Vor mir liegen Puzzleteile ausgebreitet auf dem Tisch. Wenn ich alles richtig mache, wird es am Ende ein schönes Landschaftsbild. Ich beginne mit einigen Randsteinen und arbeite mich dann weiter vor, in die Bildmitte hinein.
Sind wir Menschen nicht wie Puzzleteile? Jeder, Jede von uns ist anderes „gestrickt“, hat eine andere Form und andere Inhalte, andere Gefühle und Gedanken. Unsere Gewohnheiten und Ziele unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Sind wir dabei, trotz unserer Individualisierung ein schönes, neues Menschenbild zu formen und wirken wir an einem gemeinsamen Ziel, dem nächsten Entwicklungsschritt der Menschheit, so wie es ja vom neuen Zeitalter, dem Wassermannzeitalter erwartet wird?
Anders als beim Puzzle sind wir keine fertigen Teile, die zusammen ein bereits festgelegtes Bild formen. Die großen Seher der Menschheit beschreiben gleichwohl ein Menschheitsziel, eine Entwicklungsstufe, die es zu erreichen gilt. Einige sprechen von Frieden und Freiheit, andere von nichts ausschließender brüderlich-schwesterlicher Liebe die alle Menschen, die Tiere, die Pflanzen und die gesamte Schöpfung umfasst.
Da das Individuum mit dem Kollektiv verbunden ist und die einzelnen Lebenswellen voneinander abhängig sind, hat die Entwicklung jedes Einzelnen auf den Gesamtkosmos eine Wirkung.
Die einzelnen Lebenswellen Engel, Mensch, Pflanze, Tier und Mineral haben ihren eigenen Entwicklungsauftrag, bleiben jedoch immer mit allen anderen Lebenswellen verbunden, da sie aufeinander einwirken. So bekommen wir z. B. ohne die Pflanzenwelt keinen Sauerstoff zum Atmen, die Blüten ohne Bestäubung durch Insekten würden keine neuen Pflanzen hervorbringen.
Der Gesamtschöpfung liegt ein großer Plan zugrunde. Der dänisch / US-amerikanische Autor, Theosoph und Rosenkreuzer Max Heindel spricht von sieben Weltkörpern, die sieben mal sieben Entwicklungskreisläufe über große Zeitperioden von Aktivität und Ruhephasen durchlaufen.1
So ist zwar ein Ziel vorgegeben, aber die Entwicklung dahin ist ein Schöpfungsprozess. Diesen Schöpfungsprozess durchlaufen alle genannten Lebenswellen in grosser Harmonie und Eintracht. In diesem Prozess ist die Entwicklung eines freien Willens vorgesehen. Die heutige Menschheit ist von diesem göttlichen Entwicklungsplan abgewichen, indem sie ihren freine Willen nicht im Einklang mit dem göttlichen nutzte. Sie muss daher durch Erfahrungen wieder auf den göttlichen Entwicklungsplan zurückkehren. Erst dann kann sie die sich entwickelnde Geistseele erkennen und damit dem gesamten Entwicklungsprozess des Komsmos dienen. Dann formen sich der Mensch zu Puzzleteilen, die ein schönes neues Menschenbild kreien.
Doch wie verhält sich die Sache mit dem Willen? Kann ich wollen, was ich soll, damit das Entwicklungsziel erreicht wird? Nein, durch die Abweichung vom göttlichen Schöpfungsplan kann ich das nicht so ohne weiteres.
Bevor ich etwas wollen kann, muss eine Einsicht in die Richtigkeit des Zieles des Wollens vorhanden sein und ebenso die Empfindung, dass das für mein Seelenheil, das im Einklang mit dem göttlichen Plan steht richtig ist. Das kann ich nur aus der Erfahrung heraus. Durch Erfahrung lerne ich, dass mein Wille nicht immer das bewirkt, was in meiner Absicht lag, einfach deshalb, weil die Unberechenbarkeit durch andere Menschen und Umstände immer gegeben ist.
Meine Gefühle können sich ebenso täuschen, auch das lerne ich durch die Korrektur von außen und innen. Von innen, weil mein tiefstes Inneres weiß, was richtig ist, und von außen, weil überall Weltenweisheit zu finden ist. Sie ist in meinen Mitmenschen, in der Natur und Übernatur bei höher entwickelten Wesen, die immer um uns und bei uns sind.
Erst wenn Verstand und Gefühl durch Erfahrungen geläutert sind in dem Sinne, dass ich mich auf das ausrichte, was „wirklich“ sinnvoll ist, richtet sich mein Wille anders aus. Er ist auf das Ganze ausgerichtet, das nur intuitiv zu erfassen ist, wenn ich tief nach innen horche. Denn dort ist die Antwort. Sie ist rein, wenn ich geläutert bin aus Erfahrung und deshalb diese Stimme vernehmen kann. Und nur dann kann ich sie verstehen.
Erst wenn so Verstand und Gefühl durch Erfahrung geläutert sind, kann der Wille dazu übergehen vom Eigensinn zum göttlichen Willen zu werden.
Jan van Rijckenborgh, einer der Begründer der modernen Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes, beschreibt in seinem Buch ‚Dei Gloria Intacta‘ diesen Prozess als die Mars(Wille)-Einweihung des ersten Siebenkreises. Dieser Einweihung geht die Einweihung des Merkur (Verstand) und der Venus (Gefühl) voraus.2
Man kann also nicht zuerst mit dem Willen beginnen, dann läuft es falsch, dann gerät der Mensch auf Irrwegen, da er experimentell und forcierend arbeitet. Andererseits macht der Mensch auf diese Weise Erfahrungen, die sie letztendlich zu der Einsicht führen, dass nur gut ist, was für den Gesamtorganismus Mensch und die Geschöpfe und Welten, mit denen er verbunden ist, gut ist.
So wird die sich entwickelnde Seele selber zu einem perfekten Puzzleteil, das sich ins Gesamtbild Schöpfung sinnvoll einfügen kann.
Der Impuls dazu geht vom Geist aus. Der Geist beunruhigt die Seele, drängt sie zur Entwicklung. Das Ziel ist ihre Vergeistigung.
1 Max Heindel, Die Weltanschauung der Rosenkreuzer.
2 Jan van Rijckenborg, Dei Gloria Intacta, Die Mars-Einweihung des ersten Siebenkreises.
