Britta und das Gespenst der Sinnlosigkeit – Teil 2

Ich habe mich „anders“ gefühlt, schon lange

Britta und das Gespenst der Sinnlosigkeit – Teil 2

(Zurück zu Teil 1)

Nun zurück zu Britta: Sie berichtete, dass sie sich schon mit 13 Jahren „anders“ gefühlt habe. Sie habe sich damals immer gewundert, wie andere Leute so selbstverständlich leben, und sich auch noch auf die Zukunft freuen könnten. Sie könne zwar vieles schön finden und genießen. So liebe sie den Geruch von frischem Gras oder den Sonnenuntergang. Die Freude darüber halte aber nur solange an, bis ihr wieder einfalle, dass jeder, ohne Ausnahme, sterben werde. Das Ende, der Abschied, würde umso schlimmer werden, je mehr Freude oder Glück sie vorher erlebt habe. Warum sollte sie Mühen auf sich zu nehmen, um Ziele zu erreichen, die angesichts des Todes keine Bedeutung hätten?

Diese junge Frau durchläuft eine tiefgreifende Sinnkrise. Sie erkennt mit großer Klarheit das Offensichtliche, das im Leben so gerne verdrängt wird: dass hier auf dieser Welt alles, das Gute wie das Schlechte, ein Ende hat, spätestens durch den Tod.

Britta verweigert sich dem Leben, da sie keinen Ausweg sieht. Diese Erkenntnis raubt ihr jede Kraft. Sie konnte in den Gesprächen keine Hilfe und auch keinen Trost annehmen. Für sie ist klar, dass es kein höheres, erschaffendes Wesen gibt, keinen Sinn im Geboren-Werden, Leben und Sterben.

Es fehlt nur ein kleiner Schritt

Es scheint, als würde nur ein kleiner Schritt fehlen vom Vermissen des Lebenssinns hier auf dieser Welt bis hin zum Beginn einer Suche nach eben diesem Sinn. Können die Erwachsenen, die mit Britta sprechen, ihr helfen, diesen Schritt zu gehen? Lässt sich die Hoffnung auf einen Sinn verschenken? Bei diesem Mädchen offenbar nicht, denn alle Versuche, das Gespräch noch so vorsichtig in eine solche Richtung zu lenken, blockt Britta ab.

Diese Situation hinterlässt Hilflosigkeit bei den Therapeuten; sie müssen erkennen, dass hier eine Grenze erreicht ist. Das Einzige, was ihr am Ende vermittelt werden und was sie auch annehmen kann, ist eine winzige Hoffnung auf das eigene Älterwerden; dass sie vielleicht später etwas finden wird, was ihr einen Lebenssinn gibt. Diese vage Aussicht auf eine Zukunft bewirkt zumindest, dass sie ihre Suizidgedanken offenbaren kann, dadurch einen gewissen Abstand von ihnen gewinnt und sich freiwillig und vorübergehend in die Obhut einer sie vor sich selbst beschützenden Einrichtung begeben kann.

Warum bedeutet die Frage nach dem Sinn des Lebens für den einen den Beginn der Suche nach Erkenntnis und für den anderen den Absturz in die Verzweiflung?

Die Erkenntnis von der Endlichkeit alles Irdischen ist die Voraussetzung für den Beginn einer spirituellen Suche. Aber viele finden sich mit der Überzeugung ab, dass mit dem Tod alles vorbei sei und es keinen höheren Sinn gebe. Sie können damit gut leben und trotzdem Erfüllung in ihrem Leben finden. In gewisser Weise ist die konkrete Erfahrung des Vergänglichen übermächtig, so übermächtig, dass es ihnen nur natürlich erscheint, sich darin zu ergeben.

Eine plötzliche Klarheit

Wie entsteht dann aber im Menschen die Erkenntnis des Ewigen? Sie kommt manchmal schlagartig, wie ein Lichtblitz, der die Umgebung erhellt und alles buchstäblich in einem anderen Licht erscheinen lässt. Gerade in einem Menschen, der nicht mehr weiter weiß, kann – völlig unvermittelt – auf einmal, von einer Sekunde auf die andere, eine Klarheit entstehen, ein plötzliches Wissen, dass es noch etwas ganz anderes gibt, etwas überwältigend anderes. Es entsteht in ihm die Ahnung, sogar das Bewusstsein von einer Kraft, einer Energie, die alles Vergängliche in sich aufnimmt, weil sie unendlich viel größer ist. Diese plötzliche Erkenntnis, die manchmal gerade inmitten banaler Alltagstätigkeiten auftreten kann, heilt die Sinnlosigkeit, die Endlichkeit dieser Welt, die Einsamkeit des Todes. Sie geschieht in Sekundenbruchteilen, und sie hinterlässt Spuren.

Eine Art Erleuchtung, ein Aufwachen hat in diesem Menschen stattgefunden, ein überwältigendes Erlebnis, das scheinbar alles überdauern wird. Aber nein, es schwächt sich doch nach und nach ab; die Erinnerung daran bleibt allerdings oft lebendig und glasklar, die Gewissheit der Unendlichkeit. Diese Gewissheit bewirkt die Suche nach einem Weg zum Ursprung. Es ist eine Art Heimweh nach einer verlorenen Heimat, eine Sehnsucht nach Beständigkeit, nach echter Liebe, die Sehnsucht nach der Antwort auf alle Fragen. Der Drang macht sich bemerkbar, nach Indizien für diese andere Welt zu suchen, in verschiedenen Weltreligionen, in der Philosophie, in der Musik oder der Kunst.

Ein solcher Mensch kann die Natur plötzlich mit anderen Augen anzusehen und über Zusammenhänge staunen, die er auf einmal erkennt. Ein Dasein nach dem Tod, Wiedergeburt oder ähnliches erscheint ihm nicht mehr abwegig, sondern als wahrscheinlich. Die Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Ursprung des Heimwehs und die Suche nach einem Weg zurück wird für ihn zum wichtigsten Ziel seines Lebens, dem er alles andere unterordnet.

Der Hoffnungsschimmer für Britta

Jeder Mensch trägt, meist unbewusst, ein Wissen über den Lebenssinn in sich, alle Religionen beschreiben es, es gibt viele bildhafte Bezeichnungen für den Ursprung dieses Wissens: Fünkchen im Herzen, Juwel in der Lotusblume, Saatkorn Gottes, Schnittstelle zur Ewigkeit. Es ist ein Potential, das stärker ist als der Tod, es bleibt bestehen, auch nach dem Tod; es klopft immer wieder geduldig an, vielleicht über viele Leben hinweg. Und irgendwann wird es entdeckt.

So ist auch für Britta, die 16-jährige Schülerin, die Chance hoch, dass sie irgendwann in naher Zukunft einen größer werdenden Hoffnungsschimmer erhält, der sie wieder aufrichtet. Dann wird sie den Mut haben, ihr Leben in Angriff zu nehmen, auch wenn ihr ein Sinn darin noch verborgen ist. Sie wird allmählich wieder Freundschaften, Zusammengehörigkeit erleben dürfen, Wärme und Licht in sich spüren, Sicherheit und Zuversicht, sodass sie trotz – oder sogar gerade wegen – der tief erkannten Endlichkeit des Daseins wieder Freude am Leben finden  – und das Gespenst der Sinnlosigkeit vertreiben kann.

 

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Datum: November 15, 2021
Autor: Angelika Wildenauer (Germany)
Foto: corridor-Jenkyll auf Pixabay CCO

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