Rainer Maria Rilke, Transformation: Jetzt wär es Zeit

Jetzt wär es Zeit, dass Götter träten aus bewohnten Dingen …

Rainer Maria Rilke, Transformation: Jetzt wär es Zeit

Jetzt wär es Zeit, dass Götter träten aus
bewohnten Dingen …
Und dass sie jede Wand in meinem Haus
umschlügen. Neue Seite. Nur der Wind,
den solches Blatt im Wenden würfe, reichte hin,
die Luft, wie eine Scholle, umzuschaufeln:
ein neues Atemfeld. Oh Götter, Götter!
Ihr Oftgekommnen, Schläfer in den Dingen,
die heiter aufstehn, die sich an den Brunnen,
die wir vermuten, Hals und Antlitz waschen
und die ihr Ausgeruhtsein leicht hinzutun
zu dem, was voll erscheint, unserm vollen Leben.
Noch einmal sei es euer Morgen, Götter.
Wir wiederholen. Ihr allein seid Ursprung.
Die Welt steht auf mit euch, und Anfang glänzt
an allen Bruchstelln unseres Misslingens …

Musik

Es war schon ein paar Mal, dass etwas zu Ende ging in meinem Leben
und dass eine neue Seite anbrach.
Meist war es schwierig.
Meine Planungen hörten auf, waren zusammengebrochen.
Ich war verunsichert.
Manchmal dachte ich, ich würde es nicht aushalten.
 
Jemand gab mir den Rat:
Nimm es an, bejahe es.
Versuche, in dich hinein zu lauschen.
Lass dich ein in eine tiefe Stille.  
Da ist etwas in dir, das von den Wirbeln gar nicht berührt wird.
Ein Boden, auf dem du ganz neu beginnen kannst.

Rilke sagt: An den Bruchstellen unseres Misslingens
glänzt ein neuer Anfang.

Das Göttliche schläft in uns und in allem.
Es möchte in uns und in allem auferstehen, heiter aufstehn,
sagt Rilke.

Es möchte wahrgenommen werden,
durch den Blick mit neuen Augen.
Die Dinge sind viel mehr als das,
was man im Außen sieht.

Die Wände in den Strukturen in unserer Gesellschaft wackeln.
Die Bruchstellen des Misslingens werden größer.
Das bedeutet, dass wir eine Chance bekommen, die Welt neu zu erfinden.
Dafür können wir die inneren Augen entwickeln.   

Mit ihnen richten wir den Blick auf das Heilige,
das Heilige, das in allem ruht, in den Menschen und in den Dingen.
Dann wird es wach werden.
Dann kann ein neuer Morgen anbrechen.

Print Friendly, PDF & Email

Share this article

Article info

Date: August 1, 2021
Author: Katrin u. Carsten Mainz
Photo: Anita Vieten

Featured image: