Walt Whitman – Stimme des Mutes

Walt Whitman – Stimme des Mutes

Walt Whitman – Stimme des Mutes

 

Matthias Busch

 

Teaser:

Whitman identifiziert den Menschen mit seiner unsterblichen Seele. Und er hört nicht auf, das Lied der Befreiung der Seele zu feiern. Er macht Mut, alles zu wagen auf dem Nachhauseweg zur Einheit in Gott.

Der US-amerikanische Dichter Walt Whitman lebte von 1819 bis 1892. Er wurde zu Lebzeiten „der gute graue Poet“ und: „der Heilige aus Camden“ genannt. Spätere Autoren beschrieben ihn als religiösen Lehrer, Visionär, „Prophet einer neuen Ära“, als „Mensch mit einem kosmischen Bewusstsein“, als einen der großen Verkünder des Weges der Befreiung.*

Seine unglaublich direkten Gedichte sammelte er in seinem einflussreichen, die Dichtkunst revolutionierenden Gedichtband Leaves of Grass, zu deutsch: Grashalme. Ein Band, der im Verlauf seines Lebens mit jeder Neuausgabe immer umfangreicher wurde.

Die „Grashalme“-Gedichte haben mich seit meiner Jugend begleitet und begeistert. Gerade in schweren Zeiten waren einzelne Gedichte daraus wie Leuchtturm-Strahlen für mich, mit einer Kraft, an der ich mich innerlich aufrichten konnte.

Es ist so, als ob Walt Whitman mich (und überhaupt seine Leser) an die Hand nimmt und führt – zu einer unfassbar hohen Sichtweise auf die Welt, auf das Leben, auf den Menschen.

Er ist wie ein Freund, der völlig offenherzig mit einem seine tiefsten Gedanken teilt, ein „Camerado“, ein Seelenbegleiter und Seelenführer, einer, der den großen befreienden Jubel der Existenz kennt.

Walt Whitman ist sicher einer der größten Mutmacher unter den bedeutenden Dichtern und Denkern. Er ist gleichzeitig eine riesengroße Herausforderung. Denn was soll man halten von einem Menschen, der schreibt:

Ich lobsinge mit elektrischer Stimme. Denn ich sehe nicht eine Unvollkommenheit im Weltall, und ich sehe nicht eine Ursache oder Wirkung im Weltall, die zu beklagen wäre. (Gesang bei Sonnenuntergang)

Ich sehe etwas von Gott in jeder der vierundzwanzig Stunden des Tages und in jeder ihrer Minuten. (Gesang von mir selbst, Nr. 48)

 

Widerspreche ich mir selbst?

Nun gut, so widerspreche ich mir selbst.

Ich bin weiträumig, enthalte Vielheit. (Gesang von mir selbst, Nr. 51)

Da ist Etwas in mir. – Ich weiß nicht, was es ist. – Doch ich weiß: Es ist in mir. […]

Ich kenne es nicht, – es ist namenlos, – ein unausgesprochenes Wort,.

(Gesang von mir selbst, Nr. 50)

Dieses Gedicht ist Zeugnis einer tiefen Selbsterkenntnis.

Ein Mensch, der solche Worte aus eigenem Erleben schreiben kann, ist kein Sucher mehr. Er hat gefunden.

Er hat sich innerlich erforscht und Kontakt zu seinem Innersten aufgenommen. Er besitzt Wissen aus erster Hand, mit inneren Sinnen hat er „Etwas“ in sich entdeckt und tritt damit in Austausch.

Er ist sich daher sehr bewusst darüber, was es heißt, Mensch zu sein, nämlich, unmittelbaren Anteil zu haben an etwas Wunderbarem in sich, im eigenen Wesen.

Ich stelle mir vor, wie es ist, permanent in diesem Zustand der Glückseligkeit zu sein. Wie wäre meine Wahrnehmung der Welt?

Für mich ist Whitman ein hermetischer Dichter, weil er durch die Dinge und Ereignisse hindurchsieht auf die Kräfte, die am Wirken sind, um den „Göttlichen Plan“ zur Erfüllung zu bringen. Er schreibt:

Ich erkenne das Weltall als eine Straße, als viele Straßen, als Straßen für wandernde Seelen. Alles weicht zurück vor dem Fortschritt der Seelen. (Gesang von der Landstraße, Nr. 13) (Du, Leser. Von Paumanok kommend, Nr. 7)

Es ist dieses große, alles umfassende, nichts ausschließende „Ja“ zum ganzen Leben, das Whitman wie ein Lobpreis besingt. Dabei schließt der weise Barde auch „das Böse“ und „das Verworfene“ niemals aus. Alles hat seinen Platz.

Nicht ehe die Sonne dich verstößt, verstoße ich dich. (Herbstbäche, An eine Straßendirne)

Seine universelle Liebe wirkte bis in die Welt hinein. In einer Gesellschaft, in der Sklaverei herrschte und Frauenrechte noch Zukunft waren, ist für ihn die Gleichberechtigung der Geschlechter und Rassen völlig natürlich.

Alsbald erhob und breitete sich um mich der Friede und das Wissen, das höher ist als alle Beweisgründe der Erde. […]

Und ich weiß, dass der Geist Gottes der Bruder meines eigenen Geistes ist.

Und dass alle Männer, die je geboren, auch meine Brüder sind, und die Frauen meine Schwestern und Liebsten.

Und dass ein Richtkiel der Schöpfung Liebe ist. (Gesang von mir selbst, Nr. 5)

Auch der Tod, eines seiner Lieblingsthemen, ist für ihn nur eine Station auf der Reise zurück zu Gott.

Der kleinste Spross beweist, dass es in Wahrheit keinen Tod gibt.

Und wenn es ihn je gab, so war er Vorläufer des Lebens, und wartet nicht am Ziel, um es aufzuhalten.

Und verging in dem Augenblick, wo das Leben erschien.

In Weite und Breite drängt alles, nichts zerfällt.

Und Sterben ist anders, als je einer gedacht, und glücklicher.

(Gesang von mir selbst, Nr. 6)

Und so bejubelt Walt Whitman ein dynamisches Weltall, in dem alles zur Entwicklung der Seelen da ist.

Er macht mit Aussagen wie der folgenden auch unseren aufgewühlten apokalyptischen Zeiten Mut:

Es gibt keinen Stillstand und kann nie Stillstand geben.

(Gesang von mir selbst, Nr. 45)       

Für spirituelle Sucher ist Whitman ein wahrer Seelenführer, der immer wieder auf den spirituellen Schatz verweist, der in jedem Menschen verborgen ist. Ihn zu heben und im Dienst für die Menschheit einzusetzen ist die Selbstverantwortung jedes Einzelnen:

Lange genug hast Du verachtenswerte Träume geträumt. Jetzt wasche ich dir den Schleim aus den Augen. Du musst dich an das Blenden des Lichtes und jedes Augenblicks deines Lebens gewöhnen.

(Gesang von mir selbst, Nr. 46)

Auch du stellst Fragen an mich und ich höre sie. Ich antworte, dass ich nicht antworten kann, du musst es selber herausfinden.

(Gesang von mir selbst, Nr. 46)

Alle fanden dich unvollkommen, ich allein finde keine Unvollkommenheit in dir. […] Ich allein bin der, der keinen Meister, Herrn, Vorbild, Gott über dich stellt, über das, was in deinem eigenen Innern wartet. […] .

(An Dich)

Whitman identifiziert den Menschen mit seiner unsterblichen Seele. Und er hört nicht auf, das Lied der Befreiung der Seele zu feiern. Er macht Mut, alles zu wagen auf dem Nachhauseweg zur Einheit in Gott. Wie ein Adler, der seine Jungen (uns!) aus dem sicheren, aber engen Adlerhorst schubst, damit sie (wir: du und ich!) – auf ihre innereigensten Kräfte vertrauend, selbst fliegen, die Weite des Lebens, die Welt jenseits des „Ich“ erobern, das Lebensfeld der Seele selbst erleben.

Wagst du nun, o Seele,

Auszugehen mit mir in das unbekannte Land,

Wo weder Grund für den Fuß ist noch Pfad zu folgen?

 

Weder Landkarte dort noch Führer,

Noch der Klang einer Stimme, noch die Berührung einer Menschenhand,

Noch ein Gesicht mit blühendem Fleisch, noch Lippen, noch Augen sind in diesem Land.

 

Ich kenne es nicht, o Seele,

Noch kennst du es, alles ist leerer Raum vor uns,

Alles wartet, nie erträumt, in diesem Gebiet, in diesem unzugänglichen Land.

 

Bis wenn die Fesseln sich lösen,

Alle, außer den ewigen Fesseln

Zeit und Raum,

Wenn weder Finsternis, Schwerkraft, Sinne noch irgendwelche Bande uns binden:

 

Dann stürmen wir vor, dann fluten wir

In Raum und Zeit, o Seele, bereitet für sie,

Ihresgleichen, ausgerüstet endlich

(O Freude! o Frucht alles Seins!)

sie zu erfüllen, o Seele. (Geflüster vom himmlischen Tod, Wagst du nun, o Seele)

 

* Verwendete:

  • Walt Whitman: Grashalme, Nachdichtung von Hans Reisiger, Diogenes, 1985
  • Walt Whitmans Werk, ausgewählt, übertragen und eingeleitet von Hans Reisiger, Knaur, 1960
  • Richard Maurice Bucke: Die Erfahrung des kosmischen Bewusstseins – Eine Studie zur Evolution des menschlichen Geistes, Kapitel Walt Whitman, Aurum Verlag, 1975
  • William Norman Guthrie: Walt Whitman (The Camden Sage) as religious and moral teacher, Cincinatti, The Robert Clarke Company, 1897
  • Roland D. Sawyer: Walt Whitman The Prophet-Poet, Boston, The four Seas Company, 1918
  • Michael D. Sowder: Walt Whitman, the Apostle, Walt Whitman Quarterly Review, 1999
  • Jan van Rijckenborgh, Catharose de Petri: Die Universelle Gnosis, Rozekruis Pers, Haarlem, NL, 1981, Kapitel 7, Seiten 78-80. Die Autoren stellen Walt Whitman in seiner Bedeutung als Zeuge für den Weg der Befreiung neben Dante, Shakespeare, Jakob Böhme und Johannes vom Kreuze.
  • Zweig, Paul: Walt Whitman: The Making of the Poet, New York, Basic Books, 1984.

 

Share

LOGON Magazine

Bestellmöglichkeiten

über unseren Online-Shop oder per Email: shop@logon.media

  • Einzelheft 10 €, inkl. Versand (Ausland 14 €, inkl. Versand)
  • Einzelheft digital 4 €
  • Print-Abo 36 €, 4 Ausgaben/Jahr, inkl. Versand (Ausland 52 €), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.
  • Digitales Abo 15 €, 4 Ausgaben/Jahr zum Download (pdf), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.

Unsere neuesten Artikel

Post info

Datum: Juli 13, 2026
Autor: Matthias Busch (Germany)
Foto: grasses-Bild-von-Manfred-Richter-auf-Pixabay CC0

Bild: