Ich bin der Welt abhanden gekommen – Gustav Mahlers 4. Sinfonie

Mahler greift tief in unser Herz. Er zeigt uns alle Seiten: Schönheit und Grauen

Ich bin der Welt abhanden gekommen – Gustav Mahlers 4. Sinfonie

Arnold Schönberg , Repräsentant der 2. Wiener Schule und Schöpfer der 12-Ton-Musik, empfand viele Themen Gustav Mahlers ) banal und kritisierte seinerzeit seine Musik rücksichtslos. Nach Mahlers Tod äußerte er hingegen in einer Gedenkrede: „Ich glaube unerschütterlich daran, dass Mahler einer der größten Menschen und Künstler war. Mahler hat das Allerhöchste angestrebt und auch erreicht.“
Gustav Mahler wächst in einer freudlosen Kindheit auf. Der Vater ist herrisch und gewalttätig. Die Mutter leidet unter den Wutanfällen des Vaters. Fünf ihrer zwölf Kinder sterben in frühen Jahren. Gustav flüchtet sich in Traumparadiese. Auffallend ist seine Zerstreutheit in alltäglichen Dingen. Auf dem Dachboden findet er als Vierjähriger ein altes Klavier und beginnt zu komponieren, bevor er die Tonleitern spielen kann. Auf die Frage, was er mal werden wolle, antwortet der kleine Gustav: Märtyrer.

Das Horn, das „Wunderhorn“ in der 4. Sinfonie aus den Jahren 1899 bis 1901, trifft den Hörer ins Herz. Alle Sätze korrespondieren auf das Innigste und Bedeutungsvollste. Mahler führt dem Hörer die Kernphilosophie der Romantik, das „Als ob“, die Doppelbödigkeit des Seins, vor Augen. In einem Rausch der Vorwegnahme der Moderne und auch der Postmoderne weist Mahler auf einen Kernsatz der Kulturrevolution Joseph Beuys´ hin: Die Revolution sind wir! Wir müssen uns der Doppelbödigkeit des Seins, der Welten, bewusst werden. Wir denken uns in die Utopie der Stille, der Erlösung, des Gehaltenwerdens hinein und genießen es, aufgehoben zu sein. Gleichzeitig wissen wir von der Realität: der Gewalt, der Zerstörung, der Zerrüttung, der Ausbeutung des Planeten und des Menschen. Die Wunschträume der Kunst bilden lediglich eine dünne, durchsichtige Haut über dem Alptraum der Wirklichkeit. Wie Caspar David Friedrichs Bergwanderer über die Wolken ins Paradies schaut, wohl wissend, dass unter der Wolkendecke Krieg, Tod und tagtägliche Krise die Oberhand behalten, so wird in Mahlers 4. Sinfonie der Hörer schnell in paradiesische Höhen getragen. Wir wollen uns der Schönheit der Melodien und Klanggenüsse hingeben und sind gerne bereit, Misstöne und schräge Einwürfe zu überhören. Aber die Anhaftung an das Irdische und Unangenehme, das Störende bleibt unüberhörbar ständig präsent. Der Mensch erhält einen Blick geschenkt in die Welt der Schönheit und des endlich Aufgehoben-Seins, der lang entbehrten Sicherheit, des Schutzes der Seele. Wohl wissend: Die Welt ist anders. Die Idealwelt stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Dort unten klingen die Misstöne:

• die unerreichbare Limitierung der Erderwärmung bei 1,5 Grad Celsius
• der menschengemachte Klimawandel
• der Anstieg des Meeresspiegels
• Tornados, Orkane, Starkregen, Flutkatastrophen
• grauenvolle Tierhaltung, Artensterben, Waldzerstörung, Vernichtung der Regenwälder, unserer wesentlichen Sauerstoffquellen
• Vergiftung der Gewässer, der Ozeane und der Atemluft
• Vermüllung der Welt und Verseuchung der Erde mit allen Lebensformen

Den Menschen mit Verstand – gibt es den? Anpassungsfähig sind die Pflanzen, die instinktgesteuerten Tiere. Die Geologie im ständigen Wandel passt sich Feuer, Wind und Wasser an. Ist die Zerrüttung der Dinge vom jetzigen Weltbewohner zu verantworten? Die Ursachen liegen schon in der Zeit der Romantik, im 19. Jahrhundert: Industrialisierung, Kinderarbeit in Kohlenminen, Versklavung der Menschen für kostengünstige Produktionsprozesse. Zum Glück ist das überwunden!? Heute fährt der Mensch sinnvollerweise ein E-Auto, vollkommen emissionsfrei. Ich muss nicht darüber nachdenken, dass Kinder das Kobalt für Batterien mit ihren Händen aus einstürzenden Gruben kratzen müssen. Ich muss nicht darüber nachdenken, dass Lithiumabbau blühende Landschaften in vergiftete Schmutzwüsten verwandelt. Ich muss nicht darüber nachdenken, dass Ethnien unterdrückt, ausgebeutet und ausgerottet werden. Am Ende des Tages steht ein teures aber kostengünstiges Fahrzeug bereit. Sein Umwelt-Fußabdruck ist größer als bei einem Verbrennungsantrieb.
Mahler feiert eine romantische Sehnsucht nach einer kleinen harmonischen Welt. Das „Als ob“, die Doppelbödigkeit, stört jedoch von der ersten Sekunde an die Idylle. Die Bläser meckern. Mal grotesk, mal gespenstig, dann laut und grell, und voller Ironie springen die Töne und Themen den Hörer an. Auf einer besonderen Solovioline streicht der Tod seine Fiedel – ist es ein Totentanz?
Am Beginn des 3. Satzes der Sinfonie frage ich mich: wo befindet sich jetzt Beethoven? Wie aus geistigen Höhen senken sich überirdisch schöne, an Beethoven erinnernde Klänge der Celli und Bratschen herab und beruhigen die Seelenebene und das Diesseits. Hörner und Pauken holen uns jedoch sanft heraus aus dem Traum und nach und nach wird ganz klar: die Erde kann nicht mehr! Der Widerspruch, das „Als ob“, reitet als apokalyptischer Reiter durch die noch schöne Seelen-Landschaft … Denn der Unrat, die Gewalt, die Blutrünstigkeit hat den Seelenraum bereits unterlaufen und die „Heiligen“ sitzen am Tisch beim großen Fressen und lachen dazu. Sie schlagen sich auf die Schenkel und genießen das Treiben.

Und dann der 4. Satz, der uns aus der letzten paradiesischen Illusion herauswirft. Alle üblichen „Verdächtigen“, die Heiligen, St. Petrus, St. Johannes, St. Lukas, St. Martha machen gemeinsame Sache mit Herodes. St. Ursula, die Bildungsheilige lacht dazu. St. Cecilia, die Heilige der Kirchenmusik, untermalt alles mit himmlischen Klängen. Ein Gedicht aus Des Knaben Wunderhorn krönt die 4. Sinfonie und wird von einer Sopranstimme gesungen:

Wir genießen die himmlischen Freuden,
drum tun wir das Irdische meiden!
Kein weltlich Getümmel
Hört man nicht im Himmel!
Lebt alles in sanftester Ruh‘!
Wir führen ein englisches Leben!
Sind dennoch ganz lustig daneben!
Wir tanzen und springen,
wir hüpfen und singen!
Sankt Peter im Himmel sieht zu!

Johannes das Lämmlein auslasset!
Der Metzger Herodes drauf passet!
Wir führen ein geduldig’s,
unschuldig’s, geduldig’s,
ein liebliches Lämmlein zu Tod!
Sankt Lucas den Ochsen tät schlachten
ohn‘ einig’s Bedenken und Trachten,
Der Wein kost‘ kein Heller
Im himmlischen Keller!
Die Englein, die backen das Brot.

Gut‘ Kräuter von allerhand Arten,
die wachsen im himmlischen Garten,
gut‘ Spargel, Fisolen
und was wir nur wollen,
ganze Schüsseln voll sind uns bereit.
Gut’ Äpfel, gut‘ Birn‘ und gut‘ Trauben!
Die Gärtner, die alles erlauben!
Willst Rehbock, willst Hasen?
Auf offener Straßen sie laufen herbei!

Sollt‘ ein Fasttag etwa kommen,
alle Fische gleich mit Freuden angeschwommen,
dort läuft schon Sankt Peter
mit Netz und mit Köder
zum himmlischen Weiher hinein!
Sankt Martha die Köchin muss sein!

Kein‘ Musik ist ja nicht auf Erden,
die uns’rer verglichen kann werden.
Elftausend Jungfrauen
zu tanzen sich trauen!
Sankt Ursula selbst dazu lacht.
Cäcilia mit ihren Verwandten
sind treffliche Hofmusikanten!
Die englischen Stimmen
ermuntern die Sinnen!
Dass alles für Freuden, für Freuden erwacht!

Mahlers 4. Sinfonie endet mit Stille und Applaus. Wir können uns nicht mehr wundern, dass alles so ist, wie es ist. Wir haben uns alle geirrt! Wir sind die Scheinheiligen! Reinigung, Rück-Heiligung, Heilung, wir wollen zurück auf einen ehemaligen Zustand; welchen Schalter muss man umlegen? Menschengemachtes Karma, Schuld, Verzeihung, Vergessen? – Das sind wohl nur unbrauchbare politische Floskeln.
Mahler greift vor 120 Jahren ganz tief in unser Herz. Er zeigt uns alle Seiten: Schönheit und Grauen. Mit Schellen-Geklimper, Paukenwirbel und Beckenschlägen lässt er alles über uns hinwegtanzen … Die Sinfonie beginnt von vorn.


Musik-Empfehlung:
CD Leonard Bernstein, Mahler Sinfonien 1-4
CD Claudio Abbado, Mahler Sinfonie Nr. 4

 

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Datum: Januar 15, 2023
Autor: Hermann Achenbach (Germany)
Foto: Im-lost-to-the-world by Hermann on Pixabay CCO

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