Auf der Suche nach den Gesichtern Gottes – Teil 2

Wie die Weisheit der Sprache uns helfen kann.

Auf der Suche nach den Gesichtern Gottes – Teil 2

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Die Einheit, das Eine und Einzigartige ist das, was uns fehlt. Wir benötigen, um es zu erringen, das „fehlende Puzzleteil“. Alle Welt bemüht sich im Grunde darum, allerdings meist unbewusst.

In einem frühen (unbewussten) Zustand lebte der Mensch in der Einheit. Wir können von ADAM lesen, im Hebräischen ADM geschrieben. Die hebräischen Buchstaben kennen keine Selbstlaute sondern nur Mitlaute. Die Selbstlaute können beliebig gesetzt werden. Sie werden gedacht. Warum? Sie sind wie das Leben: sie geben zwar den Ton an, sind aber nicht festgelegt. Sie sind um des Menschen willen offen gelassen. Er soll sie selbst setzen.

Das Wort Adam steht für die Menschheit. Es wird mit den Zeichen Aleph, Daleth und Mem geschrieben, deren Werte 1, 4 und 40 sind und zusammen in der Quersumme die Zahl 9 ergeben. Die Neun wird seit alters her als die Zahl des Menschen angesehen, des Menschen, der auf der Ebene des Geistes, der Seele und des  Körpers seine Einheit gefunden hat. Das Eigenartige an dem Wort Adam ist, dass, wenn man die 1, das Aleph, weglässt, es „Blut“ bedeutet. Das Herz in dieser Welt, das die innere Einheit nicht gefunden hat, wird meist nur als eine „Pumpe“ für das Blut angesehen.

Ein ähnliches Beispiel für die hinter der Sprache stehende Intelligenz ist das hebräische Wort für Wahrheit: emeth (mit den Zahlenwerten 1-40-400). Lässt man hier die 1 weg, so gelangt man zu dem Wort für Tod.

Doch es kommt der Zeitpunkt, an dem das Maß der Dinge voll ist, an dem das Fass zum Überlaufen kommt, der Tag, an dem der Mensch „genug hat“, genug von seiner Schräglage.

Dann wird eine vertiefte innere Bewegung möglich. Das Herz macht Mut dazu (im Französischen: courage=Mut, coeur=Herz). Der suchende Mensch durchbricht vorsichtig eine Schicht in seinem Selbst, die Schicht, in die er bislang verliebt war, die er wie in einem Spiegel immer wieder angestarrt hat. Das erinnert an Narziss, den Jüngling aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und beim Fallen eines Blattes auf die Wasseroberfläche glaubte, dass das verzerrte Bild sein eigenes darstellt.

Dieses persönliche Gesicht gilt es aufzugeben für ein anderes, für eine Begegnung, wie sie Maria in dem gleichnamigen Evangelium (dem gnostischen Evangelium nach Maria) erlebte. Sie erklärt darin den Jüngern, dass sie den Herrn „in einem Gesicht“ sah und ihn fragte: „Herr, sieht ein Mensch, der sieht, das Gesicht durch die Seele oder durch den Geist?“, worauf der Erlöser antwortete: „Er sieht nicht durch die Seele und auch nicht durch den Geist, sondern das, was zwischen diesen beiden ist, das Gemüt, sieht das Gesicht.“

Etwas, das vor uns da war, klopft zart an das Bewusstsein. Es relativiert diese Welt mehr, als jeder theoretische Begriff es tun könnte und drängt den Menschen in die Richtung einer anderen Realität. Folgt man diesem Drang, so ist man nach wie vor in der Welt, aber zunehmend nicht mehr von der Welt. Daraus entwickelt sich ein Lebensraum, in dem die Seele erneuert wird und neu zu atmen beginnt. Der Mensch erwacht aus seinem bisherigen Traumzustand und sieht in sich selbst, inmitten des Verstandes- und Sinnesapparats, das Unantastbare: Gottes Glorie.

Nun erhalten Klang- und Schriftbilder wie zum Beispiel die in der Kabbala einen völlig anderen Zugang zu ihm. Sie enthüllen sich ihm durch seine neue Offenheit mit einem Schlüssel, den das Herz nun aus der Tiefe empfängt, außerhalb von Gefühlen und Emotionen.[1] In der Persönlichkeit entsteht wieder eine Einheit als Bild und Gleichnis einer bis dahin unverstandenen Kraftlinie. Bindeglied (das bislang fehlende „Puzzlestück“) ist das Bewusstsein, das diesen Wandel zulassen und das bisherige Sein „sein lassen“ muss. In dieses Bewusstsein projiziert sich die Teilhabe am Ganzen.

In freudevoller Betrachtung löst sich eine Träne (hebräisch: Jod) und bildet sich zum Zeichen Jod (Wert 10), beginnend mit der Eins, dem Einen und Einzigartigen von „oben“. Dem Einen gegenüber lebte einstmals im Garten der Liebe, der ursprünglichen Erde, der androgyne Mensch, als Mann und Frau in einem Körper vereinigt.

„Später [jedoch] wird der Mensch zweigeschlechtlich, die Spiegelung verändert sich. Dann sehen wir, dass die göttliche Welt als 10 auf die Erde gespiegelt wird durch den „gespaltenen“ Menschen, gespalten in Mann und Frau, die zusammen ein gebrochenes Jod, die 10, bilden. Dieses Jod fällt in 2 Hehs (Zeichen für „Fenster“) auseinander (Zahlenwert 5).“  [2]

Ein „Fenster“ gewährt in einem Haus die Möglichkeit des Blicks nach draußen. Die beiden einander gegenüberstehenden Zeichen spiegeln sich im dazwischen befindlichen Zeichen Waw, einem Haken, der die ursprüngliche ganzheitliche Menschengestalt symbolisiert.

Wir können den Raum zwischen uns (den Raum „zwischen den beiden Zeichen“) zu einem Freiraum machen, einem Vakuum, in dem der Prozess der Menschwerdung seinen heilenden Verlauf nehmen kann. Aus ihm erhebt sich das göttliche Gesicht – das unsterbliche Gesicht des Menschen.

 

 

 


[1] Jan van Rijckenborgh und Catharose de Petri, Die universelle Gnosis, Kapitel 1, Rosenkreuz Verlag, Birnbach

[2] Benita Kleiberg, Rose und Kabbala, Kristall Reihe 10, Rosenkreuz Verlag, Birnbach

 

 

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Datum: Dezember 18, 2021
Autor: Theo van der Ahe (Germany)
Foto: Pixabay CCO

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