Der Weg zum Ganzen – Ein Weg der Freiheit

Der Weg zum Ganzen – Ein Weg der Freiheit

Der göttliche Geist ist nichts Fertiges, sondern etwas Tätiges. Hegel sagt: „Er ist […] die Tätigkeit, zu sich zu kommen und so sich hervorzubringen, sich zu dem zu machen, was er an sich ist.“

Im Denken des Menschen findet die Selbstwerdung des Absoluten statt.

Wie G.W.F. Hegel Göttliches und Menschliches zusammenführt

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwarf G.W.F. Hegel (1770-1831) seine Philosophie des Geistes, die zur Grundlage seines reifen Denkens wurde. Er gestaltete ein umfassendes philosophisches System aus, das einen hohen Anspruch erhebt. Denn im Denken des Menschen findet, so Hegel, die Selbstwerdung des Absoluten statt, bildet sich das Selbstbewusstsein Gottes heran.

Hegels System besteht aus drei Teilen; sie beziehen sich auf

  • das Sein Gottes vor der Erschaffung der Welt,
  • Gottes Entäußerung in die dem Geist entgegengesetzte, andere, vielfältige Natur (die Materie),
  • die Rückkehr Gottes aus seiner Schöpfung zu sich selbst.

Wir können in diesen drei Stufen unschwer Hegels berühmtes Schema von These, Antithese und Synthese erkennen. Auf der zweiten Stufe stehen sich der Geist und die Natur (Materie) antithetisch in einem ungeheuren Widerspruch gegenüber. Für Hegel vollzieht sich hier das Prinzip der dialektischen Entwicklung: die aus dem Widerspruch resultierende Bewegung. Sie ist der Motor für den sich dynamisch entwickelnden Prozess der Selbstfindung Gottes im Menschen.

Die Struktur der Vernunft

Der Gedankengang Hegels vollzieht sich in einem dialektischen Dreischritt in der geistigen Vernunft des Menschen. Er wird gebildet durch zwei gegensätzliche Pole: das Sein des Absoluten und ihm gegenüber die fremde, vielfältige Natur bzw. Materie und drittens, sie beide verbindend, das göttliche Selbstbewusstsein im Menschen. Das Subjekt (der Geist)und das Objekt (die Natur, die Materie) stehen einander gegenüber und werden von einem dritten Pol, dem Bewusstsein, zueinander in Beziehung gesetzt.

Darin liegt die Entwicklung des Erkenntnisprozesses:

Das menschliche Bewusstsein erwacht, indem es sich in Beziehung setzt zu den gegensätzlichen Polen und sie miteinander verbindet. So bildet sich das Selbstbewusstsein heran, so erlebt der Mensch sich immer tiefergehend.

„Hiermit ist der Sinn der hegelschen Dialektik beschrieben: Sie will die Scheidung von Ich und Gegenstand, die die Quelle jeder distinkten [klaren und deutlichen] Erkenntnis ist und zugleich ständig neu die Einheit des wachsenden Bewusstseins stiftet […]. In diesem dialektischen Prozess muss das Bewusstsein sich schließlich nach Hegel als Vernunft ganz inne werden und sich in seinem eigenen Wesen erleuchten, ins Helle des geistigen Scheinens bringen.“ [1]

 

Geschichte als Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit

Das Wesen des Geistes ist Freiheit, und alle seine Eigenschaften bestehen nur durch seine Freiheit, sie ist das Wahrhafte des Geistes. Die Substanz der Materie dagegen ist die Schwere, da sie keinen Mittelpunkt hat. Sie ist wesentlich zusammengesetzt, besteht aus vielen einzelnen Teilen und treibt nach einem Mittelpunkt.

Der Geist dagegen ist bei sich, und dieses Bewusstsein ist sein Selbstbewusstsein. Es ist dies seine Empfindung von Freiheit, die ihn frei macht. Der Geist ist auch nichts Fertiges, sondern etwas Tätiges. „Er ist […] die Tätigkeit, zu sich zu kommen und so sich hervorzubringen, sich zu dem zu machen, was er an sich ist.“ [2]

Von der Weltgeschichte wird gesagt, „dass sie die Darstellung des Geistes sei, wie er sich das Wissen dessen, was er an sich ist, erarbeitet; und wie der Keim die ganze Natur des Baumes, den Geschmack, die Form der Früchte in sich trägt, so enthalten auch schon die ersten Spuren des Geistes virtualiter die ganze Geschichte.“ [3]

Die Anwendung des Prinzips der Freiheit auf den jeweils weltlichen materiellen Zustand bestimmt den langen Verlauf der Geschichte der Menschheit. Der Motor, der diesen Prozess antreibt, ist das den dialektischen Gegensatz zwischen Geist und Materie überwindende und die beiden immer neu integrierende geistige Selbst-Bewusstsein des Menschen.

Nehmen wir als Beispiel, um diesen Entwicklungsprozess zu illustrieren, die Französische Revolution.

Jean Jacques Rousseau gilt als ihr früher Wegbereiter. Seine Kulturkritik geht von dem zentralen Gedanken einer natürlichen Entwicklung des Menschen aus. Die dadurch resultierenden kulturbedingten Ungleichheiten unter den Menschen bilden eines der wesentlichen Probleme: „Der Mensch ist frei geboren, geht aber überall in Ketten“, stellte Rousseau fest. Er erarbeitete einen Gesellschaftsvertrag (Contrat social), der die „Willen“ der Menschen in einem „Gesamtwillen“ vereinigt. Dieser Gedanke Rousseaus von der grundsätzlichen Freiheit des Menschen hatte wesentlichen Einfluss auf den Ruf des französischen Volkes (und nachfolgender Völker) nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und führte zur Französischen Revolution.

Von ihr war Immanuel Kant zunächst so begeistert, dass er betonte, dass es noch nie in der Geschichte der Menschheit geschehen sei, dass ein ganzes Volk seine Regierung gestürzt habe.

Die Revolution endete tragisch; die Menschen waren ihrer Forderung nach Freiheit noch nicht gewachsen.

Albert Camus erinnerte den Menschen im 20. Jh. mit folgenden Worten an seine innere Größe: „Nichts wird den Menschen geschenkt, und das Wenige, das sie erobern können, muss mit ungerechtem Sterben bezahlt werden. Aber nicht darin liegt die Größe des Menschen, sondern in seinem Willen, stärker zu sein als die conditio humana. Und wenn die conditio humana ungerecht ist, hat er nur die Möglichkeit, sie zu überwinden, indem er selber gerecht ist.“ [4]

Hölderlin, ein Freund Hegels und, wie dieser, zunächst selbst ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, hatte in dieser Möglichkeit das innere göttliche Feuer der Freiheit im Menschen erkannt:

„Freilich ist das Leben arm und einsam. Wir wohnen hier unten, wie der Diamant im Schacht. Wir fragen umsonst, wie wir herabgekommen, um wieder den Weg hinauf zu finden. Wir sind wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft, und ringen und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft. Aber sie kommen, sie wägen Äonen des Kampfes auf, die Augenblicke der Befreiung, wo das Göttliche den Kerker sprengt, wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend emporwallt über die Asche, wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist, vergessen der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die Hallen der Sonne.“ [5]

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit […]“, sagte Hegel, „sie ist […] der einzige Zweck des Geistes. Dieser Endzweck ist das, worauf in der Weltgeschichte hingearbeitet worden, dem alle Opfer auf dem weiten Altar der Erde und in dem Verlauf der langen Zeit gebracht worden.“ [6]

Was ist nun unsere Freiheit? so können wir fragen. Wie kann sie zusammenkommen mit der Freiheit Gottes? Es ist möglich, weil wir in der Tiefe einen göttlichen Aspekt besitzen, ein Göttliches „im Kerker“, wie Hölderlin sagt. Es regt sich, kann aufbrechen, und wir können seinen Impulsen folgen. Dies zu erleben und sich dieser inneren Stimme anzuvertrauen, die ein Aspekt des Weltenwillens ist, darin liegt der „spirituelle Weg“, der dem Menschen aufgegeben ist. Im Zusammenwirken mit seinem wahren Selbst vereint der Mensch die eigene mit der göttlichen Freiheit. Er entfaltet und befreit in sich selbst das Göttliche und verwandelt sich damit einhergehend. Gleichzeitig verwirklicht und offenbart sich dabei das Selbstbewusstsein des Absoluten durch und im Menschen.


[1] G.W.F. Hegel, Die Struktur der Vernunft, in: Texte der Philosophie , München 1972, S. 36

[2] Hegels Bestimmung des tätigen Geistes, in: Die letzte Epoche der Philosophie, Stuttgart 1974, S. 15

[3] A.a.O. (Fußn. 2)

[4] Albert Camus, Verteidigung der Freiheit, Hamburg 1968

[5] Friedrich Hölderlin, Des Lebens Bogen, Ein Hölderlin Brevier, München 1970, S. 14

[6] S. Fußn. 2, S. 16

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Datum: März 18, 2026
Autor: Sibylle Bath (Germany)
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