Schönheit ist nicht nur Augenweide. Schönheit ist ein Versprechen. Dass es Schönheit gibt, lässt uns Vertrauen fassen in das, was die Welt zusammenhält.
Was das Auge sieht, kann die Seele an etwas erinnern. Manchmal ist es wie ein Erwachen, manchmal kann es sogar ein Heilmittel sein.
Warum denke ich, der Berg, den ich ansehe, sei erhaben? Ich gehöre zu den Menschen, die den Berg nicht unbedingt besteigen wollen. Eher will ich der Berg sein. Vielleicht bin ich es sogar. Denn das felsige Dreieck, das sich da aus der Ebene erhebt und in einen Punkt mündet, der dem Himmel nicht nur nah ist, sondern der gleichsam in ihn übergeht, trotz des Kontrasts zwischen der Schwere des Gesteins und der Leichtigkeit der Luft: es gleicht meinem Wesen. Es spiegelt das in mir wider, was nach oben blickt, sich erheben und in einen anderen Seinszustand überwechseln will; das, was sich diesem Anderen, am Gipfel meines irdischen Daseins angekommen, zumindest aussetzen will, immer wieder. Das ist es, was an mein Herz rührt, wenn ich einem schönen Berg gegenüberstehe.
Etwas aus der Tiefe des Kunstschönen
Islamische Künstler haben Muster entworfen, die aus wenigen regelmäßigen geometrischen Formen, zumeist Sternen, bestehen und wegen der perfekten Abstimmung der Formen untereinander grenzenlos weitergeführt werden können. Beim Betrachten meint man, dass sie das ganze Firmament erfüllen. Hinter ihnen steht tatsächlich der Gedanke, dass Zahl, Proportion und Form Schlüssel zur Struktur des Kosmos sind. Diese Muster verbinden das Viele und den Einen durch mathematische Beziehungen; sie öffnen sich dieser Denkweise gemäß innerlich zum Unendlichen, zur letzten Wirklichkeit, die der Quell aller Dinge ist.
Der mathematische Punkt, der weder eine Fläche aufspannt noch Raum besetzt, repräsentiert dabei ein ursprüngliches geistiges Prinzip. Dieser Punkt nun zieht, wenn er unsere Sphäre berührt, einen Kreis um sich her gleich einem Tropfen, der in einen See fällt. Er erzeugt Schwingungen, nimmt Verbindung mit seiner Umgebung auf. In solch einem Schöpfungsgeschehen berühren sich Kreise und durchdringen einander. Man kann sich leicht vorstellen, dass sie in der Interaktion auch Sternmuster formen, wie die muslimischen Künstler sie sichtbar gemacht haben. Zugleich weisen diese Muster auf den Einen hin, der alles aussandte und wieder in sich zurücknimmt. Sie sind ein Geborenwerden, Aufblitzen und Wieder-Verschwinden, dessen Reigen das ganze All erfüllt.
Was sieht die Seele?
Unsere Augen wenden sich zu dem, was unsere Seele sucht. Wenn wir Formen schön finden, dann liegt es nicht nur daran, dass sie etwa in ganzzahligen Verhältnissen oder im Goldenen Schnitt proportioniert sind. Wir suchen – und sehen – dann mehr als „mathematische Harmonie“ oder „Ordnung“. Wir sehen, dass alles miteinander verbunden ist. Die Zahl oder Proportion ist ein äußerliches Merkmal der Resonanz.
Anhand des Goldenen Schnitts wird die Sache vielleicht am deutlichsten. Diese Regel (aus der sich auch die Fibunacci-Reihe ergibt) bedeutet, dass die kürzere von zwei Strecken sich zur längeren verhalten muss wie die längere zur Summe der beiden Strecken. Das entspricht einem Zahlenverhältnis von 1:1,618… . Oder anders, deutlicher: Das Ganze teilt sich immer weiter auf und spiegelt sich in den so entstandenen Teilen. Dieses Zahlenverhältnis verbindet anschaulich das Kleinste und das Größte in der Natur.
In dem, was eine komplexe Form zu einer Ganzheit macht, und in dem, was alle Dinge miteinander verbindet, finden wir Schönheit oder Harmonie. Wir empfinden Sinnhaftigkeit. Wenn Schönheit und Verbundenheit nicht nur ein Gefühl, sondern Wahrheit sein sollen, dann muss das, was die Dinge zusammenhält, auch in Kraft bestehen: in Wechselwirkungen, in einem Fließen vom Innersten ins Äußerste und wieder zurück.
Die Seiten eines Pentagramms schneiden einander im Goldenen Schnitt. Ein ideal proportionierter Mensch trägt den Goldenen Schnitt in sich: Wenn man seine Körperhöhe entsprechend teilt, landet man beim Nabel. Streckt der Mensch seine Hand nach oben aus, dann befinden sich die Fingerspitzen auf der doppelten Höhe des Nabels. Der Architekt Le Corbusier machte diese Maße, basierend auf einem Menschen mit 6 Fuß Körperhöhe, zu den Ausgangspunkten seiner Modulor-Reihen, mit denen er seine Gebäude proportionierte. Die Nabelhöhe, durch den Goldenen Schnitt geteilt, ergibt eine ideale Tischhöhe. Nochmals geteilt, eine ideale Sitzhöhe. Le Corbusier verwendete den Goldenen Schnitt auch, um Raumhöhen und Fenstermaße zu finden: Alles trägt dann menschlichen Maßstab, der Mensch kommt in Resonanz – mit dem Ganzen? „Mittels der Formen rührt [der Architekt] intensiv an unsere Sinne und erweckt unser Gefühl für die Gestaltung. Die Zusammenhänge, die er herstellt, rufen in uns tiefen Widerhall hervor, er zeigt uns den Maßstab für eine Ordnung, die man als im Einklang mit der Weltordnung empfindet.“[1]So sah es Le Corbusier, der sich hier nicht bescheiden gibt. Was er hier schreibt, wirft die Frage auf, ob alles menschlichen Maßstab trägt. Oder können wir hier einen Hinweis auf eine Allverbundenheit sehen, in deren Mitte der Mensch sich befindet und die er wahrnehmen und durch Resonanz erkennen – erleben – kann?
Schönheit ist mehr als schön
Davon abgesehen, dass die meisten Menschen sich gerne mit Schönem umgeben, unter anderem der Rückversicherung wegen, dass alles in Ordnung ist oder kommen wird: Schönheit lässt uns Kontakt mit dem aufnehmen, was unseren Kosmos zusammenhält. In der ebenmäßigen Form und der verbindenden Proportion wird es augenfällig. Doch da ist mehr. Es weist auf einen einenden Sinn, der uns nicht nur ontologische Geborgenheit vermittelt. Hierin kann auch etwas Aufweckendes, Aufrüttelndes, Ermöglichendes und bisweilen Forderndes liegen.
Rainer Maria Rilke formulierte in seinem Archäischen Torso Apollos (1908), dass das Schöne, das wir sehen, zurückschaut: „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“ Das Schöne ist eben nicht nur Augenweide. Es fordert uns auf, uns zu vervollkommnen, um ihm zu gleichen. Nun kann man die Selbstoptimierungsschrauben anziehen. Man kann aber auch erspüren, dass etwas im eigenen Innern sich an der wahrgenommenen Schönheit aufrichten kann und will.
Man kann auch den seelischen Raum wahrnehmen lernen, in dem die Vielen einander, sich selbst und letztlich auch dem Einen, dem Ungrund, begegnen. Die Schöpfung als wirkliche Einheit, in der alles aufeinander wirkt und aufeinander bezogen ist. Das Hineinnehmen der Welt in den Seelenraum und das gleichzeitige Weltweit-Werden der Seele hat Rilke 1914 in seinem Gedicht Es winkt zu Fühlung im Begriff Weltinnenraum gefasst, der gerade zu Recht eine Renaissance erlebt. Innen und außen werden der schauenden Seele zu einer Einheit.
[…] Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum. […][2]
Was in mir in Harmonie ist, das nährt die Schöpfung. Was ich draußen sehe, wird mir zu Symbolen, die meiner Seele zeigen, wer sie ist. Die Dinge der Welt können sogar zu Wahrzeichen spiritueller Prozesse werden – solcher, die ablaufen und solcher, die möglich sind.
„Die Seele ist ein Auge in dem ewigen Ungrunde: ein Gleichnis der Ewigkeit“[3], so sagt Jakob Böhme. Zugleich auch: „Der ganze Leib der Welt ist gleich wie ein menschlicher Leib.“[4] Wer sich mit Böhmes mystischer Philosophie befasst, stellt fest, dass sie den göttlichen Ungrund und die menschliche Seele zuallererst als Auge beschreibt. Hier ist eine Zweieinheit ins Werk gesetzt, ein göttlich-menschliches Erkenntniswerkzeug. Ferner spiegeln sich der Heilige Geist, die Natur und der Mensch ineinander, sind sie füreinander Gleichnisse. (Und Gleichnisse sind keine Erklärungen oder Erzählungen, sondern bedeuten tiefe Übereinstimmung und erweckende Erkenntnis.) In alldem versucht Böhme, eine überwältigende und alles Verstehen übersteigende Einheit zu beschreiben, in der das Große und das Kleine einander ansehen, erkennen und entsprechen, in der sie ein Leben sind. Zu dieser Erkenntnis und diesem Mitbewegen können wir erwachen. Wenn der oder das Ewige eins ist, ist er oder es schön. Muss dann das Gewebe der Welt nicht auch schön sein, und der Mensch in ihr?
Die Welt mit ihren Begebenheiten ist unsere Lehrerin. Sie reicht uns täglich die Gleichnisse des Allwesens als Anschauungsmaterial. Sie lässt uns auch sehen, wenn wir nicht in Harmonie mit ihm sind, was zugleich heißt, dass wir mit unserem eigenen tiefsten Wesen nicht übereinstimmen. Haben Sie es schon einmal erlebt, dass eine Ungeschicklichkeit, ein Unfall, eine Krankheit in Ihnen eine Klarheit hervorrief, eine innere Begegnung zwischen dem, was in Ihnen verwirklicht war und dem, was der wahre Mensch in Ihnen ist? Dass in der Erschütterung die Geistseele freiwurde, sich zu zeigen, für diesen einen erhellenden, vielleicht heilenden Augenblick? Lagen in diesem Augenblick Kraft und Schönheit, trotz allem?
Gott, Welt und Mensch sind ein Gewebe, ein Leben. Dennoch führen wir darin auch eine Art Schattenexistenz. Manchmal zeigt sich Schönheit und erheben sich unsere Seelen, um zum Ursprung zurückzukehren. Manchmal werden sie vor der wirklichen Einheit bange. Doch das Licht dessen, der sich zeigen will, überzeugt uns, immer wieder. Ist die Seele im Licht, dann ist alles von Licht erfüllt, auch die Materie.
Noch zum Weiterlesen:
- Keith Chritchley: Islamic Patterns. An Analytical and Cosmological Approach, Rochester 1999
- William H. Chittick: The Sufi Path of Knowledge. Ibn al-‚Arabi’s Metaphysics of Imagination, New York 1989
[1] Le Corbusier: Ausblick auf eine Architektur. Berlin – Frankfurt am Main – Wien 1963, S. 21
[2] Hier die vierte Strophe des Gedichtes.
[3] in: Das umgewandte Auge, in: Jakob Böhmes Schriften, Leipzig 1935, S. 298
[4] in: Aurora oder die Morgenröte im Aufgang, XXV, 22
