Die Legende vom unerschütterlichen alten Mann und dem kleinen Zweig

Die Legende vom unerschütterlichen alten Mann und dem kleinen Zweig

Freiheit liegt nicht in Reinheit, sondern in der vollständigen Akzeptanz jedes Windes, jedes Zweigs, jedes Chaos – ohne inneren Widerstand oder persönliche Vorlieben.

Teil Eins

Ich habe diese Parabel vor etwa sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal gehört. Seitdem taucht sie immer wieder in Gesprächen auf – ich erzähle sie gerne meinen Freunden und Angehörigen. Und als sie mir an Heiligabend wieder in den Sinn kam, beschloss ich, sie aufzuschreiben.

In einem der Bergtäler Chinas lebte ein alter Mann. Man sagte, sein Geist sei so ruhig wie die Oberfläche eines Bergsees: Kein Sturm konnte das Spiegelbild des Himmels in seinen Tiefen stören. Er war kein Lehrer, hatte keine Schüler und strebte nicht nach Ruhm – er lebte einfach, wie diejenigen, die es nirgendwo eilig haben.

Später erfuhr ich, dass diese Geschichte oft Bodhidharma (Damo) zugeschrieben wird, dem ersten Patriarchen der Chan-Schule, der im 6. Jahrhundert die Lehre der direkten Einsicht in das Wesen des Seins von Indien nach China brachte. Es handelt sich hierbei nicht um eine kanonische Biografie, sondern um eine im Laufe der Zeit entstandene Volksparabel – eine Geschichte über die letzte und schwierigste Prüfung auf seinem Weg.

Die erste Prüfung – Diebe

Eines Nachts brachen Diebe in seine Behausung ein. Der alte Mann, der in Meditation versunken war, beobachtete ruhig, wie sie seine mageren Besitztümer mitnahmen.

„Nehmt alles mit“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Macht nur nicht zu viel Lärm.“

Beeindruckt von seiner Gelassenheit, gingen die Diebe verwirrt davon.

Die zweite Prüfung – Verrat

Als der alte Mann einmal nach Hause kam, fand er seinen Nachbarn – einen jungen Mann – mit seiner Frau vor. Er nickte nur leicht, sein Gesichtsausdruck blieb unverändert.

„Verzeih mir, dass ich deine Ruhe gestört habe“, sagte er und ging, als hätte er sich in der Tür geirrt.

Die dritte Prüfung – Verbannung

Seine Söhne, für die Ehre und Status alles bedeuteten, erklärten:

„Du bist schwach. Du bringst Schande über unsere Familie. Geh.“

„Wie ihr wünscht, meine Kinder“, antwortete der alte Mann ruhig. Er verbeugte sich, nahm seinen Stab und seine Almosenschale und machte sich auf den Weg in die Berge, zu einem Kloster.

Das Kloster

Der alte Mann kam im Kloster an. Er wurde aufgenommen, bekam eine Unterkunft und die Aufgabe, den Hof zu kehren.

Er verbrachte seine Tage damit, den Hof zu fegen, Blätter und Staub zu entfernen, seine Bewegungen waren bedächtig und vertraut. Das Fegen wurde zu einem Ritual – einer Meditation in Aktion. Er fegte nicht Steine, sondern seinen eigenen Geist, und mit jedem Strich wurde es in seinem Inneren leerer und heller. In seiner Freizeit zog er sich tiefer in den Hof zurück, setzte sich unter einen Baum und meditierte, beobachtete seinen Atem und die Bewegungen seines Geistes.

Und in dieser Ruhe, in einer Stille, die ewig zu dauern schien, begann der alte Mann, leises Rascheln und subtile Bewegungen um sich herum wahrzunehmen. Schatten sammelten sich dort, wo noch nie ein Gedanke der Angst gewesen war. In dem flackernden Licht tauchten kaum erkennbare Bildfragmente auf – die ersten Vorboten der Maras. Im Buddhismus, wie auch in der europäischen und slawischen Mythologie, ist dies der Name für Dämonen, die sich von menschlichen Anhaftungen ernähren.

Der Angriff der Maras

Die Maras begannen, sich deutlicher zu manifestieren, nahmen furchterregende Gestalten an und flüsterten von der Vergangenheit, um den alten Mann von seiner Arbeit und Meditation abzulenken. Der alte Mann seufzte nur leise, wie gewohnt, bei jedem Schwung mit dem Besen.

Dann änderten sie ihre Gestalt, erschienen in strahlender Pracht und erklärten ihn zum größten Heiligen aller Zeiten, um Stolz und das Verlangen nach Anerkennung in ihm zu wecken, doch der alte Mann lächelte nur innerlich und fegte weiter.

Eines Tages, nachdem er seine Arbeit beendet hatte, setzte er sich unter eine alte Kiefer. Der Hof war sauber. Eine leichte Brise bewegte einen Ast, und ein winziger trockener Zweig fiel auf den Stein zu seinen Füßen. Ein Schatten huschte über das Gesicht des alten Mannes: eine kleine Irritation, eine kaum wahrnehmbare Vorliebe für Ordnung und Sauberkeit.

Die Maras heulten triumphierend: Sie hatten keine Leidenschaft und keine Angst gefunden, sondern die subtilste Vorliebe – seine verborgene Zuneigung. In diesem Moment entfesselten sie einen heftigen Sturm über dem Hof, der Kiefernnadeln, Staub und Schmutz in einen tobenden Wirbel hob und seine makellose Arbeit in Sekundenschnelle zunichte machte.

Der alte Mann trat vor, seine Hände erhoben sich in stummer Verzweiflung.

Die innere Harmonie zerbrach – nicht größer als ein winziger heruntergefallener Zweig. Er identifizierte sich mit dem, was geschah.

Er hatte verloren.

Teil Zwei – Bedeutung

In dieser Geschichte geht es nicht um die Niederlage von Bodhidharma (denn laut Überlieferung hat der Patriarch sein Ziel tatsächlich erreicht). Sie offenbart die letzten Fallen auf dem Weg zur Freiheit. Genau diese Niederlage legt die empfindlichsten Ketten offen, die unser „Selbst” fesseln, und deshalb ist sie so wichtig. Betrachten wir dies einmal genauer.

1. Söhne und Ehefrau – Anhaftung an die Welt der Formen

Die Söhne verkörpern das soziale Ego: Ansehen, Status, Familie, Ehre, öffentliche Meinung. Der alte Mann lässt dies leicht los – er sieht darin nur Etiketten, nicht sein Wesen. Sein Exil ist ein Akt der vollständigen Loslösung von sozialen Verträgen.

Die Frau und der Nachbar symbolisieren sinnliche Bindung, Besitz und Eifersucht. Der alte Mann identifiziert sich nicht mit dem Körper oder mit Beziehungen im gewöhnlichen, weltlichen Sinne.

2. Dämonen (Maras) – Die Personifizierung des Ego-Verstandes

Dies sind keine äußeren Wesen, sondern Kräfte der eigenen Unwissenheit:

Angst, Abneigung, Wut (niedere Dämonen) – die ersten Hindernisse, die ein Suchender überwinden muss.

Stolz, Verlangen nach Anerkennung, spirituelle Arroganz – dies sind subtilere Feinde. Der alte Mann besteht auch diese Prüfung und zeigt, dass selbst die Vorstellung von der eigenen Heiligkeit eine Illusion ist.

Die letzten und am schwersten fassbaren Dämonen sind die Gewohnheiten des Geistes: eine mechanische, fast unbewusste Vorliebe.

3. „Der kleine Zweig“ – Der letzte Anker des Selbst

Die letzte Anhaftung ist winzig, kaum wahrnehmbar – eine winzige Falle des Bewusstseins. Selbst nachdem man Familie, Reichtum, Angst und Stolz aufgegeben hat, zieht sich der Geist zu einem mikroskopisch kleinen Identifikationspunkt zusammen. Dies kann folgende Formen annehmen:

  • Anhaftung an Sauberkeit und Ordnung.
  • • Heimliche Freude an der eigenen Nicht-Anhaftung.
  • • Eine leichte Irritation durch ein Geräusch, einen Ton, das Wetter.
  • • Eine unbemerkte Vorliebe für Komfort – Stille, Geschmack, Rituale.

Dieser „Zweig“ ist gefährlich, weil er unschuldig, ja sogar tugendhaft erscheint. In ihm verbirgt sich der letzte Funke des Dualismus: „Ich existiere hier, und dies – dieser Zweig, diese Unordnung – sollte in meiner Welt nicht existieren“.

4. Hurrikan – Das Leben, wie es ist

Das Leben ist unvorhersehbar und unkontrollierbar. Es stört ständig unsere innere und äußere Welt. Die letzte Prüfung besteht nicht darin, unter idealen Bedingungen Ruhe zu bewahren, sondern gelassen zu bleiben, wenn die Realität selbst die Ordnung stört – und somit wirklich frei zu sein.

Fazit

Die Geschichte endet nicht mit einem Sieg, sondern mit einer Niederlage. Doch diese Niederlage ist der beste Lehrmeister. Sie ruft uns zu:

„Bleibe bis zum Ende wachsam. Schau nicht auf die Stürme – höre auf das kaum hörbare Flüstern in deiner eigenen Seele. Freiheit liegt nicht in der Reinheit, sondern in der vollständigen Akzeptanz jedes Windes, jedes Zweigs, jedes Chaos – ohne inneren Widerstand oder persönliche Vorlieben.“

Und wo versteckt sich dein kleiner Zweig?

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Datum: Januar 13, 2026
Autor: Kamo Bagdasaryan (Russia)
Foto: Kien Do on Unsplash CC0

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