Was ist Licht? Was ist Sehen? – Teil 1

Das Auge ist nicht nur passiv wirksam, sondern spielt eine wesentliche, aktive Rolle beim Sehen .

Was ist Licht? Was ist Sehen? – Teil 1

Licht und Sehen – wir gehen täglich damit um, es ist für uns etwas Selbstverständliches, Alltägliches. Lohnt es sich überhaupt, tiefer darüber nachzudenken? Es ist eine Eigenart des Menschen, sein aktuelles Weltbild als richtig zu betrachten. Doch die Sichtweisen verändern sich – auch die vom „Sehen“.

Vor einigen Jahrzehnten lernten wir noch in der Schule, dass das Auge ein Wahrnehmungsorgan ist, das genau wie eine Kamera funktioniert. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass das Auge nicht nur passiv wirksam ist, sondern eine wesentliche, aktive Rolle beim Sehen spielt.

In der Renaissance begann man, das Licht und das Sehen wissenschaftlich zu beschreiben. Leonardo da Vinci stellte im 15. Jh. die Hypothese auf, dass das Auge wie eine Camera Obscura funktionieren würde. In eine solche Kamera fällt das Licht durch ein winziges, nur wenige mm großes Loch hinein und projiziert auf der Rückwand ein getreues Abbild der äußeren Dinge – wenn auch auf dem Kopf stehend.

Tatsächlich steht im menschlichen Auge das Abbild der äußeren Dinge auf der Netzhaut auf dem Kopf. Von dort aus verwandelt es sich in Bewusstseinsimpulse, und wir sehen ein Bild. Wie diese Verwandlung stattfindet, ist ein noch ungelüftetes Geheimnis.

Aussagen der Wissenschaft

Die Forschung hat sich in Spezialgebiete aufgeteilt von Physikern einerseits und Neurobiologen und Hirnforschern andererseits. Sie beschreiben den Vorgang des Sehens bis in kleinste Einzelheiten in exakten Formeln anatomisch, biochemisch und neuronal. Wir haben damit ein Puzzle vor uns mit tausenden von Einzelteilen, aber noch keine befriedigende Erklärung, was Licht und Sehen wirklich sind.

Hilft uns die Quantentheorie beim Verstehen von Licht und Sehen weiter? Mit ihr wurde eine neue Theorie des Lichtes entwickelt, bei der selbst große Physiker wie Albert Einstein bekannt haben: „Fünfzig Jahre intensiven Nachdenkens haben mich der Antwort auf die Frage: Was sind Lichtquanten? nicht nähergebracht. Natürlich bildet sich heute jeder Wicht ein, er wisse die Antwort. Doch da täuscht er sich.“

Die Quantentheorie hat auf der Grundlage von Experimenten unbestreitbar nachgewiesen, dass die mechanistische Sichtweise beim Verstehen des Lichtes nicht haltbar ist. Eines der entscheidenden Experimente – das sog. Doppelspalt-Experiment – sieht folgendermaßen aus:

Licht wird durch ein Beugungsgitter geschickt, und es wird nachgewiesen, dass es in einer reinen Wellenform existiert. Dann wird das Experiment erweitert um ein zusätzliches Beugungsgitter. Das Licht wird auch durch dieses Beugungsgitter gesandt und beobachtet. Und in diesem zweiten Experiment zeigt es sich plötzlich teilchenartig. Es hat die reine Wellenform verlassen und sich in eine Teilchenform verwandelt, sozusagen materialisiert, kristallisiert.

Licht kann also beides sein, sowohl Welle als auch Teilchen. Die Problematik, das zu verstehen, drängt zu einem Quantensprung im Erkennen. Bisher haben die Naturforscher die Phänomene gleichsam aus der Distanz und „objektiv“ beobachtet und beschrieben. Nach der Quantentheorie müssen wir aber anerkennen, dass wir selber ein aktiver Teil des Beobachtungsprozesses sind und dass wir in allem als handelnde Subjekte beteiligt sind und daher das Ergebnis beeinflussen. Das Licht scheint eine Beziehung zum Beobachter aufzunehmen, so als hätte es selbst eine Art Wahrnehmung und eine Art Bewusstsein.

Die Quintessenz aus dem Versuch scheint zu sein: Wir beeinflussen mit unserem Bewusstseinszustand den Zustand des Lichtes. Aber ein „Ich“ oder „Der Mensch“ kommt bisher noch in keiner physikalischen Formel über das Licht vor …

Auch wenn die Quantentheorie die Frage, was denn Licht und Sehen im tiefsten Wesen sind, noch nicht befriedigend beantworten kann, ist doch ein neuer Aspekt hinzugekommen: Wenn es verschiedene Zustände des Lichtes gibt – also die Eigenschaft als Welle oder als Teilchen –, könnte man diese dann vielleicht als verschiedene Entwicklungszustände ansehen? Könnte man sagen, das Licht lässt sich sozusagen zum Bewusstseinszustand des Menschen herab, indem es sich aus der reinen, unstofflichen Schwingung in den mehr stofflichen Zustand als Teilchen begibt?

Die Schau Platons

Gehen wir einmal in die Vergangenheit zurück zu der Schau, die Platon (427-348/47 v.Chr.) hatte. Er erläutert in seiner Schrift Timaios:[1]

Das Seelenfeuer im Menschen erzeugt ein mildes Licht, das von den Augen ausgeht. Dieses innere Licht ist dem Sonnenlicht ähnlich und vermischt sich mit ihm. Durch die Vermischung aus innerem und äußerem Licht bildet sich ein gemeinsamer homogener „Lichtkörper“. Dieser Lichtkörper stellt eine Verbindung her zwischen den Objekten der Welt und der Seele. Er bildet gleichsam eine Brücke, über die die unmerklichen Bewegungen der äußeren Objekte ins Auge gelangen und die Empfindungen des Sehens erzeugen.

Nach Platon besitzt das Sehen also fünf Aspekte:

Erstens gibt es eine Ausstrahlung der menschlichen Seele, die durch die Augen strahlt.

Zweitens ist dieses Seelenlicht zwar schwächer, aber vom Wesen her dem Sonnenlicht ähnlich.

Drittens bildet sich aus dem Seelenlicht und dem Sonnenlicht ein neuer, einzigartiger Lichtkörper.

Viertens stellt dieser Lichtkörper eine Verbindung zwischen den Objekten der Welt und der Seele her

und wird fünftens zu einer Brücke, über die die atomare Grundschwingung der äußeren Objekte ins Auge gelangt.

Die Verbindung zwischen dem betrachtenden Auge und dem betrachteten Objekt nennt Platon den Lichtkörper. In ihm vereinen sich Subjekt und Objekt beim Sehprozess, fließen die von ihnen ausgehenden Kräfte ineinander.

Wenn zwei Menschen im Gespräch einander gegenübersitzen und sich anschauen, bilden sie, so kann man sagen, ein „Lichtfeld“, in dem ihre Schwingungen ineinander fließen. In dem erzeugten gemeinsamen „Körper“ wirkt das Licht nicht nur zwischen den beiden, sondern es wird zu einem schwingenden Netz, dessen Vibrationen sich nach allen Seiten kugelförmig bis ins Grenzenlose ausbreiten.

Wir können also Licht verstehen als etwas, das alles andere beleuchtet und alles miteinander verbindet. Es kann unserem Bewusstsein die Tür zur Einheit öffnen. Ohne Licht können wir nichts wahrnehmen. Das Licht ist es – so können wir vermuten –, das in uns die Sehnsucht nach Einheit hervorruft.

Mikhail Naimy schreibt in seinem Werk Das Buch Mirdad [2]:

„Auch ist das Licht in euren Augen nicht allein das eurige. Es ist das Licht aller, die die Sonne mit euch teilen. Was könnte euer Auge von mir sehen, wäre in mir kein Licht? Es ist mein Licht, das mich in eurem Auge sieht. Es ist euer Licht, das euch in meinem Auge sieht.“

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

Quellen:

[1]  hier dargestellt nach Arthur Zajonc, Lichtfänger – die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008.

[2]  Mikhail Naimy, Das Buch Mirdad, Rozekruis-Pers, Haarlem 1968, S. 59.

 

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Datum: Februar 2, 2022
Autor: Joachim Plackmeyer (Germany)
Foto: BUMIPUTRA auf Pixabay CCO

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