Auf der Suche nach den Gesichtern Gottes – Teil 1

Wie die Weisheit der Sprache uns helfen kann.

Auf der Suche nach den Gesichtern Gottes – Teil 1

Über das Thema der Gesichter Gottes zu schreiben, scheint bei erster Überlegung etwas überheblich zu sein. Kennen und verstehen wir uns selbst, als Mensch und als Menschheit überhaupt? Und das Wort Gott ist so schnell in aller Munde, dass es im Laufe der Zeit einen erheblichen Abnutzungsgrad zeigt.

Man stößt bei der Suche nach einer Antwort – ob  nun zu dem Begriff Gott oder zum Verhältnis des Menschen zu Gott – auf die erste Schöpfungsgeschichte in der Bibel, wo der Mensch nach Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffen wird. Zwischen dem „Menschen“ und „Gott“ scheint es eine wesentliche Verknüpfung zu geben. Betrachtet man allerdings den heutigen Menschen mit seinen bekannten Facetten, so kann dieser wohl kaum gemeint sein. Und doch ist etwas vom ursprünglichen Menschsein, wie die Schriften es andeuten, auch in uns eingebunden, unscheinbar und weitgehend unbewusst.

Wenn wir unser Gesicht sehen wollen, benötigen wir ein Gegenüber, das uns beschreibt oder einen Spiegel, in dem wir uns betrachten. Eine Art Spiegel kann auch unser Körper sein: er „wirft uns entgegen“, was wir sind, unsere Empfindungen, Gedanken, Schmerzen und anderes. Das entspricht der Bedeutung des Wortes „Mensch“ im Griechischen: anthropos (von anti und tropos), wörtlich: „der entgegen Gewendete“.[1]

Die mystisch-theosophische Geheimlehre des Judentums, die Kabbala, bietet eine Möglichkeit, das Unverständnis von uns und unserem Bezug zu Gott aufzuklären und einem Verstehen unserer Beziehung zu Gott und zu uns selbst näher zu kommen.

Der Kabbala-Forscher Gershom Scholem schreibt: „Die wirkende Gottheit erscheint als die dynamische Einheit der Sefiroth, die den „Sefiroth-Baum“ bilden, und als der mystische Mensch, der nichts anderes ist als die verborgene Gestalt der Gottheit selbst. Ich darf hier kurz rekapitulieren, was die Kabbalisten unter Sefiroth verstehen. Ursprünglich sind es die zehn Urzahlen, in denen alles Wirkliche gründet, wie es in einem pythagoreisierenden hebräischen Text etwa aus der Zeit des alten Sch‘ur Koma selber, dem Buch der Schöpfung, dargelegt wird. Als die mittelalterlichen Kabbalisten aber diesen Terminus aufgriffen, verwandelte sich sein Sinn unter ihren Händen.

Die Sefiroth sind die Potenzen, in denen sich die wirkende Gottheit konstituiert, in denen sie – in der Sprache des Kabbalisten gesprochen – ein Gesicht gewinnt. Das verborgene Gesicht Gottes, ’anpin penima‘in, ist das uns zugewandte, in aller Verborgenheit dennoch eben damit in Gestalt eintretende Lebensmoment an Gott“. [2]

Auch die Übersetzung des Begriffs Kabbala kann uns Hinweise für unsere Überlegungen geben. Das Wort bedeutet „Empfangen einer Überlieferung“, einer „Tradition“. Wenn man etwas empfangen möchte, muss es einen Empfänger, ein Organ geben, das diese Aufgabe ausführen kann. Und da hakt es bereits. Ein suchender Mensch fühlt, dass ihm ein solches Organ fehlt, bzw. dass es nicht richtig entwickelt oder „krank“ ist. Es ist lebenswichtig, jedenfalls dann, wenn man nach dem Sinn des Lebens forscht. Aber es scheint dumpf in den Tiefen unseres Wesens zu schlummern. Man könnte auch sagen: Wir sind arm an Geist. Damit ist nicht die Intelligenz gemeint, die uns heute so vielfach „angepriesen und verkauft“ wird. Das fehlende Bindeglied ist etwas anderes und noch Dunkles.

Bleiben wir bei dem Spiegel – bei dem, vor dem wir jeden Morgen stehen. Er zeigt uns, was wir noch an uns zurechtrücken, „bearbeiten“ müssen, um zufrieden in den Tag zu gehen. Wir machen uns zurecht und begegnen dann im Alltag unseren Mitmenschen, und es beginnt ein intensiver Austausch, ein Sich-Gegenübertreten. Es fordert von uns fortwährend, Kräfte und Energien zu harmonisieren.

Wir machen Erfahrungen und, wenn es gut ist, wachsen wir daran. Wir erleben an uns und an anderen Schicksale – und treiben dabei in stetem Wechsel weiter an der Oberfläche des Lebens, bis … ja, bis durch das ganze Gebilde von scheinbar nicht aufzulösenden Verflechtungen ein seltsamer „Glanz“ in uns eintritt, vielleicht nur ganz kurz. Kommt er aus dem fehlenden und schlummernden Organ in uns? Nun tauchen tiefere Fragen auf, wie sie zum Beispiel am Beginn der kabbalistischen Schrift Sohar zu lesen sind. Allen voran die Frage: Wer bin ich?

Das Sohar entstand Ende des 13. Jahrhunderts in Kastilien in Spanien. Das hebräische Wort bedeutet „Glanz“. Von dem Werk kann in der Tat ein Glanz, ein Licht in den Leser hinein strahlen. Es scheint einen tief vertrauten Glanz der Seele widerzuspiegeln, über den sich im Laufe der Zeit eine amorphe Masse gelegt hat. Die Schichten dieser „Masse“ könnten auch als wertvolle Patina angesehen werden. Denn mit ihnen hat uns das Leben an den Punkt geführt, an dem wir etwas von dem fehlenden Organ spüren. Wir können empfinden: da ist eine „Überlieferung“, die uns an den „Anderen in uns“ erinnert.

Ein jüdisches Sprichwort sagt: das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung; etwas innen Liegendes drängt nach oben, wie eine unter Wasser gehaltene Boje, deren Wirkungskreis eigentlich oberhalb der Wasserlinie liegt, wie Licht, das die Finsternis durchbricht oder eine Lotosblume, die im nährstoffreichen Sumpf wurzelt und aus unsichtbaren Tiefen nach oben wächst, um schließlich die Wasseroberfläche zu durchbrechen und erst jetzt zur vollen Blüte zu gelangen.[3]

Platon nennt in seinem Dialog Menon jede wahre Erkenntnis eine Anamnesis, das heißt eine Wiedererinnerung, eine reine Schau der Ideen, im Gegensatz zum Gedächtnis als rationalem Akt, das er memoria nennt. In der lateinischen Übersetzung des Wortes Erinnerung –recordatio – steckt das lateinische cor (Herz). Hier weist das Wort schon in die Richtung, von wo aus die Lösung zu erwarten ist.

Auch die hebräische Sprache weist in diese Richtung. Das Herz (lew, mit den Zeichen lameth und beth geschrieben, deren Zahlenwerte 30 und 2 insgesamt den Wert 32 ergeben) kennt 32 Wege (die 22 hebräischen Buchstaben und die zehn Sefiroth). Es sind die Wege, die von dieser Welt zur anderen, göttlichen Welt führen.

Das Herz bringt das Blut überall hin im Körper. Das Blut ist die nefesch, die (leibliche) Seele, das „erste Licht“. Wenn die nefesch bedroht ist, ist damit auch das Gehen der 32 Wege zu Kether, zur Krone, zum Ursprung bedroht.

Kether ist die höchste Sefira, von der alles ausgeht. Sie symbolisiert die Einheit, woraus sich die Zweiheit beiden folgenden Sefiroth bildet, aus der dann alle weiteren Sefiroth entstehen. Die letzte Sefira wird Malchuth genannt, das bedeutet Königreich. Diese Malchuth-Sefira ist unsere Welt. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, das Königreich Gott, der Krone, zurückzugeben. Genauer gesagt setzt sich die Krone aus der oberen Dreiheit der Sefiroth, des Lebensbaumes zusammen. Ihr ist eine darunter liegende Siebenheit zugeordnet. Wir Menschen erleben die letzte Sefira, Malchuth (ein anderer Name für sie ist Schechina).

Unsere Welt ist die Welt des Tuns. Wenn es gut ist, eines Tuns, das seinen Sinn in der Verbindung, der Vereinigung mit der Eins, der oberen Krone, der Sefira Kether vollendet. Der Weg geht also durch die 7 Sefiroth, die 7 „Hallen“ oder „Paläste“ hindurch, durch die 7 mal 7 Himmel. Der Mensch entdeckt sich dabei selbst, er erfährt seine göttliche Ganzheit. Schließlich tritt er in die 50.Halle ein, in den achten Tag, in das Paradies. Dort ist sein Zuhause, dorthin zielt seine Sehnsucht. [4]

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 


[1] https://anthrowiki.at/Mensch

[2] Gershom Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit, Suhrkamp Verlag, S.32.

[3] Claudia Törpel, „Man denkt nur mit dem Herzen gut“, Perseus Verlag Basel

[4] Literatur/Vorträge von Friedrich Weinreb

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Datum: Dezember 18, 2021
Autor: Theo van der Ahe (Germany)
Foto: Marion Pellikaan

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