Welterfahrung als ein „Innen“ – Teil 2

Ein Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Schad (Witten), für LOGON: Gunter Friedrich - Wir sind mehr als das bewusste Alltags-Ich

Welterfahrung als ein „Innen“ – Teil 2

Zu Teil 1

Frei werden für die Welt

Prof. Schad: Friedrich Nietzsche merkte, dass die Freiheit „von“ nicht hinreicht, und er schrieb einmal: Was interessiert mich die Freiheit „von“ – ich frage nach der Freiheit „für“. Das heißt, ich kann mir doch auch die Freiheit nehmen, wieder für die Welt da zu sein. Ich kann mir die Freiheit nehmen, die Trennung von der Welt wieder zu überwinden. Und diese Überwindung ist die eigentliche Kulturfähigkeit des Menschen. Sie geschieht im religiösen Leben, sie geschieht in jeder fruchtbaren Kunst; diese Überwindung besteht in jedem Verständnis, in jedem Denken, das wieder ein Stück der Wirklichkeit so erfasst, dass ich nicht in meinem Subjekthaften, das da erstmal auftritt, hängen bleibe, was jede gute Wissenschaft ausmacht. Wir bekommen eine Erwachsenenkultur dadurch, dass wir die Fähigkeit pflegen, den eingetretenen Dualismus, die Trennung von der Welt, eigenaktiv zu überwinden.

Ganz praktisch gesehen, hat diese Trennung zur Ökokatastrophe geführt. Die Menschheit benimmt sich so, als ob‘s die Natur der Erde in ihrer Wunderbarkeit nicht gäbe. Sie nutzt die Natur für ihren eigenen Subjektivismus aus. In früheren Hochkulturen gab es das nur begrenzt an bestimmten Stellen der Erde, heute ist es nun global über die ganze Erde hin der Fall. Das hat das 2o. Jahrhundert gebracht, und es geht jeden Tag weiter in dieser Richtung. Der ganze Ruf danach, dass wir mit der Erde anders umgehen müssen, der entspringt eben daraus, dass wir aus unserem selbstgemachten oder selbstvollzogenen Gefängnis ausbrechen und die Weltverbindung wieder erringen müssen. Da fällt mir auch eine Formulierung aus einem Rilkegedicht ein. Rilke spricht vom „Weltinnenraum“. Damit wird die Unterscheidung zwischen dem menschlichen Inneren und der Welt als einem Außen überwunden, indem die Welt selbst als ein Innen erfahren wird.

L.: In diesem Rilkegedicht heißt es auch:

Die Vögel fliegen still

durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,

ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Die dualistische Struktur ist ja außerdem auch in jedem einzelnen Menschen drinnen. Der Dualismus besteht nicht nur zwischen mir und der Natur, sondern ich bin auch mit mir selber nicht mehr eins. Ich bin nicht mehr eins mit meinem unsterblichen Selbst.

Wolfgang, Du hast für Dein Leben eine Weiche gestellt, indem du Anthroposoph geworden bist. Die Anthroposophie ist ja eine Bemühung, den Dualismus auf besondere Weise zu überwinden.

Selbsterkenntnis als Grundlage aller Welterkenntnis

Prof. Schad: Anthroposophie ist das Streben danach, die Selbsterkenntnis zur Grundlage aller Welterkenntnis zu machen. Ich kann die Welt nicht verstehen, wenn ich nicht den verstehe, der die Welt verstehen möchte. Die Voraussetzung für alles Weltverständnis bin doch ich, sind wir Menschen. Die Menschen wissen aber nicht, was sie sind, wenn sie keine Anthropologie oder ihre Erweiterung, die Anthroposophie betreiben, wenn sie sich also nicht um ein vertieftes Menschenverständnis bemühen. Sie können dann die Welt nur begrenzt erkennen.

Wie kriege ich es hin, dass ich zu mir selbst ein aufgeklärtes Verhältnis bekomme? Mein Ich-Bewusstsein, das meist mit dem ersten Ich-Sagen im dritten Lebensjahr, manchmal heute auch schon im zweiten Lebensjahr beginnt, leistet den ersten Anstoß für die Trennung von der Welt. Von da an geht’s los: Jetzt komm ich und dann erst kommt alles andere. Darin ist schon enthalten, dass das Ich zum Ego wird, in dem Sinne, den wir mit dem Wort Egoismus verbinden.

Luzifer

Die Anthroposophie bemerkt, dass dieser Vorgang nicht willentlich, in Freiheit vom Menschen vollzogen wird. Er hat ja zur Zeit der frühen Kindheit noch keinen bewusst erwachten Willen. Aber wer treibt ihn dahin, dieses weltfremde Ich zu bekommen? Und da greift die Anthroposophie eben auch die geistige Seite des Vorgangs auf und sagt: Es ist ein geistiges Wesen, das dem Menschen auf diese Weise die Freiheit bringt. Aber eben nur die Freiheit „von“. Der biblische Mythos benennt dieses geistige Wesen mit dem Namen Luzifer, das heißt interessanterweise „Lichtbringer“. Was bringt nämlich Luzifer? Er bringt das Licht des Bewusstseins von sich selbst. Er wird in der Bibel als ein hohes Engelwesen beschrieben, das aber abgestürzt ist. Und das, was Luzifer mit sich selbst vollzogen hat – sich aus dem Weltganzen zu eigenen Gunsten abzutrennen –, das erfährt der Mensch nun ebenfalls in seinem Ich-Bewusstsein. Das Erwachen des Ich-Bewusstseins ist der Absturz aus der monistischen Welteinheit. Die Lösung besteht nun nicht darin zu sagen, „jetzt mach ich auf Kleinkind“, um dorthin zurückzukommen. Vielmehr müssen wir durch diesen Dualismus hindurch, weil dadurch erst möglich wird, dass ein Monismus entsteht, der in Freiheit selbst gewollt wird und einem nicht durch andere Geister zugefügt wird. Das ist die Eigenleistung des Menschen, durch sie ist er schöpferisch am Weltgeschehen beteiligt.

Ich bin mehr als mein bewusstes Alltags-Ich

Mit meinem bewussten Ich kann ich die Frage stellen: Bin ich mehr als mein bewusstes Alltags-Ich? Und zu dieser Frage gibt es Grenzerlebnisse, die dann anstehen und die dann auch in den Fokus genommen werden dürfen, ja müssen. Ein solches Erlebnis ist das des Schlafes. Wenn ich einschlafe, verliere ich das Alltags-Ich-Bewusstsein und bin dann, sagen wir mal für sieben bis acht Stunden, ohne dieses Bewusstsein. Habe ich deswegen als Ich aufgehört? Wenn ich morgens aufwache, bin ich mir sicher, dass ich derselbe Mensch bin wie gestern und vorgestern. Das heißt, die Realität der Kontinuität des Ich ist nicht ans permanente Ich-Bewusstsein gebunden. Was aber ist jenes so unbewusste Ich in uns, das im Schlaf das wirksame Ich ist?

Rudolf Steiner hielt einen Vortrag vor einem Philosophenkongress in Bologna, 1911.[1] In diesem Vortrag wies er darauf hin, dass das Ich, das wahre, wirkliche Ich gar nicht im Leibe lebt, sondern Weltinhalt ist. Wenn ich Interesse für etwas habe, was ich nicht selbst bin, also für eine schöne Blume oder für einen Regenbogen oder irgendetwas anderes Schönes oder auch Hässliches, dann sagt schon das Wort „Interesse“, dass ich „dazwischen bin“, zwischen den Dingen. Inter-esse bedeutet dazwischen sein. Das Wort deutet also schon an, dass ich im Falle meines Interesses gar nicht bei mir bin, sondern beim Andern, dass ich also in der Welt bin. Im echten Interesse vergesse ich mich selbst und nur dadurch, dass ich mich selbst in meinem selbstbezüglichen Ich vergesse, kann ich offen sein für andere. Das ist der soziale Grundvorgang, den wir im Umgang mit anderen Menschen und auch der Natur gegenüber künftig üben wollen, dürfen, müssen.

(wird fortgesetzt in Teilen 3 und 4)

 


[1]  AnthroWiki GA 35: 111 ff.

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Datum: Oktober 16, 2020
Autor: Gunter Friedrich (Germany)
Foto: Pixabay

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