Die tragbare Höhle

Die tragbare Höhle

Ist unsere Welt eine Simulation, wie es manche Wissenschaftler behaupten? Der Gedanke, dass die Welt nicht so ist, wie sie zu sein scheint, ist sehr alt.

Wir finden ihn schon im Hinduismus, im Buddhismus und – um die Zeitenwende herum – bei den Gnostikern. Platon stellt ihn bildhaft in seinem „Höhlengleichnis“ dar. Heute haben wir uns eine Höhle erschaffen, die wir in unseren Handys mit uns tragen.

In jüngster Zeit ist es zu einem Thema erheblicher Debatten geworden, ob die Welt, in der wir leben – von der gemütlichen Vertrautheit unseres eigenen Hauses bis hin zur entferntesten Galaxie in unvorstellbaren Lichtjahren Entfernung – eine Art Fälschung oder zumindest eine Kopie, eine Simulation ist. Was vor einiger Zeit noch wie Science-Fiction erschien – man denke an den Film The Matrix – wird von einigen Wissenschaftlern heute, wenn auch noch nicht als Tatsache, so doch als 99-prozentige Wahrscheinlichkeit angesehen. Bekannte Technologiegiganten wie Elon Musk und Peter Thiel gehen offenbar ebenfalls von dieser Wahrscheinlichkeit aus, und seltsamerweise scheint die Tatsache, dass die Simulationstheorie noch nicht bewiesen oder gar als beweisbar akzeptiert ist, Grund genug zu sein, sie in einem Akt des Glaubens zu akzeptieren; Musk und Thiel bezeichnen sich selbst als Christen, wenn auch nicht im orthodoxen Sinne. In gewisser Weise erscheint mir dieser Glaube als ein Beispiel für den „Schuldschein“-Charakter vieler aktueller wissenschaftlicher Hypothesen. Man sagt, dass man derzeit zwar nicht in der Lage sei, X zu beweisen – was auch immer X sein mag –, dass man das aber höchstwahrscheinlich bald tun könne. Wenn wir also heute noch nicht beweisen können, dass wir in einer Simulation leben – machen Sie sich keine Sorgen, wir werden es bald tun können, nach einigen Jahren und weiteren technologischen Fortschritten, Sie werden ja sehen.

Werden wir von einer künftigen Zivilisation simuliert?

Eine Inspirationsquelle für dieses Konzept ist der Philosoph Nick Bostrom aus Oxford. Im Wesentlichen behauptet er, genauso wie wir heute Computersimulationen für eine Vielzahl von Dingen durchführen, vom Wetter über den Verkehr bis hin zu militärischen Kampfhandlungen – ganz zu schweigen von Videospielen und virtueller Realität –, so werden fortgeschrittene Zivilisationen – außerirdische oder künftige irdische – solche Simulationen ebenfalls vornehmen, dann aber in viel größerem und komplexerem Umfang. Und dazu zähle dann auch das Leben auf unserem Planeten Erde. Mit Hilfe der Quantenphysik werde man „Quanten der Realität” auf die gleiche Weise erzeugen, wie wir es bei den Pixeln auf unseren Computerbildschirmen tun.

Mit dem Entstehen des menschlichen Lebens auf der Erde gehen viele „Zufälle“ einher, wenn man der Evolutionstheorie folgt. Sie deuten aus der Sicht vieler Wissenschaftler auf ein sogenanntes „anthropisches kosmologisches Prinzip“ hin, wonach das Universum auf das Entstehen intelligenten Lebens angelegt ist. Unser Leben ist dann kein Zufallsprodukt in einem feindlichen und sinnlosen Universum. Nach den Simulationisten hingegen sind die „Zufälle“ bei der Entstehung und Entwicklung des Lebens ein Beweis für die Simulation. Jemand, so sagen sie, leite die Show.

Für manche könnte das Gott sein. Für andere ist es der große Computerprogrammierer im Himmel. Für einige der Simulationisten sind wir selbst es – wir in der Zukunft. Wir seien Simulationen, die unser zukünftiges Ich erschaffen habe. Allerdings ist damit ein logisches Problem verbunden. Die zukünftige Generation, von der die Simulationisten sprechen, wird ja von uns hervorgebracht. Wenn man nun behauptet, dass sie uns simuliere, so stellt sich die Frage, wie eine „falsche“ Realität (nämlich wir) die „echte“ Realität hervorbringen kann, die uns erschafft.

Die Bemerkung eines Wissenschaftlers, der die Simulationstheorie vertritt, hat mich innehalten lassen. Rich Terrile, ein Wissenschaftler am Jet Propulsion Laboratory der NASA, hält die Simulationstheorie für so wahrscheinlich, dass „es außerordentlich unwahrscheinlich ist, dass wir nicht in einer Simulation leben”.

Wie er diese Behauptung aufstellen kann, ist mir rätselhaft. Denn wenn wir in einer Simulation lebten, wäre jeder Begriff von „Wahrscheinlichkeit“ notwendigerweise Teil dieser Simulation. Es gäbe keinerlei Grundlage für eine objektive Betrachtung. Man kann noch weiter fragen: Wie „wahrscheinlich“ war der Urknall – wenn er denn tatsächlich stattgefunden hat – oder, besser noch: Wie wahrscheinlich ist die Existenz selbst? Das sind Fragen, die nicht zu beantworten sind, weil unsere Vorstellungen von Wahrscheinlichkeit ja Teil dessen sind, was wir erforschen wollen.

Die Frage „Warum gibt es etwas und nicht nichts?“ hat in der Vergangenheit manche klugen Köpfe beschäftigt: Leibniz, William James, Heidegger, Wittgenstein, ganz zu schweigen von den vielen Kindern, die solche Fragen stellen, ehe ihnen das Staunen ausgetrieben wird. Dass das Universum „einfach so“ entstanden ist, erscheint ganz und gar unwahrscheinlich, aber gleichwohl sagen große Wissenschaftler wie Stephen Hawkings – der glaubte, er könne den Geist Gottes verstehen – mehr oder weniger, dass es so sei. Er äußert die wissenschaftlich klingende Vermutung, dass eine „Quantenfluktuation in einem bereits existierenden Vakuum“ zu unserer Existenz geführt habe.

Es handelt sich dabei um eine unwiderlegbare Behauptung. Wenn aber etwas unwiderlegbar ist, mangelt es ihm, wie der Philosoph Karl Popper dargelegt hat, an einem wissenschaftlichen Status. Es spricht aber auch noch einiges andere gegen die Simulationstheorie. Zum einen geht sie davon aus, dass „fortgeschrittene Zivilisationen“ dasselbe tun werden wie wir, also zum Beispiel Simulationen durchführen, nur eben in größerem Maßstab. Das kommt mir so vor, als würde man behaupten, dass diese Zivilisationen genau wie wir zum Beispiel Busse hätten, diese aber ein Kilometer lang wären und mit 1.000 Kilometern pro Stunde fahren würden. Wenn künftige Zivilisationen aber so fortgeschritten sind, warum sollten sie dann das Gleiche zu tun, was Wissenschaftler hier und jetzt tun? Ihre Fortschrittlichkeit könnte man eher betonen, wenn man ihnen eine „transzendente Technologie“ unterstellte.

Im übrigen ist die Annahme, dass das Fortschrittliche sich auf überhaupt auf die Technologie beziehen müsse, selbst ein Problem dieses Denkens. Es präsentiert eine Metapher als Tatsache. Als Newton das alte ptolemäische Weltbild abschaffte und es durch ein Modell ersetzte, das einer Maschine nachempfunden war, projizierte er eine Metapher seines Denkens auf die Realität. Die Einstein’sche Revolution tat dasselbe, als sie Newton stürzte; nun war das Universum infolge der Relativitätstheorie wie ein sich ausdehnender Ballon. Heute ist es keine Überraschung mehr, dass die Computer und die virtuellen Realitäten, die aus ihnen hervorgehen, die Metapher für das neueste Modell des Universums liefern, die Simulation.

Vom illusorischen Charakter unserer Erfahrungen

Doch mehr noch: Obwohl sie als das Neueste präsentiert wird, ist die Vorstellung, dass die Welt, in der wir leben, irgendwie falsch ist – oder zumindest nicht ganz so, wie sie zu sein scheint –, so alt wie die menschlichen Kulturen, ob simuliert oder nicht. Der Hinduismus spricht von Maya, dem illusorischen Charakter unserer Erfahrungen, zum Beispiel der Erfahrung, von der Welt getrennt zu sein. Der Buddhismus tut dies ebenfalls und deutet auf unsere Unwissenheit hin, unsere Ignoranz gegenüber der Realität. Aber wir müssen nicht unbedingt zu fremden Altären gehen, um ähnliche Ideen zu entdecken wie die aktuelle Faszination für Simulationen. Auch der Westen hat in seiner Geschichte Gedanken dieser Art hervorgebracht.

Eine einheimische Quelle einer frühen Simulationstheorie sind, könnte man sagen, die Gnostiker. Wer waren die Gnostiker? Sie waren eine früh-christliche Gruppierung, um 200 n. Chr., die den Gott des Alten Testaments – Jehova – ablehnten. Ferner lehnten sie die wörtliche Auslegung der Schriften ab, die das Leben und die Kreuzigung Christi beschrieben; an die Stelle setzten sie ein symbolisches Verständnis. Sie werden Gnostiker genannt, weil sie, anstatt die Lehren Christi auf der Basis des Glaubens und des Dogmas zu akzeptieren, wie es die kirchlichen Christen taten und heute noch tun, nach Gnosis suchten, nach Wissen. Es war nicht die Art von Wissen, die man durch Lernen oder Studieren erlangt (was die Griechen episteme nannten), sondern eine Art unmittelbares Erfahrungswissen, ein Wissen aufgrund innerer Erfahrung. Es bezog sich auch auf den wahren Charakter der Welt. Die Gnostiker gingen davon aus, dass unsere Welt von einem falschen Gott – dem „Demiurgen” – erschaffen worden sei, einem Gott, der der Meinung sei, er sei der wahre Gott. Hiernach sind wir in der Welt des falschen Gottes gefangen, aber wir bewahren in unseren Seelen „Funken” des Lichts, die vom wahren Gott jenseits unserer aktuellen Schöpfung stammen. Die Gnostiker sahen Christus als einen Befreier, der auf die Erde kam, nicht um für unsere Sünden zu sterben, sondern um die Wahrheit zu lehren und den Weg zu zeigen, wie wir die Funken freisetzen und zu unserem wahren Ursprung zurückkehren können.

Bis vor relativ kurzer Zeit stammte das meiste, was wir über die Gnostiker wussten, aus den feindseligen Berichten der frühen Kirchenväter. Dies änderte sich 1945, als eine Sammlung gnostischer Schriften in Nag Hammadi in Ägypten entdeckt wurde. Durch Werke wie Elaine Pagels‘ The Gnostic Gospels hat sich ein positiveres Verständnis der Gnostiker herausgebildet. Mittlerweile ist der Begriff „gnostisch“ in unseren Sprachgebrauch eingegangen und wird unter anderem verwendet, um eine Reihe von Werken der Populärkultur zu charakterisieren, die alle in gewisser Weise die Vorstellung einer „falschen Welt“ teilen. Ich habe bereits den Film The Matrix erwähnt. Andere Filme wie Die Truman Show, Dark City und The Cube zeigen ähnliche Szenarien, in denen Menschen in einer Welt leben, von der sie nicht wissen, dass sie unwirklich ist.

Die Romane des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick, von denen viele verfilmt wurden, basieren häufig auf derselben Idee. Netflix-Serien wie Dark und andere verwenden ebenfalls das Thema, dass die alltägliche Realität anders ist, als wir glauben. Ich würde sogar sagen, dass die „Hermeneutik des Verdachts“, die der Philosoph Paul Ricouer im Zusammenhang mit Texten entwickelt hat – das heißt die Suche nach ihrer „verborgenen Bedeutung“ – sich in unserer heutigen epistemologischen (erkenntnistheoretischen) Unsicherheit niederschlägt. Es gibt heute die Sichtweise einer „postfaktischen Welt“, die aus „alternativen Fakten“ innerhalb einer formbaren Realität besteht. Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der alles plausibel, aber nichts sicher ist, mit einer Fülle von Verschwörungstheorien, die die Unterscheidung zwischen Fälschung und Wirklichkeit aufheben.

Doch schon vor den Gnostikern präsentierte der Vater der westlichen Philosophie, Platon, etwas, das bis heute als Symbol für den Unterschied zwischen dem Erkennen der Realität und dem Gefangensein in einer Illusion steht. In seinem Werk Der Staat beschreibt Platon das, was wir als das Höhlengleichnis kennen. Er fordert uns auf, uns Menschen vorzustellen, die in einer Höhle angekettet sind und gezwungen sind, geradeaus auf eine Wand zu schauen, auf der Schatten hin und her wandern. Sie werden von Gestalten auf die Wand geworfen, hinter denen sich ein Feuer befindet. Die Angeketteten können die sich vor dem Feuer bewegenden Menschen und die Gegenstände, die sie tragen, nicht sehen, sondern erleben nur ihre Schatten. Sie betrachten diese Schatten und analysieren sie. An ihren Platz gefesselt und unfähig, sich umzudrehen, ist für sie die Realität das, was sie an der Höhlenwand wahrnehmen.

Der Philosoph jedoch ist irgendwie in der Lage, seine Ketten zu lösen und sich umzuwenden. Wir können sagen, er vermag nach innen zu schauen, weg von den unwirklichen Bildern im Außen. So erkennt er, dass das, was er bislang für die Realität gehalten hatte, nur Schatten waren. Aber mehr noch: Er findet seinen Weg aus der Höhle heraus. Zunächst ist er vom Sonnenlicht geblendet – die Wahrheit ist ein Schock –, aber nachdem sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, kehrt er in die Höhle zurück, um seinen Gefährten zu erzählen, was er entdeckt hat. Aber leider glauben die, die die Wahrheit nicht sehen können, ihm nicht, ja sie hassen diejenigen, die versuchen, ihnen das Verborgene zu enthüllen – wie Sokrates es auf bittere Weise erfahren musste.

In vielerlei Hinsicht scheint mir Platons Höhle eine passendere Metapher für die heutige Zeit zu sein, als es die Simulationstheorie ist. Oder, anders gesagt, ich sehe unsere derzeitige Besessenheit von der Technologie und der digitalen elektronischen Welt als eine Mischung aus Platons Höhle und der Simulationstheorie. Allerdings bezieht sich die Simulation nun nicht auf die Welt „da draußen”, die Welt der Sterne, der Wolken, des Sonnenlichts, der Berge, Tiere, Bäume und Menschen, sondern auf die Welt, in die wir eintreten, wenn wir unser Bewusstsein auf das beschränken, was wir auf einem iPhone oder einem ähnlichen Gerät sehen. Es fällt mir immer mehr auf, dass wir das Interesse an der Außenwelt verlieren – die laut den Simulationisten eine Simulation ist – und zunehmend süchtig nach der simulierten Welt werden, die wir auf unseren Telefonapparaten finden. Wir scheinen zurück in eigene persönliche Höhlen zu gehen, in die tragbaren Höhlen, die wir mit uns herumtragen und in denen wir die Schatten der Realität beobachten, die uns die sozialen Medien liefern. Simulation ist nun nicht die Welt, die wir um uns herum erleben, sondern die, in der wir unsere Zeit verbringen, wenn wir die Welt ausschließen und in den Strom der elektronischen Pseudorealität eintreten, den wir in unseren Taschen mit uns herumtragen.

Diejenigen aber, die sich dafür entscheiden, diese Höhle nicht zu betreten, können sich vom Geheimnis ihrer Existenz berühren lassen, dem „außerordentlich unwahrscheinlichen Umstand” (wie manche Wissenschaftler behaupten) einer nicht simulierten Welt.


Dieser Artikel ist unter anderen in der aktuellen Printversion des LOGON Magazins zum Theme „Der offene Himmel“ zu finden

Share

LOGON Magazine

Bestellmöglichkeiten

über unseren Online-Shop oder per Email: shop@logon.media

  • Einzelheft 10 €, inkl. Versand (Ausland 14 €, inkl. Versand)
  • Einzelheft digital 4 €
  • Print-Abo 36 €, 4 Ausgaben/Jahr, inkl. Versand (Ausland 52 €), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.
  • Digitales Abo 15 €, 4 Ausgaben/Jahr zum Download (pdf), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.

Unsere neuesten Artikel

Post info

Datum: April 5, 2026
Autor: Gary Lachman (Great Britain)
Foto: iphone-Bild-von-Jan-Vasek-auf-Pixabay - Pixabay Content License

Bild: