Buchbesprechung: Der Berg Analog von René Daumal

Buchbesprechung: Der Berg Analog von René Daumal

 

Wer die Belletristik liebt, die „schöne Literatur“, weiß, dass sie Lebensfragen nicht beantwortet oder gar erklärt, sondern sie gespiegelt zurückwirft, damit man sie in sich selbst neu entdeckt und ihren Hinweisen folgen kann. Denn „jeder Leser ist der Leser seiner selbst“, wie Marcel Proust es ausdrückte. Man begleitet die Protagonisten durch Erlebnisse, die nicht die eigenen sind, und doch die eigenen werden, je bedingungsloser man der Erzählung folgt. Und wie im realen Leben sieht man manchmal ein Ziel, ein Ergebnis vor sich, das sich beim Näherkommen jedoch nur als Durchgang erweist, den man durchschreiten muss, um ein weiteres Ergebnis in der Ferne zu erblicken, das wiederum beim Näherkommen …

Gibt es denn überhaupt Antworten, endgültige Antworten?

Wer sich auf den Berg Analog von René Dumal einlässt, sein Bündel schnürt, um den Aufstieg zu wagen – und sei es nur durch Lesen – , schreitet von Realität zu Traum, von Vision zu Wissenschaft und wieder zurück. Und wenn man meint, in der Wirklichkeit der Geschichte angekommen zu sein, erfasst zu haben, was der Autor so realistisch beschreibt, seine Menschen und Landschaften vor sich zu sehen, verschwimmen die Konturen und es tut sich wieder etwas Neues auf.

René Daumal zieht uns bereits auf den ersten Seiten seines Analog in eine mehrschichtige Realität, die es ermöglicht, in jene Tiefe hinabzutauchen, um die es ihm ausschließlich geht: die Tiefe im Wesen jedes Einzelnen, um aus dieser inneren Einsamkeit den Aufstieg in eine höhere Wahrnehmung zu wagen.

Das Buch stellt eine Allegorie auf die Lebensreise eines Menschen dar, der sich auf der Suche nach seinem inneren Selbst mit Gleichgesinnten zusammenfindet, um den mystischen Berg Analog zu suchen und zu besteigen; „sein Gipfel [muss] unzugänglich, sein Fuß jedoch zugänglich sein. Er muss der einzige seiner Art sein, und er muss geographisch existieren. Die Pforte des Unsichtbaren muss sichtbar sein.“ In der Beschreibung dieser Reise und des Aufstiegs erweist sich Daumal als Meister der metaphorischen Verknüpfung von Realität und Idealität in einer radikalen Sinnsuche. Insofern stellt das Buch ein echtes Lebensbuch dar. Die Tatsache, dass es unvollendet blieb und von den fehlenden Kapiteln nur Notizen existieren, verstärkt seine suggestive Wirkung und öffnet Raum für Interpretationen. Daumals unnachahmlich direkte Sprache, seine Treffsicherheit im Ausdruck, seine unerschöpfliche Erfindungsgabe in den feinen Details und der große (unvollendete) Bogen der Erzählung verleihen dem Analog die Einzigartigkeit des vollkommenen Fragments.

Anstelle eines Nachworts enthält diese Publikation einen fiktiven Nachklang zur Geschichte des Analog, der versucht, den narrativen Bogen bis in die heutige Zeit zu spannen, aber in keiner Weise den Anspruch erhebt, das Werk René Daumals in der von ihm beabsichtigten Weise weiter oder gar zu Ende zu führen.

Aus Daumals Notizen geht hervor, dass das letzte Kapitel des Analog eine direkte Brücke zum Leser schlagen sollte. Es sollte den Titel erhalten: „Und du, was suchst du?“

DRP Rosenkreuz Verlag, 2017,
ISBN 978-3-945115-09-1
16,00 €
Bald auch als eBook erhältlich.
Das Buch ist auch als Hörbuch erschienen: Der Berg Analog | Rosenkreuzverlag

Bestellung: DRP  Rosenkreuz Verlag

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Date: December 19, 2017

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