Zurück zum Ursprung der Schönheit?

Zurück zum Ursprung der Schönheit?

Was ist Schönheit? Gibt es eine objektive Definition? Welche Bedeutung hat der „Goldene Schnitt?“ Gibt es eine tiefere Dimension der Schönheit, die zu ihrem Ursprung führt?

Kann wahre Schönheit nur durch Verzicht auf ihren Besitz und auf die Anhaftung an das Schöne erlebbar werden?

Es war kalt und regnerisch. Die imposanten Tiroler Berge waren hinter einem Schleier tiefhängender Wolken verborgen, so, als ob sie nie dagewesen wären. Der Urlaub in den Bergen schien ins Wasser gefallen zu sein.

Wie schön, dass eine Exkursion mit bekannten Architekten auf dem Programm stand. Das Thema war: „Die moderne alpine Architektur.“

Wir trafen uns in einem kleinen Dorf in Vorarlberg und diskutierten über den Begriff der Schönheit in der Architektur. Die Meinungen darüber, was denn „schön“ sei, lagen weit auseinander, als ein Teilnehmer den „Goldenen Schnitt“ ansprach. Dieser war in früheren Zeiten untrennbar mit der Architektur verbunden und war bis weit zurück in die Antike das Grundmaß der Baukunst. Auch in der Städteplanung benutzte man Grundrisse, die von einem höheren Wissen zeugten, welches sich im Einklang mit der Seele befand.

Es wurde jedoch von anderen Teilnehmern eingewendet, dass man heute so nicht mehr bauen würde. Der Begriff der Schönheit sei ohnehin subjektiv.

Kaum ausgesprochen, erreichten wir den Dorfplatz, die Sonne trat für kurze Zeit aus den dicht geschlossenen Wolkenmassen hervor und beleuchtete die Szenerie. Wunderschöne historische Gebäude traditioneller alpiner Baukunst umsäumten eine Linden-Gruppe, mit einem Kirchlein in der Mitte. Der Platz war mit Natursteinen kunstvoll gepflastert.

Alle Teilnehmer waren zunächst sprachlos und äußerten sich dann einstimmig über das schöne harmonische Ensemble dieses Dorfplatzes, an dem alles am rechten Fleck und wohl proportioniert war. Die Sprache der Architektur hatte unmittelbar die Herzen berührt. Doch was war es genau, was zu diesem Stimmungswandel geführt hatte?

Die Gruppe öffnete sich jetzt spontan dem Wesen des einzigartigen Goldenen Schnittes und es entspann sich ein lebhaftes Gespräch. Der Goldene Schnitt kann als das Grundmaß der Heiligen Geometrie[i] bezeichnet werden: Er besteht aus harmonischen Proportionen, welche auch der „Architektur“ des Menschen und des „Mikrokosmos“, als Abbild des Kosmos, zu Grunde liegen.  Vielen wohl bekannt ist der vitruvianische Mensch, dargestellt in der berühmten Zeichnung von Leonardo da Vinci. Die von ihm ermittelten durchschnittlichen Proportionen des Menschen weichen nur geringfügig vom Goldenen Schnitt ab.

Der Goldene Schnitt ist die einzigartige Teilung, bei der das Verhältnis zwischen Ganzem und Teil erhalten bleibt. Das Ganze verhält sich zum größeren Teil wie dieser zum kleineren. Eine andere, früher verwendete Bezeichnung lautete: Göttliche Proportion. Mit ihr wollte man die Verbundenheit der Schöpfung – des Geteilten – mit ihrem göttlichen Ursprung – dem Ganzen – zum Ausdruck bringen.

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1: Leonardo da Vinci, Der Vitruvianische Mensch

Man stellte den Mensch auch in einem Pentagramm dar. Der Fünfstern weist ebenfalls die Geometrie des Goldenen Schnittes auf. Das heißt, der Mensch ist nach dem Maß göttlicher Proportionen geschaffen.

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2: Der Mensch im Pentagramm dargestellt. Nach Agrippa von Nettesheim (1486 – 1535).(Wikipedia gemein frei)

Dieses Maß findet sich im Großen in der Geometrie des Universums – zum Beispiel in der Gestalt von Galaxien – und im Kleinen in der Gestalt des Mineral-, des Pflanzen- und des Tierreiches wieder.

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Abb. 3: Die Blütenblätter von Rosen und anderen Pflanzen wachsen im goldenen Winkel (Foto: iStock, bearbeitet von Uwe Döpel)

Wo taucht der Goldene Schnitt in der Zivilisation der Menschheit auf?

Im Orient noch heute zu bestaunen – und früher in fast allen Kulturen vorhanden – ist die Synthese aus Handwerk und Kunst. Es gab keine Trennung zwischen den beiden. Und schaut man das Wort „Architektur“ an, so bedeutet es etymologisch: „Erste Kunst,“ bzw. „Ursprüngliche Kunst“. Der Begriff: „Kunsthandwerk“ zeugt bereits von einem Bruch im Verhältnis von Kunst und „normalem“ Handwerk; Gestalt und Funktion lösten sich voneinander, das Funktionale trat in den Vordergrund.

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Abb. 4: Ein klassisches Beispiel für den Goldenen Schnitt in der Architektur ist der Parthenontempel in Athen (Foto: iStock, bearbeitet von Uwe Döpel)

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Abb. 5: Marokkanische Arabesken. Perfekte Geometrie nach Goldenem Schnitt (Foto: Uwe Döpel)

Mit der industriellen Revolution im 18. Jh. kam es, beginnend in Europa und inzwischen sich weltweit ausdehnend, zu einer immer schnelleren Entfaltung des mentalen Bewusstseins und einem gleichzeitig zunehmenden Materialismus. Übertragen auf das Verhältnis von Körper, Gefühl und Verstand, hat sich tendenziell ein kopflastiger Mensch entwickelt, der vom logisch-rationalen Verstand geprägt ist und mehr und mehr die Verbindung mit seinem Herzen und der Gefühlswelt zu verlieren droht.

Die Stimme des Herzens, als Inbegriff von Schönheit und Liebe, wird von der Intelligenz des Verstandes immer öfter überhört; und dies drückt sich unter anderem auch in einer überwiegend funktional ausgerichteten Architektur aus. Sie ist dabei, die Verbindung zu Ihrem Ursprung in der „Göttlichen Kunst“ zu verlieren.

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Abb. 6: Funktionale moderne Architektur im Kontrast mit traditioneller Architektur (Fotos: Uwe Döpel )

Ist Schönheit nur eine Frage der Proportionen? – Gibt es noch andere, tiefere Aspekte und Dimensionen? Sind es jene Zustände, in denen das Bewusstsein der Einfachheit die ichbezogene Perspektive verlassen hat? Einfachheit hat kein Ziel, sie will nicht besitzen, ist selbstlos.

Sie kann sich auf eine geschaffene Form beziehen – oder auch nicht. Wenn wir das Schöne suchen und uns daran bereichern und das Hässliche meiden, verlieren wir einen wichtigen Aspekt wahrer Schönheit. In den Worten von Jiddu Krishnamurti[ii] ausgedrückt:

Wenn wir ohne Liebe sind, schaffen wir eine Zivilisation, in der die Schönheit der Form gesucht wird.

So kann die Sucht nach äußerer Schönheit eine Folge inneren Mangels sein. Andererseits kann Schönheit in der Außenwelt auch Ausdruck innerer Schönheit sein; sie ist jedoch immer eine Projektion der ursprünglich göttlichen Schönheit in die duale Außenwelt.

Was erleben wir denn als Realität?

Die Realität ist eine Wirkung unseres nach außen gestülpten Bewusstseins. Die Bausteine sind unsere Gedanken, unsere Gefühle und unser Wollen, die erst durch die Projektion nach Außen unsere Realität erschaffen, und dadurch erlebt und reflektiert werden können.

Wenn das Ich das Schöne besitzen will, so ist das wie ein roter Wirbel des Verlangens, der die Einheit mit dem innereigenen Urkern trübt und eine Dualität schafft: das „Hässliche“.

Brauchen wir nicht den Kontrast von Schönem und Hässlichem, von Licht und Schatten, um die Sehnsucht nach dem wahrhaft Schönen zu nähren? Wird das wahrhaft Schöne nicht erst durch das Hässliche erkennbar?

Es ist ein Unterschied, das Schöne nur wahrzunehmen und es nicht verschlingen zu wollen, es nicht wieder und wieder besitzen und erleben zu wollen. Wenn es gelingt – ohne Wollen, ohne Anstrengung – das Schöne nur zu betrachten, dann sind da auch kein Schmerz und keine Angst, es zu verlieren. Das Schöne hat dann seine Aufgabe erfüllt: Es hat den Betrachter zum stillen Staunen gebracht. Das Schöne im Außen spiegelt sich dann in der unbeschreiblichen Schönheit des Inneren; die Seele verschmilzt mit dem Schönen, es ist nicht mehr außen. Beobachter und Beobachtetes werden zu einer Einheit, erleben sich in ihrer Essenz als wesenseins. Die Seele verlässt die Trennung und fließt zurück in die Einheit. Da ist Heilung – da ist Liebe.

Wenn man den Sinn des Begehrens, des unerfüllbaren Verlangens, versteht, entfaltet sich eine unglaubliche Freude am Leben: Die Freude des „schönen Götterfunkens.“[1]

Diese Freude liegt jenseits des Denkens, sie ist eine Eigenschaft der wahren Liebe, sie ist nur im Jetzt, im Unmittelbaren wahrnehmbar.

Und wie formuliert es Krishnamurti (ebd.):

Sie können keine Liebe ohne Schönheit haben. Schönheit ist nicht etwas, das Sie sehen – ein schöner Baum, ein schönes Bild, ein schönes Bauwerk oder eine schöne Frau. Schönheit existiert nur, wenn Ihr Herz und Ihr Verstand wissen, was Liebe ist. Ohne Liebe und dieses Gefühl für Schönheit gibt es keine Tugend.“

Erinnere ich mich zurück an die Exkursion mit den Architekten und den Moment, als wir auf dem Dorfplatz alle im gemeinsamen Empfinden der Schönheit vereint waren, so scheint es doch zumindest für viele Menschen eine alles Individuelle und Subjektive vereinende Schnittmenge zu geben: den Goldenen Schnitt und die heilige Geometrie, als eine Signatur der göttlichen Schönheit, die uns wie ein Ariadnefaden aus dem Labyrinth der Dualität von Gut und Böse, von Schönheit und Disharmonie hinausleiten möchte zur wahren Schönheit des göttlichen Seins. Je mehr wir uns ihm zuwenden, umso mehr löst sich das Labyrinth auf.

Die Dualität hat den Sinn, dass der Mensch sein wahres Selbst erkennt: Es ist eins mit dem Wesen Gottes. Die Vergeblichkeit, in einer dualistischen Welt ungeteilte Schönheit und wahre Zufriedenheit zu finden, gehört zur essenziellen Selbsterkenntnis des Menschen.

So ließ Goethe Faust aussprechen:

Werd´ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!

Alles, was Faust erlebt hatte, vermochte ihn nicht wirklich glücklich zu machen. Er war zutiefst durchdrungen von der Erkenntnis der Vergänglichkeit der irdischen Schönheit. Von besonderer Bedeutung waren dabei die Tragik mit Gretchen und die Begegnung mit Helena, mit der er Glück und Schönheit vereinen wollte. Durch dieses Feuer der Läuterung wird Faust schließlich unempfänglich für äußere Sinnesreize – dargestellt durch seine Erblindung[iii] – und offen für die Schönheit des inneren Lichtes.

Goethe lässt Ihn aussprechen:

Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
allein im Innern leuchtet helles Licht
.“

 


[1] Zitat nach Friedrich Schiller.

[i] Vgl. Kükelhaus, H. (2001): Urzahl und Gebärde. Grundzüge eines kommenden Maßbewusstseins, Klett und Balmer Verlag Zug.

[ii] Krishnamurti, Jiddu (2021): Vollkommene Freiheit. 11. Auflage. Fischer Taschenbuch.

[iii] Johann Wolfgang Goethe, Faust. Der Tragödie Zweiter Teil. Reclam.

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Datum: Januar 29, 2026
Autor: Uwe Döpel (Germany)
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