Jeder kann ein Arjuna werden und sein
Arjuna, ein die Wahrheit suchender Mensch
Die Bhagavad Gita ist die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Gott Krishna und dem Königssohn Arjuna. Es findet statt zwischen den Heeren von Arjunas Verbündeten und seinen Feinden, seinen eigenen Halbbrüdern. Es ist eines der am weitesten verbreiteten Bücher der Welt. In unzählige Sprachen übersetzt und häufig interpretiert durch Inder, Europäer und andere, ist damit nicht bereits alles gesagt und dokumentiert?
In diesem kurzen Beitrag soll ein Aspekt der Bhagavad Gita beleuchtet werden, der in der Vielzahl der Kommentare eventuell nicht immer klar zum Ausdruck kommt und der doch für jeden spirituellen Sucher bedeutsam ist: Wie wandelt sich die Verzagtheit Arjunas – „Ich will nicht kämpfen“ (Kapitel 1) – zu dem mutigen Entschluss, den er Krishna gegenüber am Ende der Bhagavad Gita (Kapitel 18) ausspricht:
Durch deine Göttliche Macht hast Du, o Unfehlbarer, meine Täuschungen zerstört; nun bin ich wieder gesammelt. Befreit von Zweifel, bin ich jetzt gefestigt und will nach Deiner Lehre handeln. [1]
Neben der historischen Beschreibung (oder Mythe?) des Kampfes um die Herrschaft in einem indischen Königreich zwischen den Pandava-Brüdern, zu denen auch Arjuna zählt, und seinen Verwandten (Halbbrüdern), den Kurus, geht es in der Bhagavad Gita noch um anderes. William G. Judge hebt bereits 1890 im Vorwort der englischen Übersetzung den Aspekt hervor, dass Arjuna nicht nur als ein Königssohn im Kampf um sein Erbe gesehen werden sollte, sondern auch als Prototyp jedes um Erleuchtung und Befreiung suchenden Menschen.
Daneben beschreibt die Bhagavad Gita laut Judge die Evolution eines Volkes in dem Sinne, dass die niederen Instinkte im Kampf um eine höhere Bestimmung überwunden werden können und sollten. In gleicher Weise gilt dies für den einzelnen Menschen, der sich „zur Entfaltung seiner besseren Natur“ entschließt oder diese sucht. Arjuna wird damit zum Beispiel eines individuellen Suchers, wie auch zum Repräsentanten der Menschheit, die sich in einem Such- bzw. Entwicklungsprozess befindet. Die in der Bhagavad Gita beschriebene „Schlacht“ bezieht sich „nicht nur auf den großen Ringkampf, welchen die Menschheit als Ganzes durchführt, sondern auch auf den Kampf, welcher unvermeidlich wird, sobald irgendein einzelnes Mitglied der Menschheitsfamilie den Entschluss fasst, seiner höheren Natur die Führung seines Lebens zu übertragen“[2].
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Bedeutung der Bhagavad Gita für den heutigen Sucher, der nach Befreiung strebt. Wie spielt sich heute dieser innere Kampf des Arjuna um das verlorene Königreich, das Göttliche in ihm, ab? Oder: Wie kommen wir von der Mutlosigkeit und Verzagtheit zum Mut, das Göttliche in uns zu suchen, zu finden und zu leben?
Das Suchen nach dem Göttlichen in uns
Die Einführung Arjunas als einen „Königsohn, der sein Königreich verloren hat“ finden wir in vielen Mythen der esoterischen Literatur und in Märchen, die auf eine andere Welt und Gesellschaft hinweisen. So bei Buddha, der als Königssohn Palast, Familie und Thron verlässt, um in der Hauslosigkeit die Befreiung von Leid, Krankheit und Tod zu suchen und anderen auf diesem Weg voranzugehen. Denken wir auch an Parzival, Christian Rosenkreuz und andere.
Das Erkennen eines fundamentalen Verlustes, das daraus entstehende Fragen und Suchen, das Erfahren des „Verbannt-Seins“ in eine unvollkommene Welt sind der Ausgangspunkt jedes Suchens, das aus dem Herzen aufsteigt.
In der Bhagavad Gita wird dieser Zustand als die Verbannung Arjunas in die Fremde und Unwirtlichkeit der Wälder dargestellt. Arjuna und seine Brüder suchen Verbündete, die ihnen in ihrem Kampf zur Wiedererlangung ihres Königreiches beistehen können. Sie finden Helfer auf der physisch-materiellen Ebene, aber auch auf der spirituellen Ebene.
Der Ausgangspunkt für den Weg ist die Unruhe des Herzens. Sie drängt zum Suchen nach dem verlorenen Königtum in uns. Dieses Suchen, so führt die Bhagavad Gita aus, ermöglicht es Arjuna, Krishna als Helfer der Menschheit und Inkarnation der göttlichen Seele zu erkennen, ihm im eigenen Inneren zu begegnen und seine Lehren zu erhalten. Krischna wird in der Bhagavad Gita als eine von Arjuna getrennte Person beschrieben. Er kann aber auch als die mahnende, rufende und belehrende Stimme des Herzens gesehen und kann damit als der zu uns aus dem Innersten sprechende Führer und Guru werden.
Arjuna wendet sich an diesen inneren Führer, die Stimme des Herzens, und bittet um Belehrung. Sein Vertrauen in die Lehren Krishnas ist der Schlüssel, der Arjuna auf den Weg der Erkenntnis bringt, auf dem er als Erstes feststellt, dass seine Gebundenheit an alles, was ihn umgibt, an alle Freunde, Verwandten und irdischen Verlangen, überwunden werden muss. Die Einsicht in die Tatsache der Vergänglichkeit der Welt und die Suche nach dem Göttlichen sind der Ausgangspunkt für den Dialog zwischen Krishna und Arjuna. Arjuna war zunächst mutlos und verzweifelt:
O! wir hätten uns in eine Todsünde gestürzt, wenn wir uns durch den Hunger nach Herrschaft und Freude zum Erschlagen unserer Verwandten hätten verleiten lassen. […] Ich mag sie nicht erschlagen, selbst wenn ich mein eigenes Leben verlieren sollte.[3]
Auf die Verzweiflung Arjunas antwortet Krishna im zweiten Kapitel:
Du trauerst um jene, die nicht betrauert werden sollen […] Wer in spirituellen Dingen weise ist, trauert weder um die Toten noch die Lebenden […] ES ist unteilbar, ewig, universal, unsichtbar […] Einige betrachten den innewohnenden Geist als ein Wunder, während andere mit Verwunderung darüber sprechen, […] aber niemand erkennt ihn.[4]
Wenn wir die Verzweiflung Arjunas auf den heutigen Menschen übertragen, der nach Befreiung aus den Bindungen an diese Welt ringt, so ist der bevorstehende Kampf ein Ringen im Inneren eines solchen Menschen, und die „Gegner“ bzw. die zu Tötenden versinnbildlichen seine Verbindungen und Anhaftungen an diese Welt. Das Aufnehmen dieses Kampfes erfordert Mut: den Mut, alle Gewohnheiten und Gebundenheiten an diese Welt loszulassen.
Hierzu gibt Krishna den Rat: Lass dir Vergnügen und Schmerz, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage ganz gleich sein und tritt so in den Kampf ein. Entsage jedem Verlangen nach Vorteilen und jeder Angst vor Fehlschlägen. Ringe um Gleichmütigkeit in deinen Handlungen. Bleibe in der Hingabe an mich. Mit diesen und weiteren Erläuterungen über den Weg, der zur Erkenntnis der Wahrheit führt, d.h. mit dem Hören auf die Stimme des Herzens, beginnt Arjuna, wie jeder andere Sucher, den Weg zurück in das „ursprüngliche Königreich, das nicht von dieser Welt“ ist, wie das Neue Testament das Ziel des Pfades bezeichnet. Dieses „Hören“ der inneren Stimme erfordert ein konsequentes Loslassen aller (irdischen) Wünsche, Begierden und Gebundenheiten an diese Welt. Mit dem Hören und Lauschen nach innen geht eine Kraftübertragung einher. Sie schenkt den Mut zur Verwirklichung der übertragenen Impulse. Erleben wir in uns diesen Mut?
Der Weg der Erkenntnis
In den folgenden Kapiteln (Kapitel 2 -14[5]) der Bhagavad Gita erläutert Krishna die wichtigsten Schritte und das Wissen über den Pfad zur Befreiung. Alle heiligen Schriften beschreiben die Etappen der zunehmenden (Selbst-) Erkenntnis. Auf diesem Weg nähert sich der Sucher mehr und mehr Krishna und erkennt ihn als den ihm wohnenden „Höchsten Geist“. Durch die erneute Verbindung mit diesem Höchsten Geist, dem „ES“, das nicht erklärbar oder beschreibbar ist und allen Verstand übersteigt und Zeit und Raum vergehen lässt, überwindet Arjuna seine Mutlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Zweifel.
Im 15. Kapitel spricht Krishna zu Arjuna über die Erkenntnis des Höchsten Geistes (des ES):
Ich wohne in den Herzen aller Menschen […] weil ich über dem Zerstörbaren und selbst auch über dem Unzerstörbaren stehe, deshalb werde ich sowohl in der Welt wie in den Veden der Höchste Geist genannt. Wer nicht in Täuschung befangen ist, der erkennt mich als den Höchsten Geist, weiß alle Dinge und verehrt mich in jeder Form und in jedem Zustand. So habe ich dir […] diese heilige Wissenschaft erklärt. […] Wer sie versteht […] wird ein weiser Mann und der Vollbringer von allem, was geschehen muss. [6]
Was kann das für den heutigen Menschen bedeuten?
Wir leben heute in einer Welt des Kampfes, sind von Umweltkatastrophen, Kriegen und neuen Krankheiten bedroht. Die Gesellschaft ist gespalten; viele Familien und Freundschaften wurden in der Coronakrise zerrissen. Alte Dogmen, Gewohnheiten, Glaubensgrundsätze gelten nicht mehr. Wohin führt dies alles? Was erwartet uns in der Zukunft? Könnten wir nicht wie Arjuna verzagen und mutlos werden? Haben wir das Glück, wie er, die Erinnerung an unser Innerstes, das nicht von dieser Welt ist, noch nicht ganz verloren zu haben, so dass wir den Kampf um unser innereigenes Königreich noch führen können?
Woher kommt dir deine Verzagtheit, sagt Krishna zu Arjuna, sie ist entwürdigend. Verlasse du … diese verächtliche Herzensschwäche und erhebe dich[7].
Erkennen wir unsere ganze Gebundenheit an diese Welt, unsere Ängste, Sorgen, unsere Begierden und Wünsche als unsere Feinde, die Feinde unseres wahren Selbstes? Dann können wir uns bereit machen für den Pfad, der zur Befreiung führt! Wir alle sind, wie die Bibel uns nachdrücklich zuruft, Kinder Gottes und zur Freiheit gerufen. Krishna, Christus und alle Großen im Geist zeigen uns den Weg, und in der größten Not können wir ihre Stimme in uns, die „Stimme der Stille“, hören, denn
ES ist jetzt! ES ist unteilbar, unverzehrbar […] ewig, universal, unsichtbar. ES ist ohne Geburt und kennt keinen Tod. Lass dir Vergnügen und Schmerz, […] Sieg oder Niederlage ganz gleich sein[…] Mache dich gleichmütig gegen Erfolg oder Fehlschlag, […] denn jene, welche Belohnung für ihre Taten außer Acht lassen, werden auf Erden nicht wiedergeboren und gehen in jenen ewigen glücklichen Zustand ein, der frei ist von allen Schwierigkeiten.[8]
Das Suchen nach der „Stimme der Stille“ in uns bringt uns zur Erkenntnis und ermöglicht es uns, den Pfad zu gehen. Hören wir auf sie, so empfangen wir von ihr den Mut, den Lehren, die wir empfangen, zu folgen, so wie Arjuna am Schluss der Bhagavad Gita.
[1]Die Bhagavad Gita (BG), Das Buch der Ergebenheit, Bhagavad-Gita“ and WQ Judge „Essays on the Gita; (Deutsche Übersetzung durch Theosophische Gesellschaft, ohne Datum), Kapitel XVIII, S. 92
[2]BG: Einführende Worte von W.G. Judge 1890, S. VII
[3]BG, Kapitel 1: Die Verzagtheit des Arjuna, S.5
[4]BG, Kapitel 2: Ergebenheit auf Grund der spekulativen Lehren, S 9/1.0
[5] Eine Beschreibung der verschiedenen Kapitel würde das Format und das Ziel dieses Artikels sprengen, es wird hierzu auf die verschiedenen ausführlichen Betrachtungen der Bhagavad Gita verwiesen, z.B.: Bhagavad Gita Buch Empfehlung Übersetzung und Kommentar
[6]BG, Kapitel 15: Ergebenheit durch die Erkenntnis des Höchsten Geistes, S. 75/76
[7]BG, Kapitel 2: Ergebenheit auf Grund der Spekulativen Lehren, S.7
[8]BG, Kapitel 2: Ergebenheit auf Grund der spekulativen Lehren, S.9
