Britta und das Gespenst der Sinnlosigkeit – Teil 1

Britta sieht keinen Sinn im Leben

Britta und das Gespenst der Sinnlosigkeit – Teil 1

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Ein Mädchen, 16 Jahre alt, hübsch, beliebt, eine hervorragende, sehr erfolgreiche Sportlerin und gute Schülerin, zwei Jahre vor dem Abitur, möchte nicht mehr leben. Wir wollen sie Britta nennen.

Sie forscht im Internet nach Methoden, aus dem Leben zu scheiden. Ein Freund, dem sie sich anvertraut, überzeugt sie davon, sich in die geschlossene Station einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufnehmen zu lassen.

Nach einem sechswöchigen Aufenthalt wird sie entlassen und einige Monate später zur Nachbehandlung in einer Tagesklinik aufgenommen. Die ersten Wochen vergehen, und immer mehr wird in Gesprächen deutlich, dass sie keinerlei Sinn im Leben sieht, nur eine Last. Diese Last, so ihre Meinung, würde mit zunehmendem Alter immer größer werden. Sie fragt: „Was bringt es, wenn ich noch 70 Jahre lebe und dann doch sterben muss? Dieses ganze lange Leben hat ja dann keinen Zweck gehabt.“ Nach Brittas Überlegungen ist deshalb ein möglichst früher Tod dem vorzuziehen.

Von dieser Haltung lässt sie sich nicht abbringen. Kein Argument überzeugt sie, dass das Leben doch einen Sinn haben und sie diesen irgendwann herausfinden könnte, wenn sie älter sei. Tag für Tag erscheint sie, macht ihre Therapien, jedoch wirkt sie immer erschöpfter, sie nimmt weniger Anteil an ihrer Umgebung, nimmt Bemühungen ihrer Mitpatientinnen, sie zu trösten, kaum mehr wahr.

Bei einem Gespräch mit der Stationsärztin gibt sie zu, dass sie Tag und Nacht an Suizid denke und im Internet nach Methoden recherchiere. Einzig der Gedanke daran, ihren Eltern weh zu tun, halte sie noch davon ab, ihre Pläne umzusetzen. Nach ihren Worten wäre es für sie viel einfacher, wenn es eine offizielle Sterbehilfe gäbe, für Lebensunwillige. Schließlich habe niemand sie je gefragt, ob sie überhaupt geboren werden wolle.

Die Ärztin bespricht mit Britta das weitere Vorgehen. Britta ist damit einverstanden, sich wieder in die beschützende Station aufnehmen zu lassen. Sie wirkt entlastet, beinahe gelöst, nachdem dieser Beschluss gefallen ist.

Sie findet keine Antwort auf das Warum

Dieses eine Beispiel steht für viele Jugendliche, die trotz Erfolg in Schule und Freizeit, trotz eines stabilen Freundeskreises, trotz eines „normalen“ Elternhauses, in Depressionen versinken. Die das Leben für nicht mehr lebenswert halten. Die keine Antwort auf das „Warum“ finden.

Ein neues Phänomen? Tritt es zudem gehäuft auf, seitdem durch Corona viele Kontaktmöglichkeiten für Jugendliche beschnitten wurden, seitdem sogar im Rahmen der Schule zeitweise nur noch Online-Treffen möglich waren? Ein Blick in die Statistiken zeigt: Bereits vor Corona waren Depressionen bei Kindern und Jugendlichen stark im Anstieg begriffen. So verdoppelte sich deren Anzahl in Deutschland von 2009 bis 2019. Die Coronakrise bewirkte noch einmal eine Zunahme von Depressionen, besonders bei Jugendlichen, für die ja die „Peergroup“, der Freundeskreis, zum Austausch und für das Selbstwertgefühl essenziell sind.

Selbst von zugewandten, engagierten Eltern lassen sich die physischen Kontakte zu den Freunden nicht gut ersetzen. Denn: Eine wichtige Lern-Aufgabe in der Pubertät ist die allmähliche Loslösung vom Elternhaus. Die Natur leitet diese ein, indem sich die Jugendlichen zunehmend von den Eltern distanzieren. Gleichzeitig werden Gleichaltrige und ihre Meinung immer wichtiger. Der „Spiegel des Außen“ gewinnt an Bedeutung. 

Soziales Miteinander vermittelt Sinnhaftigkeit

Soziales Miteinander, Austausch und Bestätigung wirken einer Depression entgegen. Sie wecken ein Gefühl der Verbundenheit, das Sinn, Geborgenheit und Resonanz, Selbstwirksamkeit vermittelt. Die Jugendlichen erleben Reaktionen; sie „bewirken“ etwas nach außen hin. Sie erleben sich nicht als passiv und hilflos, sondern als lebendig und „erschaffend“. Das alles vermittelt ihnen Sinnhaftigkeit und Erfüllung. Ihr Ich wird dadurch gestärkt und für das Leben vorbereitet.

Wie kann es sein, dass dieses grundsätzlich positive Selbstgefühl einigen verwehrt bleibt? Wie am Beispiel von Britta zu sehen ist, sind sogar solche betroffen, denen scheinbar alles zufliegt.

Manche allerdings verlieren „sich“

Besonders gefährdet aber sind Jugendliche, die sich mit dem „Außen“ von vornherein schwer tun, die von Natur aus eher schüchtern und wenig von sich selbst überzeugt sind. Die Kontaktbeschränkungen geben ihnen legitime Gründe, sich zurückzuziehen; allmählich „verlernen“ sie den Kontakt zu Gleichaltrigen.

Ein weiterer Belastungsfaktor bei Jugendlichen ist die Labilität von Freundschaften in diesem Alter. Gerade in der Pubertät zerbrechen oft langjährige Freundschaften, was die seelische Widerstandskraft schwächen kann. Auch die körperlichen Veränderungen in dieser Zeit bewirken bei vielen Kindern und Jugendlichen eine vorher nicht gekannte Verunsicherung. Sie vergleichen sich oft mit „perfekten“ Vorbildern aus den sozialen Medien und nehmen sich im Gegensatz dazu als unansehnlich wahr.

Kommen mehrere dieser Umstände zusammen, können diese Jugendlichen allmählich weder ihrem Körper noch ihrer Seele vertrauen; sie haben „sich“ buchstäblich verloren und werden immer einsamer. 

Es entsteht häufig ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Zunehmender Rückzug von den Freunden kann bewirken, dass sich diese seltener oder nicht mehr melden. Dadurch wächst das Gefühl der Einsamkeit und Unvollkommenheit, das wiederum Rückzug zur Folge hat. Positive Erfahrungen bleiben aus, die Lebensfreude schwindet allmählich, bis hin zum Gefühl, das Leben nicht mehr ertragen zu können.

So bewirkt auch Corona, dass mehr Jugendliche als sonst diesen Kipp-Punkt zur Depression erreichen. Eine tröstliche, wirklich gute Nachricht lautet: Depressionen haben langfristig eine gute Prognose, auch bei Kindern und Jugendlichen.

Dennoch ist eine Depression bei Kindern und Jugendlichen eine ernstzunehmende Lebenskrise. Sehr wichtig ist es deshalb, dass diese überhaupt erkannt wird, und dass Warnsignale für Suizidalität ernst genommen werden, denn, auch das muss gesagt werden, der Suizid stellt nach einer älteren Studie (2001) bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache dar (in Deutschland), nach dem Tod durch Unfälle.

In der sogenannten präsuizidalen Phase entsteht bei den Betroffenen eine gedankliche und emotionale Einengung auf Suizid als einzige Lösung. Für Bezugspersonen gilt es, solche Frühanzeichen zu erkennen und trotz Abweisung immer wieder das Gespräch zu suchen. Notfalls muss gegen den Willen des Jugendlichen gehandelt werden, um ihn vor sich selbst zu schützen.

(Wird fortgesetzt in Teil 2)

 

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Datum: November 15, 2021
Autor: Angelika Wildenauer (Germany)
Foto: Ruth Alice Kosnick CCO

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