Das offene Geheimnis

Das offene Geheimnis

Können wir die Dinge und die Welt einfach so sehen, wie sie wirklich sind – und nicht, wie wir sie uns vorstellen? Können wir die eigenen Schleier beiseite schieben?

Es gibt keine Geheimnisse an sich, sondern nur Uneingeweihte aller Grade.

Einfacher als in diesem Satz von Christian Morgenstern kann man kaum sagen, worum es im Leben geht: Nicht die Wahrheit ist kompliziert, sondern wir sind unfähig, zu ihrer Einfachheit durchzudringen. Wir sind diejenigen, die sich in der Vielfalt verlieren. Wir können die Wahrheit nicht entschlüsseln, weil wir nicht in der Lage sind, unsere eigenen Standpunkte und Projektionen aufzugeben. Es fehlt uns an Bewusstsein. So kommt aus all unserem Grübeln immer nur eine Vervielfältigung von Bekanntem, schon Gedachtem heraus.

Aber: So einfach den Vorhang vor der einfachen Wahrheit beiseite ziehen, geht das überhaupt, wenn wir den Vorhang lieben, uns daran festklammern, ihn verzieren, ihn schwerer machen und wir womöglich selbst Teil des Vorhangs sind? Zweifellos geht es nicht so einfach, man bräuchte eine Methode, einen Trick, mit dem man die eigene Beschränktheit überlisten kann. Das klingt nach einer der Geschichten des Freiherrn von Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte.

Aber auch wenn wir ratlos vor dem Vorhang stehen: Es lohnt sich, nach einer Möglichkeit zu suchen, ihn zu öffnen. Es ist nicht das „einfache Leben“, es ist nicht Beschränkung unseres Denkens oder Fühlens, und es ist auch nicht das Hineinmeditieren in etwas Unbekanntes oder das Hinter-sich-lassen von dem, was uns lieb und wert ist. Das alles würde uns nicht weiterhelfen.

Vielleicht müssen wir uns zunächst an den Widerspruch gewöhnen, dass alle Erscheinungen scheinbar sind, aber die Wahrheit dennoch zugänglich ist. Was wir im Allgemeinen unter Objektivieren verstehen oder „objektiv“ betrachten, bedeutet im Grunde nichts anderes, als alle Dinge zu Objekten zu machen, zu Objekten unserer Wahrnehmung, zu Waggons im Verschiebebahnhof unseres Ichs, das genau das konstruiert, was wir selbst sehen wollen, das uns vorspielt, diese oszillierende Vielfalt sei schon der Ursprung. Von außen tritt uns das vielfach gespiegelte Eigene gegenüber. So bestürzend diese Beobachtung sein kann, so heilsam ist sie aber auch, denn die Suche ist es wert.

Laotse nannte die einfache Wahrheit Tao, und sagte immer wieder, dass dieses Tao der Urgrund von allem, aber unfassbar sei. Unfassbar für wen? Für alle Menschen? Für die „Uneingeweihten“ Morgensterns? Viele Menschen haben Laotses Texte hunderte Male gehört, sie haben sich auch daran erfreut. Das ist nichts Schlechtes. Aber es reicht offensichtlich nicht, um den Vorhang vor der einfachen Wahrheit zu lüften.

Schauen wir uns die chinesische Version des Wortvorhangs etwas genauer an:

Es gibt eine berühmte Stelle im Tao Te King[1], die mehrfach auftaucht. Am häufigsten wird Bezug genommen auf Kapitel 25, wo sie als letzte Zeile lautet: „Dao Fa Zi Ran“. Ein Chinese übersetzte diese Worte für mich einmal sehr einfach mit “Tao ist das Gesetz der Natur“. Er meinte es anscheinend gut mit mir und wollte mich nicht irritieren. Und er fügte noch dazu „So einfach ist das“.

Fa bedeutet „Methode“, „Art und Weise etwas zu tun“ oder einfach „Gesetz“.

Aber machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir Zi Ran nur mit „Natur“ übersetzen? Denn der Begriff hat, wie viele andere in der chinesischen Sprache, eine Vielfalt von Bedeutungen auf mehreren Ebenen. Und hier fangen die „zehntausend Erscheinungen“ an, die aus dem Einen hervorgehen – und bei unserem Vorhang aufhören.

Zi Ran bedeutet eben nicht nur „Natur“, sondern auch „natürlich“, „einfach“, „ursprünglich“, „Leichtigkeit“, „frei von Zuneigung“ oder auch „aus sich selbst hervorgehend“, und so weiter… .

Wir könnten darüber nachdenken, welche Natur mit dem Begriff Zi Ran gemeint sein könnte. Möglicherweise nicht nur die „äußere“ Natur, die der Mensch mit anderen Lebewesen gemeinsam hat. Aber welche dann? Die schillernde Vielfalt der Übersetzungen macht die Sache nicht einfacher.

Kehren wir deshalb einen Moment zu Morgenstern zurück: Wir können davon ausgehen, dass der „Eingeweihte“ Morgensterns die Dinge (und die Welt) einfach sieht, nämlich so, wie sie (wirklich) sind – und nicht, wie er sie sich vorstellt. Einweihung bedeutet dann das Beiseiteschieben der eigenen Schleier. Nicht-Einweihung ist das Verzieren der Schleier.

Abgesehen davon, dass die Worte Laotses oft kryptisch und schwer verständlich sind, ahnen wir doch ihre Tiefe. Ernst genommen, werden sie zu einem Schock, der unser Wesen durcheinanderwirbelt und unseren Kopf verwirrt. Würde das Beiseiteschieben der Schleier nicht auch das Beiseiteschieben des eigenen Wesens, das unsere Identität ausmacht, bedeuten? Wir würden uns einem Nichts oder dem „Aus-sich selbst-Seienden“ (wie Zi Ran manchmal übersetzt wird) zuwenden – und das auch noch „frei von Zuneigung“ wie Laotse sagt! Eine verrückte, eine unerfüllbare Aufforderung, oder?

Es geht offensichtlich um mehr, als sich weniger wichtig zu nehmen, auch um mehr, als weniger zu essen und trinken, weniger zu reden und um mehr, als auf Komfort zu verzichten. Es geht um ein anderes Leben, nicht nur eine höhere Oktave im bekannten Leben, also letztlich um ein anderes Bewusstsein, das sein Zentrum nicht mehr bei sich selbst hat.

Jeder, der arbeitet – ganz gleichgültig was – und sich ganz in diese Tätigkeit hineinbegibt, vergisst seine Umgebung, blendet sich selbst aus. Er ist in gewissem Sinne nicht mehr anwesend. Das kennen viele von uns. Es ist ein schwaches Bild von dem, was Laotse und Morgenstern andeuten. Aber zumindest zeigt es, dass die Fähigkeit im Menschen angelegt ist. Wer dar-innen ist, ist ein-geweiht gerade dadurch, dass er nicht mehr nur bei sich ist.

Diese Erfahrung lässt uns vermuten, dass es hinter (oder in) der Vielfalt, die wir sind und die uns umgibt, eine Art Natur anderer Ordnung, das „Aus-sich selbst-Seiende“ gibt.

Dieses anzuerkennen, könnte der erste Schritt sein, er kostet uns etwas Mühe, aber mit ihm verlassen wir den Zuschauerraum und zupfen ein wenig am Vorhang der verwirrenden Vielfalt.

Das Sich-davon-ergreifen-lassen ist der zweite Schritt; er kostet mehr Mut und mehr Überwindung; mit ihm öffnen wir einen schmalen Spalt im Vorhang; wir sehen die ersten Konturen und hören die Musik dahinter und – beginnen, uns zu verändern.

Und mit dem dritten Schritt ziehen wir den Vorhang ganz zur Seite. Das ist sicher der entscheidende und schwierigste Schritt. Er verlangt alles von uns.

Aber für alle drei Schritte müssen wir leiblich auf die Bühne gehen, die Bühne unseres Lebens. Diese Mühe bleibt uns nicht erspart, denn wenn wir auf unserem Sitz im Parkett festkleben, wird sich nie etwas ändern.

So bewegen wir uns durch alle „Grade der Uneingeweihten“ Morgensterns.

Wenn wir dann den Vorhang öffnen, stellen wir fest: Dahinter ist – NICHTS.
Nichts, und doch  ALLES. Nichts, was wir kennen oder uns vorstellen können. Und dennoch durchdringt es alles.

 

[1] Wir verwenden hier die im Deutschen übliche Schreibweise „Tao“ anstelle des korrekteren „dao“ und „King“ anstelle von „jing“.

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Datum: März 12, 2026
Autor: Peter Herrle (Germany)
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