Ich habe keine Angst. Eine Kindergeschichte?

Ich habe keine Angst. Eine Kindergeschichte?

Wir wagen uns in unbekannte Räume unseres so lange vernachlässigten Herzens hinein. Wir entdecken, dass in ihnen das Kostbarste verborgen liegt, was wir besitzen.

Und dass es von Kräften bewacht wird, die uns Furcht einjagen.

Wir Menschen erzählen uns Geschichten, und oft sprechen wir darin von Dingen , die sich direkt kaum sagen lassen – weil es zu kompliziert werden würde und weil uns die Worte dafür fehlen.

Manchmal kommt es vor, dass sich unter den vielen Storys, Plots, Erzählungen, Romanen und Berichten etwas findet, das uns auf besondere Weise berührt.

Wir haben das Empfinden, dass hier eine Wahrheit ausgesprochen wird, die uns angeht. Mag das Geschehen auch weit von unserem eigenen Leben entfernt sein: Die Metapher trifft uns, und wir sind betroffen.

„Io non ho paura“ ist der Titel eines Buches von Niccolò Ammaniti und des daraus hervorgegangenen Filmes von Gabriele Salvatores: „Ich habe keine Angst“.

Die Geschichte: Es sind die Siebzigerjahre, in einer der ärmsten Gegenden Italiens. Dort gibt es nichts als endlose Hügel voller Weizen, und zwischendurch mal ein paar Häuser, die teilweise zu dieser Zeit noch nicht einmal elektrischen Strom haben.

Die Sommersonne brennt gnadenlos von einem knallblauen Himmel und betäubt alles. Kein vernünftiger Erwachsener geht vor sechs Uhr abends aus dem Hause. Nur eine Gruppe Kinder ist zwischen den Feldern unterwegs. Wir können uns vorstellen, eines dieser Kinder zu sein, ein Junge von etwa 10 Jahren.

Es ist sehr heiß, es gibt nichts zu tun und du hast 3 Monate Sommerferien (so ist das in Italien nämlich). Du hast eine kleine Schwester, die unheimlich clever ist, aber leider auch unheimlich kurzsichtig, so dass du den ganzen Tag mit einem Auge auf sie achten musst.

Du und deine Freunde, ihr verbringt die langen, trockenen Tage ab und zu in einem leeren Haus, das einmal viel prächtiger gewesen sein muss als die Häuser eurer Eltern. Nun steht es leer und verfällt, und ihr klettert auf den Dachboden, versteckt euch in den Kammern und erkundet die Räume.

An dem Tag, an dem diese Geschichte beginnt, vollbringst du eine doppelte Heldentat:

Denn das Ende eurer Spiele in dem fremden Haus bildet immer eine Mutprobe. Und du? Du hast – erstens – ein dickes, unbeholfenes Mädchen, das sich eurer Gruppe angeschlossen hat davor bewahrt, diese Mutprobe machen zu müssen, weil du dich freiwillig dafür gemeldet hast, und du bist – zweitens – mit verbundenen Augen die ganze Strecke über den einen großen Dachbalken balanciert. Wenn du da runtergefallen wärest, hättest du dir alle Knochen gebrochen.

Die dritte Heldentat verlangst du von dir dann am Abend: Irgendwo hat deine kleine Schwester ihre Brille verloren und du gehst noch einmal zu dem leeren Haus zurück – alleine! – und suchst sie. Das kostet dich sehr viel Überwindung. Denn es ist etwas ganz anderes, über einen Balken zu balancieren, wenn die Freunde dabei sind, als ganz alleine in der Abenddämmerung zu dem alten Haus mit seinen Geräuschen und Gerüchen, seinen Treppen und Türen und mit dem rostigen Stacheldraht drum herum zu gehen. Aber du bist für deine Schwester verantwortlich, also tust du es. Die Brille findet sich bald.

Doch dann findet sich noch etwas anderes.

Du entdeckst etwas, das viel erschreckender ist, als du es dir in deiner Angst je hättest vorstellen können.

Denn die Brille liegt auf einem Wellblech, und mit diesem Wellblech ist ein Erdloch abgedeckt, eine Art unterirdische Höhle.

Das siehst du, als du das Blech, ängstlich, aber doch eben auch neugierig, anhebst. Dort unten, im Halbdunkel, erkennst du Erde, eine Wasserpfütze, ein paar alte Konservendosen, schmutzige, löchrige Decken und – ein weißes, ziemlich kleines Bein, das aus einer der Decken heraussteht.

Du lässt das Blech fallen, es knallt auf die Öffnung. Da unten liegt etwas. Da unten liegt jemand.

Du willst weglaufen, doch dann versuchst du mutig zu sein, wie du es den anderen gezeigt hast und hebst, langsam, als wäre er sehr schwer, den Deckel noch einmal hoch. Und dein Herz fängt an, wie verrückt zu schlagen. Denn du weißt ganz genau, dass du eben noch dieses Bein gesehen hast. Und jetzt ist es weg.

Das genügt. Du greifst nach der Brille, springst auf und rennst, so schnell die Füße tragen, davon.
Irgendetwas stimmt da unten nicht und du willst nichts damit zu tun haben.

Am Abend, zuhause, wartet noch eine Überraschung. Dein Vater, der seit Wochen „geschäftlich“, wie er sagt, unterwegs war, ist heimgekommen. Er hat einen unangenehmen Herren aus dem Norden dabei, der angeblich sein Freund ist, aber dir kann man nichts vormachen: Dieser Herr muss irgendwie der Chef deines Vaters sein. Bei was für einer Unternehmung eigentlich?

Doch dein Vater ist in bester Laune. Er macht Armdrücken mit dir, verteidigt dich, als es darum geht, warum die Brille deiner Schwester kaputt ist und schließlich will er sogar mit dir singen!

Du schläfst schlecht in dieser Nacht, nicht nur, weil du wegen des angeblichen Bekannten aus deinem winzigen Zimmer ausquartiert wurdest, sondern auch, weil du immer wieder von diesem Loch träumst, diesem Loch im Boden, in dem irgendetwas liegt, tot oder lebendig, auf jeden Fall aber menschenähnlich.

Das bringt uns zu deiner vierten Heldentat (es werden noch mehr!). Denn am nächsten Tag bist du, alleine, und ohne es den anderen zu erzählen, wieder bei dem schönen, einsamen, unheimlichen Haus.

Du kniest dich hin, du atmest tief durch und hebst den blechernen Deckel über dem geheimnisvollen Loch. Es ist nichts zu sehen, außer dem nassen Boden, den alten Decken, den rostigen Dosen.

Woher nimmst du den Mut, alleine vor dem Unbekannten zu knien und es zu rufen? Hallo!, rufst du in das Erdloch.

Und dann lauschst du, um nicht das leiseste Geräusch zu verpassen, nicht den Hauch einer Antwort, bist ganz und gar Ohr – und direkt vor dir taucht ohne Geräusch ein Gesicht auf, wie du noch nie eines gesehen hast:
Es ist weiß, als hätte es noch nie Sonne abbekommen, umgeben von einem Wust goldfarbener Stacheln, die nach vielem, vielem Waschen vielleicht einmal blonde Haare sein könnten und mit geschlossenen, verklebten Augen, als hätte das Wesen vor dir Jahre hindurch geweint.

In blankem Entsetzen lässt du das Blech fallen, springst direkt aus der Hocke nach hinten los, weg von dem Haus, raus aus seinem Bannkreis, durch die Felder unter der sengenden Sonne hindurch, über Stock und Stein nach Hause, nur nach Hause!

Aber auch dort findest du keinen Frieden. Der Fremde, der Vater, die Mutter, sie alle sitzen in merkwürdiger Stimmung in der Küche und schicken dich unwillig weg. Und durch die angelehnte Tür hörst du, wie in den Nachrichten von einem entführten Kind die Rede ist, einem besonderen Kind, einem Kind reicher Eltern, die die Entführer anflehen, ihm nichts zu tun und es frei zu lassen.

Und auf einmal verstehst du, was du gesehen hast und es trifft dich wie ein Blitz.

Es gibt Bilder, Symbole und Hinweise, die sind so alt, dass jeder Mensch sie verstehen kann. Wenn wir an das gefangene Kind von edler Herkunft denken, dann fällt uns vielleicht der im Herzen schlummernde Keim des neuen, des ursprünglichen Menschen ein. Und, das vorausgesetzt, finden wir in dieser Geschichte ein Abbild für den Weg der Heldentaten, den jeder Mensch gehen kann. Wir finden in dem schönen, aber verfallenen Haus den Ort des Herzens wieder, den Ort, an dem die Gefühle regieren. Hier ist der Mut zuhause – und die Angst. Hier finden sich Freundschaft und das Gefühl von Freiheit – und von beidem auch das Gegenteil. Hier werden wir im Laufe der Geschichte auch noch der Liebe begegnen, und feststellen, dass sie eine Kraft sein kann, die alles andere überwindet. Und die Eltern sind in dieser Geschichte die Verkörperungen der Vergangenheit. In ihnen – und das heißt, in den Atomen, den Zellen und Organen unseres Körpers – lebt die Menschheitsgeschichte fort, mit all den Tricks und Strategien, die sich Menschen in ihrem Kampf ums Dasein ausgedacht haben. Wir haben sie geerbt, sie sind Teil von uns, und sie wachsen und entwickeln und verfestigen sich in uns weiter und weiter – bis eines Tages der „Held“ auftritt.

Versetzen wir uns zurück in diesen Helden unserer einfachen Geschichte:

Du hast erkannt, dass das Wesen in der Grube nichts Unheimliches ist, nichts Bedrohliches, auch wenn es dir erst sehr fremd erschien.

Du begreifst, dass es gefangen ist. Du fängst an, dir Gedanken zu machen, ob es wohl zu essen oder zu trinken bekommt, ob es sterben muss, wenn du ihm nicht hilfst.

Und es ist für dich selbstverständlich, dass du am nächsten Tag die Vorratskammer besuchst und heimlich – denn ihr seid arm und könnt eigentlich auf nichts verzichten –, etwas herausnimmst und damit zu dem Verlies am alten Haus gehst.

Doch nun, wo du etwas für das gefangene Kind tun willst, musst du feststellen, dass es sich nicht helfen lässt. Es zieht sich zurück, versteckt sich unter den Decken, antwortet nicht (es hat bisher überhaupt noch nichts gesagt). An einem Seil lässt du dein Fresspaket hinunter, im Haus füllst du Wasser in eine alte Dose und lässt auch sie in die Tiefe. Es bleibt dir nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass deine Hilfe richtig ist und angenommen wird.

Was nun folgt, wollen wir nur in kurzen Worten beschreiben und verlassen uns ganz auf euer Vorstellungsvermögen.

Denn du kommst von jetzt an natürlich jeden Tag.

Du bringst zu Essen, und es gelingt dir, mit dem Gefangenen zu sprechen.

Du wirst beim Plündern der Vorratskammer erwischt und entscheidest dich, deine wenigen Ersparnisse zu opfern und Brot und Schokolade zu kaufen.
Das Kind ist überzeugt, tot zu sein und hält dich für einen Engel. Aber es fängt an, dir zu vertrauen. Ihr stellt fest, dass ihr gleich alt seid.

Und, ohne zu merken, hast du dein ganzes Leben danach eingerichtet, ihm zu helfen.

Mit einem Seil steigst du in die Grube herab und kümmerst dich um das Gefangene.

Und wenn du dann, gegen Abend wieder heraussteigst, nach Hause gehst zu einem doch besseren Abendbrot, in ein doch weicheres Bett, dann zerreißt es dir fast das Herz, weil du das helle Wesen in der dunklen Grube zurück lassen musst.

Du hast natürlich darüber nachgedacht, es zu befreien?

Aber das geht nicht.

Nicht nur, dass das Gefangene an den Füßen gefesselt ist, das ließe sich lösen.

Nein, es gibt noch einen viel schlimmeren Grund.
Der angebliche Freund deines Vaters ist… der Entführer des Kindes.
Und dein eigener Vater hat die Aufgabe, es gefangen zu halten und so gut wie nötig zu versorgen. Du hast das gehört, als du ein Gespräch der Erwachsenen belauscht hast. Und nun hast du richtig Angst.

Trotzdem bist du am nächsten Tag bist du wieder in der Grube.
Das Kind hat gelernt, wieder in die Sonne zu schauen, es hat akzeptiert, dass es nicht tot ist und hält dich auch nicht mehr für einen guten Geist, sondern für einen Jungen in seinem Alter – was ja auch stimmt.

Du möchtest ihm einen Tag in der Freiheit schenken, wenigstens das.
Du nimmst das Kind auf den Rücken, denn Laufen kann es nach so langer Zeit, die es in der Grube gehockt ist, nicht gut.
Und du trägst das fremde, nahe, geheimnisvolle Wesen durch die Felder, über die Hügel und ihr lacht zusammen und freut euch über das Licht der Sonne, das dir sonst so feindlich vorkam.
Und ihr vergesst alles: Wer ihr seid, was euch geschehen ist, wie es weiter gehen soll. Und erst am Ende, als die Frage kommt: Was machen wir jetzt?, da erkennt ihr, dass jeder von euch wieder an seinen Platz muss – das fremde Kind in sein Gefängnis und du zurück zu deinen Eltern, die helfen, es gefangen zu halten.

Du kannst nichts dagegen tun.

Bald kommt noch etwas Fürchterliches dazu: Die Erwachsenen haben bemerkt, dass ihr Gefangenes besucht wurde. Sie haben es woanders hin gebracht.

Du hasst diesen Ort. Es ist ein kleiner Bauernhof mit riesigen, schreienden Schweinen und einem scharfen, schwarzen Hund, der sofort bellt, wenn du nur in die Nähe kommst.

Aber gleichzeitig erfährst du auch, dass die Situation immer bedrohlicher wird. Die Erwachsenen planen tatsächlich, ihre Geisel „zu beseitigen“, wie sie sagen! Denn anscheinend ist die Polizei dem Entführer auf der Spur.
Und das reißt dich aus deinem verzweifelten Nichtstun.
Du musst das Gefangene befreien, ehe sie ihm etwas tun.
Du musst alle Bequemlichkeit, alle Angst und alle Vorbehalte überwinden und das einzig Nötige tun.

So gibt es also eine Nacht, in der du los ziehst. Im Haus herrscht eine nervöse Stimmung.

Du kannst unbemerkt verschwinden und dich, alle Angst hinter dich lassend, durch die Dunkelheit zu dem kleinen Hof schleichen.

Du wagst die Begegnung mit dem Hund und stellst fest, dass er zwar scharf, aber auch ziemlich dumm ist. Den tagsüber so lauten Schweinen bist du herzlich egal, denn sie schlafen. Und so stehst du, bevor noch die Erwachsenen das Gefängnis des fremden Kindes erreicht haben, vor einem gründlich verrammelten Tor und rufst mit gedämpfter Stimme.

Auch als keine Antwort kommt, zweifelst du keine Sekunde.
Du überkletterst das Tor, nichts anderes im Kopf, als dem Gefangenen zu helfen.

Du findest das Kind in dem Verschlag, schwach, still und ohne Hoffnung.
Du redest ihm zu, überredest es, seinen Beinen zu vertrauen und ein paar Schritte zu laufen.

Und dann steht ihr innen an dem hohen Tor, und es gibt keine andere Möglichkeit, das Kind aus diesem Gefängnis zu befreien, als dass du es halb hebst, halb mit einer Räuberleiter stützt, und unter deinem Zureden überklettert es schließlich das Tor, lässt sich auf der anderen Seite herunter und ist frei!
Du hast es geschafft!

Es dauert nur einen Augenblick, bis du verstehst, dass du nun gefangen bist. Ohne Hilfe kannst du dieses Tor nicht überklettern. Du sitzt in der Falle.
Die Erwachsenen werden kommen, um das Kind zu „beseitigen“, das sie vorfinden. Stell dir vor! Dein eigener Vater!

Diese Geschichte wird gut ausgehen. Für uns ist sie hier zu Ende. Das Wesentliche ist geschehen. Gegen die Kräfte der eigenen Herkunft, gegen die alte Angst und gegen alle Wahrscheinlichkeit wurde dieses gefangene, geschwächte und so besondere Kind befreit. Das gelang, weil der Held in keiner Weise mehr an sich selbst gedacht hat. Die Liebe und die Erkenntnis, dass niemand sonst helfen kann waren stärker als alles andere. Sie waren so stark, dass aus ihnen der Mut hervorging, sich auch in den zweiten Ort der finsteren Innenwelt vorzuwagen, eine Ort , der noch furchteinflößender war als der erste.

Das wird auch unser Heldenweg sein. Wir wagen uns in unbekannte Räume unseres so lange vernachlässigten Herzens hinein. Wir entdecken, dass in ihnen das Kostbarste verborgen liegt, was wir besitzen. Und dass es von Kräften bewacht wird, die uns Furcht einjagen. Diese Kräfte haben unsere Identität bestimmt. Wie sollen wir die überwinden? Doch wir erkennen, was leidet.

Wir tun, was zu tun ist.

So steht am Ende das Kind, wir, der neue Mensch, vor seinem Kerkermeister, dem Gesicht seiner irdischen Wirklichkeit. Im Licht und in der Kraft des Mutes hat er ihn überwunden – sich selbst. Und es kann sagen:

Ich habe keine Angst.
Ich bin geheiligt.

Share

LOGON Magazine

Bestellmöglichkeiten

über unseren Online-Shop oder per Email: shop@logon.media

  • Einzelheft 10 €, inkl. Versand (Ausland 14 €, inkl. Versand)
  • Einzelheft digital 4 €
  • Print-Abo 36 €, 4 Ausgaben/Jahr, inkl. Versand (Ausland 52 €), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.
  • Digitales Abo 15 €, 4 Ausgaben/Jahr zum Download (pdf), fortlaufend, Kündigung jederzeit möglich.

Unsere neuesten Artikel

Post info

Datum: August 22, 2026
Autor: Christoph Reichelt (Germany)
Foto: cave-Bild-von-Pexels-auf-Pixabay CC0

Bild: