Anschauende Urteilskraft. Goethes wissenschaftliche Methode Teil 2

Die menschliche Erkenntnis ist entwicklungsfähig. Es kann das Innere der Welt erreichen und muss nicht in subjektiven Grenzen gefangen sein. Wir können Konzepte und Ideen nicht nur verwenden, um uns ein Urteil zu bilden, sondern auch, um unseren Blick auf ein bestimmtes Erlebnis zu richten.

Anschauende Urteilskraft. Goethes wissenschaftliche Methode Teil 2

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Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine redigierte Mitschrift eines Vortrages, der am 28.9.2019 bei einem Symposium der Stiftung Rosenkreuz in Bad Münder gehalten worden ist.

Dies ist der Kern von Kants Erkenntniskritik: Das menschliche Erkennen begreift in jedem Objekt allein sich selbst und nicht das Wesen der Dinge, das ihm entzogen bleibt.

 

Kants Sicht bedeutet, dass man nie zum Objekt gelangt

Dieses Problem des menschlichen Vorstellens hat Goethe erkannt. Er legt dar: „Ich danke der kritischen Philosophie, dass sie auf mich selbst aufmerksam gemacht hat, das ist ein ungeheurer Gewinn.“ So weit würdigt er die Leistung Kants, den naiven Realismus überwunden zu haben. Dann schränkt er ein: „sie kommt aber nie zum Objekt.“[1]

 

Goethe hat nun einen Weg gesucht, der aus dieser Selbstbeschränkung des Erkennens hinausführt. Er hat sich über dieses Problem insbesondere mit Schiller verständigt. Zu Beginn des über zehn Jahre währenden Freundschaftsbündnisses zwischen Schiller und Goethe war Schiller tief beeindruckt von der kantischen Philosophie. Goethe schreibt rückblickend dazu: „Die kantische Philosophie, welche das Subjekt so hoch erhebt, indem sie es einzuengen scheint, hatte er (Schiller) mit Freuden in sich aufgenommen, sie entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in sein Wesen gelegt, und er, im höchsten Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, was undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiss nicht stiefmütterlich behandelte.“[2]

Nach Goethes Einschätzung wird innerhalb der kantischen Philosophie das Subjekt hoch erhoben, weil es zum alleinigen Maßstab der Welterkenntnis gemacht wird. Dies führt zu einem Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung. Zugleich bedeutet dies aber auch eine Einengung. Denn das Subjekt kann nicht über seine Bedingungen hinausgehen. Es bleibt auf sich selbst fixiert. Eine solche Erkenntnishaltung bezeichnet Goethe als undankbar gegenüber der Schöpfung.

Auf der Suche nach einer neuen Erkenntnismethode

Goethe war der Überzeugung, dass das menschliche Erkennen nicht bloß naiv realistisch die Dinge der Welt abbildet. Er stimmte mit der kritischen Philosophie darin überein, dass die Vorstellungsbildung lediglich ein den subjektiven Bedingungen entsprechendes Bild der Welt liefert. Zugleich war er aber der Überzeugung, dass das menschliche Erkennen entwicklungsfähig ist, dass es an den Grund der Dinge heranreichen kann und sich nicht in sich selbst verschließen muss. Hierfür ist allerdings eine andere Erkenntnismethode notwendig.

 

Anschauung

Der für Goethe zentrale Begriff einer geänderten Erkenntnishaltung ist derjenige der Anschauung. Es heißt:

 

dass wir durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig werden. [3]

 

Die Frage, die sich hier stellt, ist diejenige, wie es dem Erkennen denn möglich sei, sich derart zu entwickeln, dass es zu der benannten geistigen Teilnahme an dem Naturprozess gelangen kann. Goethe glaubte dies durch eine unmittelbare Vergegenwärtigung der Erfahrung leisten zu können. Eine Anekdote möge zunächst verdeutlichen, mit welcher Intensität sich Goethe der Erfahrungswelt näherte: Als Goethe Beamter in Weimar war, hatte er die Oberaufsicht über den Ilmenauer Bergbau. Diese Verpflichtung führte ihn oftmals in den Thüringer Wald. Auf seinen Gängen, die immer auch geologischen Erkundungen galten, wurde er von einem Bergmann begleitet. Eines Tages gelangten sie an eine hoch aufragende Felswand, an der verschiedene Gesteinsschichten sichtbar waren, u. a. auch Granit. Goethe hatte den dringlichen Wunsch, die Wand hinaufzuklettern. Der Bergmann berichtet: „´Wenn du dich fest hinstellen wolltest`, so sagte Goethe zu mir, ´so wollte ich jene in den Felsen eingewachsene Strauchwurzel ergreifen, mich im Anhalten hebend auf deine Schultern schwingen, und dann würde ich das so kenntliche Gestein wenigstens mit der Hand erreichen können.` So geschah’s und wir hatten das seltene Vergnügen, den merkwürdigen Abschnittsstrich von hier eingewurzeltem Urgebirge, rotem Granit, und daraufstehendem schwarz-blauen Tongestein zu sehen, sogar mit Händen zu greifen.“ [4]

Eine radikale Zuwendung zur Natur

An diesem Bericht wird ersichtlich, wie radikal sich Goethe der Natur zugewendet und von der bloßen Vorstellungsbildung abgewendet hat. Es heißt bei ihm: „Über die Natur hinaus baut die Vernunft doch nur ins Leere.“ Mit dieser Haltung hat sich Goethe in einen entschiedenen Gegensatz zur kantischen Philosophie gestellt. Er hat sich dadurch die Kritik seiner Zeitgenossen zugezogen, auch von Schiller. Dieser schreibt in einem Brief, bevor sie sich näher kennen gelernt haben: „Goethes Geist hat alle Menschen, die sich zu seinem Zirkel zählen, gemodelt. Eine stolze philosophische Verachtung aller Spekulation … und eine Resignation in die fünf Sinne, kurz eine gewisse kindliche Einfalt der Vernunft bezeichnet ihn und seine ganze hiesige Sekte. Da sucht man lieber Kräuter und treibt Mineralogie, als dass man sich in leeren Demonstrationen verfinge.“ Und in einem anderen Brief: „Seine Philosophie mag ich auch nicht ganz, sie holt zuviel aus der Sinnenwelt, wo ich aus der Seele hole. Überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinnlich und betastet mir zuviel.“ [5]

 

Die Erfahrungen bleiben unvollständig

Goethe ist dem spekulativen Denker Schiller viel zu sehr sinnlich orientiert. Diese Kritik an einer reinen Sinneserkenntnis ist aus der Perspektive Schillers betrachtet durchaus berechtigt. Auch Goethe selbst kannte die Einseitigkeit und Beschränkung eines bloßen Empirismus. Er spricht von der Hydra der Empirie. [6] Erfahrungen treten immer vereinzelt und unzusammenhängend auf. Sie weisen nicht über sich hinaus und zeigen keinen Zusammenhang zu anderen Erfahrungen. Wenn man die einzelne Erfahrung gedanklich bewältigt und eingeordnet hat, sind gleich neue unverstandene da, die sich in den soeben geschaffenen Zusammenhang nicht einfügen. Das Gesetzliche und Ideelle tritt in der Erfahrung nicht hervor, weshalb auch Kant sagt, dass alles, was Idee und Vorstellung ist, nichts mit dem Wesen der Erfahrungswelt, sondern nur mit dem Menschen etwas zu tun habe.

 

Goethe spricht auch von der Verzweiflung an Vollständigkeit. Man kann sich nie sicher sein, ob man alle einem Forschungsbereich zugehörigen Erfahrungen berücksichtigt hat. Für den um Gesetzmäßigkeit bemühten Forscher bricht sich das Zusammenhangsbedürfnis an jeder Einzelerfahrung. Idee und Erfahrung treten für das menschliche Bewusstsein zunächst als unvereinbarer Gegensatz auf: „Hier treffen wir nun auf eine Schwierigkeit, die nicht immer klar ins Bewusstsein tritt, dass zwischen Idee und Erfahrung eine gewisse Kluft befestigt scheint, die zu überschreiten unsere ganze Kraft sich vergeblich bemüht.“ [7]

 

Erkenntnismethode

Die Frage ist nun, wie hier eine Vermittlung einsetzen kann. Wie muss sich das menschliche Erkennen entwickeln, damit es einen ideellen Zusammenhang innerhalb der Erfahrung auffinden kann? Dies ist das zentrale Anliegen von Goethes Forschungsmethode, die nachfolgend näher erläutert sei. Am 24. Dezember 1828 notiert Goethe in sein Tagebuch folgende scheinbar lapidare Beobachtung:

Abends durch den Weimarer Park gegangen. Ein fallendes Blatt sieht manchmal einem Vogel ähnlich.

 

Weshalb war es Goethe wichtig, diese Beobachtung zu notieren? Man vergegenwärtige sich die Situation. Es ist Winter, der Weihnachtsabend. Goethe geht abends in der Dämmerung im Park spazieren. Von der Ilm steigen Nebel auf. Es ist still. Plötzlich raschelt etwas. Goethe sieht eine Bewegung. Ein leichtes Erschrecken. Ist es ein Vogel? Ach nein, es ist nur ein Blatt, das zu Boden gefallen ist. Damit ist das Urteil gefällt und das Erkenntnisbedürfnis befriedigt. Nicht so für Goethe. Ihm wird an diesem Erlebnis bewusst, wie beweglich und übergänglich das Wirklichkeitsbewusstsein ist.

 

Begriffe in die Wahrnehmung mit einbeziehen

Das gewöhnliche Bewusstsein bewegt sich in festen Vorstellungen, die so lange Gültigkeit besitzen, als sie durch andere Vorstellungen abgelöst werden. Diese Vorstellungen bzw. Urteile reichen aus, um ein absichtsvolles Verhalten gegenüber den Dingen zu lenken. Sie verfügen allerdings über kein Bewusstsein bezogen auf den Prozess ihres Entstehens. Das Bewusstsein entsteht mit diesen Urteilen, es umfasst aber nicht den Vorgang ihrer Bildung. Und gerade dieser Vorgang ist es, der Goethe interessiert, auf den er seine Aufmerksamkeit lenken will. Wie werden Begriffe und Ideen (Vogel, Blatt) auf Wahrnehmungen bezogen? Gewöhnlich benennen wir die einzelnen Wahrnehmungen mittels der Begriffe: Das ist rot. Oder: Das ist schön. Das ist ein Baum, usw. Ein Begriff wird verwendet: rot, schön, Baum, um die Wahrnehmungen zu bestimmen. Begriffe werden als Urteile verwendet. Dabei geht oftmals das Eigentümliche der Wahrnehmung verloren: dieses Rot, dieser Baum. Die gebildete Vorstellung dringt nicht qualitativ in die Wahrnehmungen ein. Dazu bedarf es einer anderen begrifflichen Einstellung als des bloßen Urteilsgebrauchs. Rudolf Steiner gibt hierfür in seiner Schrift Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung folgendes Beispiel: „Ein anderes ist es, wenn Person A zu Person B sagt:

´Betrachte jenen Menschen im Kreise seiner Familie und du wirst ein wesentlich anderes Urteil über ihn gewinnen, als wenn du ihn nur in seinem Amt kennen lernst.´; ein anderes ist es, wenn er sagt: ´Jener Mensch ist ein vortrefflicher Familienvater.`“[8]

Wenn ich mir ein Urteil bilden will: „Das Meer ist blau“, oder wenn ich sagen will: „Schau, wie sich die Farben des Meeres verändern“, das sind zwei verschiedene Dinge. Rudolf Steiner sagt:

Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man bestimmte Worte gebraucht, um einer Sache diese oder jene Eigenschaft direkt zuzuschreiben, oder ob man diese Worte nur gebraucht, um die Aufmerksamkeit des Lesers oder Hörers auf einen Gegenstand zu lenken.

(Teil 3 folgt)

Dr. Jost Schieren studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und ist seit 2008 Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Leiter des Fachbereichs Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Jost_Schieren)

 


[1] Goethe in einem Brief an Schultz am 18.9.1831. In: Hamburger Ausgabe, Briefe Bd. 4, S.450

[2] Goethe, Glückliches Ereignis. In: Frankfurter Ausgabe Bd. 24, S. 435

[3] Goethe, Anschauende Urteilskraft. In: Hamburger Ausgabe Bd. 13, S. 30 f.

[4] Hans-Egon Gerlach (Hrsg.), Goethe erzählt sein Leben. Fischer 1956. A.a.O. S. 278

[5] Schillers Briefe. Hrsg. F. Jonas, Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien 1892. Bd. 3, S. 113 f

[6] Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Hrsg. P. Stapf. Berlin, München, Darmstadt. S. 337 f
[7] Goethe, Bedenken und Ergebung. In: Hamburger Ausgabe Bd. 13, S. 31

[8] Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. Dornach 1925, S. 24

 

 

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Datum: November 7, 2022
Autor: Prof. Dr. Jost Schieren (Germany)
Foto: Kai Pilger auf Pixabay CCO

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