Anderswo oder: Die Lösung des Geheimnisses Gespräch am Hafen

Anderswo oder: Die Lösung des Geheimnisses Gespräch am Hafen

Oft liegt fast so etwas wie ein Zauber in der Luft, in den Farben des Meeres, des Himmels.

Manchmal habe ich das Gefühl, was die Menschen machen, kommt nicht ran an diese Größe, diese Schönheit.

 

Und vor allem auch, wenn es so still ist, wie gerade jetzt, ein feiner Abendwind, die Sonne gerade untergegangen, das Abendrot

Es war vereinbart mit einem befreundeten Paar, uns in Duino zu treffen, dieser kleinen Stadt am Golf von Triest mit einem alten Kastell, das auf einem mächtigen Felsen thront. Eines der sehr bekannten Werke von R.M. Rilke trägt bekanntlich den Namen „Duineser Elegien“. Vielleicht ist dieser Ort deswegen vielen Menschen im Ohr. Es war Ende September, und die beiden kamen aus Venedig, vom Besuch der dortigen Biennale, einer der bekannten Kunstausstellungen auf dieser Welt.. Es entwickelte sich ein Gespräch über Kunst, den Kunstbetrieb und Kultur im Allgemeinen, und auch über das Geheimnis, das mit der Schönheit verwoben ist. Ich werde, so gut ich kann, einiges davon wiedergeben.

E:  Wie angenehm ist es hier im Spätsommer, nicht mehr diese Touristenmassen wie in Venedig …

M:  Wir waren doch auch Touris, in dieser eigenartig schönen, hochgradig morbiden Stadt. Und kannst du dich noch erinnern an den Karneval vor ein paar Jahren – da hast du nicht umfallen können, in der Menge von Bus-Touris aus allen Richtungen.

E:  Ich weiß nicht warum, aber dieses Venedig zieht mich irgendwie magisch an, zumindest alle zwei, drei Jahre genieße ich die dortige Atmosphäre, eine Stadt eigentlich mitten auf dem Wasser.

M:  Mich interessieren Städte im Allgemeinen ja überhaupt nicht, aber Venedig ist anders, irgendwie fremd und auf eine geheimnisvolle Art vertraut. Es ist sicher kein Zufall, wenn viele der großen Künstler der vergangenen Jahrhunderte eine Zeit in Venedig verbrachten oder sich dort niederließen.

K:  Mit 19, 20, 21, ungefähr in diesem Alter, war ich mindestens einmal im Jahr dort, nicht im Hochsommer … Ich erinnere mich noch, irgendwo hängt dort das Bild eines berühmten Malers, vielleicht war’s Tintoretto, mit dem Namen Il Filosofo, der Philosoph. Hab mich dort auf den Boden gesetzt und dieses Bild angestarrt; das ist irgendwie eingedrungen in mich, es war wie ein Ruf aus dem Bild. Ich war damals intensiv auf der Suche nach dem Woher und Wozu meines Lebens. Und das ganz normale, bürgerliche Leben, diese Gesellschaft, ausgerichtet auf materielles Funktionieren, ging vollkommen an mir vorüber. – Nochmals zu diesen alten Malern: Ich kann die Bilder, die ja voll berühmt sind, Hochkultur, nicht wirklich als schön empfinden; aber eindrucksvoll sind sie manchmal schon.

Es entstand eine Pause, es war früher Abend, die Sonne stand flach über der Adria, spiegelte sich in unzähligen kleinen zarten Wellen, der Himmel war dabei, sich in Rosa-Rot-Violett zu wandeln und in mir keimte eine Ahnung, irgendetwas Geheimnisvolles, was eigentlich „schön“ bedeutet.

K:  Früher war meine Lieblingsinsel San Michele, die Friedhofsinsel … einfach schön, diese Stille, du hörst das Plätschern der Wellen von den Vaporettos und anderen Booten, wenig Menschen …

Hat das der Goethe gesagt oder war’s wer anders, es ist aber richtig wahr, dieser Satz: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Es ist echt ganz etwas Innerliches, das mit der Schönheit. – Oft kommt mir etwas schön vor, was nicht alltäglich ist, was fremd ist, was wir nicht gewohnt sind … ja das Fremde …

M (von Beruf Architekt): Das mit der Fremde, das hat schon was – das Gewohnte wird aufgebrochen, unsere Form-Muster werden durcheinander gebracht. Ich glaube, die Kunst des Lebens ist es, Schönheit einfach im Alltag zu erfahren, wahrzunehmen in den kleinen Dingen des Lebens: ein schönes Brot, das aus dem Ofen kommt, gut gebacken, das gut riecht, eben nach frischem Brot, schon vom Anschauen allein schmeckt’s richtig fein … Das Ganze muss passen … Schönheit ist für mich etwas, das einfach ist, stimmig im Zusammenhang mit dem Ganzen, vielleicht etwas, das nicht leicht zu erklären ist …

E:  Wir reden so viel vom Ganzheitlichen, von ganzheitlich leben und so, und wenn ich mir diese alten, schönen Häuser ansehe, ja sie sind schön, es hat was zu tun mit Harmonie, mit harmonischen Verhältnissen, denke ich mir … und oft liegt fast so etwas wie ein Zauber in der Luft, in den Farben des Meeres, des Himmels. Manchmal habe ich das Gefühl, was die Menschen machen, kommt nicht ran an diese Größe, diese Schönheit.

Und vor allem auch, wenn es so still ist, wie gerade jetzt, ein feiner Abendwind, die Sonne gerade untergegangen, das Abendrot …

 

Wieder umhüllte uns eine fast unirdische Stille, die auch nicht gestört werden konnte von umliegenden Stimmen oder dem einen oder anderen Auto; ja nicht einmal das laute Moped, eine Vespa, was sonst, konnte der Stille etwas antun. Es ist wirklich so: Stille ist eine Kraft, die allen Lärm schlucken kann, wenn sie, die Stille, in uns ist …

K:  Schönheit ist aber schon etwas sehr Relatives. Wir starren auf die Dinge der Vergangenheit, diese Prunkbauten zum Beispiel, nicht nur in Venedig, überall in den europäischen Städten. – Und in dem Augenblick, wo ich diese Schlösser, Dome oder Palazzi sehe, kann ich gar nicht anders, als auch an das Elend zu denken der Arbeiter und deren Familien, die Armut, das karge Leben, die Menschenleben, die das alles gekostet hat …

M:  Auch die ungezählten bosnischen Eichenstämme, die im Schlamm der Lagune von Venedig stecken: Wer hat die Bäume gefällt, wer sie auf Schiffe verladen, wer übers Meer gebracht? Hat nicht alles Schöne einen Schatten? Kann es in dieser Welt überhaupt irgendetwas geben, das schön, und nur schön ist?

E:  Also, hört mir einmal zu: Wir sehen Formen, Resultate, und sagen dazu schön oder wunderbar, unglaublich oder ähnliches, aber es relativiert sich alles ganz schnell, denke ich. Ich glaub, wahre Schönheit existiert nur in den Seelen der Menschen. Gibt’s nicht Menschen, von denen man sagen könnte, sie sind so etwas wie schöne Seelen? Und wenn ich mit mir im Frieden bin, eine Freude in mir ist, ich wie durchströmt bin von Wohlwollen und dem Gefühl, verbunden zu sein mit den Menschen, da ist alles schön, ohne Frage. Wie ist es, wenn man verliebt ist? Dann ist plötzlich alles schön, egal ob’s regnet oder schneit, kalt ist oder heiß. Und jede Arbeit geht leicht von der Hand, Freude ist in allem – So, jetzt haben wir es: Das Geheimnis der Schönheit ist die Freude.

K:  Für mein Gefühl hat Schönheit mit Reinheit zu tun, auch mit Harmonie. –  –  – Und: Kann es Schönheit geben ohne Weisheit, oder ohne Ordnung? Eigentlich – keine Ahnung.

E:  (lacht) Keine Ahnung – also doch: Schönheit ist die Königsdisziplin. Und ich sage euch, sie ist eine Art Gefühl, eine Empfindung, die für mich etwas zu tun hat mit Einheit, Einssein mit Menschen, Tieren, der Natur. Mir geht einfach das Herz auf, wo wir da sitzen – wir reden über Wesentliches, richtig Wesentliches, und diese feine Stimmung, der Geruch von Pinien und Meer …

M:  Wir haben doch bei der Biennale etwas gelesen von einem arabischen Mystiker und Denker, Ibn’ Arabi, das war bei den Bildern dieses marokkanischen Künstlers. Mich haben ein paar von diesen Sätzen voll angesprochen …

E: … die sind doch abgedruckt im Katalog zur Ausstellung, da sind auch ein paar Zeilen zu seinem Leben: Ibn’ Arabi – ein islamischer Dichter und Philosoph, der in der ganzen arabischen Welt geehrt und bekannt ist und großen Einfluss auf Theologie und Kultur der islamischen Welt hatte und noch immer hat.

K: … naja, auf die halt, die sich dafür interessieren …

E:  Dann haben wir’s doch mit Weisheit zu tun. Das zweite Geheimnis der Schönheit ist also Weisheit, aber die Freude gehört da natürlich auch direkt dazu. Das muss ich mir notieren, kommt ins Skriptum für die Schule (sie ist Gymnasial-Lehrerin für Kunst). Irgendwo bei Sartre steht, dass es das Paradies auf Erden nur in der Seele des Menschen geben kann – so wird es mit der Schönheit auch sein, glaube ich.

Ach ja noch etwas, das wollte ich die ganze Zeit schon anbringen: Ich mag Menschen, die schön sind, egal wie sie aussehen.

M:  Und dem Hund, der da gemütlich unter dem Tisch liegt, dem ist das mit der Schönheit und Kunst und dem Himmel beim Sonnenuntergang vermutlich völlig egal …

 

Ibn Arabi:

Die Schönheit ist das Licht des Herzens.

Alle Schönheit ist ein Spiegel des Göttlichen.

Die Welt ist ein Spiegel der Schönheit Gottes.

Der Mensch ist das schönste Geschöpf,

denn nur er hat die Fähigkeit,

die Schönheit in allem zu erkennen.

 

1) Ich glaube, die Kunst des Lebens ist es, Schönheit einfach im Alltag zu erfahren, wahrzunehmen in den kleinen Dingen des Lebens … Schönheit ist für mich etwas, das einfach ist, stimmig im Zusammenhang mit dem Ganzen

 

 

 

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Datum: September 21, 2026
Autor: Klaus Bielau (Österreich)
Foto: venice-Bild-von-Brigitte-Werner-auf-Pixabay_CC0

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