Wir sind Kinder des Kosmos

Wir sind Kinder des Kosmos

Das Leben Konstantin Ziolkowskis – Durch Dornen zu den Sternen

Die Beobachtung der Himmelskörper ist nicht nur wissenschaftlich aufregend, sondern vor allem seelisch berührend und faszinierend. Die Unendlichkeit des Weltalls berührt unser Inneres und weckt Ehrfurcht und den Wunsch, Teil eines größeren Ganzen zu werden. Konstantin Ziolkowski (1857–1935), ein russischer Visionär und Wegbereiter der Raumfahrt, war von der Vorstellung ergriffen, dass das menschliche Wesen immer wieder aufs Neue in den Kosmos eintritt, um sich zu vervollkommnen.

Ich wende mich an dich, Ursache allen Seins!

Du hast uns in den Himmel entrückt, ehe wir es merkten. Der Himmel ist unsere Heimat. Er wird es auch in Zukunft bleiben, nur wird der Himmel dann anders aussehen. Das ganze Sonnensystem wirst du uns schenken.[1]

[…]

Doch es gibt einen anderen Himmel – einen metaphysischen, höheren, mentalen –, den wir betreten werden, wenn wir diese physische Hülle verlieren. Es gibt eine andere Welt – eine geistige –, die sich uns erschließen wird, wenn wir unsere Lebensreise vollendet haben. Diese Welt ist unseren Sinnen unzugänglich, doch sie wird zu gegebener Zeit vor uns erscheinen, wenn wir vor ihr stehen. Der Traum unseres Lebens wird unterbrochen, wir werden unsere geistigen Augen reiben und sehen, woran wir jetzt nicht denken.[2] (Konstantin Ziolkowski)

Wenn ich in klaren Nächten den Blick zu den Sternen erhebe, erlebe ich oft ein tiefes Staunen und verspüre Demut angesichts der unendlichen Weite. Schon als Kind habe ich stundenlang am Fenster gesessen, um das Funkeln der fernen Himmelskörper zu bewundern – damals wie heute empfinde ich eine stille, fast ehrfürchtige Verbundenheit mit dem sternenfunkenden Nachthimmel. Es ist, als wären diese leuchtenden Punkte am Himmel Himmelsaugen, die mich anschauen und einladen, über die Grenzen des eigenen Daseins hinauszudenken.

Die Beobachtung der Himmelskörper ist nicht nur wissenschaftlich aufregend, sondern vor allem seelisch berührend und faszinierend. Die Unendlichkeit des Weltalls berührt unser Inneres und weckt Ehrfurcht und den Wunsch, Teil eines größeren Ganzen zu werden. Konstantin Ziolkowski (1857–1935), ein russischer Visionär und Wegbereiter der Raumfahrt, war von der Vorstellung ergriffen, dass das menschliche Wesen immer wieder aufs Neue in den Kosmos eintritt, um sich zu vervollkommnen. Er pflegte freundschaftliche Beziehungen zu Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft in Kaluga – möglicherweise gehörte er ihr selbst an – und beschäftigte sich mit dem Werk Die Stimme der Stille von H.P. Blavatsky. Die Suche nach Wahrheit und Vollkommenheit trieb ihn um. Die kosmischen Körper entstehen aus der schöpferischen Kraft des Universums, einer Kraft, der er mit Hilfe der Imagination nachspürte. Ziolkowski befasste sich mit den Evangelien und war begeisterter Leser der Werke Jules Vernes. Nach und nach entwickelte er sich zu einem wissenschaftlich Forschenden, der die Wunder der Außenwelt auf der Basis der Innenwelten zu begreifen trachtete. Das Äußere – so seine Überzeugung – wird vom Inneren hervorgebracht und transformiert.

Ziolkowski war von Kindheit an von den Himmelskörpern fasziniert und widmete sein Leben der Erforschung des Weltraums. In der Erkundung des Weltalls sah er den nächsten Schritt in der Evolution. Seine kosmische Philosophie umfasste den Glauben an eine höhere, kosmische Intelligenz, die das Universum lenkt. Er war davon überzeugt, dass die Menschheit dazu bestimmt sei, das Weltall zu erforschen und dabei zu verstehen, welchen Geheimnissen und Unterweisungen der kosmischen Intelligenz sie folgen muss, um ihre Vervollkommnung zu erreichen. Trotz seiner Visionen blieb er bescheiden angesichts der Größe und Grenzenlosigkeit des Alls und betonte, dass alles menschliche Wissen ein Nichts sei im Vergleich zu dem, was das Universum in sich berge.

Himmelsaugen

Die Augen des Menschen können zu „Himmelsaugen“ werden. Sie können tief ins All blicken, durch Teleskope verstärkt, und Licht und andere Strahlungen auffangen und zur Pforte des Menschen zum Kosmos werden. Sie öffnen ihn für die Einwirkungen von Planeten, Sternen und unfassbar weit entfernten Galaxien. Zugleich können ihm die materiellen Ursprünge des Kosmos vor Augen treten, das „Chaos“, das Ungeordnete.

Neben den äußeren Augen gibt es die inneren, die seelischen. Sie sind in besonderem Maße „Himmelsaugen“, denn sie vermögen die Tiefe der göttlichen Ordnung zu erforschen und den offenen Himmel im eigenen Inneren zu entdecken.

Die inneren Augen laden uns ein, nicht nur mit wissenschaftlicher Neugier, sondern auch mit seelischer Offenheit zu blicken. Sie können sich zum Spiegel des offenen Himmels bilden, Licht empfangen und Licht aussenden. Ihre Strahlungskraft berührt tiefere Schichten in uns, in unserem kleinen „Kosmos“, und weckt die Sehnsucht nach inniger Verbundenheit mit dem Unendlichen, dem unbekannten großen Kosmos. Beim Anblick der Sterne spüren wir oft eine stille Freude: Unser eigenes inneres Suchen und die Weite des Universums kommen miteinander in Berührung, verweben sich ineinander. Die Betrachtung des Himmels kann Trost spenden, Hoffnung schenken und uns helfen, der Sinn unseres Lebens zu entdecken.

Zwei Einweihungswege

Rudolf Steiner weist auf zwei Initiationswege hin, die sich im Menschen vereinen können:

Während bei der ägyptischen Einweihung der Kandidat aus dem Zusammenhang mit der äußeren Welt ganz hinausstieg, um in seine Seele einzugehen, wurde der Schüler der nordischen Mysterien in die kosmischen Welten hinaufgerückt.

Bei der nordischen Einweihung ergoss sich das Innere ins All, bis zum Zodiak, der Zwölfheit, so dass der Eingeweihte die Sternenschrift, das Weltenwort als eine Wahrheit lesen und erleben konnte. Er erhob sich durch Imagination und Inspiration zur kosmischen Intuition, um die feinen göttlich-geistigen Vorgänge im Kosmos in sich aufzunehmen. So erwachte er in den ätherischen Welten, und indem sich seine Seele in den Kosmos ergoss, erfuhr sie diesen in seiner Größe und Umfänglichkeit.[3]

Ziolkowskis geistige Schau

Ich möchte Sie für die Betrachtung des Universums begeistern, für das Schicksal, das auf alle wartet, für die wunderbare Geschichte der Vergangenheit und Zukunft jedes Atoms.[4]

Ziolkowski erlitt in seinem Leben mehrere Schicksalsschläge: Ab dem 9. Lebensjahr verlor er nach einer Scharlacherkrankung sein Hörvermögen; später musste er den Tod seiner vier Söhne hinnehmen, u.a. den Suizid von Ignat, der ein vielversprechender Wissenschaftler war und den Ziolkowski sich als seinen geistigen Erben erhofft hatte. Hinzu kamen Zeiten bedrückender Armut. Bei all dem aber verklärte der Geist diesen Menschen und rüstete ihn für seine Aufgaben:

„Dieses Unglück hat mein Herz erweicht, meinen Charakter zumindest ein wenig gezähmt, meine Gedanken zum Himmel, zur Zukunft, zur Unendlichkeit gelenkt und mich vielleicht vor vielem Unheil bewahrt. Ohne dieses Leiden hätte ich meine ‚Ethik‘ nicht geschrieben.“ 5

Jede Lebensphase vergrößerte seinen Wirkungsradius, eröffnete ihm neue Horizonte und verschaffte ihm tiefere Erkenntnisse. Sein Lebensmotto war: „Das Leben nicht umsonst leben, die Menschheit voranbringen.“ In der Besiedlung des Weltraums sah er eine moralische Pflicht, die der Vollendung des menschlichen Geistes dient. Er ging von der Möglichkeit aus, den Tod zu überwinden und das Leben im Universum zu verbreiten.

Ziolkowski schuf das System einer geistigen Lehre, die in ihrem Kern Betrachtungen zur Symmetrie von Geist und Materie enthielt und die Polaritäten von „Oben und Unten“ sowie Innen und Außen zur Übereinstimmung zu bringen suchte: Die Tiefe der Materie entspricht danach den höheren kosmischen Kreisen. In dem Maße, in dem wir in die Höhe des geistigen Kosmos aufsteigen, gehen wir ein in die Tiefe der Materie. Zwischen der Höhe des geistigen Kosmos und der Tiefe des materiellen Kosmos gibt es eine Schnittfläche: den Geist-Seelen-Menschen. Er besitzt neben seiner materiellen Form eine geistig-seelische Gestalt, die aus geistigen Atomen besteht, kleinsten Teilchen einer geistigen DNA, die die Grundlage seiner Entwicklung und sein großes Potenzial ist. Er vereint den materiellen Kosmos mit dem geistigen und vermag alles Materielle zu transzendieren.

Ziolkowski suchte das Wissen aus dem Ur-Quell, den er den kosmischen Christus nannte. Der Ehebund zwischen ihm und seiner Frau, die begeistert mitwirkte bei der Erforschung der kosmischen Unendlichkeit, entsprach für ihn dem geistigen Prinzip der Zweieinheit des Männlichen und Weiblichen. Beide studierten gemeinsam die Evangelien6 und gelangten zu Einsichten, die einen Weg der Befreiung aufzeigen, der den Menschen von kirchlichen Dogmen und angstvollen Stereotypen loslöst. Ziolkowski zeugte davon, dass nicht die kirchliche Religion die Grundlage für Verbindung zum Geist ist, sondern innere Erkenntnis – Gnosis.

Die Begründung unserer Existenz im unendlichen kosmischen Raum geht einher mit der Sehnsucht nach Gnosis – nach tiefer innerer Erkenntnis. Diese Sehnsucht war auch für Ziolkowski der Wegweiser, der den langen Weg zur Transzendierung der Materie durch den Geist weist. Die Verwandlung findet in der Seele und durch die Seele des Menschen statt, der sich auf den Weg der Vervollkommnung begibt. Seine Seelenkraft wird zu einem „Fahrzeug“, das in der Lage ist, die Wände des Kerkers der materiellen Existenz zu durchzubrechen und zum lebendigen Teil des offenen Himmels zu werden. Ein solcher Mensch verwirklicht für sich und andere das hermetische Prinzip „Wie oben, so unten“.

 

Aus einer Widmung an Konstantin Eduardovich Ziolkowski von seinem Schüler A.L. Chizhevsky

Wir blicken mit erhobenem Kopf in die nächtliche Weite

und wollen im Schein der Sterne die Gesetze der Welt begreifen,

sie mit dem Schicksal des Lebens vereinen

und die Seile von uns bis zum Altair [Stern im Sternbild Adler] spannen.

Ich, wie du, schaue auf den strahlenden Chor.

[…]

Für uns ist alles eins: im Kleinen wie im Großen.

Gemeinsames Blut fließt durch die Adern des gesamten Universums.

Du bist zu mir gekommen, und wir denken zu zweit,

in inspirierter Freude

außerhalb aller irdischen Zeiten

und außerhalb irdischer Räume.

[…]

Wir sind Kinder des Kosmos,

und unser Heimatort

ist so sehr durch Gemeinsamkeit verbunden und unzerbrechlich,

dass wir uns zu einer Einheit verschmolzen fühlen,

dass an jedem Punkt die Welt, die ganze Welt, konzentriert ist …

Leben – überall ist Leben in der Materie,

in den Tiefen der Substanz, von einem Ende zum anderen

fließt es feierlich im Kampf mit der großen Dunkelheit,

leidet und brennt, ohne jemals zu verstummen.


[1] Diese Notiz ist auf das Jahr 1923 datiert. Das Autograf wird im Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt, F. 555. Op.1. D.431. Bl. 2-4, veröffentlicht in der Sammlung: K. E. Ziolkowski, Kosmische Philosophie. Moskau, 2001. S. 271 (in russischer Sprache)

[2] Konstantin Ziolkowski, Die Theorie der kosmischen Zeitalter, 1932 (1977)

[3] Rudolf Steiner, Das Johannesevangelium, Archiati Verlag, 2006, S.115-116; s. auch  https://logon.media/de/logon_article/the-spiritual-development-of-the-celtic-folk-soul-part-3/

[4] Konstantin Ziolkowski, Der Monismus des Universums, 1925 (in russischer Sprache)

5Waleri Nikititsch Demin, Ziolkowski. Leben bemerkenswerter Menschen. Eine Reihe von Biografien, Molodaja Gvardija Verlag, 2005, Moskau, SS.79-80, 119-122 (in russischer Sprache)

6van Ivanov (Pseudonym von K. Ziolkowski), Der Zimmermann aus Galiläa. Das Wesen der evangelischen Überlieferungen, 1924–1926, ARAS. F.555. Op.1. D.438. L.32–61 (in russischer Sprache)

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Datum: Mai 30, 2026
Autor: Elena Vasenina Russia/Germany
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