ihrer schönen Posaune einen so kräftigen Ton hervor, dass der ganze Berg von diesem Klang widerhallte und ich beinahe eine Viertelstunde danach noch kaum mein eigenes Wort verstehen konnte.“

Bemerkenswerterweise ist Christian Rosenkreuz keineswegs erfreut oder gar geschmeichelt, denn als er die für ihn bestimmte Nachricht gelesen hat, „glaubte ich, ohnmächtig zu werden. Die Haare standen mir zu Berge, und der kalte Schweiß brach mir aus allen Poren. Denn obschon ich wohl wusste, dass dies die in Aussicht gestellte Hochzeit war, die mir vor sieben Jahren in einer Vision angekündigt wurde und auf die ich so lange mit großer Sehnsucht gewartet hatte und die ich schließlich durch eifriges Ausrechnen und Nachrechnen meiner Planetenstellungen gefunden hatte, hätte ich doch niemals damit gerechnet, dass sie mit so schweren und gefährlichen Bedingungen verbunden sein würde.“

Christian Rosenkreuz wird sich seiner völligen Unzulänglichkeit und Schwachheit bewusst: „So entdeckte ich […] bei mir selbst, je mehr ich mich erforschte, dass in meinem Kopf nichts als großer Unverstand und Blindheit in geheimen Dingen herrschten und dass ich auch nicht imstande war, die Dinge zu verstehen, die greifbar nahe lagen und mit denen ich doch täglich zu schaffen hatte.“ Nach einem sehr bedeutsamen Traum noch in derselben Nacht gräbt sich die Bedeutung des von ihm erlebten Geschehens tief in sein Bewusstsein ein und Christian Rosenkreuz macht sich bereit, um zu seiner schicksalswendenden spirituellen Reise aufzubrechen.

Epiphanie heute?

Es stellt sich die Frage, wie eine derartige „Erscheinung“ in unser modernes Leben passt. Anders als Christian Rosenkreuz, der, als sie auftrat, seinen Abend in meditatives Gebet vertieft verbrachte, sehen sich viele Menschen heutzutage gezwungen, noch Arbeit in ihren „Feierabend“ mitzunehmen, eine Flut von Nachrichtensendungen zur Kenntnis zu nehmen (um dabei oft genug mit kollektiven Wellen der Beunruhigung und der Angst mitzuschwingen) und sodann bei den vielfältigen Erzeugnissen der Konsum- und Unterhaltungsindustrie, vielleicht bei einem den restlichen Abend füllenden Programm mit Netflix-Serien, Erbauung und Zerstreuung zu suchen.

Und – mal ganz ehrlich – wer will schon, starr vor Schreck, einer hehren Lichtgestalt ins furchteinflößende Antlitz schauen und sich dann womöglich noch klar machen müssen, dass man bei dem ganzen „Zauber“ eine recht klägliche Figur abgibt? Schlimmer noch: dass man danach sein sorgfältig geplantes und organisiertes Leben, mit all seinen öden, aber eben auch beruhigenden Routinen, nicht mehr einfach fortsetzen könnte, sondern dass sich unwiderruflich etwas ändern müsste und würde!

Würde der normale und vernünftige Mensch, wenn er vor die Wahl gestellt würde, ähnlich wie in dem Film Matrix, nicht lieber die blaue, statt die rote Pille schlucken und – statt anzuerkennen, dass er Zugang zu einer ganz anderen, höheren Wirklichkeit hat – lieber in die alte, vertraute Realität zurückkehren?

Ganz ohne Zweifel bietet die Identifikation mit materialistisch ausgerichteten Deutungssystemen und damit einhergehenden Ersatzbefriedigungen eine gewisse Sicherheit, den Komfort des Gewöhnlichen und Gewohnten, etwas, das wir gerade in unserer heutigen krisengeschüttelten Welt mit ihren alarmierenden Zukunftsprognosen keineswegs missen möchten.

Möchten wir tatsächlich wie Johannes in der biblischen Überlieferung „wie tot“ vor dem Engel der Apokalypse niederfallen? Wollen wir als aufgeklärte und nüchterne (ernüchterte?) moderne Menschen etwa Zuflucht suchen in weltfremder Abgehobenheit, in der eskapistischen Neigung zu Mystifikationen und mystischer Schwärmerei? Wir, die wir gelernt haben, jeglicher Form von heuchlerischer Frömmelei und esoterischer Spinnerei gleichermaßen zu misstrauen?

Eine göttliche Offenbarung? In unserem Leben? Echt jetzt?

Sind solche Manifestationen in der heutigen Zeit (noch) möglich?

Sicher bedürfte es zunächst mal einer intelligenten und wirklichkeitsbejahenden Einstellung sowie ausreichender Erdung, um nicht irgendwelchen Manipulationen und Täuschungen zum Opfer zu fallen. Und, wie bei Christian Rosenkreuz erkennbar, einer demütigen und bescheidenen Grundhaltung (heutzutage eher unpopulär). Günstige Voraussetzungen wären darüber hinaus: Wahrnehmungsfähigkeit und aufgeschlossene Offenheit für Schwingungen, die höher und feiner sind als diejenigen, die omnipräsent durch den Äther des weltweiten Netzes zirkulieren, Empfänglichkeit nicht nur für das Unsichtbare, sondern eben auch für das Über-Sinnliche. Last not least: Mitten in Lärm, Aufregung und Getöse sich hineingleiten lassen in die Stille, lauschen, geschehen lassen …

Was wäre zu erwarten?

Was steht denn zu erwarten?

NICHTS. Wirklich nichts.

Jegliche Erwartungshaltung, jegliches absichtliche Herbeiführen-Wollen, jegliche Berechnung von Erfolgsaussichten und Gewinnerträgen ist einer derartigen Erfahrung unbedingt abträglich. „Gottes Geist weht, wann und wo er will.“ Flow stellt sich ein, wann und wo er will.

Wir vertrauen darauf, dass etwas geschehen kann und geschehen wird, das wir nur im tiefsten inneren Wesen erahnen, aber weder sehen noch greifen können.

Auch sollten wir lieber nicht darauf warten, dass uns ein Engel mit Posaune oder Buddha oder Shiva oder irgendeine andere Wunderwesenheit erscheint. Und doch ist das Wunderbare, dass wir Epiphanie immer und überall erleben können – auch und gerade in der Begegnung mit anderen Menschen.

Als ich vor vielen Jahren in den nordindischen Bergen unterwegs war, kamen mir oft Einheimische mit Lasten auf dem Rücken entgegen. Mit freundlichem Lächeln und vor der Brust aneinandergelegten Handflächen grüßten sie mich: „Namaste!“ („Ich grüße den Gott in dir!“ Eine Grußform, die im heute eher unüblich gewordenen süddeutschen „Grüß Gott!“ immerhin noch angedeutet ist.) Wie selten machen wir uns bewusst, dass so manche Begegnung mit einem anderen Menschen das volle Potenzial für Epiphanie beinhaltet!

Schließlich sind wir es gewohnt, uns als Einzelne zu begreifen, wir definieren uns über das, was das Besondere an uns ausmacht, was uns aber auch von anderen unterscheidet und trennt. Wir sind Einsame, die oft genug unsere Mitmenschen als potenzielle Rivalen beäugen oder nach dem Nützlichkeitsprinzip beurteilen.

Schaffen wir es, unsere Aufmerksamkeit einmal nicht ablenken zu lassen von der Frage, ob unser Gegenüber entsprechend der neuesten Designerkollektion gekleidet ist, ob er/sie einer für uns interessanten Alterskategorie zugehört, ob er oder sie männlich/weiblich/divers, imposant oder eher unscheinbar daherkommt, dann eröffnen sich uns völlig andere und neue Möglichkeiten der Wahrnehmung.

Für einen Augen-Blick begegnest du einem Menschen in dessen Seelenwesen. Es offenbart sich dir der göttliche Funke, der jedem Menschen innewohnt. Blitzartig durchfährt dich die Erkenntnis: Tat tvam asi. Das bist du SELBST.

Ein kurzer Moment – eine Erschütterung unseres Seins

Solche Erlebnisse können wir nicht willentlich herbeiführen. Sie sind auch nicht beliebig wiederholbar. Sie dauern wohl meist tatsächlich nur einen kurzen Moment und werden schnell wieder überlagert von unseren gewohnten Modi der Wahrnehmung und der Welt-anschauung. Auch sind sie gänzlich unromantisch. So ganz und gar nicht wie eine schwärmerische Wunschvorstellung. Im Gegenteil: Ein solches Offenbarwerden kann uns in den Grundfesten unseres Seins erschüttern, unsere Überzeugungen und unser Bild von uns selbst durcheinanderwirbeln.

Epiphanie findet auch andere Wege zu uns als durch andere Menschen. Wie Christian Rosenkreuz am Abend vor Ostern können wir einfach nur still dasitzen. Die Epiphanie kann zart an die Tür unseres Herzens klopfen oder uns überfallen wie ein brausender Sturmwind. Vielleicht sind wir völlig überrascht, wenn wir sie erleben. Vielleicht ist uns gerade gar nicht bewusst, dass wir sie zuvor eingeladen, unser Seelenwesen darauf eingestimmt, uns lange danach gesehnt haben.

Kommt die Epiphanie von außen zu mir? Steigt sie aus meinem tiefsten Inneren auf? Finden und vereinigen sich Außen und Innen in diesem so besonderen Moment?

Stellt sich die Frage: Bin ich bereit?

Was geschieht JETZT?

 

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Datum: Januar 31, 2022
Autor: Isabel Lehnen (Germany)

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