Das Labyrinth

Das Labyrinth

Es mag Menschen geben, die einen Weg der Befreiung anstreben als einen Gang weit, weit von der Erde weg in die Tiefen des Alls. Das Labyrinth als christliches Einweihungssymbol zeigt dagegen ein anderes Ziel: Der Weg durch das Labyrinth führt die Pilger nicht weg, nicht irgendwohin, sondern sie bleiben ihren Mitpilgern immer sehr nahe, es gibt immer Berührungspunkte mit den anderen Pilgern aller Stufen. Durch das Gehen dieses Mysterienweges machen die Pilger bei jedem Schritt und vor allem bei jeder Umwendung Licht der Erkenntnis frei.

Auf einer Reise in den hohen Norden Schwedens kam ich in einen kleinen Ort, wo ich rasten wollte. Da es noch früh am Nachmittag war, wanderte ich durch den Ort, um die durchsichtig-hellblaue Sommeratmosphäre Nordschwedens einzutrinken. Als ich vor dem letzten Haus der Straße stehen blieb und eine übermannshohe, prachtvolle Sonnenblume bewunderte, die über den Zaun ragte, grüßte mich der Hausbesitzer, und ich antwortete so gut ich konnte auf Schwedisch. Er antwortete direkt auf Deutsch und sagte, dass er deutsche Vorfahren habe. Wir kamen ins Gespräch und schließlich lud er mich zu einem Kaffee auf seiner Terrasse ein. Dabei tauschten wir uns über unser Woher und Wohin aus. Schließlich sagte er: „Ich möchte Ihnen etwas Besonderes zeigen. Kommen Sie in den hinteren Garten.“ Ich folgte ihm durch die Terrassentür.

Im Garten gingen wir auf eine Sträucherwand zu und er führte mich durch eine verwunschene Lücke hindurch, hinter der sich der Blick auf ein ziemlich weitläufiges Gelände öffnete. Ich sah ein großes Rondell, das mit sehr vielen konzentrischen Reihen aus glänzend weißen, großen und kleinen Steinen belegt war, ein Labyrinth. In der Mitte erhob sich eine mannshohe Rosenhecke, die das im Innersten Liegende verbarg.

„Mein Lebenswerk“, sagte er. Die Größe der Anlage war enorm, ich schätzte den Durchmesser auf etwa dreißig Meter. Langsam erkannte ich die Struktur des Labyrinths: es war in vier Sektoren aufgeteilt, durch die der Weg in konzentrischen Kreisabschnitten mäandernd verlief. „Es sind zwölf Kreise“, sagte mein Gastgeber.

„Dieses Labyrinth“, so fuhr er fort, „ist ein Mysterium. Es hat nichts mit einem Irrgarten oder dem kretischen Labyrinth zu tun, aus dem Theseus ja hinausfinden sollte, wobei ihm der Faden der Ariadne ja bekanntlich geholfen hat.

In dieses Labyrinth geht man jedoch freiwillig hinein. Es symbolisiert den Einweihungsweg in die Mysterien, und enthält dabei auch viele Hinweise für das Gehen des Mysterienwegs und die Gefahren und möglichen Ablenkungen.

Nachdem man eingetreten ist, die ersten Schritte gemacht und die ersten drei Wendungen vollzogen hat, ist man bereits am innersten Kreis angekommen. Der Pilger mag da denken: ‚Ich bin schon angekommen‘! Und verwundert stellt er fest: ‚Das war ja einfach; ich bin eben ein Auserwählter, bei mir geht es so einfach.‘ Aber man ist noch nicht wirklich im Innersten Kreis angekommen, sondern darf erst nur die Außenmauer

berühren. Aber auch an der Außenmauer wirkt bereits eine starke Ausstrahlung aus dem Innersten, so dass dort viele Menschen verweilen. Es ist gewissermaßen ein Ort, wo Milch und Honig fließen.

Ich wandte ein: „Die Wege sind ja nur durch Steinreihen markiert, man könnte sie einfach übersteigen und den Weg abkürzen.“ – „In der Tat, das ist möglich, denn der Weg ist ja nicht fest gemauert, sondern nur markiert. Das entspricht dem Prinzip des christlichen Einweihungswegs, der ein Weg der Erkenntnis in Freiheit ist. Das Labyrinth symbolisiert einen Seelenweg, der zur vollkommenen Reife führt, daher macht das Übersteigen der Begrenzungen keinen Sinn, sondern verletzt kosmische Gesetze. Wer dem Symbol nicht ernsthaft folgt, kann die Seelenentwicklung nicht richtig vollenden. Aber tatsächlich kommt dieses Übersteigen nicht selten vor, häufiger als man denkt, durch okkulte Praktiken, durch Drogen und Ähnliches. Oder einfach durch Unreife.“

Nach einer Weile sagte ich „Wenn man mitten auf dem Weg bleibt, scheint das Gehen ganz einfach zu sein. Aber wenn man träumt und nicht wachsam ist, vor allem an den Umkehrpunkten, stößt man sich an einem Stein, und man wird wieder aufgeweckt.“

„Genau, dieses Stolpern kann sich im Leben als Unfall, als Verlust, als Krankheit zeigen, aber kann dadurch zu einer Erschütterung, zum Erwachen und schließlich zu einer Erkenntnis führen, wenn es gut ist. Diese weißen Steine stehen symbolisch für die fundamentalen Gesetze des Lebens und des Seins, die im ganzen Kosmos gelten, und das Stolpern an ihnen führt zu immer weiteren Erfahrungen, so dass der Mensch irgendwann die göttliche Ordnung bewusst verinnerlicht hat.“

Ich fragte weiter: „Wir begegnen auf unserem Lebensweg ja sehr vielen Menschen, die von uns aus gesehen in eine andere Richtung gehen – was bedeutet das?“ – „Sie sind auch auf ihrem Weg, aber an einer anderen Stelle der Windung und bewegen sich daher nur scheinbar in einer anderen Richtung. Es können Menschen sein, mit denen wir Erfahrungen und Erkenntnisse austauschen, was hilfreich und sehr beglückend ist. Oder es können Menschen sein, die in Not sind und Rat, Verständnis oder tatkräftige Hilfe brauchen. Oder drittens können es auch Menschen sein, die bereits mehr Einsichten haben und mir Hilfe geben können; aber dazu muss ich reif sein.“ – „Wie kann ich an einem Menschen erkennen, ob er weiter ist und mir Hilfe geben kann?“ fragte ich. – „Ob jemand ‚weiter‘ auf dem Weg ist, können wir nicht feststellen; denn wir haben kein Sensorium für etwas, was wir noch nicht entwickelt haben. Zu Anfang neigt man oft dazu, über solche Menschen zu lächeln. Achte vor allem auf die Stillen “

Nach einer Pause fuhr er fort:

„Wir sind gedanklich noch erst an der Außenmauer des Innersten angekommen. Aber der Strom des Lebens drängt den Pilger irgendwann, weiter zu gehen, weg von diesem Ort, wo Milch und Honig fließen, und er führt uns durch acht weitere Umwendungspunkte.

Schnell ist das Märchen erzählt, aber lange braucht es zur Tat,

sagte man im alten Russland so treffend. Denn jede einzelne Umwendung bedeutet nicht nur einen Perspektivwechsel, sondern ist auch das Ende eines Entwicklungsabschnitts und der Anfang eines neuen.

Nach dem erfolgreichen Durchwandern der acht Umwendungspunkte – wieviele Leben braucht es dazu, wer weiß es? – kommt der Pilger zum zweiten Mal an der Außenseite des Innersten Kreises an, diesmal auf der gegenüberliegenden Seite. Dort ist es schon exklusiver; dort haben sich nur wenige eingefunden, aber im Ergebnis ist es noch dasselbe: die Pilger stehen erst noch auf der Außenseite des Innersten.“

Nach einer Weile des Besinnens wandte ich ein: „Die Pilger werden aber nach den vielen und sicher auch dramatischen Erfahrungen sicher nicht dieselben geblieben sein?“ –

„Genau das ist das Entscheidende. Aber in Bezug zu dem Innersten bleibt es dennoch dasselbe. Zu deinem Verständnis will ich ein Gleichnis erzählen: Wenn jemand plant, in ein Land auszuwandern, beginnt er die Sprache zu lernen und interessiert sich für die Sitten, Gebräuche und auch für das ganze Land. Damit kann er eine Aufnahmeprüfung für einen Fortgeschrittenen-Kursus bestehen und in diesem weiter die Anwendung und die Feinheiten der Sprache, der Historie, der Gebräuche sowie der Führung und der Ordnung des neuen Landes lernen. Aber er ist ja definitiv noch nicht in das neue Land eingezogen. Dazu muss er sich, wenn er denn alle Prüfungen und auch das Abschluss-Examen bestanden hat, in Geduld fassen, bis er – zusammen mit seinen Gefährten – ins neue Land eingeladen wird.

Wenn also die Einladung dann tatsächlich unerwartet erfolgt, geht es um ein vollständiges Abschiednehmen vom alten Land und die Bereitschaft für einen absoluten Neubeginn, denn das letzte Drittel ist lang, es gibt weitere zweiundzwanzig Wendungen. Aber die Pilger sind ja alle gut vorbereitet durch ihre gereifte Seele und sind dabei auch nicht mehr allein, sondern sind mit ihrer Auswander-Gruppe seelisch-geistig verbunden, wodurch die Überfahrt auch kurzweilig werden kann.

Die Gruppe als Seelengemeinschaft erkennt gemeinsam die Wege, „beleuchtet“ sie. Das Gehen wird dadurch einfach, es ist nicht mehr nötig, an Steine zu stoßen. Im Gegenteil: durch das gemeinsame Beleuchten wird die Ordnung des Ganzen erkennbar und die Pilger dürfen sich an der Schönheit und Weisheit des ganzen Kosmos erfreuen. Sie dürfen zum ersten Mal die Glorie Gottes wirklich erkennen und den Schöpfer preisen.

Es mag Menschen geben, die einen Weg der Befreiung anstreben als einen Gang weit, weit von der Erde weg in die Tiefen des Alls.

Das Labyrinth als christliches Einweihungssymbol zeigt dagegen ein anderes Ziel:

der Weg durch das Labyrinth führt die Pilger nicht weg, nicht irgendwohin, sondern sie bleiben ihren Mitpilgern immer sehr nahe, es gibt immer Berührungspunkte mit den anderen Pilgern aller Stufen.

Durch das Gehen dieses Mysterienweges machen die Pilger bei jedem Schritt und vor allem bei jeder Umwendung Licht der Erkenntnis frei. Die ersten Pioniere mussten noch jeden einzelnen Schritt mühsam durch das Dunkel bahnen. Durch das Gehen von immer mehr Pilgern wird dieses Licht heller und klarer, das Gehen wird einfacher und schließlich strahlt das ganze Labyrinth in einem hellen Schein der Erkenntnis.

Die Form des Labyrinths enthält alle Ansichten eines Mysterienwegs und ist daher ein wunderbares und schönes Kunstwerk, das nur durch eine Geistseele oder eine Geist-Seelen-Bruderschaft erdacht werden konnte. Mir scheint das Labyrinth ein Symbol zu sein für die seelische Verbundenheit der ganzen Menschheit, oder noch besser: ein Plan für die Entwicklung der Menschheitsseele. Oder auch einfach: eine Arche für alle suchenden Seelen.“

„Sind Sie den Weg zuende gegangen?“ hörte ich mich fragen – und während ich noch sprach, spürte ich, wie dumm diese Frage ist.

„Mit dem Labyrinth scheint es eine besondere Bewandtnis zu haben“, antwortete er. „Ich habe es so empfunden, als ich den ersten Schritt hinein getan habe, mit festem Entschluss, als ob mich eine unsichtbare Kraft immer weiter dazu anhält, den Weg bis zum Ende zu gehen. Ob ich den Weg zuende gegangen bin? Von außen gesehen scheint es so, als ob das verborgene Innerste im Labyrinth ein Ende, ein konkretes Ziel sei. Aber was wäre dann dieses Ziel, woraus bestünde es?“

Nach einer Pause fuhr er fort: „Der Weg durch das Labyrinth ist der Gang durch das Leben, durch viele Leben, getragen und geleitet von einer tiefen Sehnsucht. Am Ende des Weges steht die Erfüllung der Sehnsucht. Daher ist es wichtig, bevor man definitiv in das Labyrinths eintritt, sich seines Lebenszieles bewusst zu werden.“

In mir stieg die Frage hoch: „Wohin zielt meine Sehnsucht? Was ist mein Lebensziel?“

Wir schwiegen eine lange Zeit.

Da raschelte es hinter uns in den Sträuchern – ein großer Hund kam zu ihm gelaufen und stupste ihn mit der Schnauze an. Er streichelte ihn.

„Danke, Hanno“, sagte er und wandte sich zu mir: „Ich habe ganz vergessen, dass ich noch einen Besuch machen muss. Entschuldigen Sie, aber wir müssen uns verabschieden. Kommen Sie wieder gut in Ihre Heimat zurück; wer weiß, vielleicht sehen wir uns einmal wieder.“

Wir drückten uns herzlich die Hand und verabschiedeten uns.

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Datum: Mai 4, 2026
Autor: Joachim Plackmeyer (Germany)
Foto: serpae-street-Bild von Serp Pae -Pixabay Content License

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