Schönheit des Hässlichen

Schönheit des Hässlichen

Schönheit ist ein Gefühl, vielleicht eine Empfindung, der wir spontan unsere Aufmerksamkeit schenken. Ihr Wesen zu begreifen, führt in die Tiefen seelischer Erfahrung.

Es sind Tiefen, in denen sich Licht und Dunkelheit mischen.

„Ohne schwarze Erde wird keine schöne wohlriechende Blume offenbar / Kein Gold ohne finstern harten Stein und giftigen Dampf /  also auch kein Licht ohne Finsternis. Denn das ist nur der einige Weg und Weise der Offenbarung aller Geheimnis Gottes.

Also hat dich liebe Seele auch Gott zu einem Gott geformet / dass du sein Gleichnis /  sein Bild und Erbe wärest / und die Wunder seines Reiches eröffnetest.“

(aus der Einleitung zu Vierzig Fragen von der Seele  von Jacob Böhme)

Blumen, Gold oder Licht empfinden wir als schön oder anziehend oder nutzen sie als Ausgangsmaterial, um schöne Dinge herzustellen. In der Kultur ist die Schönheit sehr vielgestaltig, wenig greifbar, oft an individuelle Empfindungen gebunden. In einem Gespräch mit einem Illustrator, der in der Werbebranche arbeitete, ging es um das Thema Schönheitsideale und Werte, die sich rund um das Thema Schönheit entwickeln. Nach seiner Ansicht wurde in den antiken Kulturen die Schönheit durch die Religionen geprägt. Diese Rolle wird heute von der Werbung übernommen.

Im religiösen Kontext hat Schönheit etwas mit einem harmonischen Seelenwachstum oder mit dem Durchschimmern des Göttlichen durch einen schönen Menschen, ein Wesen oder eine Erscheinung der Natur, ein Kunstwerk oder ein Bauwerk zu tun. An dieser Stelle spielt es vielleicht unter anderem eine Rolle, inwieweit der Künstler die Proportionen des Goldenen Schnittes verwirklicht hat, der in der Natur allgegenwärtig ist. Die Schönheitsideale in der Werbung entwickeln sich nach den gleichen Gesetzen, um Menschen zu einer bestimmten materiell geprägten Handlung zu bewegen.

In der philosophischen Tradition haben sich viele Denker mit Schönheit befasst. Im Phaidron und im Gastmahl lässt Platon die Anwesenden das Thema Schönheit diskutieren. Wollte man in den Dialogen einen roten Faden erkennen, so verläuft er von der äußerlichen Schönheit zu einer Schönheit „an sich“ als überindividuellem Merkmal hin zu der Idee der Schönheit als einer Kraft oder Faszination, die von dem „Einen“ aus der Welt der Ideen in diese Welt einstrahlt. Diese Schönheit kann man nach Platon nur im Denken und durch die Vernunft erfassen.

Ein interessantes Bild der Schönheit findet man bei Jacob Böhme.

Er sagt in der Einleitung zu der Schrift Vierzig Fragen von der Seele:

Ohne schwarze Erde wird keine schöne wohlriechende Blume offenbar,[…] also auch kein Licht ohne Finsternis. In der buddhistischen Tradition gibt es den Spruch: Ohne Sumpf keinen Lotos.

Nach Böhme ist Schönheit das Produkt einer dualen Welt, der Lichtwelt und der Finsterwelt. Die Schönheit zeigt sich in ihnen auf unterschiedliche Weise. Die Finsterwelt bildete sich, als der Engel Luzifer, den Jacob Böhme als das schönste Ebenbild Gottes bezeichnet, begann, sich aus der göttlichen Ideenwelt zu lösen. Er fiel durch seine Verweigerung, der göttlichen Offenbarung zu dienen, aus der Einheit. Dadurch trat in seinem Wesen eine Verdunklung ein. Nach dem Verlust seiner göttlichen Mitte spaltete sich wie in einem Blitz, einem „Urknall“, ein Teil der göttlichen Welt ab und wurde zu einer Finsterwelt, in der Licht und Dunkelheit, Schönheit und Hässlichkeit ineinander übergehen. Luzifer fiel wie ein brennender Stern vom Himmel. Er wird mit seinen Getreuen zum Kern bzw. zum Herzen der finsteren Welt. Die ursprüngliche göttliche Schönheit ist keine Eigenschaft sondern das Wesen der Schöpfung. Die Schönheit in der sich nun bildenden Menschenwelt wurde ein Gegenpol zum Hässlichen; Der Archetyp dieser Polarität ist Luzifer.

Im Spannungsfeld zwischen der Finsterwelt und der Lichtwelt entstand schließlich die Menschenwelt, deren Entwicklungsweg darauf abzielt, das wieder zusammenzuführen, was zu Beginn durch den Blitz getrennt wurde. Die Blume in der schwarzen Erde symbolisiert die Seele, die in ihrer gottfernen Gedankenwelt die Dunkelheit in sich trägt. Erst durch die Verbindung mit dem göttlichen Licht des Herzens kann sie ihre ursprüngliche Schönheit wieder zur Entfaltung bringen. Aus dieser Spannung wächst durch Erfahrung und Hingabe ein neues Wesen, das, wie die Blume, dem Licht entgegenstrebt und zu seiner Zeit im Sonnenlicht der göttlichen Welt erblüht. Die Finsterwelt dient dabei als Matrix, die die Schönheit der Seele ans Licht bringt.

Jacob Böhme schreibt dazu:

Dem Menschen ist in diesem Jammerthal auf Erden nichts nöthiger und nützlicher, als daß er sich lerne selber kennen, was er sey, von wannen er sey, oder wohin er wolle. Was er werde, und wo er hinfahre wenn er stirbet. Einem ieden ist das am nützlichsten zu wissen. Denn der äussere Wandel bleibet in dieser Welt; aber was das Hertze fasset, nimmt der Mensch mit. (Jacob Böhme, Vom dreyfachen Leben des Menschen, 12; 1)

 

Durch den Fall Luzifers ist seine Schönheit, die zur Hässlichkeit mutiert, zum Kern der Finsterwelt geworden und drängt ihre unsichtbare Schönheit durch die Sehnsucht alles Lebenden nach Schönheit wieder dem Licht entgegen. Auf diesem Weg entwickelt sich eine neue Schönheit des Christus, die auf ihrem Erfahrungsweg durch eine immer tiefer werdende Verbindung in ihrem Ursprung aufgeht.

Die Essenz dieser Schönheit ist:

„Ich und der Vater sind eins“

Sie ist vor dem Fall geschützt, wie ihn Luzifer erlebt hat.

Die Schönheit als Deckmantel des Hässlichen wirkt mit als Türöffner. Simone Weil sagt dazu:

Schönheit verzaubert das Fleisch, um die Erlaubnis zu erhalten, direkt zur Seele durchzudringen.

Die Schönheit offenbart sich in unserer Welt auf vielfältige Weise. Wir alle kennen ihre Anziehungskraft und die stillen Momente, die sie hervorrufen kann. Wir erleben sie im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Hässlichkeit, wobei das Hässliche einen Aspekt des Schönen und Anziehenden in Böhmes Finsterwelt darstellt, der die Seele aufgrund ihrer mangelnden Reinheit immer wieder erliegt. Im Kern ist die Finsterwelt göttlich. Auch das Wesen des Schönen und des Hässlichen in ihr ist göttlicher Natur, doch die Verschiedenheit vom Ursprung wird offenbar, wenn die Seele wieder mit ihrem Ursprung eins wird.

Ein Sinnbild ursprünglicher Schönheit ist das „Gläserne Meer“ (Off. 15, 2). Es ist die Matrix, aus der in Verbindung mit dem Geist das Wunder der absoluten Schönheit entsteht. Das Symbol für dieses Gläserne Meer ist das Wasser, das unserem Planeten seine so besondere Schönheit verleiht, wenn man ihn aus dem Weltall betrachtet. Das Wasser ist ein Symbol für die Reinigungskraft, die das Gläserne Meer, auf die Seele ausübt. In diesem Reinigungsprozess wird die Seele selber ihrem Wesen nach zu einem Gläsernen Meer und durch ihre Wiedergeburt aus Wasser und Geist löst sich die Schönheit des Hässlichen auf, während das Schöne im Allein-Schönen Bestand hat.

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Datum: Juni 8, 2026
Autor: Heiko Haase (Germany)
Foto: water-lily-Bild-von-NoName_13-auf-Pixabay_CC0

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