Das Handeln der Ganzheit und der Karma-Körper des Menschen

Das Handeln der Ganzheit und der Karma-Körper des Menschen

Das Wort Karma kommt aus dem Sanskrit und bedeutet im ursprünglichen Sinn des Wortes „Tat“ oder „Handlung“. In unserem heutigen Verständnis bezeichnet es ein Gesetz der Ursache und Wirkung von Taten, das sich um den Handelnden entspinnt.

Der Karma-Körper des Menschen

Karma gilt auch als das große Gesetz der Gerechtigkeit, das jede Tat im Meer des Lebens, mit einer entsprechenden Konsequenz ausgleicht. Das Feld, der vergangenen Taten, wirkt sich gemäß dieser Anschauung in jedem Augenblick auf unser aktuelles Leben aus. Wir können dieses wirkende Feld vergangener Taten auch als Karma-Körper oder Handlungskörper bezeichnen.

Um genauer darzulegen, wie wir den Begriff des Karma-Körpers benutzen, wollen wir als Beispiel die Aktivität unseres Denkens betrachten. Da wir verstehen können, dass nahezu alles, was sich im Äußeren manifestiert, mit unserem bewussten oder unbewussten Denken korrespondiert, können wir auch verstehen, dass das Gesetz von Karma nicht nur die äußeren Begebenheiten umfasst, sondern gleichermaßen auch in unserem Gedankenleben wirkt.

Denken ist eine Art der Handlung und daåmit Teil von Karma. Wer also für sich selbst herausfinden will, ob es da eine solche Wirksamkeit des Karma-Prinzips gibt, der kann es in seinem Denken beobachten; in den Neigungen und Tendenzen seines Denkens, und wie sich daraus, sein Leben erschafft. Karma ist also nicht etwas Fernes oder Abstraktes, sondern im engeren Sinne die Wirksamkeit der Vergangenheit, die jeder psychologisch erfährt.

Alles Ich-Denken ist untrennbar von Karma. Jede äußere Tat, jede Absicht, die aus dem Ich-Denken geboren wird, ist durchwirkt von Karma und wird zu Karma. Eine gute Formulierung ist zu sagen, dass jeder Ich-Gedanke im Feld des Karmas entsteht. Ist es möglich, dass in reinem Gewahrsein für sich selbst zu beobachten?

Bei dieser Beobachtung geht es nicht darum, zu einer Schlussfolgerung zu kommen, oder etwas dafür oder dagegen zu tun, sondern nur, zu sehen, was ist. Wie sich das Ich-Denken aus der Vergangenheit gebiert. In dieser Beobachtung dessen was ist, liegt lebendige Selbsterkenntnis.

Der genaue Inhalt eines Gedankens ist nicht sehr relevant, sondern seine Qualität. Denn es ist seine Qualität, die wirkt und die aus dem Karma-Körper genährt wird. Ist es möglich die Qualität eines Gedankens zu beobachten? Der Inhalt eines Gedankens reflektiert nur seine Qualität. In dieser Qualität ist das Karma aktiv.

Die Art des Karma-Körpers hängt also ab vom Handlungsleben des Menschen. Alles Denken, Fühlen, Wollen ist gleichsam mit ihm verwoben und wirkt wieder in den Karma-Körper zurück – auch wenn das nicht der einzige Faktor ist.

Doch alles, was sich aus dem Karma-Körper im Jetzt offenbart, ist eine modifizierte Offenbarung der Vergangenheit. Wir können daran erkennen, dass Karma keinen schöpferischen Aspekt beinhaltet; darin ist nichts Neues.

Da also der Karma-Körper das Vergangene ist, bedeutet das Wirken von etwas, das frei ist von Vergangenheit, den Beginn des Endes des Karma-Körpers. Gibt es ein Handeln, das frei ist von Vergangenheit? Gibt es ein Handeln, das frei ist von Idee, von Vorstellung, vom Ich-Willen?

Wo der Mensch keine Idee hat, sondern wo ein reines Gewahrsein für jede Bewegung von Ideen ist, da tut er nicht. Wo der Mensch in reinem Gewahrsein unbewegt die Qualität seines Ich-Willens schaut, da tut er nicht.

Wo der Mensch aufhört, sein Urteil zu fällen, sein Maß anzulegen, seine Ideale zu projizieren, wo er die gesamte Bewegung der Vergangenheit als die Tatsache, dessen, was ist, in reinem Gewahrsein schaut, da tut er nicht, und da endet das Spinnen der Fäden des Karmas.

Der Mensch tritt aus der Relativität seiner eigenen projizierten, mechanistischen Bewegung und Art zu leben aus, und sieht die unverrückbare Wahrheit der Tatsache dessen, was ist. Was ist, ist sein ganzer Zustand der – mitunter – Verzweiflung, Gier, Angst, des Leides und der Sinnlosigkeit, mit vereinzelten Impulsen der Hoffnung und der Freude. Und da er aus diesem Zustand handelt, erschafft er dasselbe erneut und erneut. Wenn er aus Gier handelt, sät er Gier und erntet zu seiner Zeit die Folgen der Gier. Wenn er aus Angst handelt, sät er Angst und erntet zu seiner Zeit die Folgen der Angst.

Darum können wir sagen, dass das, was ist, in reinem Gewahrsein, eine fundamentale Veränderung unterläuft. Weil in diesem reinen Gewahrsein, zum ersten Mal, keine Reaktion aus dem Karma-Körper in Bezug auf das, was ist, geboren wird. Das, was ist im Menschen, kommt dann zum ersten Mal mit der Gnade des unberührten, urteilslosen Raumes des reinen Gewahrseins, in Berührung. Dieser Aspekt war vorher nicht da.

Die Frage nach reinem Gewahrsein wird immer näher an den Menschen herangetragen

Da reines Gewahrsein keinen Hauch der Vergangenheit in sich trägt, da es ein zeitloses Schauen dessen ist, was ist, ohne Interpretation oder Assoziation, ist es richtig zu sagen, dass dieses Schauen weder „mein“ noch „dein“ ist. Es ist ungetrübtes, bedingungsloses Gewahrsein, als erblühende Qualität des Lebens selbst. Diese Qualität kann beginnen einzutreten, und zwar in dem Moment, in dem wir aufrichtig fragen: Was ist reines Gewahrsein?

Wir dürfen als Menschheit fragen: Was ist reines Gewahrsein?

Diese Frage wird immer näher und näher an uns herangetragen. Wenn sie echt ist, wirklich, lebendig, dann ist sie frei von Vergangenheit. Jede fundamentale Frage, in all ihrer Tiefe und Klarheit, ist frei von Vergangenheit.

Mit der Frage nach dem, was reines Gewahrsein ist, zu leben, ohne sie aus dem Gedächtnis zu beantworten, ist ein Ausdruck von Liebe.

Das Verständnis dessen, was reines Gewahrsein ist – frei von Anstrengung, frei von Konzentration, frei von Motiv, aber Anstrengung wahrnehmend, Konzentration erkennend, Motiv entschleiernd – kann jeder in sich selbst ergründen und herausfinden, indem er still mit dieser tiefen Frage lebt, die eine Frage der Menschheit ist.

Dann entfaltet sich aus dem Ursprung der Frage ihre innewohnende Bewegung der Antwort. Dieser Ursprung ist das Leben selbst, und also schöpft es die lebendige Qualität des Lebens selbst.

Wo diese Qualität des Lebens selbst beginnt, sich zu entfalten, da gebären sich prozessmäßig alle anderen innewohnenden Qualitäten des Lebens selbst dort hinein; sie treten ein in diesen Raum des reinen Gewahrseins. Und diese Qualitäten sind im Wesentlichen Liebe und Intelligenz und sie wirken als das Schöpferische. Die Qualität des Lebens selbst ist „des Lebens Selbst“ – was manchmal auch als das All-Eine Selbst bezeichnet wird.

Das Handeln der Ganzheit

Das Wirken von Liebe und Intelligenz als dem Schöpferischen ist das Handeln der Ganzheit. Es ist ein unteilbares Handeln, das niemandem zugeschrieben werden kann.

Wir können nun erkennen, was geschieht, wenn das Handeln der Ganzheit, das frei ist von Vergangenheit, den Menschen zu berühren beginnt. Durch die Übergabe an reines Gewahrsein stirbt der alte, unschöpferische, egozentrische Karma-Körper des Menschen, und das Handeln der Ganzheit, zieht stattdessen in seinen Handlungskörper ein. Wir werden das im Folgenden weiter vertiefen.

Was ist also das Handeln der Ganzheit? Wie kann es Handlung geben, wenn es niemanden gibt, der handelt?

Um das zu verstehen, wollen wir auf die beiden sich scheinbar gegenüberstehenden Weisheitslehren des „Atman“ und des „Anatman“ (Kein-Atman) eingehen. In den östlichen Weisheitslehren bezeichnet Atman „das absolute Selbst“. Wir werden sehen, dass die reinen Lehren des „Atman“ und des „Anatman“ wie die zwei Schneiden ein und derselben feurigen Klinge sind, um den Menschen aus seiner Verstrickung mit Karma zu befreien.

Die Lehre des Anatman besagt, dass es kein Selbst gibt. Sie besagt, dass die Suche nach einem eigenen, höheren Selbst geboren wird aus einer Annahme, die in reinem Gewahrsein nicht bestehen kann, weil sie nicht wahr ist. Sie besagt, dass die Idee des eigenen Selbst lediglich im Bereich des Denkens, des Mentalen und der Annahme liegt, und daher im urteilslosen, reinen Gewahrsein endet. Ein Beispiel für die Lehre des Anatman ist folgender Ausspruch des Buddha (ca. 6. Jahrhundert v. Chr.):

Alle zusammengesetzten Dinge werden wieder aufgelöst, Welten werden in Stücke zerfallen und unsere Individualität wird zerstreut werden. […] Suche nicht das Selbst, aber suche die Wahrheit.[1]

Die Lehre des Atman hingegen, besagt, dass es ein absolutes, unveränderliches Selbst gibt. Dies sei die höchste Wahrheit. Ein Beispiel dieser Lehre findet sich zum Beispiel in den heiligen Schriften Indiens, wie der Isha Upanishad, Vers 8 (ca. 1. Jahrtausend v. Chr.):

Das Selbst (Atman) ist überall. Erhaben ist das Selbst, unteilbar, unberührt von Missetat, weise, immanent und transzendent. Das Selbst ist es, dass den Kosmos zusammenhält.

Und in der Bhagavad Gita, 6:30-31, spricht Krishna (ca. 200 v. Chr.):

Ich bin allgegenwärtig für diejenigen, die mich in jedem Geschöpf erkannt haben. Da sie alles Leben als meine Manifestation erkennen, sind sie niemals von mir getrennt. Sie verehren mich in den Herzen aller, und alle ihre Handlungen gehen von mir aus.

Wie können da also die beiden Lehren des Atman und des Anatman zusammenstehen?
Nichts, was geschaffen ist, hat ein wahres Selbst. Die 10.000 Dinge haben kein eigenes Ich, so wenig wie der geschaffene Mensch. Denn alles Geschaffene ist nur zusammengesetzt und wird wieder in seine Einzelteile zerfallen. Das wahre Selbst, oder Individuum (lateinisch: unteilbar), aber bedeutet dasjenige, was nicht teilbar ist. Etwas, dem nichts hinzugefügt werden kann noch genommen werden kann. Darum hat nichts, was Geschaffen ist, an sich ein Ich. Darum ist die Lehre des Anatman oder Kein-Atman wahr, wie der Buddha sie lehrte. Im Sterben in die Wahrheit des Anatman, der geschaffenen Natur nach, dringt der Geist zum Ungeschaffenen, in die Leere des Ungeschaffenen. Die Leere des Ungeschaffenen aber ist schöpferisch, handelt, strömt, ewig schaffend und absolut. Darin ist Tun, ohne einen Macher, Tun, ohne Zentrum. Der Buddha sagt es so:

Es gibt da einen Weg, auf dem es zu gehen gilt, da ist ein Gehen, aber es gibt keinen Reisenden. Taten werden getan, aber es gibt keinen Macher. Da ist das Wehen von Luft, aber kein Wind, der die Luft wehen lässt. [2]

Der Buddha beschreibt hier das Geschehen einer absoluten Handlung, die unabhängig ist vom Macher. Da der Ankerpunkt aller absoluter Handlung jedoch, von einem gewissen Standpunkt aus, als das eine, einige, absolute Selbst bezeichnet werden kann, ist die Lehre des Atman ebenfalls wahr. Es ist die Lehre eines ungeteilten, einigen, absoluten, alles berührenden, ewig ungeschaffenen und ewig in das Geschaffene wirkenden Atman-Brahman: Gottes Wort, Gottes Sohn, Krishna, Christus.

Wo Gott „Ich“ spricht, ist alles gesagt. Aus diesem Selbst ohne Zentrum ist alles, fließt alles, reift alles, gestaltet sich alles. Dieses „Wort“ ist Gottes heiliges, schöpferisches Handeln und Schaffen, das hinter allem Geschaffenen wirkt.

Der Weisheitslehrer Meister Eckhart (1260 – 1328 n. Chr.) gibt uns eine Beschreibung dieses Handelns in christlichen Worten (in Predigt 23):

Gott gebiert seinen eingeborenen Sohn in dir, es sei dir lieb oder leid, ob du schläfst oder wachst; er tut das Seine. Ich sagte neulich, was schuld daran sei, dass der Mensch es nicht empfindet, und sagte: schuld daran sei dies, dass seine Zunge mit anderem Schmutz, das heißt mit den Kreaturen, beklebt sei; ganz so, wie bei einem Menschen, dem alle Speise bitter ist und nicht schmeckt. Was ist schuld daran, dass uns die Speise nicht schmeckt? Schuld daran ist, dass wir kein Salz haben. Das Salz ist die göttliche Liebe. Hätten wir die göttliche Liebe, so schmeckte uns Gott und alle Werke, die Gott je wirkte, und wir empfingen alle Dinge von Gott und wirkten alle dieselben Werke, die er wirkt. In dieser Gleichheit sind wir alle ein einiger Sohn.

Und:

Gleichsam so, wie wenn einer vor einem hohen Berge stünde und riefe: »Bist du da?«, so würde der Widerschall und -hall zurückrufen: »Bist du da?«. Riefe er: »Komm heraus!«, der Widerhall riefe auch: »Komm heraus» […] So tut‘s Gott: Er gebiert seinen eingeborenen Sohn in das Höchste der Seele. Im gleichen Zuge, da er seinen eingeborenen Sohn in mich gebiert, gebäre ich ihn zurück in den Vater.[3]

Es ist also richtig zu sagen, dass das Handeln der Ganzheit das Handeln des All-Einen Selbst ist – des Lebens Selbst.

Wenn das heilige Handeln der Ganzheit den Menschen zu berühren beginnt, zieht prozessmäßig, das All-Eine Selbst, in den Handlungskörper des Menschen ein. Dadurch endet sein unschöpferisches, eigenwilliges Tun und wird aufgehoben, in dem schöpferischen Tun des All-Einen Selbst.

Der Philosoph Jiddu Krishnamurti (1895 –1986):

Wir versuchen herauszufinden, ob es möglich ist, ohne Idee zu handeln. […] Wenn eine Handlung auf einem Glauben oder einer Idee oder einem Ideal beruht, muss sie zwangsläufig isoliert und fragmentiert sein. Ist es möglich, ohne den Prozess des Denkens zu handeln, wobei das Denken ein Prozess der Zeit ist […]?[4]

Ist es möglich, in dieser Welt zu leben, ohne dem Handeln eine Kontinuität zu geben, so dass man jeder Handlung in aller Frische begegnet? […] Das heißt, kann ich im Laufe des Tages für jede getane Tat sterben, so dass der Geist nie ansammelt und daher nie durch Vergangenheit verunreinigt ist, sondern immer neu, frisch und unschuldig ist?“[5]

Wenn Krishnamurti hier diese Fragen stellt, dann fragt er danach, ob das Handeln der Ganzheit in den Handlungskörper des Menschen einziehen kann. Er nannte dieses Handeln auch das Handeln der Intelligenz, die weder „dein“ noch „mein“ ist. Dass dieses Handeln sich im Handlungskörper der Menschheit offenbart, dass die Trennung zwischen der Offenbarung dieses Handelns und dem Bewusstsein des Menschen endet, das war Krishnamurtis zentrales Anliegen.

Jiddu Krishnamurti:

Wenn wir [als Menschheit] überleben wollen, wird es immer wichtiger, dass ein Geist der Zusammenarbeit mit dem Universum und mit allen Wesen im Meer und auf dem Land vorhanden ist. […] Es gibt kein System, durch das ihr lernt, wie man zusammenarbeitet. Zusammenarbeit lässt sich nicht strukturieren und klassifizieren.[6]

Ordnung ist das Universum, ist Intelligenz. Ordnung ist nicht statisch; sie ist eine lebendige Bewegung[7]

Und im Gespräch mit dem Quantenphysiker David Bohm (1917 –1992):

Würden Sie sagen, dass die Bewegung der Stille mit ihrer unendlichen Neuheit die absolute Ordnung des Universums ist? […] Was ist also meine Beziehung, was ist die Beziehung eines solchen Geistes mit dem Universum? […] Gibt es da eine Trennung, oder eine Barriere, zwischen diesem absoluten Geist und dem Universum? […] Dieses Universum, das in absoluter Ordnung ist, beeinflusst also mein tägliches Leben. […] Sehen Sie, das bedeutet, dass es Freiheit von Reaktionen geben muss, Freiheit von der Begrenzung des Denkens, Freiheit von aller Bewegung der [psychologischen] Zeit. […] Es muss völlige Freiheit von all dem geben, bevor ich wirklich den leeren Geist und all das verstehe, und die Ordnung des Universums, die dann die Ordnung des Geistes ist.[8]

Ein Mensch, der von der lebendigen Bewegung des Handelns der Ganzheit erfasst wird, tritt prozessmäßig von der Karma-Natur in die unteilbare Natur der Wahrheit ein. Das Handeln der Wahrheit ist einig, ungeteilt, vollkommen eins. In diesem Handeln liegt die wahre Einheit und Zusammenarbeit der Menschheit verborgen; eine Zusammenarbeit, die primär nicht physisch gebunden ist. Es ist in diesem Handeln der Ganzheit, in der lebendigen Ungeschaffenheit, dass die Menschheit wahrlich als eins handeln kann. Dort wird das Handeln der Ganzheit, ihr Handeln.

Sehen wir, „schmecken“ wir dieses heilige, innerliche Handeln, das sich immer weiter zu offenbaren beginnt? Es ist vollkommen unberührt durch das Denken, durch Ideen, durch Vorstellungen.

Sterben und Geburt

Man kann sagen, im reinen Gewahrsein stirbt der Mensch innerlich vor allem im Mentalkörper von Geschaffenheit in Ungeschaffenheit. Meister Eckhart nennt diese Ungeschaffenheit in dem vorangegangenen Zitat „das Höchste der Seele“. Diese Dimension der Ungeschaffenheit ist die Dimension einigen Handelns, in die sich fortwährend „der Sohn gebiert“ oder, in anderen Worten, die Ganzheit sich selbst offenbart und wirkt.

Bei der Geburt eines Kindes aus dem Mutterleib stirbt das Kind für die alte Ordnung, in der es im Mutterleib lebte, und wird in diesem Sterben in einem Zug neu geboren, in die Ordnung der äußeren physischen Welt. Auf die gleiche Weise wird das neue Denken in uns in der Ungeschaffenheit geboren, wo wir für das alte Denken der Geschaffenheit innerlich sterben. Die Hebamme dieser Geburt ist die anstrengungslose, heilige Negation des reinen Gewahrseins, dass frei von Kontrolle, Wille, Absicht oder Zwang ist. Denn Kontrolle, Wille, Absicht oder Zwang, sie alle stammen aus dem alten Denken.

Auf diese Weise an die Grenzen des Menschseins zu gelangen, birgt Weite, Tiefe und Schönheit; es wirkt die Lebendigkeit einigen Lebens.

So wie das alte Denken eine Form des Handelns aus der Vergangenheit ist, so ist das neue Denken unmittelbares, ewig neues Handeln. Im neuen Denken liegt innerlich kein Zeitintervall zwischen Denken und Handeln. Denken ist Handeln. Gottes Denken ist sein Wort und sein Wort ist sein Handeln. Damit dieses Denken-Sprechen-Handeln sich in den Menschen gebiert, braucht es das reine Gewahrsein, das ebenfalls eine Qualität der Ganzheit ist. Das ist die heilige, einige Intelligenz des Wahrnehmen-Handelns.

Man kann gleichsam sagen, im reinen Gewahrsein reift das Gehirn. Das Gehirn des Menschen, ist noch unreif; es reift im Licht des stillen, urteilslosen, reinen Gewahrseins, in dem die Ordnung der Ganzheit wirkt und handelt.

Wenn sich dieses beschriebene Handeln der Ganzheit im Einzelnen vollzieht, so beginnt dies einen Einfluss auf das Bewusstsein der Menschheit zu haben – frei von Ideologie, Überzeugung oder Absicht. Wahrheit wirkt auf diese Weise aus sich selbst heiligend durch den Menschen in alles, was ist, auf eine Weise, die Worte nicht berühren können. Es wirkt sich selbst in allem.

So wie die Menschheit den einzelnen Menschen trägt, so trägt der einzelne Mensch die Menschheit in sich. Und so, wie die Erde die Menschheit trägt, so trägt die Menschheit die Erde in sich. Das Handeln der Wahrheit in der Natur des einzelnen Menschen wirkt also in dieselbe ganze Natur der Menschheit hinein.

Jiddu Krishnamurti:

Verstehen Sie also bitte die ganz einfache Verantwortung eines menschlichen Wesens – Sie -, das in dieser verrückten Welt lebt. Wenn Sie sich radikal verändern, wirkt sich das auf das Bewusstsein der Welt aus. Das ist es also, worum es uns geht.  Das Wort „Regeneration“ bedeutet, wiedergeboren zu werden, nicht in irgendeinem zukünftigen Leben, was wahr sein mag oder nicht, sondern in diesem Leben, in dieser kurzen Zeitspanne der Existenz. Ob es für Sie als Mensch, der die ganze Menschheit repräsentiert, möglich ist, wiedergeboren zu werden.[9]

Abschluss

Machen wir uns nun also eine Vorstellung aus dem Beschriebenen, durch die mentale Anpassung unseres Selbstbildes und Weltbildes?

Diesen Mechanismus des Bilderformens in sich selbst urteilslos zu beobachten, als Tatsache, ist reines Gewahrsein. Wenn Sie ihn so unbewegt beobachten, wie Sie die Tatsache eines vorbeiziehenden Vogels im Flügelschlag beobachten würden, dann sehen sie die Aktivität eines unreifen Gehirns. Eines Gehirns, das sich selbst unter all seinen Interpretationen und Bildern verdunkeln will vor dem Licht dessen, was ist.

Das direkte Sehen der Wahrheit dessen, was ist, hat seine eigene direkte Wirkung auf das Gehirn; es ist ein Wirken, dass kein Motiv hat, keine Vergangenheit, keine Zeit und kein Bild. Die Ordnung der Wahrheit berührt das Gehirn, so dass die Ordnung der Wahrheit seine Ordnung wird. Wahrheit, frei von Vergangenheit, berührt das, was ist. Es zerbricht die Wirkungen des Karmas.

Verstehen, tief innerlich, findet nicht durch Interpretation statt, sondern Zuhören-Verstehen ist eins. Es gibt kein Zeitintervall zwischen Zuhören und Verstehen; es gibt niemanden, der versteht – nur Verstehen. Und dieses Verstehen hat in sich ein Handeln, das ganz ist, heil, heilig, von unauslotbarer Tiefe. Es gibt ein so grenzenloses, unermessliches, immenses Wirken, dass es sich nur im völligen inneren Enden offenbaren kann.


[1] Das Evangelium des Buddha, editiert durch Paul Carus, Pilgrims Publishing, 2004, https://www.gutenberg.org/files/35895/35895-h/35895-h.htm, letzter Zugriff 18.07.2022
[2] Das Evangelium des Buddha, editiert durch Paul Carus, Pilgrims Publishing, 2004, https://www.gutenberg.org/files/35895/35895-h/35895-h.htm, letzter Zugriff 18.07.2022
[3] Meister Eckhardt, Predigten und Traktate, Diogenes Taschenbuch, 1979, Predigt 23, “Ave, Gratia Plena” (Luk. I, 28)
[4] Jiddu Krishnamurti, Madras, 3. öffentlicher Vortrag, 12. Januar 1952, zitiert in Jiddu Krishnamurti (1992), Action: A Study Book of the Teachings of J. Krishnamurti, Krishnamurti Publications of America
[5] Jiddu Krishnamurti, Saanen, 10. Öffentliche Rede, 2. August 1964, zitiert in Jiddu Krishnamurti (1992), Action: A Study Book of the Teachings of J. Krishnamurti, Krishnamurti Publications of America
[6] Jiddu Krishnamurti (1979), Die Briefe an seine Schulen (2022), Edition JK-DE, Brief 30, Der Geist der Zusammenarbeit, S. 111 ff.
[7] Jiddu Krishnamurti (1979), Die Briefe an seine Schulen (2022), Edition JK-DE, Brief 47, Intention, S. 163 ff.
[8] Jiddu Krishnamurti im Gespräch mit David Bohm, Der Geist im Universum (The mind in the universe), Dialog 14 in Brockwood Park, England, 20 September 1980, verfügbar online unter https://www.jkrishnamurti.org/content/mind-universe, letzter Zugriff 31.07.2023
[9] Jiddu Krishnamurti, erster öffentlicher Vortrag, Bombay (Mumbai), Indien – 21. Januar 1978, online verfügbar unter https://www.jkrishnamurti.org/content/when-you-change-radically-it-affects-all-mankind-0, letzter Zugriff 31.07.2023

Print Friendly, PDF & Email

Share

LOGON Magazine

Bestellmöglichkeiten

über unseren Online-Shop oder per Email: shop@logon.media

  • Einzelheft 10 €, inkl. Versand (Ausland 14 €, inkl. Versand)
  • Einzelheft digital 4 €
  • Print-Abo 36 €, 4 Ausgaben/Jahr, inkl. Versand (Ausland 52 €), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.
  • Digitales Abo 15 €, 4 Ausgaben/Jahr zum Download (pdf), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.

Unsere neuesten Artikel

Post info

Datum: April 7, 2024
Autor: K.S. (Germany)
Foto: plantation-HANSUAN FABREGAS auf Pixabay HD

Bild: