Werde, der du bist: Vom Weg der Individuation

Werde, der du bist: Vom Weg der Individuation

Der Weg der Individuation schließt ein Leben in der Welt nicht aus, sondern fügt ihm eine neue Qualität hinzu. Sie integriert, indem sie das Außen mit dem Innen zusammenführt, sie vereinigt die Gegensätze miteinander, so dass das Wesenhafte dahinter zutage tritt.

Ein Grundgedanke in der Analytischen Tiefenpsychologie bei C.G. Jung ist die Individuation, das Sich-SELBST-Werden. Jung versteht darunter den Entwicklungsprozess, der zum eigentlichen Wesenskern des Menschen führt, dem SELBST, wie Jung ihn nennt. Psychologie und Individuation sollten aber nicht gleichgesetzt werden. Erstere kann nur der Beginn sein auf dem Weg zur Individuation, nur Werkzeug für eine vorläufige psychische Befriedung, damit sich das SELBST schließlich entfalten kann.

Die Psyche ist unser biologisch angelegtes Bewusstseinszentrum. Jung unterscheidet sie vom SELBST, dem eigentlichen Kernwesen des Menschen. Diesen Wesenskern gilt es wiederzubeleben, um ihm die Führung im Leben zu übergeben.

Das SELBST ist diejenige Bewusstseinsinstanz, die im Verborgenen hinter der Psyche steht und die Psyche umfängt, ohne sich mit deren Bewegtheiten zu verbinden. Man könnte vielleicht sagen, sie ist der stille und neutrale Beobachter unserer Emotionen und Ich-Zustände. Die Psyche bestimmt unser Denken, Fühlen und Handeln mit all den Konflikten, Widersprüchen, Paradoxien und Spannungen, wie wir sie in unserem alltäglichen Leben erfahren. Das wichtigste Kennzeichen der Psyche ist ihre Identität als ein Ich. Nur in der Identifikation kann sie sich selbst erfahren. Sie hat ihre ganz individuelle Sichtweise auf die Dinge. Identifikation erschwert eine Toleranz für andere Perspektiven und begrenzt sich dadurch selbst. Andererseits bedarf es der Identifikation, um dieses Leben annehmen und sich in ihm wiederfinden und behaupten zu können.

Der Mensch wird mit seiner Geburt also in eine Paradoxie hineingestellt. Er braucht eine Identität in dieser Welt, die ihn aber gleichzeitig bindet und seine Handlungen bestimmt. Hier beginnt für Jung die Individuation. Zu ihr gehört auch das Freiwerden von den Begrenzungen der Identifikation, die sich aus der jeweiligen innereigenen psychischen Struktur ergeben. Die Psyche ist dabei dennoch die Voraussetzung für eine bewusste Entwicklung des SELBST. Aber das SELBST wächst über das Psychische hinaus und schließt es dabei in sich ein. Die Bewusstseinsperspektive erfährt damit einen grundlegenden strukturellen Wandel.

Psychotherapie kann und möchte zwar auch zu einem Perspektivwechsel führen, kann aber doch nur die eine Perspektive durch eine andere, vielleicht bessere oder passendere, ersetzen helfen. Der Mensch bleibt damit im Dunstkreis der Begrenztheit seiner selbst gefangen. Denn diese veränderte Perspektive wird wiederum von einer Identifikation begleitet, die künftig als neue Wahrheit und Lebensbasis dient. Etwas wirklich Neues kann sich daraus also nicht entwickeln, da der Ausgangspunkt in der Struktur der menschlichen Psyche nicht verlassen wird. Es bedarf eines Ausgangspunktes außerhalb eines Perspektivwandels, außerhalb einer jeden Realitätskonstruktion unserer Psyche, um das zu erfahren, was dahintersteht, was die menschliche Wesenswirklichkeit auf einer höheren Ebene wirklich ausmacht.

Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich werde die Welt aus den Angeln heben,

sagte Archimedes vor 2200 Jahren.

Der Kulturanthropologe Jean Gebser 1 sprach aus diesem Grund von einem notwendigen Bewusstseinssprung. Er nannte es den Sprung  in die „A-Perspektivität“, den die Menscheit jetzt vollziehen muss, wenn sie in eine neue Bewusstseinsdimension aufsteigen will. Diese „Freiheit von jeder Perspektivität“, wie Gebser sie auch nennt, schließt die unterschiedlichen Perspektiven nicht aus, sondern erhebt sie in einen Zustand, der nicht bei einer einzelnen Perspektive stehenbleibt, sondern darüber hinausgeht und darin alle Gegensätzlichkeiten und alle Realitäten eint.

Der Mensch, der sich zum Weg der Individuation entschließt, wird in gewisser Weise ein Fremdling in dieser Welt, richtet er sich doch bewusst nach innen auf die Entdeckung des SELBST in sich, statt allein im Außen die Ursache und eine Heilung für seine Lebensschwierigkeiten zu suchen. Aber diese Fremdlingschaft ist eine besondere: nicht im Sinne von Entsagung, Askese oder sozialem Rückzug. Denn sie schließt ein Leben in der Welt nicht aus, sondern fügt ihm eine neue Qualität hinzu. Sie integriert, indem sie das Außen mit dem Innen zusammenführt, die Gegensätze miteinander vereinigt und so das Wesenhafte dahinter erschließt. Dies kann geschehen, wenn sich die Psyche nicht mehr ausschließlich mit dem Außen identifiziert. Wenn sie sich zurücknimmt, neutral wird und sich nicht mehr in Bewertungen, Ausgrenzung und Schuldzuweisungen verliert. Dadurch bekommt das Leben einen sehr subtilen anderen Schwerpunkt: Es ist „in der Welt“ und zugleich „nicht von der Welt“. „In der Welt“ als ein Leben im Hier und Jetzt, im Sein des Augenblickes, „nicht mehr von der Welt“ als Ruhen in einem SELBST, das die Identifikation nicht mehr nötig hat, sie aber gleichwohl auch nicht ausschließt als Möglichkeit, mit einem Außen in Beziehung zu treten. Es ist ein Einswerden mit sich selbst, ein Ganzwerden. Alles, was sich bisher an die Stelle des SELBST gesetzt hatte, die lockende Vielfalt der Welt, verliert seinen Griff auf den Menschen.

Das In-der-Welt-sein wird auf einer solchen Basis der Fremdlingschaft sogar intensiver: frei von einer Bindung an Vergangenheit und Zukunft, gegründet in einem Hier und Jetzt. Und der höchste Seelenaspekt, das SELBST-nicht-von-dieser-Welt, das nun die Leitung der Persönlichkeit übernommen hat, strahlt in einem neuen Denken, Fühlen und Handeln durch die Persönlichkeit hindurch. So führt uns das Gefühl der Fremdlingschaft in der Welt zunächst auf eine Reise zu uns selbst, zu unserem SELBST.

 

Was aber geschieht, wenn der Individuationsprozess vollzogen ist? Dann ist die Fremdlingschaft aufgehoben. Die Seele mit ihrem höchsten Aspekt, dem SELBST, ist nun zuhause in beiden Welten, der irdischen und der Seelenwelt. Sie kann sich nun der irdischen Sphäre zuwenden und in ihr wirken ohne die Begrenzung einer Identifikation. Sie ist „in der Welt und nicht von der Welt“. Sie ist frei von einer Gebundenheit an die Welt und kann dennoch in ihr leben zum Segen und Nutzen vieler. Vor allem kann sie dazu beitragen, dass auch andere den festen Grund in sich selbst finden können.

C.G. Jung sagt:

Was aber gewinnt das Selbst? Wir sehen, daß es in Erscheinung tritt […], daß es, indem es uns ergreift, auch in uns selber eintritt und damit aus dem […] Zustand des Unbewußtseins in den des Bewußtseins […] übergeht. Was es im unbewußten Zustand ist, wissen wir nicht; jetzt aber wissen wir, daß es Mensch, ja uns selber geworden ist.“ 2 In einem weiteren Schritt kann das Seelen-SELBST sich nun öffnen für die Verbindung mit einer noch darüber stehenden Bewusstseinsdimension, dem All-Einen.

Wir leben an der Oberfläche des Seins und besitzen die Möglichkeit, uns der Tiefe unseres Wesens bewusst zu werden. Nutzen wir diese Möglichkeit, um Außen und Innen zu einer neuen Ganzheit zusammenzufinden zu lassen.


1 Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart, Teil 2: Die Manifestation der aperspektivischen Welt, Versuch einer Konkretion des Geistigen, München: dtv, 2.Auflage 1986

2 Blauth/Bahemann/Gawlitta/Haase/Packhäuser: WERDE DER DU BIST, Rosenkreuz Verlag, Birnbach 2024

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Datum: März 21, 2026
Autor: Manfred Blauth (Germany)
Foto: ai-generated-Bild-von-Gerd-Altmann-auf-Pixabay CCO

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