Schönheit – eine Offenbarung

Schönheit – eine Offenbarung

Wenn wir wahrer Schönheit begegnen, wird etwas von unserem inneren Adel sichtbar. Eine Sehnsucht erwacht in uns, dieser Schönheit und Vollkommenheit entgegenzuwachsen.

Ein mit glitzernden Eiskristallen besetzter Grashalm, ein mit Sternen übersäter Nachthimmel, ein blühender Apfelbaum vor dem hellblauen Frühlingshimmel, ein blutroter Sonnenuntergang – was ist es, das unser Herz mit staunender Bewunderung erfüllt angesichts solch großartiger Schönheit?

Es scheint etwas dem Menschen Eigenes zu sein, denn kein Tier wäre zu solcher Empfindung fähig. Während das Glück des Tieres vor allem davon abhängt, Nahrung zu finden und sich fortzupflanzen, scheint es im Menschen eine Instanz zu geben, die sich von Schönheit ernährt.

Mit dem Denken, das den Menschen ja über das Tier hinaushebt, hat diese Instanz sehr wenig zu tun. Vielmehr ist es etwas, das weit darüber hinaus geht, etwas Unmittelbares, fast Bestürzendes, das uns jäh in unserem innersten Wesen ergreift und uns mit etwas Hohem und Wahrhaftigen verbindet, das unserem sterblichen Wesen nicht eigen ist.

Alle großen Kunstwerke in Malerei, Bildhauerei, Literatur und Musik sind aus diesem Prinzip entstanden. Wenn wir uns in ein solches Werk vertiefen, ahnen wir etwas davon, was Vollkommenheit und Ewigkeit bedeuten. Es rührt eine Erinnerung in uns an, die diese Vollkommenheit kennt.  Etwas Heiliges trifft uns dann, das uns verstummen lässt.

Was ist dieses Etwas? Vielleicht das, von dem Plotin sagt:

Es gibt etwas im Menschen, das sich selbst im eigentlichen Sinne erkennt.

Es ist der geistige Teil der Seele, dem innewird, dass er ist und wer er ist.

Indem er das Seiende schaut, schaut er sich selbst in seiner ganzen Fülle.

Wenn wir der wahren Schönheit im Äußeren begegnen, wird uns plötzlich bewusst, wer wir im Innersten sind: ein Gott in Lumpen, ein Edelstein, im grauen groben Stein verborgen, der ausgegraben und geschliffen werden will.

Etwas von unserem inneren Adel wird sichtbar. Eine Sehnsucht erwacht in uns, dieser Schönheit und Vollkommenheit entgegenzuwachsen, wie eine Blume, die von Gestrüpp bedeckt war und nun das erste Mal die Macht des Lichtes erfährt, die sie emporzieht und sich entfalten lässt.

Schönheit ist sehr eng mit Liebe verbunden. Alles was ich mit den  Augen der Liebe betrachte, wird zu Schönheit. Der Mensch, den ich liebe, ist der schönste Mensch für mich auf der ganzen Welt. Je mehr ich von Liebe erfüllt bin, umso schöner wird die Welt um mich herum.

Je mehr ich den Edelstein aus dem Mantel des groben Stoffes löse und ihn beschleife, umso mehr leuchtet die Schönheit seines strahlenden Innenlebens nach außen.

Je mehr ich den Gott in mir von seinen Lumpen befreien kann, damit seine Liebe in mir bewusst werden kann, umso mehr erkenne ich die Herrlichkeit des Lebens.

Schönheit ist also nichts Objektives, sondern sie entsteht im Geist des Betrachters. Das, was der eine als schön empfindet, lässt den anderen völlig unberührt. Entscheidend ist, was der Betrachter mit dem Wahrgenommenen anfängt. Auf welche Resonanz in seinem Inneren trifft das äußere Bild? Hat er schon ein Bewusstsein für die geistige Welt entwickelt?

Schönheit ist die vollkommene Übereinstimmung des Sinnlichen mit dem Geistigen,

sagt der Dichter Franz Grillparzer.

Aber um diese Übereinstimmung wahrzunehmen, braucht es sowohl ein Sinnesorgan, das das Geistige erkennen kann, als auch die natürlichen Sinnesorgane, die wach genug sein müssen, um die Impulse im Äußeren aufzufangen. Ein Mensch, der nur in seinen Überlebenskampf verstrickt ist, wird wenig Sinn für das Wunderbare haben, das ihn umgibt. Je mehr wir von der geistigen Welt entdecken, umso mehr Schönheit werden wir im Äußeren finden.

Alles Irdische ist ein Gleichnis und wenn wir die Wirklichkeit hinter diesem Gleichnis erkennen, erschließt sich uns auch die Schönheit ihres Symbols.

Nur im Hier und Jetzt kann so etwas geschehen. Es ist ein absolutes Wachsein in diesem Augenblick nötig, um die aus der geistigen Welt einfallenden Lichtstrahlen im Gewirr des Alltags nicht zu verpassen. Die Schönheit, die wir in der Vergangenheit erlebt haben, verblasst mit jeder Erinnerung daran, die wir  aufrufen. Das Wunderbare, das wir von der Zukunft erwarten, ist nur erst eine Vorstellung davon und kommt nicht über das hinaus, was wir schon kennen. Aber im Hier und Jetzt ist das Leben, und es hat überall seinen Zauber verstreut, wir müssen ihn nur sehen.

Eine solche zeitlose Schönheit kann auch nicht mit Worten beschrieben werden. Wir können sie niemandem erzählen. Jedes Wort schnürt sie in ein Korsett, das ihr ihre Einzigartigkeit nimmt und ihr den Glanz raubt. Wenn wir es trotzdem versuchen, werden wir feststellen, dass wir nur ein fahles Abbild dessen weitergeben können, was sich in unserem Inneren als ein Wunder offenbart hat.  Zurück bleibt ein Gefühl von Enttäuschung und Verlust.

So ist es mit allen Dingen, die wir aus der geistigen Welt in der Welt des Stoffes manifestieren wollen. Sie sind nur für den jetzigen Augenblick erkennbar und wirksam. Jeder Versuch, dieses Glück festzuhalten, muss scheitern.

Rainer Maria Rilke beschreibt das wunderbar in einem seiner Gedichte:

Du musst das Leben nicht verstehen

dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen

so wie ein Kind im Weitergehen

von jedem Wehen

sich viele Blüten schenken lässt.

Die Art von Schönheit, von der hier die Rede ist, überwältigt uns, macht uns fassungslos und stumm. Wir können sie nicht begreifen, und es fehlt auch jeder Wunsch danach, sie zu erklären. Es genügt vollkommen, dieses Mysterium zu erleben. Wir fallen in das Wunder hinein und verschwinden darin.

Es ist ein Vorgeschmack der geistigen Welt, wo wir mit der Schönheit verschmelzen, wo unser Ich bedeutungslos wird, wo wir zeitlos, raumlos und grenzenlos ein Teil dieses Wunders sind.

Solche Momente rauben uns den Atem und erfüllen uns mit namenloser Freude. Sie sind Geschenke aus der Ewigkeit,  nur für uns und nur für diesen Augenblick.

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Datum: Februar 8, 2026
Autor: Maria Amrhein (Germany)
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