Über Kafka zu schreiben, ist für einen tschechischen Juristen immer ein wenig persönlich. Mehr als einmal nimmt man Kafka in den Mund beim Ombudsmann, der die Rechtmäßigkeit der staatlichen Verwaltung überwacht.
Mehr als einmal fühlt man sich kafkaesk – oder Don Quijote-esk – wenn man sich gegen staatliche Maßnahmen wendet und das Gefühl hat, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen. Unweigerlich kommt dann das Bedürfnis nach einem Wechsel, nach Abstand von allem.
Aber wie soll das gehen? Befindet man nicht mitten in einem Fluss, dessen Strömung einen immer wieder mitreißt? Man könnte … ans Ufer zu treten und die Dinge von dort aus in Ruhe beobachten und studieren, sie mit nüchternem Blick beschreiben, sich das Bedrückt sein von der Seele schreiben…
Franz Kafka war Jurist in einer Versicherungsgesellschaft. Was ist ein Versicherungsfall? Etwas ist eingetreten, worüber man sich Sorgen gemacht hat. Für diesen Fall hat man Geld bezahlt, monatliche Versicherungsprämien entrichtet. Man hat eine Vereinbarung mit seiner Angst getroffen. Bestimmte Ereignisse sollen sich nicht auswirken. Die Versicherung soll helfen, aus dem kausalen Kreislauf von Ursache und Wirkung auszubrechen.
Die kafkaeske Welt
Franz Kafka beschreibt hintergründige Mechanismen des bürgerlichen Lebens: die sozialen Rollen, das Justizsystem, die Rechtsordnung. Seine Hauptfiguren gelangen in Situationen zugespitzter Absurdität, die die Sinnlosigkeit der Dinge offenbar machen, die Ausweglosigkeit des Lebens in unserer Matrix. Kafkas Geschichten haben kein Happy End, sie lassen den Leser in einer Sphäre des Unbestimmten zurück.
Die Welt, in der wir leben, ist relativ. Alle ihre Werte sind relativ, jede ihrer Wahrheiten, jede Gerechtigkeit. Daran können wir uns gewöhnen, aber letztlich identifizieren können wir uns damit nicht. Mitunter spitzen sich Situationen zu – und wir erleben uns als Fremde, Außenstehende.
Liest man Kafka aus psychologischer Perspektive, kann man sich fragen: Ist das, was er beschreibt, tatsächlich unsere Wirklichkeit, entspricht es den inneren Wirklichkeiten unserer Welt? Zum Beispiel die Situation, dass wir irgendwo im Pyjama, wie K. In dem Roman Das Schloss, vor dem Lehrer stehen, unfähig und vorverurteilt.
In den Romanen Das Schloss und Der Prozess[1] evoziert Kafka ein Gefühl des Unterdrückt Seins. Die Grenzlinie zwischen Privatem und Öffentlichem löst sich auf.[2] Innere Vorgänge – Absichten, Gefühle – werden in den öffentlichen Raum verlegt. Schuld und Verurteilung lasten auf der Hauptfigur. Woher kommen sie? Werden sie vom inneren Selbst hervorrufen, das der Freiheit beraubt ist? In den Räumen Unterbewusstseins – sind dort nicht Angst und Schuld gespeichert, wirkt dort nicht noch immer der strafende Gott des Alten Testaments? Gedanken und Gefühle dieser Art steigen auf. Wir erwägen sie, durchleuchten sie – und wenn es gut ist, nehmen wir dem, was uns aus der Tiefe heraus bedrängt, etwas von seiner beherrschenden Kraft. Die Mechanismen des Unterbewussten hängen mit unserem Leben in der relativen Welt zusammen, mit der Unvollkommenheit unseres Daseins. Was kann man auch von einem Landvermesser (der Hauptfigur in Das Schloss) erwarten, der die Aufgabe hat, die Erde zu vermessen, sich also um das irdische Maß zu kümmern? Durch seltsame Umstände lässt ihn Kafka aber zum Schulmeister in der „Schule des Lebens“ werden.
In dem Roman Der Prozess gelangt Josef K. an einen Punkt, an dem er erkennt, dass er sich selbst helfen muss; er gelangt zu einer Selbstkonfrontation. Das Justizsystem, ein automatischer Apparat, ein entmenschlichter Mechanismus lässt Josef K. zu einem Fremden werden. Die „nackte“ Daseinssituation zu erleben bedeutet, den Punkt der Selbstkonfrontation zu erreichen. Von hier aus kann der weitere Schritt gegangen werden, der Schritt zum „Menschen in uns“.
Lukas van den Berge schreibt in seiner Interpretation des Prozesses, dass „das Gesetz nur demjenigen zugänglich ist, der völlig befreit, voll verantwortlich und autonom ist“[3]. Es ist notwendig, sich innerlich von Autoritäten und allen Erscheinungsformen der Macht zu befreien.
Das Recht in unserer Welt hat mit Macht und Gewalt zu tun, es ist mit Zwang verbunden. Die Rechtsnormen sind abstrakt, regeln das Durchschnittliche, das Norm-ale. Sie haben die Tendenz, das Menschliche hierauf zu reduzieren. Normen sind ein Spiegel des Lebens, sind Notwendigkeiten in der relativen Welt. Werden wir jedoch innerlich autonom, dann befreien wir uns – im Innern – von den Einflüssen von Macht und Autorität. Wir finden Recht und Gerechtigkeit auf einer anderen Ebene, der seelischen.
Wie die Dinge ihren Sinn bekommen
Alles bekommt einen Sinn, wenn wir uns, durch die Umstände getrieben, als Fremder auf Erden erleben und uns, einer inneren Sehnsucht folgend, dem Göttlich-Geistigen zuwenden. Der Ausweg und der Sinn der Dinge leuchten in der Seele auf, die sich für den Geist öffnet. Das Labyrinth der hoffnungslosen Gefangenschaft, die bedrückenden und verurteilenden Schuldgefühle, die Zyklen wachsender Sinnlosigkeit – sie haben paradoxerweise doch einen Sinn.
Denn am Punkt der größten Verzweiflung tritt Erkenntnis auf, Erkenntnis der Gefangenschaft unseres höheren Seelenaspekts in der Animalität des Körpers. Lange haben wir uns mit dem körperlichen Dasein identifiziert. Nun tritt ein Bruch ein. Und mit ihm das tiefe Gefühl, ein Fremder auf Erden zu sein.
Schon in diesem Gefühl liegt der Ausweg. Denn es macht uns zum Suchenden nach dem Sinn, der unserer Existenz zugrunde liegt. Wir gelangen in Kontakt mit unserem transzendenten, vielleicht himmlischen, spirituellen, überirdischen Wesenskern.
Auf der stofflichen Erde, im stofflichen Körper fremd zu sein bedeutet, dass unsere Heimat sich außerhalb von all dem, in einer höher schwingenden Sphäre befindet, im Land des transzendenten Logos, im göttlichen Universum.
Franz Kafka hat sich gegen Ende seines Lebens zum Chassidismus bekannt und auch lebenspraktische Maßnahmen wie Vegetarismus, Abstinenz von Alkohol, Kaffee, Tee und Schokolade ergriffen, um sein geistiges Wesen leichter zu verwirklichen. Es mag den Anschein haben, dass er in seinen Schriften nur die Sinnlosigkeit aufdeckt und die Leere meisterhaft beschreibt. Aber er öffnet dadurch die Tür zu existenziellen Fragen.
Der Chassidismus ist ein jüdischer Pietismus mit einer charakteristischen Frömmigkeit. Aus einer absoluten Anhänglichkeit an Gott entsteht Freude an den alltäglichen kleinen Dingen; die Gegenwart Gottes, die Schechinah, durchdringt die ganze Welt. Das war die Richtung, die Kafka einschlug. Er entlarvt in seinen Romanen und Erzählungen das System der Entfremdung, er richtet seinen Blick auf die Medusa, aber er sieht ihr nicht direkt ins Auge, stellt sich ihr nicht mit dem Stolz und der Überheblichkeit des Ego gegenüber, sondern erkennt in Demut und Aufrichtigkeit, dass es „so“ ist. Und das schreibt er auf. Es ist noch nicht die ganze Wahrheit, aber es ist ein Schritt auf einem Weg zu ihr, eine Tür in ihre Richtung. Wahrheit ist etwas, was sich, wie Ludwig Wittgenstein sagt, „selbst zeigt“. Das Mystische, das Mysterium ist nicht in Worte zu fassen.
Wir können uns fragen: Erfahren wir uns, lebend in den Wachstumskurven der heutigen Zivilisation, in einer kafkaesken Entfremdung? Dies zu erkennen, wäre die erste Hälfte des Weges. Der Bürger Karel K. erlebt sich einsam in flachen Beziehungen. Es ist, als würde er naiv vor sich selbst fliehen. Dann aber gelangt er in die Situation, sich dafür verteidigen zu müssen.
Nun kommt die andere Hälfte des Weges, die unausgesprochene, über die man nur schweigen kann, wie Wittgenstein sagt: das Mysterium. Zuerst offenbart sich also das, was ist: unser Sein, desintegriert, analysiert, geteilt, allein, mit einem toten Gott, entfremdet, bedeutungslos. Wird es als solches erkannt, entsteht die Chance zum Ganzwerden, die Chance für die Vereinigung, für das Verständnis, den Respekt, die Anerkennung, die Sinnhaftigkeit. Die höhere Ordnung rückt näher, sie möchte entdeckt werden und mit ihr der Sinn des langen Getrenntseins von ihr. Dieser Sinn leuchtet erst nach dem Durchleben von Trennung und Sinnlosigkeit auf. Und wenn das geschieht, müssen wir lernen, ihn in unser Leben zu integrieren.
Zögernde Schritte
In der Trennung und Vereinzelung erleben wir sehr viel Genussvolles, auch wenn wir zu gleicher Zeit unter vielen Umständen leiden. Auch „am Kap der Verzweiflung“, als Ausgestoßener „am Rande der Welt“ arbeiten wir an einer Atmosphäre für unser Dasein: pessimistisch, poetisch, intellektuell…
Nach einer Weile halten wir aber das Leben mit uns selbst nicht mehr aus. Die Sinnfrage trebt uns um. In der Not der Einsamkeit gehen wir daran, uns mitzuteilen und um Hilfe zu bitten. Wir machen krampfhafte Schritte auf andere Menschen zu – und reden über das Wetter, damit wir wenigstens Kontakt haben und lernen, mit anderen auszukommen und sie zu respektieren. Wir versuchen, Ressentiments abzubauen, die in der Entfremdung gewachsen sind, schenken alltäglichen Dingen Beachtung, versuchen, uns von der Selbstbeobachtung abzulenken.
Aber wir sind ein Fremder geworden und bleiben es auch. Die Einsamkeit verlässt uns nicht mehr. Wir fühlen uns gedrängt, uns mit unserem Ego auseinanderzusetzen. Seine Kanten werden dabei aber schärfer. Wie kann es nur gelingen, das Ego aufzulösen in Höherem? Die Dynamik des Geistes, der über den Wassern schwebt, kann uns nun ergreifen. Wir können uns von ihm „taufen“ lassen, können seine Feuerblitze in uns einlassen – so weit wir es aushalten. Der Blick auf das Leben verändert sich weiter. Eindeutig Sinnloses bekommt plötzlich einen Sinn, von dem wir bislang gar nichts ahnten. Und auch der Gedanke, dass unsere Seelen aus der Gotteswelt herausgefallen sind, zeigt sich in neuem Lichte. Wahrheit wirkt in uns hinein, mehr und mehr werden wir vom Geist beseelt, werden „lebendig“. Wir empfinden, wie sehr wir mit dem Ganzen der Schöpfung verbunden sind. Die Zeit der Entfremdung und Trennung geht über in eine Zeit der Vereinigung und des Findens.
Und was kommt dann?
Die Hüter der Galaxien erzählen Geschichten für die göttlichen Söhne, die sich noch nicht erinnern. Wir empfangen Impulse von ihnen, weitreichend, über Worte hinausgehend.
Alles steigt noch einmal in uns auf, ein letztes Mail, ehe es in die Substanzen der Weisheit eingeht, in den himmlischen „Körper“, der keine Grenzen kennt.
Wir waren Fremder und überqueren die Grenze in die Heimat.
In tiefen inneren Krise haben wir Gut und Böse transzendiert und die Dualität überwunden. Nicht durch Askese oder Arroganz, sondern in Demut, Sehnsucht und der Erwartung des Göttlichen. Es war ein Zustand merkwürdiger Neutralität, in dem man nicht wünscht, etwas anzuziehen oder abzustoßen. Die Sehnsucht nach der göttlichen Weltordnung führte zu einer Entwurzelung in der materiellen Welt.
Und da war die Keilerei mit dem Ego, das es irgendwie schaffte, immer weiter zu bestehen und sein Spiel zu spielen. Letztlich führte uns es zur vollen Reife, so hatte es seinen Sinn. Wenn aber die Blitze von oben zunehmen und den vertikalen Weg weiter öffnen, verliert das Ego seine Bedeutung. Die horizontale Richtung, in die es zielt, verliert ihren Griff.
Das Suchen nach dem Sinn im Horizontalen hörte auf. Die inneren Sinne öffneten sich weit und bedingungslos, beobachteten alles, lebten gleichsam in allem. Das war möglich geworden, weil der lebendige Geist das Bewusstsein und die inneren Räume erfüllte. Eine gewisse Leichtigkeit des Seins trat ein, mitten in der alltäglichen Schwere.
Die Weg zum Göttlich-Geistigen wurde leichtfüßig. Wie leicht war es, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, nachdem es dem Geist überantwortet worden war! Es galt, nach den Anweisungen des Geistes zu leben. Sie waren Konkretisierungen eines ungewissen Nichts. Indem wir sie entstehen lassen, beginnen wir zu verstehen..
Woher wussten wir in unserem irdischen Leben überhaupt, dass es Wahrheit gibt? Indem wir in der materiellen, der unvollkommenen und in vieler Hinsicht unwahren Welt lebten – und in ihr Fremde wurden, wie Franz Kafka.
[1] Kafka schrieb „Der Prozess“ auf Deutsch. In der ersten Ausgabe der niederländischen Übersetzung von Lukas van den Berge wurde der englische Begriff „Process“ verwendet, der eine allmähliche Entwicklung zum Ausdruck bringt. Spätere Ausgaben verwendeten den Begriff „Prozess“, der eher auf das endgültige Gerichtsurteil hinweist, oder auf Verurteilung und Schuld, wenn die persönliche Verantwortung für das Leben nicht bewusst übernommen wird.
[2] Hier stelle ich Gedanken des zeitgenössischen niederländischen Rechtsphilosophen Lukas van den Berge vor, der auf der Konferenz für Rechtsethik (ILEC) in Amsterdam am 19. Juli 2024 einen Vortrag zum Thema Recht und Verantwortung: Kafka im digitalen Zeitalter gehalten hat, an dem er zusammen mit Jeanne Gaakeer gearbeitet hat.
[3] Ibid., Anmerkung aus Van den Berges Präsentation.
