Indem er den Schmerz des anderen in Liebe teilt, erstrahlen ihre Seelen in einer Schönheit, deren Glanz den Tod besiegen und die Welt einmal erlösen wird.
Dostojewskis Roman Der Idiot
„Ist es wahr, Fürst, dass Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schönheit erlöst werden?“ Diese Frage richtet ein junger Freund an Fürst Myschkin, der die wesentliche Gestalt in Dostojewskis Roman Der Idiot ist. Da der Fürst schweigt, fragt der Freund noch einmal nach: „Was ist das für eine Schönheit, die die Welt erlösen wird?“ Der Fürst sieht ihn durchdringend an, antwortet ihm nicht.*1
Er wird jedoch von nun an in grenzenlosem Mitgefühl an der Seite des schwindsüchtigen jungen Freundes bleiben, denn er weiß diesen dem Tode nahe. Er erinnert sich nur zu gut an das Angesicht des Todes, dem er einmal selbst als junger Mensch unmittelbar gegenüber stand. Es scheint, als wolle er dem Freund mit seinem Schweigen sagen, dass er seinen Schmerz mit ihm in Liebe teilen werde und dass diese ihre Seelen in einer Schönheit erstrahlen lasse, deren Glanz den Tod besiegen und einmal die Welt erlösen werde.
Eine Schein-Hinrichtung
Dostojewski selbst war 27 Jahre alt, als er in St. Petersburg zusammen mit einer kleinen Gruppe von Freunden wegen regimefeindlichen, sozialistischen Denkens zum Tode verurteilt wurde. In einem Brief an seinen Bruder schreibt er: „Heute, am 22. Dezember, wurden wir alle auf den Semjonovschen Platz gebracht.“ Als sie auf dem Schafott zu beiden Seiten aufgestellt waren, trat der Auditor in die Mitte der Richtstätte und verlas das Todesurteil: „zum Tode durch Füsilieren verurteilt“. Plötzlich brach Sonnenschein durch die Wolken. Und Dostojeswki sagte: Das kann doch nicht sein, dass man uns hinrichtet …
Man wirft den Delinquenten die weißen Sterbekittel über, die Degen werden über ihren Köpfen zerbrochen. Man bindet sie an den Pfählen fest und wirft ihnen die Kapuzen über die Augen, die Soldaten halten die Gewehre schussbereit, dann ein Trommelwirbel. Den zum Tode Geweihten reißt man die Kapuzen vom Kopf, bindet sie von den Pfählen los. Ein Kurier des Zaren verkündet die Begnadigung. Die Todesstrafe wird in Zwangsarbeit umgewandelt! Einige Tage später wird Dostojewski mit vielen anderen nach Sibirien deportiert. Später werden sie erfahren, dass der Zar diesen Schauprozess schon seit längerem so geplant hatte.*2
Jener eine Augenblick im „Weder-Tod-noch-Leben“, der plötzlich im Lichte der Sonne steht, wird Dostojewski einmal sagen lassen:
Es ist doch erstaunlich, was ein einziger Sonnenstrahl mit der Seele des Menschen macht. Und auch: Ich kann die Sonne sehen, […] und zu wissen, dass die Sonne da ist, das ist Leben.*3
Diesen Augenblick beschreibt Stefan Zweig in seinem Gedicht Heroischer Augenblick:
Der Tod kriecht zögernd aus den erstarrten Gelenken,
und die Augen spüren, noch schwarz verhängt,
dass sie Gruß vom ewigen Lichte umfängt […]
Denn er fühlt, dass, erst seit
er die bittern Lippen des Todes berührt,
sein Herz die Süße des Lebens spürt.*4
Die Epilepsie als Metapher
Dostojewski stand zeitlebens unter dem Eindruck der unsäglichen Demütigung durch jene staatliche Gewalt, die ihn zum Tode verurteilte und ihn im letzten Moment dem Leben wieder geben wollte. Dieser Schock löste in ihm eine chronische Epilepsie aus. Der eine wesentliche Augenblick, in dem ihn das in seine Seele eindringende Sonnenlicht vor dem Tode bewahrte und ihn zu neuem Leben erweckte, wird sich in Dostojewskis Seele als eine dauerhafte Erfahrung während seiner Epilepsieanfälle einprägen, die er in der Gestalt des Fürsten Myschkin in seinem Roman Der Idiot verarbeitete. In dieser Ambivalenz ist jeder Epilepsieausbruch des Fürsten der Versuch seiner Seele, die Gegensätze von Tod und Geburt als eine erlebte Einheit in das menschliche Leben zu integrieren. Fürst Myschkin ist eine Art Alter Ego von Dostojewski.
Der Fürst, der in seinem eigenen Unglück die Vision der Verbundenheit des Lebens aller Menschen erfährt, führt ein wahrhaft demütiges Leben. Die Menschen um ihn herum können ihn jedoch nicht verstehen. Sie leben in einer Scheinwirklichkeit der Eigenliebe, verspotten seine vornehme und mitleidige Seele und nennen ihn einen Idioten.
Eine Parallele zwischen Fürst Myschkin und Jesus
Hermann Hesse vergleicht in seinen Gedanken zu Dostojewskis „Idiot“ Fürst Myschkin mit Jesus.*5
Die Parallele zwischen den beiden ist der Gedanke an den Augenblick, wo Jesus im Garten Gethsemane den letzten Kelch der Vereinsamung trinkt […]. Es ist der Moment einer unglaublichen, totalen Isoliertheit, einer tragischen Vereinsamung des „Idioten“: Auf der einen Seite die Gesellschaft, die Eleganten, die Weltleute, die Reichen, Mächtigen und Konservativen, auf der andern Seite die wütende Jugend, unerbittlich, nichts kennend als Auflehnung, wüst, wild, namenlos stupid …- und zwischen beiden Parteien der Fürst allein, exponiert, von beiden Seiten kritisch und mit höchster Spannung beobachtet. Und wie endet die Situation?
Sie endet damit, dass Myschkin […] sich ganz seiner guten, zarten, kindlichen Natur entsprechend benimmt […], auf das Unverschämteste noch mit Selbstlosigkeit antwortet […] und dass er damit vollkommen durchfällt und verachtet wird […] Alle wenden sich von ihm ab […], einen Augenblick sind die äußersten Gegensätze in Gesellschaft, Alter, Gesinnung völlig verlöscht, und alle sind einig, vollkommen einig darin, dass sie sich mit Entrüstung von dem abwenden, der der einzige Reine unter ihnen ist.
Worauf nun beruht die Unmöglichkeit dieses Idioten in der Welt der andern?
Das ist, weil der Idiot ein anderes Denken denkt als die andern. Sein Denken ist jenes, das ich das „magische“ nenne.*6
Fürst Myschkin hat einmal während des Hinrichtungsprozesses auf der magischen Grenze gestanden, wo er alles annehmen musste, den Gedanken an den Tod und sein Gegenteil, das Leben. Er erkannte, dass es kein Gesetz, keine Kultur und Moral und Formung gibt, welche anders wahr wäre, als nur von einem Pol aus – und dass ein jeder Pol seinen Gegenpol hat. Er leugnete damit die ganze Welt und Wirklichkeit der anderen, und die Tatsache, dass er als ein liebenswerter, selbstloser Mensch auftrat, machte die Menschen hilflos. Er hatte in dem Licht und in der wärmenden Liebe des Sonnenstrahls, der ihn einst zu neuem Leben rief, die wahre Einheit und das Gesetz des menschlichen Seins erfahren.
Das Gesetz des Mitleids
Das Mitleid ist ja doch das wichtigste und vielleicht das einzige Gesetz des Seins der ganzen Menschheit, sagte Dostojewski.*7
Wenn wir den Schmerz mit unseren Nächsten teilen, nehmen wir alle Menschen in unser Herz auf. Gleichzeitig verbinden wir uns mit unserem gemeinsamen göttlichen Lebensquell, welcher der Ort ist, an dem die ursprüngliche Schönheit der Liebe Gottes strahlt“. *7
Das ist das Geheimnis der Schönheit: sie strahlt einen Glanz aus, der die Herrlichkeit Gottes in seiner ganzen Schöpfung zum Ausdruck bringt und die Welt erlösen wird.
Bei völliger Bescheidenheit, ja Demut dieses Fürsten Myschkin ist er ganz unnahbar, und sein Leben strahlt eine Ordnung aus, deren Mitte eben die eigene, bis zum Verschwinden reife Einsamkeit ist. In der Tat ist damit ganz Seltsames gegeben: Alle Geschehnisse, so entfernt sie auch von ihm verlaufen mögen, besitzen eine Gravitation auf ihn zu und dieses Gravitieren aller Dinge und Menschen gegen den Einen macht den Inhalt des Buches aus.
Walter Benjamin
Aus Stefan Zweigs Heroischer Augenblick:
Und ihm wird klar,
daß er in dieser einen Sekunde
jener andere war,
der vor tausend Jahren am Kreuze stand,
und daß er, wie Er,
seit jenem brennenden Todeskuß,
um des Leidens das Leben liebhaben muß.
- Fjodor M. Dostojewski, Der Idiot, München 1997, S.588
- eu Hinrichtung
- Zitat aus aphorismen.de
- Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit, Heroischer Augenblick, Projekt Gutenberg.de
- Hermann Hesse, Gedanken zu Dostojewskis Idiot, https://hesse.projects-gss.ucsb.edu
- Ebda
- Dann verwirklicht die Schönheit die Bedeutung ihrer Herkunft aus dem Sanskrit, Bet-El-Za, das bedeutet „ der Ort, an dem Gott scheint“.
