Über Rothko und Meister Eckhart

Über Rothko und Meister Eckhart

Im Jahr 2015 zeigte das Stadtmuseum Den Haag eine einzigartige Ausstellung über die Werke des amerikanischen Künstlers Mark Rothko

Ich hatte die Gelegenheit, diese Ausstellung zu besuchen und erinnere mich mit einem Gefühl der Dankbarkeit an die Momente, in denen ich mit dem konfrontiert wurde, was ich als die Imagination des Höchsten im Menschen bezeichnen würde. Sie begegnete mir zu einem Zeitpunkt, als ich mich in Vorbereitung auf einen Vortrag mit den Werken des deutschen Dominikanermönchs und Mystikers Meister Eckhart beschäftigte. Ich hatte die Absicht, über das zu sprechen, was Eckhart die „Unio Mystica“ nannte, die göttliche Einheit oder die Einheit von Gott und Mensch. Und dort, an diesem Nachmittag im Stadtmuseum von Den Haag, im Werk von Mark Rothko, inmitten der farblosen Stille, kam für mich zum Ausdruck, was Meister Eckhart mit der Unio Mystica gemeint haben muss.

Mark Rothko, der ursprünglich jüdische, in Lettland geborene Maler, hinterlässt mit seinen ruhigen Bildern einen tiefen Eindruck beim Betrachter. In der Entwicklung seines Werkes distanziert er sich allmählich von Formen, Figuren und sogar von der Farbe. Auf diese Weise drückt er die mystische Erfahrung aus, die ihm beim Malen widerfuhr. Sie brachte ihn an die Schwelle des Transzendenten, sie ermöglichte es ihm, diese Schwelle zu überschreiten und am Geheimnis des Kosmos teilzuhaben. Vor allem sein späteres Werk appelliert direkt an das Innere des Betrachters, den er einzuladen scheint, seine Erfahrung mit ihm zu teilen, eins zu werden, indem er loslässt und sich auf das Ganze einlässt.

Letztendlich habe ich Rothko nicht in meine Lektüre einbezogen, zumindest nicht merklich. Am Ende meines Vortrags habe ich eines seiner Werke gezeigt und das Rosenkreuz darauf projiziert. Ohne Worte.

Rothko lässt den Betrachter in seinen Werken verschwinden und hinterlässt ein intensives Gefühl der Erfahrung von Einheit, von Wiedererkennung. Das Gefühl des Wiedererkennens wiederholte sich bald nach meinem Museumsbesuch, als ich ein Buch des damals kürzlich verstorbenen niederländischen Schriftstellers Joost Zwagerman in die Hände bekam. In Das Schweigen des Lichts [1] widmet er Rothko ein paar Dutzend Seiten und lässt auch andere Menschen über ihre Bekanntschaft mit Rothko sprechen:

In einer erhabenen Stille versunken sein.
In erhabener Stille vor sich selbst fliehen.

Ein schöner Ausdruck für eine mystisch-religiöse Erfahrung. Fantastische Beispiele dafür, wie die Kunst uns die Unio Mystica näher bringen kann.


[1] Joost Zwagerman, De stilte van het licht – schoonheid en onbehagen in de kunst [The Silence of the Light – Beauty and Discomfort in Art], de Arbeiderspers, 2015

 

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Datum: März 27, 2024
Autor: Klaas-Jan Bakker (Netherlands)
Foto: Logon Netherlands

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